Interview mit Katja Bohnet

Katja Bohnet

Krimi-Couch.de: Katja, müssen Krimis in Berlin spielen, damit sie mehr Pep haben und nicht provinziell wirken? Oder ist das Setting dann einfach cooler?

Katja Bohnet: Nein, natürlich müssen sie nicht in Berlin spielen. Man kann auch einen wahnsinnig hippen Provinz-Krimi schreiben, wenn er stilistisch interessant ist, wenn er interessante Figuren hat, und wenn er auf originelle Art und Weise die Region, also die Provinz, einbringt in den Roman.

Krimi-Couch.de: Rosa Lopez und Viktor Saizew sind ein ziemlich schräges Ermittlerpaar. Wie bist Du auf diesen beiden Figuren gekommen?

Katja Bohnet: Die beiden sind zu mir gekommen. Wer mich kennt, weiss, dass ich selten andere Figuren in mein Leben lasse. Es war auch eine politische Entscheidung, gesellschaftlichen Außenseiter zu Hauptfiguren zu machen. Ich verbringe sehr gerne mit solchen Leuten meine Zeit.

Krimi-Couch.de: Sie ist in deinen Romanen immer Lopez, er Viktor. Warum wird die Frau mit dem Nachnamen bezeichnet, der Mann mit dem Vornamen?

Katja Bohnet: Das war, ehrlich gesagt, eine unbewusste Entscheidung. Es hat mir aber im Nachhinein jemand erklärt, dass ich die Konvention, dass Männer immer mit der Respektsbezeugung Nachname angesprochen werden, einfach umgedreht habe.

Krimi-Couch.de: Viktor hat in »Kerkerkind« einige große Auftritte, steht deutlich mehr im Mittelpunkt. Ist das ein Ausgleich, weil es in Messertanz mehr um Lopez ging? Oder ist Dir diese Figur besonders ans Herz gewachsen?

Katja Bohnet: Lopez ist die geheime Hauptfigur. Im Verlag wird diese Reihe häufig als Lopez-Saizew-Reihe bezeichnet. Das finde ich schön, weil es zeigt, dass sie sich von der zweiten zur ersten Hauptperson gemausert hat, ganz still und heimlich. Natürlich hat das auch immer etwas mit der Story zu tun. Viktor ist ja die ganze Zeit auf Reisen, und Lopez versucht, hinter ihm aufzuräumen und ihm zu helfen. Es ist zum großen Teil seine Geschichte, die hier erzählt wird. Das Einsetzen des Personals folgt immer der Logik der Geschichte.

Krimi-Couch.de: Einige Autoren nutzen einen Prolog als Einstieg in ihre Romane, andere verzichten darauf. Welche Funktion erfüllt für Dich diese Einleitung oder kurze Vorgeschichte?

Katja Bohnet: Meine Ansichten zum Prolog wandeln sich ständig. Als ich anfing zu schreiben, war mir klar: Da werden sofort alle schimpfen. Also wusste ich: Ich muss einen Prolog schreiben. Der Prolog ist literaturwissenschaftlich ein sehr eng gefasster Begriff. Für mich steht er in diesen beiden Romanen – Messertanz und Kerkerkind – für eine Schlüsselszene. Für eine Art Ur-Verbrechen des jeweiligen Romans. Im dritten Band der Reihe habe ich mich davon wieder verabschiedet, variiere das Thema Prolog. Es macht mir Spaß, damit zu spielen.

Krimi-Couch.de: Kommen wir mal zur Arbeitsweise generell. Du schreibst einen kompletten Plot, den Du dann ausfüllst? Oder schreibst Du drauflos und schaust, wo die Geschichte hinführt?

Katja Bohnet: Letzteres. Ich muss Klarheit haben über meine Figuren und über den grundsätzlichen Konflikt. Ich muss vielleicht auch etwas über das Verbrechen wissen, das mich interessiert. Manchmal habe ich nur ein Motiv, manchmal nur eine Szene. Danach beginne ich mit dem ersten Satz, schreibe das erste Kapitel, und dann linear weiter. Alles andere ergibt sich aus dem jeweiligen Setting.

Krimi-Couch.de: Aber lose Fäden am Ende kannst Du überhaupt nicht ertragen, oder?

Katja Bohnet: Natürlich nicht. Im Gegenteil. In den Romanen herrscht oft ein universalistischer Ansatz vor. Bedeutet: Wir alle sind miteinander vernetzt, alles hat mit allem zu tun. Und da ich nicht streng naturalistisch schreibe, habe ich am Schluss die Möglichkeit, diese vielen ausgelegten Fäden auf das Wunderbarste wieder zu verflechten. Das ist mir ein Anliegen und eine große Freude, hoffentlich auch zum Genuss der Leser.

Krimi-Couch.de: Was machen Deine drei Kinder, wenn Du schreibst? Lassen sie Mama dann in Ruhe? Oder stürmen sie auch mal ins Arbeitszimmer und ernten böse Blicke?

Katja Bohnet: Böse Blicke hat es wahrscheinlich schon zahlreiche gegeben. Im Laufe der Zeit hat sich meine Situation stark verändert. In den ersten Jahren habe ich geschrieben, während die Kinder anwesend waren. Es gab keine klaren Schreibzeiten, nur die Präsenz der Kinder im Raum, und ich habe zwischendurch mal was geschrieben, habe Verabredungen ausgemacht, Kinder betreut, Pflaster aufgeklebt, Streit geschlichtet. Heute bemühe ich mich um feste Arbeitszeiten. Was die Schriftstellerei anbelangt, das Drumherum, da sind die Kinder immer präsent, weil ich mich nicht völlig abschotten kann und will.

Krimi-Couch.de: Also, wie haben wir uns dann einen Arbeitstag bei Katja Bohnet vorzustellen? Feste Schreibzeiten und richtig Disziplin?

Katja Bohnet: Disziplin hatte ich schon immer. Das fällt mir nicht schwer. Die Selbständigkeit als Schriftstellerin bedeutet eine große Entwicklung, weil ich mit den Kindern immer das Bedürfnis hatte, mich abzusichern. Deswegen war für mich ein Angestelltenverhältnis das Höchste der Gefühle. In dem Moment, wo ich das alles hinter mir gelassen hatte, stellte ich fest: Ich komme ja viel besser klar. Weil ich nämlich absolut diszipliniert und sehr gut organisiert bin. Ich habe bisher noch keine Deadline verlegen müssen, und ich kann sehr gut planen, wann ich was mache. Feste Schreibzeiten habe ich inzwischen. Das dient aber eher meiner mentalen Gesundheit als der Tatsache, dass ich Probleme mit Disziplin hätte.

Krimi-Couch.de: Ein Frage am Rande: Wie findet man als Autorin eigentlich heraus, dass verbrannte Leichen ein Nussaroma verströmen?

Katja Bohnet

Katja Bohnet: Ich unterhalte mich ja häufig mit Experten, unter anderem mit einem Rechtsmediziner. Es ist tatsächlich so, dass Geruchsempfinden etwas sehr persönliches ist. Das empfindet nicht jeder gleich. Ich recherchiere nicht viel. Man kann sich auch »totrecherchieren«. Ich überprüfe vieles während des Schreibens. Am Anfang habe ich mich zu sehr geschämt, Experten anzusprechen. Ich dachte: Ich als kleine Schriftstellerin bin es nicht wert, jemandem die Zeit zu stehlen. Ich durfte dann aber erleben, dass mir alle sehr bereitwillig Auskunft gaben. Wo ich kann, hole ich Rat ein.

Krimi-Couch.de: Du bist zu einer Lesereise in Berlin, in einer Krimibuchhandlung. Ein spezielles Feeling, weil Du hier mal gelebt hast?

Katja Bohnet: Ich bin immer ganz euphorisch, wenn ich nach Berlin komme. Ich habe die Stadt unheimlich gern. Auch meinem Verlag bin ich dankbar, dass ich heute hier in Berlin lesen darf. Natürlich bin ich aufgeregt. Wahnsinn, dass die Miss Marple-Buchhandlung ausverkauft ist. Dass diese erste Lesung ausgerechnet in Berlin stattfindet, ist für mich die Kirsche auf der Sahnetorte.

Krimi-Couch.de: Wie wichtig ist Dir generell der Kontakt zu den Lesern, und was für Fragen werden Dir so gestellt? Ob bei Lesungen oder bei anderen Gelegenheiten?

Katja Bohnet: Kontakt mit Lesern finde ich ganz toll, solange er qualifiziert erfolgt. Wenn ich das Gefühl habe, jemand interessiert sich wirklich dafür. Egal in welcher Form, ob bei einer Lesung, ob als Kommentar auf Facebook. Das kann auch durchaus kritisch sein. Auch in Leserunden gibt es solche Stimmen. Aber der Austausch sollte respektvoll sein. Darauf lege ich Wert. Ansonsten bin ich aus der Nummer raus.

Krimi-Couch.de: Ganz anderes Thema: Zusammen mit vielen Kolleginnen beklagst Du, dass Autorinnen weniger besprochen werden, seltener Preise bekommen, und sogar in den Jurys fast nur Männer sitzen. Wie lässt sich das aus Deiner Sicht denn ändern?

Katja Bohnet: Ich glaube, dass wir tatsächlich Jurys paritätisch besetzen sollten. Falls jetzt wieder einige schimpfen: »Das wird ja manchmal gemacht, und dann bekommen trotzdem Männer die Preise!«, kann ich nur wiederholen, dass selbst ich mit ganz vielen männlichen Schriftstellern aufgewachsen bin. Das ist einem vertraut, weshalb man diese Sachen wiedererkennt, ohne zu wissen, welcher Name da steht. Das betrifft die Figurenkonstellation, die Art wie die Geschichte erzählt wird. Das wird sich allerdings langsam, aber sicher, ändern. Ich wünsche mir in vielen Belangen eine Quote. Bei Kritikern, bei Jurys. Solange es die nicht gibt, wünsche ich mir, dass Kritiker ganz bewusst ihr Augenmerk auf Literatur von Frauen lenken. Im Endeffekt wird von Frauen und besonders Schriftstellerinnen erwartet, dass wir uns mit dem zufrieden geben, was wir haben. Einer Sichtbarkeit in gewissen Bereichen. Aber von der Hälfte sind wir weit entfernt. Ich glaube, wenn Schriftstellerinnen stärker in den Fokus rücken, dann würden wir uns viel mehr auf qualitative Diskussionen einlassen können. Die finden in Bereichen gar nicht statt, wo Frauen noch unsichtbar sind.

Krimi-Couch.de: Deine Romane mit Lopez und Saizew gibt es nicht als Hörbücher. Warum ist das so?

Katja Bohnet: Gute Frage, keine Ahnung. Es gab irgendwann einmal Interesse an einem Hörspiel. Das hat sich zerschlagen. Vielleicht ist es wie mit Auslandsrechten: Jemand im Verlag müht sich redlich, aber keiner hat »Hier!« geschrien. Ich hatte einmal ein privates Angebot, das ich abgelehnt habe, weil ich es gerne vom Verlag aus regeln lassen wollte. Falls mein Verlag das mitliest, wäre das doch die Gelegenheit, diese Rechte-Diskussion nochmal ordentlich anzukurbeln.

Krimi-Couch.de: Viele Autoren lesen ihre Bücher gerne selbst als Hörbuch. Könntest du Dir das auch vorstellen? Oder würdest Du das Lesen dann auch lieber in professionelle Hände legen?

Katja Bohnet: Da bin ich aktuell relativ leidenschaftslos. Es würde davon abhängen, wer das lesen würde. Als Schriftstellerin traut man sich das frei nach dem Motto zu: Ich lese gerne bei meinen Lesungen, das bekomme ich hin. Ich selbst höre gar nicht so viele Hörbücher, weil ich das Lesen an sich sehr genieße. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es eine große Kunst ist, die auch Experten vonnöten macht.

Krimi-Couch.de: Aber du hättest dann gerne, dass eine Frau Deine Bücher liest?

Katja Bohnet: Ich sage jetzt einfach mal ja. Ich müsste drüber nachdenken, ob das angemessen wäre. Aber was das Paritätische anbelangt: klares Ja zur Frau.

Krimi-Couch.de: Wie ich weiss, ist der nächste Band der Reihe in Arbeit oder sogar schon fertig. Magst Du ein wenig darüber verraten?

Katja Bohnet: Ich weiss gar nicht, ob ich das verraten darf. Aber ja, er ist fertig. Ich habe gerade eine Woche vor meiner Lesung hier in Berlin mit allem abgeschlossen und den Text rausgeschickt. Aufregend, denn ich habe noch kein Feedback. Zum Inhalt: Viktor wird leider wieder von mir zum Reisen gezwungen. Der Arme. Er reist ja nicht besonders gerne. Aber er hat sich das Ei auch selbst gelegt, da er seiner Freundin diese Reise nach Moskau geschenkt hat. Dort wird es auch weitergehen. Ohne es zu wollen, wird Viktor wieder in Ermittlungen hineingezogen, obwohl in Russland noch ein alter Haftbefehl gegen ihn besteht.

Krimi-Couch.de: Also erzählst Du weiterhin horizontal – das ist doch wohl der Fachbegriff dafür?

Katja Bohnet: Das kann man so nicht sagen. In meinen Augen kann jeder Roman für sich stehen. Mir ist aber auch Inspektor Rebus von Ian Rankin im Kopf geblieben, der irgendwann zu alt wurde für die vielen Romane, die Rankin schreiben wollte. Da war die Not groß. Das wird mir bei Viktor nicht passieren.

Krimi-Couch.de: Wie siehst Du Krimi-Reihen generell? Dürfen die nicht zu lang sein, weil der Leser ab der siebten Folge bei manchen Reihen nicht mehr einsteigen kann?

Katja Bohnet: Das kann ich so nicht bestätigen. Bei Lee Child lese ich jeden Roman. Das funktioniert sehr gut, weil jeder Fall für sich stehen kann. Bei Sara Gran komme ich mit Claire de Witt und jedem neuen Fall auch gut klar. Ich brauche nicht das Lineare, direkt Zusammenhängende in Reihen. Es kommt auf das Wiedersehen mit den Figuren an. Auf einen aufregenden Kriminalfall oder eine interessante Gesellschaftsstudie. Deswegen sehe ich das Problem gar nicht. Im Endeffekt entscheidet die Qualität der Schriftsteller. Wie verstehen sie es, Verflechtungen zu schaffen? Querverweise auf einen früheren Roman, alles ist erlaubt.

Krimi-Couch.de: Von Lesern und Rezensenten wird aber gerne mal kritisiert, dass Schriftsteller am Ende eines Romans einen fetten Cliffhanger einbauen. Da wird dann gesagt: Das machen die nur, damit man den nächsten Band auch kauft.

Katja Bohnet: Das ist aus meiner Sicht doch nichts Schlechtes. Eigentlich eine schlaue Idee. Ich bespreche das mit meiner Lektorin auch immer wieder. Zentrale Fragen müssen geklärt werden. Ich möchte gerne, dass am Ende aus den vielen Fäden ein richtig schöner Strickpullover wird, den man auch anziehen kann. Aber es ist nur legitim, dass auch offene Enden existieren. Etwas Mystisches oder etwas, das noch geklärt werden muss. Das ist erlaubt und spannend. Im Zentrum eines Kriminalromans sollte und darf auch Spannung stehen.

Das Interview führte Andreas Kurth für Krimi-Couch.de

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