Der Sonnenschirm des Terroristen von Iori Fujiwara

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1998 unter dem Titel Terorisuto no parasoru, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Cass.
Ort & Zeit der Handlung: Japan / Tokio, 1990 - 2009.

  • Tokio: Kodansha, 1998 unter dem Titel Terorisuto no parasoru. 359 Seiten.
  • Löhne: Cass, 2017. Übersetzt von Katja Busson. 359 Seiten.

'Der Sonnenschirm des Terroristen' ist erschienen als

In Kürze:

An einem sonnigen Samstagmorgen im Oktober geht in einem Park mitten in Tokyo eine Bombe hoch. Es gibt zahlreiche Tote und Verletzte. Die Polizei vermutet einen terroristischen Anschlag. Im Park genehmigt sich der abgehalfterte Barkeeper und schwere Alkoholiker Shimamura gerade den ersten Whiskey des Tages, wie immer bei schönem Wetter. Nach der Detonation geht Shimamura sofort auf die Suche nach einem kleinen Mädchen, das ihn wegen seiner zitternden Hände zuvor angesprochen hatte, und sorgt dafür, dass es ins Krankenhaus kommt. Der heroische Akt hat allerdings einen Preis: die Whiskeyflasche mit Shimamuras Fingerabdrücken bleibt im Park zurück. Shimamura, der wegen der mutmaßlichen Beteiligung an einem Bombenanschlag im Zusammenhang mit den Studentenunruhen der 60er Jahre auf den Fahndungslisten der Polizei steht, lebt unter falschem Namen im Untergrund. Nun wird er wieder gejagt, von der Polizei und von mysteriösen Hintermännern. Ihm bleibt nur die Flucht nach vorne: Er beschließt, der Explosion im Park selbst auf den Grund zu gehen. Dabei bekommt er von unerwarteter Seite Hilfe von einem Yakuza.

Das meint Krimi-Couch.de: Spät wiederentdecktes Meisterwerk 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Iori Fujiwara (1948 bis 2007) war passionierter Mahjong-Spieler und hatte (angeblich) Spielschulden bei der japanischen Mafia. Um diese bezahlen zu können, schrieb er seinen ersten und leider einzigen Krimi, der ihm 1995 den Edogawa-Ranpo-Krimipreis (japanische Wiedergabe von Edgar Allen Poe) und somit das erhoffte Preisgeld einbrachte.

So konnte sich der Autor finanziell sanieren, sein Roman geriet jedoch danach in Vergessenheit. Dem kleinen Cass-Verlag ist es zu verdanken, dass dieses Werk wiederentdeckt und mit deutlicher Verzögerung jetzt erstmals in deutscher Sprache erscheint.

Tokyo, 1993. Wie so oft begibt sich der Barbesitzer Shimamura in einen Park, um dort eine Flasche Whisky zu trinken. Shimamura ist Alkoholiker, er braucht den Stoff, um den Tag zu überstehen. Doch dieser Tag ist anders und reißt ihn aus seinem beschaulichen Leben, denn gegen Mittag explodiert in dem Park eine Bombe. Über fünfzig Tote und Verletzte werden letztlich zu beklagen sein.

Darunter auch ein kleines Mädchen, das sich wenige Minuten zuvor noch mit Shimamura unterhalten hat. Dieser begibt sich sofort auf die Suche und sorgt dafür, dass das nur leicht verletzte Mädchen in ein Krankenhaus kommt. Kaum ist dies geschafft, bemerkt er seinen Fehler. Da er dem Mädchen helfen wollte, hat er seine Whiskyflasche zurücklassen und damit auch seine Fingerabdrücke. Es ist also nur eine Frage der Zeit bis die Polizei herausfindet, dass diese zu Kikuchi gehören.

»Ich dachte nach. Meine Fingerabdrücke waren genau da, wo die Polizei suchen würde. Es würde nicht lange dauern, bis sie mich gefunden hätten. Zwei, drei Tage. Eine Woche. Mit Glück einen Monat vielleicht. Aber irgendwann würden sie mich finden. Viel Zeit blieb mir nicht. Genauso wenig wie meiner Leber bis zur Zirrhose.«

Rückblende. Die schweren Studentenunruhen der 1960er Jahre haben auch Japan tief getroffen. Unter den Demonstranten befinden sich Kikuchi, sein bester Freund Kuwano und die radikale Studentin Yuko. Irgendwann stellte sich jedoch heraus, dass die Proteste aussichtslos wurden. Yuko ging nach Amerika, Kikuchi und Kuwano tauchten unter, nachdem sie 1971 einen Polizisten durch eine Bombe getötet hatten. Seither lebt Kikuchi als Shimamura unerkannt in seiner Bar, und hat sich mit seinem neuen Leben arrangiert.

Jetzt ein neuer Bombenanschlag, seine Fingerabdrücke in der Nähe des Tatorts und damit nicht genug. Unter den Opfern befindet sich ein ranghoher Mitarbeiter des Polizeilichen Staatsschutzes. Zu seinem Entsetzen entdeckt Shimamura, dass auch zwei Personen getötet wurden, die er kannte: Kuwano und Yuko. Um seine Haut zu retten, versteckt sich Shimamura in der Obdachlosenszene und erhält Hilfe von unerwarteter Seite; von einem Yakuza namens Asai und von Toko, Yukos Tochter.

Ein spannender Krimi über Freundschaft und Fanatismus

Geschickt vermischt Iori Fujiwara die aktuellen Ereignisse mit den Geschehnissen, die über zwanzig Jahre zurückliegen. In langen Rückblenden wird nach und nach deutlich, was damals geschah. Die Studentenunruhen werden lebendig und auch der damalige Bombenanschlag erscheint plötzlich in ganz neuem Licht. Die mitwirkenden Figuren der Gegenwart haben zudem fast alle einen Bezug zu den Ereignissen von 1971.

»Was haben Sie vor? Wir tappen im Dunkeln&?«
»Tja, um die Wahrheit die Ehre zu geben: ich auch. Aber trotzdem, vielen Dank. Sie haben mir sehr geholfen.«
»Shimamura-san. Sprechen Sie zuerst mit uns, wenn Sie wieder auf der Bildfläche erscheinen?«
»Das habe ich fest vor. Ich bin Ihnen einiges schuldig. Ich bin nur nicht sicher, ob ich es noch mal lebend auf die Bildfläche schaffe.«

Die Figur des Protagonisten ist sympathisch, denn der Alkoholiker ist eben nicht nur ein Trinker, sondern auch ein Mensch mit klaren Wertvorstellungen und einem ebensolchem Verstand, was anlässlich seines permanenten Whisky-Konsums dann doch arg verwundert. Einst auf dem Weg zum Profiboxer, schlug sich Shimamura lange als Barkeeper durch, wurde dadurch erst richtig abhängig.

Jetzt ist er erneut auf der Flucht vor der Polizei, muss sein mühsam aufgebautes Leben zurücklassen und flüchtet in eine Notbehausung in der Obdachlosenszene. Hier trifft er auf Menschen, die trotz ihrer Notlage das Herz am rechten Fleck zu haben scheinen. Ganz im Gegenteil zu den Anzug- und Krawattenträgern, die für die Mafia arbeiten und mit Drogen dealen.

Shimamura gerät alsbald zwischen die Fronten und muss überlegen, wem er überhaupt trauen kann. Ein lesenswerter Krimi über Loyalität und Freundschaft, Liebe und Fanatismus, in dem die Polizei und die Yakuza (mit Ausnahme von Asai) nur am Rande vorkommen und dennoch ständig präsent sind.

Jörg Kijanski, Dezember 2017

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Falcon zu »Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen« 28.12.2017
Japanische Kirmis sind für die hiesige Leserschaft oft eine Herausforderung. Vielschichtig, komplex und komplizierte Namensgebung (mal Vor- mal Nachname, oder Spitzname). Das macht den Zugang zu diesen Werken schwierig.
Iori Fujiwaras „Der Sonnenschirm des Terroristen“ bildet hier jedoch eine löbliche Ausnahme. Zwar ist auch hier die Story vielschichtig, erzählt wird sie jedoch in einer flüssigen Sprache und relativ linear aus Sicht der Hauptperson Shimamura.
Dieser gerät in den Fokus der Polizei und weiteren Gruppierungen, als er versucht, der Täterschaft eines Bombenattentats, welches er hautnah miterlebt hat, auf die Schliche zu kommen.
Shimamura Suche konfrontiert ihn mit seiner eigenen Vergangenheit. Schicht für Schicht kommen Zusammenhänge zu früher ans Tageslicht und Shimamura gerät zwischen alle Fronten.
Iori Fujiwaras lehnt sich in seiner Sprache eher dem Westen an, im Aufbau und Konzeption bleit der „Der Sonnenschirm des Terroristen“ jedoch durch und durch ein japanisches Buch. Eine äusserst gelungener Krimi, hochspannend und lesenswert.
Äusserst bedauerlich, dass der Autor bereits verstorben ist. Es ist jedoch zu Hoffen, dass der Mut des Cass Verlag einen bei uns unbekannt Autor zu übersetzen, belohnt wird und weitere Bücher von Iori Fujiwaras auf Deutsch erscheinen.
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