Interview mit Stefán Máni

Stefán Máni. Foto (c) Atli Thor Alfredsson
Foto © Atli Thor Alfredsson

Drei Tage war der isländische Autor Stefán Máni zu einer Lese-Reise in Berlin. In seiner Heimat hat er schon einige Literatur-Preise bekommen, jetzt publiziert er auch in Deutschland. Zu haben sind Mánis Werke bei Amazon, in der Edition M.

Für Krimi-Couch Chefredakteur Andreas Kurth ein Anlass, das erste übersetzte Werk von Máni zu lesen und zu bewerten. Und den Autor in einem Interview nach seinem Leben und seiner Arbeitsweise zu fragen. Stefán Máni freut sich auf seine deutschen Leser, und will hier bald mehr seiner Werke veröffentlichen.

Krimi-Couch: Stefán Máni, als junger Mann hast Du die Welt auf der Suche nach guten Rock-Konzerten bereist. Wo hat Dich die Reise überall hingeführt und welche Musik hat Dir am meisten gefallen?

Stefán Máni: Ich war hauptsächlich in England und den USA. Am liebsten höre ich Hard Rock und Heavy Metal. Unter anderem habe ich Konzerte von Nirvana und Alice in chains besucht und ein Bier mit Laney Staley getrunken – eine meiner schönsten Erinnerungen. Zu dieser Zeit habe ich in der Fischindustrie meiner Heimatstadt Ólafsvík im Westen Islands gearbeitet und mein Geld gespart, um zwischendurch reisen zu können. Die Schule habe ich früh abgebrochen und diesen halbherzigen Rockstar-Lifestyle gelebt – natürlich ohne ein Rockstar zu sein! Irgendwann ging die Fischindustrie dann pleite und alle Mitarbeiter haben ihre Jobs verloren – kein Geld hieß keine Reisen mehr, und plötzlich waren meine Zukunftsaussichten weg.

Um mich irgendwie zu beschäftigen, habe ich angefangen, Gedichte und Kurzgeschichten zu schreiben. Es hat mir wieder Lebensmut gegeben, als ich herausgefunden habe, dass mir das Schreiben gut liegt. Vielleicht sollte ich Schriftsteller werden! Zwei Jahre später bin ich nach Reykjavík gefahren und hatte das Manuskript meines ersten Buches auf dem Beifahrersitz dabei. Da war die Entscheidung dann gefallen.

Krimi-Couch: Später hast Du dann in vielen verschiedenen Bereichen gearbeitet. Wie verarbeitest Du diese Erfahrungen heute in Deinen Romanen?

Stefán Máni: All diese Erfahrungen waren sehr wertvoll für mich. Dazu gehören die Dinge, die ich über Menschen gelernt habe, die Geschichten, die sie mir erzählt haben oder die ich selbst erleben durfte. Ich bin eher ein Macher statt ein Denker – oder ist es umgekehrt? Vielleicht (lacht).

Als ich in die Stadt gezogen bin, um Schriftsteller zu werden, kam der Erfolg nicht über Nacht. Ehrlich gesagt, war ich weit davon entfernt. Ich habe mein erstes Buch selbst veröffentlicht und in Bars und Cafés verkauft, das Geld in Bier gesteckt und bin normalerweise verkatert aufgewacht.

Lesung mit Stefán Máni

Zur selben Zeit habe ich die Werke von Charles Bukowski gelesen. Schlechte Idee! Ich habe einfach weitergeschrieben und versucht, einen Verlag für meine Bücher zu finden. Lange Rede, kurzer Sinn, ich habe merkwürdige Jobs angenommen und Erfahrungen gesammelt, in dem ich neue Leute und das Leben in der Stadt kennen gelernt habe.

Nach einigen veröffentlichten Romanen hatte ich endlich einen Bestseller – einen Thriller mit dem Titel »Svartur á leik«, bzw. »Black’s Game« im Englischen. Dieses Buch wurde anschließend auch sehr erfolgreich verfilmt. Von da an konnte ich mich ganz aufs Schreiben konzentrieren, auch wenn ich nebenbei immer noch merkwürdige Jobs hatte …

Krimi-Couch: »Der Stier und das Mädchen« erfordert die ganze Aufmerksamkeit des Lesers, weil er selbst herausfinden muss, wie der Zeitablauf der Geschichte ist. Wie bist Du auf die Idee gekommen, die Geschichte auf diese Weise abzubilden?

Stefán Máni: Ich kann mich, ehrlich gesagt, nicht erinnern. Das ist so etwas, das im kreativen Prozess passiert. Ich habe einfach verschiedene Handlungsstränge geschrieben und dann versucht, sie miteinander zu verbinden – und das Wunder geschah! (lacht)

Ich finde es faszinierend über die Zeit nachzudenken und darüber zu schreiben – die Illusion von Zeit, ihre Relation zu Geschehnissen und die verrückte Weise, in der wir sie völlig unterschiedlich empfinden können. Eine Geschichte zu schreiben ist die eine Sache, einen ganzen Roman zu verfassen, eine ganz andere. Es ist eine ganz andere Kunst. Wenn man beides kann, eine Geschichte schreiben und sie strukturieren, ist man am Ziel. Aber Struktur ist der Schlüssel.

Krimi-Couch: Dein neuer Thriller handelt von den Lebensumständen auf einer einsamen Farm und in der Drogenszene der großen Stadt. Man könnte den Roman als Isländischen Noir bezeichnen. Würdest Du dem zustimmen – oder das Buch ganz anders charakterisieren?

Stefán Máni: Nein, das klingt gut. Gefällt mir. Es ist ein wirklich düsteres Buch. Man könnte es als Thriller bezeichnen oder als Kriminalroman oder sogar als Drama. Aber Noir ist wohl das richtige Wort.

Es ist ein düsterer und dramatischer Thriller mit kriminalistischen Elementen – und einer Leidensgeschichte. Wie die Leidensgeschichte Christi. Aber anstelle des unsterblichen Christus haben wir eine sterbliche junge Frau, die durch die Hölle geht. Aber vielleicht ist sie wegen ihrer Rolle als Protagonistin ja auch gar nicht sterblich? Das hoffe ich wenigstens. Ich liebe sie richtig, fühle mit ihr.

Krimi-Couch: Du wurdest bereits dreimal mit dem Isländischen Krimi-Preis »Drop of Blood« ausgezeichnet. Wie wichtig sind Dir solche Preise?

Stefán Máni: Es ist schon schön, sich für seine Bücher auf die Schulter klopfen zu lassen, aber wirklich wichtig ist es mir nicht. Die Leser sind mir wichtig und der Erfolg. Wenn niemand das mag, was du machst, solltest du einfach damit aufhören. Die Leser glücklich zu machen, ist mein Hauptanliegen, und natürlich, mich selbst nicht verrückt werden zu lassen. Wenn beides klappt, wäre das toll.

Krimi-Couch: Zur Zeit bist Du auf Lesereise in Berlin. Was verbindet Dich bis jetzt mit Deutschland und was erwartest Du von Deinen deutschen Lesern?

Stefán Máni: Ich freue mich sehr, meine deutschen Leser kennen zu lernen! Und bis jetzt war es eine wunderbare Erfahrung. Ich hoffe, dass mein Buch die Interessen der deutschen Thriller-Fans trifft, denn Deutschland ist ein sehr wichtiger Markt für mich. Ich mache mir schon große Hoffnungen. Ich möchte noch mehr Titel hier veröffentlichen und hoffentlich noch häufig hier sein – vielleicht nochmal auf Lesereise gehen? Wer weiß …

Lesung mit Stefán Máni

Krimi-Couch: Wie können sich unsere Leser einen typischen Arbeitstag bei Stefán Máni vorstellen? Ziehst Du Dich fürs Schreiben zurück oder integrierst Du das einfach in den normalen Tagesablauf?

Stefán Máni: Ich bin definitiv ein Morgenmensch. Ich lebe allein, aber manchmal habe ich meine beiden Kinder bei mir. Ich bin geschieden und führe ein eher einsames Leben. Ich bin Graf Dracula in seinem Schloss, mit dem Unterschied, dass mein Schloss aus Wörtern besteht und nicht aus Steinen.

Wenn ich aber mit dem Schreiben fertig bin, mache ich viele Sachen, die Dracula vielleicht nicht machen würde. Dann gehe ich schwimmen oder laufen oder spiele auf meiner, mir heiligen, E-Gitarre. Ich schreibe Rock-Songs und spiele in einer Band. Wir sind nicht berühmt – im Gegenteil – wir sind nur ein paar laute Nerds mit Instrumenten.

Krimi-Couch: Ein Blick in die Zukunft: Wann dürfen wir uns auf Deinen nächsten Thriller freuen und verrätst Du uns vielleicht jetzt schon etwas darüber?

Stefán Máni: Genau wie für meine nächste Deutschlandreise habe ich keine Ahnung, ich hoffe aber, es wird bald soweit sein. Vielleicht im späten 2018? Das hängt von meinen Verlegern ab – kannst du da nicht etwas Druck machen?

Ich möchte meinen deutschen Lesern endlich meine neue Crime-Reihe und meinen Kommissar vorstellen. Sein Name ist Hrafn Grimsson, ein Riese in einem langen, schwarzen Ledermantel – ein Goth. Er hat langes rotes Haar, grüne Augen und ein Gesicht, wie aus Stein gemeißelt. Mit seinen übersinnlichen Kräften kann er durch einen schwarzen Nebel oder einen Schatten, der sich auftut, erkennen, wo demnächst ein Mensch sein Leben verlieren wird. Würdet ihr gerne mehr von ihm und seinen Ermittlungen lesen? Ich hoffe doch!

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