Interview mit Yassin Musharbash

»Viele Menschen haben eben mehr als nur eine Heimat. Ich finde, das ist ein Geschenk.«

Der sympathische Mittdreißiger, der bereits ein Sachbuch über Al-Qaida verfasst hat, wagt sich mit seinem Debüt an ein Thema, das manch anderer nicht mit der Kneifzange anfassen würde: Terror in Deutschland – sehr real und nicht ganz ungefährlich.

Krimi-Couch: Guten Tag, Herr Musharbash. Soeben ist Ihr Politthriller Radikal bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Bevor wir Ihnen womöglich mit radikalen Fragen zu Ihrem neuen Roman zu Leibe rücken, stellen Sie sich doch bitte unseren Usern erst einmal vor.

Yassin Musharbash: In Berlin stationierter Halbniedersachse mit arabischen Wurzeln; 35 Jahre alt; Arabist, Journalist und Autor; Hobbytaucher (viel zu selten), Hobbykoch (viel zu schlecht), Hobbyfußballtorwart (viel zu kurz).

Krimi-Couch: Wie hätten Sie reagiert, wenn ich Sie mit »Herr Samson« angesprochen hätte?

Yassin Musharbash: Ich hätte gelacht – das wäre nämlich noch lustiger als die Panne im ORF, wo mein Buch in »Riskant« umgetauft wurde. Samson hätte auch gelacht, weil er ja eigentlich »Herr Sonntag« heißt, Samuel Sonntag, genau genommen. Andererseits hätte er vielleicht doch nicht gelacht, denn er ist etwas mürrischer als ich. Woran man uns vermutlich auch unterscheiden könnte.

»Natürlich ist das manchmal Wahnsinn.«

Krimi-Couch: Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren intensiv mit islamistischen Terrorismus, haben 2006 das Buch Die neue Al-Qaida geschrieben (ebenfalls bei KiWi erschienen) und veröffentlichen auf www.spiegel-online.de das Logbuch al-Qaida. Wie hält man diesen ganzen »Wahnsinn« eigentlich aus und wie nah sind Sie bei Ihren Recherchen an den Quellen dran? Ihr Protagonist Samson ist ja quasi direkt mit Al-Qaida vernetzt.

Yassin Musharbash: Samson ist besser und effektiver als ich. Aber einiges von dem, was er in Radikal treibt, kenne ich aus meinem Alltag. An Al-Qaida & Co. direkt kommt man freilich kaum heran. An das Umfeld hingegen durchaus. Natürlich ist das manchmal Wahnsinn, eine Welt für sich, mit ganz anderen Regeln und Bezugspunkten. Aber ich finde es wichtig, dass wir nachvollziehen, woher die Radikalität kommt, welche Gedankengänge da wirksam werden, an welchem Punkt jemand womöglich bereit ist, zur Tat zu schreiten. Das ist auch ein zentrales Thema in Radikal, und nicht nur mit Blick auf Dschihadisten. Außerdem bin ich im Hauptberuf Journalist – da ist es unabdingbar, sich eine eigene Meinung bilden zu können, damit man unabhängig bleibt. Dazu gehört es dann eben, ziemlich viel Zeit in radikalen Internet-Foren zu verbringen, Al-Qaidas Literatur zu lesen oder Informanten zu treffen. Damit man so nahe herankommt, wie es geht und vertretbar ist.

Krimi-Couch: In Radikal ist der sympathische Politiker Lutfi Latif der tragische Held. Al-Qaida und seine Anhänger bedrohen ihn, weil er durch seinen Einsatz zur Integration von Muslimen in Deutschland angeblich deren religiöse Grundwerte verrät, auf der anderen Seite gibt es islamophobe Deutsche die ihn verabscheuen, weil sie in seinen Integrationsplänen den Untergang des Abendlandes sehen. Wie schätzen Sie das Gefährdungspotential für Deutschland durch Al-Qaida und durch »politische Salons« ein?

» …schließlich tötet Al-Qaida wesentlich mehr Muslime als Nicht-Muslime.«

Yassin Musharbash: Al-Qaida & Co. werden auch weiterhin Anschläge planen und durchzuführen versuchen – und damit meine ich nicht nur Ziele im Westen, schließlich tötet Al-Qaida wesentlich mehr Muslime als Nicht-Muslime. Was islamophobe Aktivisten angeht, so fürchte ich, dass die Radikalisierung in diesem Lager jetzt wirklich begonnen hat. An den Rändern stellen die ersten bereits die Gewaltfrage, das ist bedenklich.

Krimi-Couch: Wer sich – wie Sie – ständig mit Terrorismus beschäftigt und noch dazu regelmäßig hierüber schreibt, müsste doch eigentlich selber ins Visier der angesprochenen Kreise geraten. Wie sicher fühlen Sie sich?

Yassin Musharbash: Natürlich kriege ich auch mal hässliche Post. Aber ich glaube nicht, dass ich ein sinnvolles Ziel wäre. Diese Leute erwarten von mir als Journalist gar nichts anderes. Es ist allerdings etwas ganz anderes, wenn Sie zum Beispiel in Pakistan zu diesem Thema recherchieren und publizieren. Ich habe größten Respekt vor Kolleginnen und Kollegen, die das auf sich nehmen; sie arbeiten – buchstäblich – unter Einsatz ihres Lebens. Damit verglichen habe ich es hier sehr bequem und sicher.

Krimi-Couch: Ein wichtiges Thema in Radikal ist die Vorgeschichte der Ereignisse jenes berühmt-berüchtigten 11. September. Wo und wie haben Sie die Anschläge damals erlebt?

Yassin Musharbash: Ich war mit meiner damaligen Freundin und jetzigen Frau (es handelt sich um dieselbe Person) in Griechenland im Urlaub. Wir kamen an einem Straßencafé vorbei, wo CNN lief und die einstürzenden Türme zu sehen waren. »Das waren die Palästinenser«, sagte jemand. Ich weiß noch, dass ich gedacht habe: Bitte nicht, denn dann liegt morgen Ramallah in Schutt und Asche. Ich hatte bis wenige Monate zuvor nahe Ramallah studiert und habe dort viele Freunde.

»Ich kenne Leute, die damals in Afghanistan waren und sich wegen 9/11 von Osama Bin Laden losgesagt haben.«

Krimi-Couch: Aktuell sind ja einige »Sachbücher« zu dem Thema erschienen, die zu Verschwörungstheorien neigen, nach dem Motto »Nine-Eleven ohne CIA undenkbar«. Wie beurteilen Sie die Ereignisse aus heutiger Sicht?

Yassin Musharbash: Kein Verbrechen dieser Größenordnung wird jemals vollständig aufgeklärt, da brauchen Sie nur mal einen beliebigen Terrorprozess verfolgen. Es ist überhaupt nicht verwerflich, wenn jemand solchen offenen Fragen nachgeht. Aber es steht außer Zweifel, dass al-Qaida für 9/11 verantwortlich war, und dass weder der Mossad noch die CIA beteiligt waren. Ich kenne Leute, die damals in Afghanistan waren und sich wegen 9/11 von Osama Bin Laden losgesagt haben.

Krimi-Couch: In Radikal geht es neben dem Thriller-Plot auch um die ebenso aktuelle wie schwierige Frage der Integration von Muslimen in Deutschland. Einerseits möchte man sich ein wenig anpassen, um nicht ständig diskriminiert zu werden, andererseits seine Herkunft nicht verleugnen, um – beispielsweise – die Erwartung der Eltern in der Heimat nicht zu enttäuschen. Sumaya al-Shami bezweifelt wiederholt, dass es ein »Verständnis« zwischen den Kulturen überhaupt geben kann. Wie schafft man diesen fast unmöglich erscheinenden Spagat?

Yassin Musharbash: Ich glaube am ehesten, indem man selbst und andere akzeptieren, dass ein Mensch mehrere Identitäten haben kann, und dass das Verhältnis zwischen ihnen nicht statisch ist, sondern ständig in Bewegung. Mal fühle ich mich eher deutsch, mal eher arabisch, mal beides, mal keins von beiden. So ist es nun einmal, und das ist auch in Ordnung so.

»Ich jubel beim Fußball auch für Deutschland, für wen denn sonst?«

Krimi-Couch: Wie gefällt es Ihnen eigentlich in Deutschland? Inwieweit können Sie die (»Verständnis«-)Probleme von Sumaya und vor allem auch von Fadi nachvollziehen?

Yassin Musharbash: Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, ich liebe die Ostsee und tausend andere Dinge hier, ich habe hier Familie, natürlich ist Deutschland meine Heimat. Ich jubel beim Fußball auch für Deutschland, für wen denn sonst? (Jedenfalls so lange Deutschland nicht gegen Jordanien spielt, das wäre dann etwas anderes.) Trotzdem verstehe ich, was Sumaya und Fadi manchmal umtreibt: Für jeden Menschen mit Migrationshintergrund gibt es ein ungelebtes Leben in der »alten« oder der »anderen« Heimat. Das kann ein Segen sein, wenn man zum Beispiel einem Bürgerkrieg entkommen ist. Das kann aber auch schmerzhaft sein, weil man sich ständig ausmalt: Was wäre aus mir geworden, wenn … Viele Menschen haben eben mehr als nur eine Heimat. Ich finde, das ist ein Geschenk. Ich verstehe aber, dass es nicht allen gleich leicht fällt, damit ihren Frieden zu machen.

Krimi-Couch: Die Sensationsgier der Medien spielt ebenfalls eine nicht unwichtige Rolle in Ihrem Roman. War der »Globus« ein beabsichtigter Seitenhieb des Spiegel-Redakteurs auf die ähnlich klingende reale Konkurrenz?

Yassin Musharbash: Nein. Weder auf die Konkurrenz im Allgemeinen, noch auf ein bestimmtes Medium im Besonderen. Wohl aber auf schlampigen und faulen Journalismus. So etwas hat nämlich Folgen. Medien beeinflussen die öffentliche Wahrnehmung massiv – deshalb müssen Journalisten verantwortungsbewusst sein.

Yassin Musharbash

Yassin Musharbash wurde 1975 als Sohn eines jordanischstämmigen Vaters und einer deutschen Mutter geboren und wuchs in Bad Iburg in der Nähe von Osnabrück auf. Ab Februar 2004 volontierte er im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE, seit März 2005 ist er dort Redakteur. Yassin Musharbash lebt in Berlin und hat zwei Töchter.

Krimi-Couch: Radikaler Themenwechsel: Bulgur oder Couscous?

Yassin Musharbash: Couscous, ganz klar. Am liebsten mit Lamm und Gemüse.

Krimi-Couch: Zum Abschluss die obligatorische Frage, mit welchen Büchern wir in Zukunft von Ihnen rechnen dürfen. Bleiben Sie dem Thriller-Genre treu oder geht es eher zurück in Richtung Sachbuch?

Yassin Musharbash: Ich habe Ideen für beides, aber das Thriller-Schreiben macht mehr Spaß. Insofern …

Krimi-Couch: Herr Musharbash, wir danken Ihnen sehr für das Gespräch.

Das Interview führte Jörg Kijanski im September 2011.

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