Interview mit Volker Kutscher

»Eine Gesellschaft spiegelt sich auch immer in ihrer Kriminalität!«

Für Die Akte Vaterland wird Volker Kutscher in diesem Jahr mit dem Krimi-Blitz ausgezeichnet. Was ihm diese Auszeichnung bedeutet, welche Filme und Serien ihn auf die Idee brachten, »die Mythen des klassischen amerikanischen Gangsterfilms und Kriminalromans mit den Mythen des Vorkriegsberlins zu verbinden« und damit eine aufsehenerregende eigene Krimiserie ins Leben zu rufen – all das und einiges mehr erzählt Volker Kutscher im Interview mit Matthias Kühn.

Krimi-Couch: Volker Kutscher, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zum Krimi-Blitz 2012. Die Akte Vaterland gilt bei den Usern der Krimi-Couch als bester Krimi des letzten Jahres. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Volker Kutscher: Danke. Ich habe mich sehr über den Krimi-Blitz gefreut, zumal ich vor ein paar Jahren mit Der nasse Fisch nur unter ferner liefen ins Ziel gekommen bin. Der Preis bedeutet mir auch deshalb so viel, weil er ein Publikumspreis ist, ich ihn also den Menschen zu verdanken habe, die mich lesen und für die ich schreibe. Und da sie die Krimi-Couch besuchen, dürften es auch Menschen sein, für die Lesen ein wichtiger Teil ihres Lebens ist, jedenfalls so wichtig, dass sie sich mit anderen darüber austauschen.

Krimi-Couch: Die Akte Vaterland und eigentlich die ganze Serie um Kommissar Gereon Rath besticht durch eine Vielschichtigkeit, die in Krimis eher selten geworden ist. Hatten Sie nicht die Befürchtung, dass sich damit keine große Leserschaft erreichen lassen kann?

»Es geht nicht nur darum, einen Kriminalfall zu lösen – die Spannung liegt genauso in den Nebenhandlungen.«

Volker Kutscher: Diese Frage stelle ich mir so eigentlich nicht. Natürlich schreibe ich für Leser und Leserinnen und nicht aus dem Elfenbeinturm heraus nur für die Schublade, und ich freue mich auch, dass ich viele damit begeistern kann, dennoch glaube ich, dass man einen Bestseller nicht planen kann. Sonst würde das ja jeder Verlag und jeder Autor machen. Nein, ich schreibe so, wie ich meine, dass die Rath-Romane geschrieben werden müssen, und die Neben- und Nicht-Krimi-Plots in meinen Büchern sind mir nun einmal wichtig. Es gibt Leser, die genau das kritisieren, aber das muss ich hinnehmen. Es geht darum, in die Welt von Gereon Rath einzutauchen, nicht nur darum, einen Kriminalfall zu lösen. Und die Spannung liegt ja nicht nur im Krimiplot, die liegt genauso in den Nebenhandlungen, in den Entwicklungen der Figuren und im großen Ganzen.

Krimi-Couch: Es ist eine untergegangene Welt, die Sie beschreiben. Was gab den Ausschlag dafür, ausgerechnet Berlin ab dem Ende der Zwanzigerjahre zum Schauplatz zu machen? Sie sagten einmal, Ihre Berlinliebe habe mit Pünktchen und Anton begonnen. Um bei Kästner zu bleiben: Wie viel »Fabian« ist in Ihren Rath-Romanen enthalten?

Volker Kutscher: Schwer zu sagen, vielleicht mehr Kästner als Fabian. Ich mag Kästners Sprache, die eine angelsächsische Leichtigkeit in die deutsche Literatur gebracht hat. Wenn sich davon auch ein bisschen in den Rath-Romanen wiederfindet, würde mich das freuen. Eine Kästner-Parallele allerdings habe ich sogar bewusst gewählt, weil es mir um genau diese Generation geht, diese von der Geschichte betrogene Generation, die zwei Kriege erleben musste: Gereon Rath ist im selben Jahr geboren wie Erich Kästner, nämlich 1899.

Krimi-Couch: Sie selbst stammen aus dem Bergischen Land und leben in Köln – wie viel katholischer Rheinpreuße steckt in Ihnen selbst?

Volker Kutscher: Nicht ganz so viel wie in Gereon Rath, der ja nun aus einem sehr katholischen Elternhaus kommt und diesem in einer Art Hassliebe verbunden ist. Aber auch ich bin rheinisch-katholisch sozialisiert, und das trägt man sein ganzes Leben mit sich herum, selbst wenn man irgendwann gar nicht mehr an Gott glaubt – ähnlich übrigens, wie Abe Goldstein (im dritten Rath-Roman) sein Judentum mit sich herumträgt, obwohl er eigentlich längst damit gebrochen hat.

Krimi-Couch: Hatte die Entscheidung für Berlin auch damit zu tun, dass dies damals die deutsche Stadt war, die am stärksten dem Einfluss der USA unterlag? Und hat es vielleicht auch mit Autoren wie Hammett, Chandler oder Macdonald zu tun, die immer die These vertraten, dass Hochkultur und Kriminalität Hand in Hand gehen – vor allem in Metropolen?

Volker Kutscher: Das hat tatsächlich sehr viel damit zu tun, die Mythen des klassischen amerikanischen Gangsterfilms und Kriminalromans mit dem Mythos des Vorkriegsberlins zu verbinden, also wenn Sie so wollen, die Welt von Chandler und Hammett mit der von Kästner und Döblin zu verschmelzen. Die Initialzündung ist eigentlich zwei Filmen zu verdanken: Ich hatte irgendwann um die Jahreswende 2002/2003 gerade »Road to Perdition« gesehen, einen amerikanischem Gangsterfilm, der im Jahr 1931 spielt, als ich mir den Fritz-Lang-Film »M« von 1931 auf DVD anschaute – der Gedanke, diese beiden Welten in einem Kriminalroman aufeinandertreffen zu lassen, war geboren. Dass daraus eine Serie wurde, das hat sich nach und nach erst entwickelt, als ich entdeckte, wie viele Motive und Ideen dieses Setting hergab und wie interessant es sein würde, über das Jahr 1933 hinauszugehen und den Wandel der Gesellschaft mitzuerleben. Denn natürlich ist es so, dass eine Gesellschaft sich auch immer in ihrer Kriminalität spiegelt.

Krimi-Couch: Die umfassende historische Genauigkeit, die man auch auf der Homepage gereonrath.de sehen kann, ist das Ergebnis einer enormen Recherchearbeit. Sie sagen zwar, dass die Romane ganz bewusst keine Geschichtsbücher sein sollen. Trotzdem: Sehen Sie Ihre Romane auch als Dokumentationen?

Volker Kutscher: Jein. Natürlich kann man in den Romanen hier und da Details erfahren, wie teuer eine Fahrt auf der AVUS war, was ein Paar Schuhe kostete oder eine Tasse Kaffee im Restaurant, und man wirft auch einen Blick in den damaligen Alltag. Wer mehr wissen möchte, sollte aber zu Sachbüchern greifen. Ich biete auch kein Glossar an, das bestimmte Dinge erklärt, die Leser müssen selbst entdecken, wenn sie es denn überhaupt wollen, was fiktiv ist und was Fakt. Für die Wissbegierigen liste ich auf der Rath-Website die Bücher, Museen, Filme, Websites etc. auf, die mir selbst weitergeholfen haben, und freue mich über jeden, der davon Gebrauch macht und bei dem ich das Interesse für diese historische Epoche oder wenigstens an einigen der historischen Figuren wecken konnte.

Krimi-Couch: Wenn Sie schreiben, sind Sie sicher tief versunken im Berlin jener Zeit, haben Sie manchmal Schwierigkeiten, aus dieser Welt wieder in den realen Alltag zu gelangen?

Volker Kutscher: Das hatte ich auch schon, als ich Gegenwartskrimis geschrieben habe. Wenn ich in meiner Phantasiewelt bin, brauche ich meist einige Zeit, um da wieder rauszukommen. Da braucht man eine verständnisvolle Familie, die das erträgt. So ein zerstreuter Professor am Essenstisch, das kann ja manchmal auch ganz lustig sein, fragen Sie meine Frau. Es ist aber noch nicht passiert, dass ich am Alex nach dem Polizeipräsidium gesucht habe oder bei Aschinger ein Bier trinken wollte.

Krimi-Couch: Stehen beim Aufbau der Spannung historische Personen oder Abläufe manchmal auch im Weg? Engt Geschichte ein?

»Bei mir steht immer die fiktive Geschichte im Vordergrund, nicht die historische.«

Volker Kutscher: Davon darf man sich nicht zu sehr einengen lassen, sonst besteht diese Gefahr in der Tat. Vor allem, wenn man den Anspruch hat, ein als Roman verkleidetes Geschichtsbuch zu schreiben, aber genau diesen Anspruch habe ich eben nicht: Bei mir steht immer die fiktive Geschichte im Vordergrund, nicht die historische. Ich achte darauf, dass ich die historischen Eckdaten nicht verbiegen muss und das Zeitgefühl treffe, dass die fiktive Geschichte in dieser Zeit so hätte stattfinden können, aber Vorfahrt haben immer Raths fiktive Erlebnisse. In meinen Romanen finden Sie echte Berliner Kneipen wie das Nasse Dreieck, Haus Vaterland oder die Aschinger-Kette und ausgedachte wie den Venuskeller, Sie finden originale Zeitungsartikel neben von mir erfundenen, historische Figuren neben fiktiven.

Krimi-Couch: Die Akte Vaterland spielt zu einem guten Teil weit weg vom pulsierenden Leben Berlins. Empfanden Sie das als Risiko für die Erzählung – oder sogar als Chance, dem Verlauf eine neue Wendung zu geben?

Volker Kutscher: Ich hatte, zugegeben, tatsächlich ein bisschen Angst, dass es mir die Rath-Fans übelnehmen würden, wenn ich Berlin für weite Strecken verlasse und mit Rath durch Masuren stolpere. Gott sei Dank war das Gegenteil der Fall. Der Kontrast Stadt und Land ist ja immer interessant, und der war damals noch weitaus größer als heute – und Ostpreußen wahrscheinlich eine der reizvollsten, jedenfalls aber exotischsten deutschen Provinzen. Vor allem für einen Rheinländer.

Krimi-Couch: Mir imponiert, wie Sie historische Personen in den Fluss der Entwicklung einbauen, in Die Akte Vaterland beispielsweise Bayume Mohamed Husen. Werden wir ihm wieder begegnen?

Volker Kutscher: Ja. Ich weiß noch nicht genau, in welchem Zusammenhang und wann, aber er wird wiederkommen.

Krimi-Couch: Sie benutzen oft auch das Vokabular der Zeit: Backfisch, großjährig, Drahtesel, Neger. Was sind Ihre Hauptquellen dafür?

Volker Kutscher: Hauptsächlich die Literatur der damaligen Zeit, die Romane der Neuen Sachlichkeit, aber auch zeitgenössische Zeitungsartikel oder Filme wie »Menschen am Sonntag« oder – und da sind wir wieder bei Kästner – Emil und die Detektive. Was den Alltag der damaligen Zeit angeht, war auch meine Großmutter – Jahrgang 1914 – eine unerschöpfliche Quelle. Leider ist sie vor kurzem gestorben.

Krimi-Couch: Wussten Sie schon mit dem ersten Satz des ersten Buches, dass Sie eine Serie starteten?

Volker Kutscher: Ja. Ich wusste da schon, dass ich Gereon Rath den tragischen und radikalen Wandel miterleben lassen wollte, den Deutschland vor und nach dem Jahr 1933 durchmachte und der schließlich die ganze Welt in die Katastrophe stürzen sollte. Einige Verlage hat aber, so fürchte ich, gerade diese Serienkonzeption abgeschreckt. Kiepenheuer und Witsch glücklicherweise nicht.

Krimi-Couch: Die Qualitäts-Fernsehserie gilt momentan als eine der bedeutendsten Kunstformen. Ihre Rath-Romane sind ja nun ebenfalls eine Serie. Inwiefern also wurden Sie von amerikanischen Fernsehserien beeinflusst?

»Die Sopranos haben mich mutiger gemacht, offene Fäden erst später wieder aufzugreifen.«

Volker Kutscher: Die »Sopranos« waren für mich eine Art Erweckungserlebnis. Diese Serie brachte eine ganz neue Art, Geschichten zu erzählen, einen Ausbruch aus den herkömmlichen, tausendmal durchgekauten Dramaturgiemustern, derer sich Hollywood normalerweise bedient oder der herkömmliche deutsche Fernsehkrimi. Und das auf einem Niveau, auf dem kein Spielfilm mithalten kann. Ich weiß nicht genau, wie sehr dies mein Schreiben beeinflusst, und ich will Rath schon gar nicht mit den »Sopranos« vergleichen, die Messlatte ist viel zu hoch. Was ich aber sagen kann: Das Sopranos-Erlebnis hat mich in jedem Fall mutiger gemacht, am Ende eines Romans nicht jeden Faden zu Ende spinnen zu müssen. Ich erlaube mir den Luxus, einige dieser offenen Fäden erst ein oder zwei Romane später wieder aufzugreifen – oder eben auch gar nicht, wie es die denkwürdige Sopranos-Folge »Pine Barrens« vorgemacht hat.

Krimi-Couch: »Pine Barrens« spielt, wie Raths Masurenausflug, ja auch fernab der eigentlichen Handlung, nämlich in den Wäldern – selbst Tony Soprano ist darin nur eine Nebenfigur, was den gerade angesprochenen Mut unterstreicht. Welche Serie halten Sie für die beste oder wichtigste?

Volker Kutscher: Die wichtigste (jedenfalls für mich): »The Sopranos«. Die beste? Schwer zu sagen. »The Wire« oder »Breaking Bad« vielleicht, die sind tierisch gut erzählt. Und »Boardwalk Empire« wird von Staffel zu Staffel besser, mal schauen, was da noch kommt.

Es gibt aber auch eine ambitionierte deutsche Fernsehserie, die ich hier nicht vergessen möchte: »KDD«, Kriminaldauerdienst, die war genial. Wurde vom ZDF leider nach drei Staffeln eingestellt. Ich hoffe, dass solche Projekte irgendwann einmal mehr Chancen im deutschen Fernsehen haben werden.

Krimi-Couch: Für »The Wire«, auch eine meiner Lieblingsserien, schrieben einige der besten amerikanischen Krimiautoren – Pelecanos, Lehane, Price. Warum passiert so etwas bei uns nicht? Und: Könnten Sie sich vorstellen, an einer solchen Serie mitzuarbeiten?

Volker Kutscher: Warum so etwas bei uns nicht passiert, das dürfen Sie mich nicht fragen, da bin ich der falsche Ansprechpartner. Aber man muss die Vorsicht der deutschen Film- und Fernsehproduzenten auch ein wenig verstehen: Gute Krimiautoren sind nicht immer automatisch auch gute Drehbuchautoren, man denke nur an die wenig erfreulichen Erlebnisse Billy Wilders mit Raymond Chandler. Um Ihre zweite Frage zu beantworten: Ja, ich könnte mir vorstellen, an einer ambitionierten Fernsehserie mitzuarbeiten, schon deshalb, weil ich mir eine Serie auf Sopranos-Niveau fürs deutsche Fernsehen wünschen würde. Am liebsten wäre mir allerdings, ein Team guter Autoren würde aus dem Gereon-Rath-Stoff eine solche Serie machen, und ich könnte diesen Kollegen beratend zur Seite stehen, mich ansonsten aber weiterhin meinen Romanen widmen.

Krimi-Couch: Sie planen, Ihre Serie bis ins Jahr 1936 und also zu den Olympischen Spielen in Berlin zu bringen. Dass der nächste Band teilweise in Köln zur Karnevalszeit spielt, haben Sie bereits anderswo verraten. Auch, dass Gereon Rath es mit SA-Hilfspolizisten zu tun bekommt. Aber bei Ihrer behutsamen Erzählweise können da noch etliche Bände kommen. Können Sie den Umfang bereits absehen?

Volker Kutscher: Ich denke, es dürften insgesamt so acht bis neun Bände werden. Aber ich möchte mich da auch nicht festlegen.

Krimi-Couch: Und wissen Sie schon, welches Finale Ihre Serie nehmen wird?

Volker Kutscher: Wie bei Harry Potter, alles schon eingetütet und eingeschlossen im Tresor? Nein. Ich weiß nur, wie es mit der deutschen Geschichte weitergeht, aber wie Gereon Rath sich weiter darin bewegen wird, das liegt noch weitgehend im Dunkeln. Da lasse ich mich lieber von Roman zu Roman überraschen.

Das Interview führte Matthias Kühn per E-Mail im Mai 2013.

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