Interview mit Joachim Körber

Der Fettsack ist kein Fremdkörper

Joachim Körber, bekannt nicht nur für seine kongenialen Stephen-King-Übersetzungen, kommt der Verdienst zu, den hervorragenden Rex Miller-Roman Fettsack aus der Versenkung geholt zu haben. In Personalunion als Verleger und Übersetzer sorgte er so für eine rundum gelungene deutsche Neubearbeitung des bemerkenswerten Werks.

Krimi-Couch: Wie kamen sie auf die Idee Übersetzer zu werden, und was war das erste Werk, das sie ins Deutsche übertragen haben?

Joachim Körber: Zum Übersetzen bin ich damals ein wenig gekommen wie die sprichwörtliche Jungfrau zum ebenso sprichwörtlichen Kind. An sich bin ich ja ausgebildeter Chemiker, aber ich wollte praktisch schon seit meiner Kindheit etwas mit Büchern machen. Ich habe 1978 erste Rezensionen in der Zeitschrift »Science Fiction Times« veröffentlicht, und als Hans Joachim Alpers, der damalige Chefredakteur, dann Herausgeber erst der Science-Fiction-Reihe bei Knaur und dann bei Moewig wurde, hat er mich gefragt, ob ich kein Interesse am Übersetzen hätte. Meine Probeübersetzungen haben ihm gefallen, und so ist es eben dabei geblieben. Meine ersten Übersetzungen waren Kurzgeschichten von Joe Haldeman und Joan D. Vinge; das erste von mir übersetzte Buch, das erschien, war Die besten Stories von Eric Frank Russel.

Krimi-Couch: Die Liste der Autoren aus Phantastik und Science-Fiction, die sie übersetzt haben, liest sich wie ein Who is Who. Da finden sich Größen wie Philip K. Dick, Anne Rice, Dan Simmons, Fritz Leiber, Clive Barker, Peter Straub und natürlich Stephen King, dessen Hauptwerk(e) Sie übersetzten. Da wir hier auf der Krimi-Couch sitzen, interessieren mich natürlich besonders die Thriller-Autoren wie John Sandford und Elizabeth Corley (zu Rex Miller später mehr). Warum haben Sie sich gerade die beiden vorgenommen?

Joachim Körber: An sich ist das häufig weniger die Frage, wen man sich »vornimmt«, sondern wen man vom Verlag zugeteilt bekommt. In beiden Fällen schienen mir die angebotenen Romane einfach interessant genug zu sein, die Übersetzungsaufträge anzunehmen. »John Sandfords« (das ist ja ein Pseudonym) frühe Thriller finde ich auch nach wie vor spannend. Das waren aber keineswegs die ersten Kriminalromane, die ich übersetzt habe – ich übersetze Krimis praktisch seit Beginn meiner Laufbahn, darunter Anfang der 1980er Jahre Autoren wie William Kienzle. Es ist einfach nur so, dass meine Krimi-Übersetzungen nie so ganz das Rampenlicht und die Aufmerksamkeit oder Resonanz bekommen haben wie die Phantastik-Übersetzungen.

Krimi-Couch: Zu Stephen King sind Sie ja bereits ausführlichst befragt worden. Nur zwei kurze Fragen. Zumindest die letzten Bücher Kings wie Love und Wahn haben nicht Sie übersetzt. Warum?

Joachim Körber: Ja, mit Stephen King werde ich immer noch am häufigsten assoziiert. Im September erst erschien in der hiesigen Lokalzeitung, der »Rheinpfalz«, ein kurzes Porträt über mich unter der Schlagzeile »Die deutsche Stimme von Stephen King«, obwohl ich King seit acht Jahren nicht mehr übersetze. Dass ich King nicht mehr übersetze, hat einerseits mit personellen Veränderungen im Verlag zu tun, andererseits muss ich gestehen, dass nach fünfzehn Jahren – so lange war ich die »deutsche Stimme« – auch eine gewisse Sättigung einsetzt. Es war nicht allein meine Entscheidung, und ich muss gestehen, dass ich auch heute noch mit einem lachenden und einem weinenden Auge an die King-Zeiten zurückdenke, zumal ich bis zum heutigen Tag noch Briefe von Lesern bekomme, dass meine King-Übersetzungen immer die Besten gewesen wären. So was freut einen natürlich sehr. Andererseits hat King mit seinem enormen Ausstoß dann auch einen substanziellen Teil meiner Zeit erfordert, die ich irgendwann einfach für andere Dinge brauchte, die mir wichtiger waren, eben die Edition Phantasia zum Beispiel, uns so bin ich nicht ganz unglücklich darüber, dass ich ihn nicht mehr übersetze.

Krimi-Couch: Glauben Sie die Rezeption Kings in Deutschland hat sich in den letzten Jahren geändert? Es ist ja nahezu unvermeidlich, dass jemand bei dem Output, den King unters Volk wirft, nicht immer gleichbleibende oder gar steigende Qualität abliefert. Ist er mit den Jahren schlechter geworden, oder trifft er einfach nicht mehr den ominösen »Zeitgeist«, wie es in den 1980ern anscheinend der Fall war?

Joachim Körber: Meiner Meinung nach hat die Qualität von Kings Romanen durchaus im Lauf der Jahre gelitten, mir haben schon die letzten, die ich übersetzt habe, nicht mehr besonders gut gefallen. Aber Sie haben sicher in einem Recht, er ist der Autor der »Reaganomics« und des »Thatcherismus« – nehmen Sie ein Buch wie Cujo, in dem der tollwütige Bernhardiner natürlich wenig mehr ist als ein (an sich verzichtbares) Zugeständnis an die Horror-Leser. Wirklich faszinierend ist das Porträt zweier Familien unterschiedlicher sozialer Schichten, die in Zeiten ökonomischen Wandels mit dem sozialen Abstieg zu kämpfen haben. Ein wenig erinnert das an alles, was wir gerade hier in Deutschland erleben, daher ist zumindest hier zu Lande »Cujo« wieder aktueller denn je – leider. Diese Porträts und dieser Subtext haben Kings Romane in den 1970er und 1980er Jahren so faszinierend gemacht; ich finde auch, dass ihm der Sprung in die neue Zeit mit ihren veränderten gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen nicht so gut gelungen ist.

Diese Probleme haben Autoren wie zum Beispiel Clive Barker nicht, die von Anfang an eine eher wirklichkeitsentrückte Phantastik geschrieben haben, ohne die direkten Bezüge zu Zeit und Zeitgeist. Natürlich ist es auch immer ein bisschen gefährlich, wenn man als Autor so nahe am Zeitgeist surft und so unmittelbar auf die Gegenwart der Romanhandlung eingeht, da entstehen selten Werke für die Ewigkeit. Nehmen Sie Michael Moorcocks Romane der »Swinging Sixties« und Seventies als Beispiel – sie sind ohne Zweifel wichtige Genre-Klassiker, aber dennoch heute fast unlesbar, weil diese ganzen Szenen, die sie schildern, einfach nicht mehr existieren und heute auch keinen mehr interessieren.

Krimi-Couch: 1984 sind Sie auch unter die Verleger gegangen, zusammen mit Uli Kohnle und Thomas Bürk gründeten sie die Edition Phantasia. Gönnen Sie uns einen kurzen Einblick ins Verlagsprogramm.

Joachim Körber: Als wir den Verlag gegründet haben, herrschten auch völlig andere Bedingungen als heute. Damals spielte sich Phantastik fast ausschließlich im Taschenbuch ab. Dem wollten wir entgegenwirken und einerseits zeigen, dass Science Fiction, Horror, Fantasy nicht zwangsläufig so trivial sein müssen, wie besonders die deutsche Literaturkritik sie immer dargestellt hat. Und wir wollten auch von der Buchgestaltung einen angemessenen Rahmen schaffen. An sich kann ich nur den oft zitierten Satz wiederholen, dass wir in der Edition Phantasia Bücher veröffentlichen wollten, die wir selbst gern lesen, in Aufmachungen, wie wir sie uns wünschen. Das ist auch heute noch das Credo des Verlages.

Krimi-Couch: Neben den exklusiven und schön aufgemachten Sammlerausgaben haben Sie (seit 2004, wenn ich recht informiert bin) auch Paperbacks zu moderaten Preisen im Programm, u.a. Rex Millers Fettsack, der ein wenig aus dem Verlagsprogramm herausfällt. Handelt es sich doch nicht um einen Science Fiction- oder phantastischen Roman (wobei er natürlich Züge des Horriblen trägt), sondern um eines der grundlegenden, frühen Werke zum Thema Serienkiller (auch wenn man den hervorragenden Roman natürlich nicht allein auf dieses Thema reduzieren sollte). Wie kam es dazu, Miller neu zu übersetzen und aufzunehmen?

Joachim Körber: Ich empfinde Fettsack in unserem Programm nicht als Fremdkörper – es ist ja auch nicht der erste Kriminalroman, den wir veröffentlicht haben. Mich fasziniert an Millers Romanen eben die frische und unbekümmerte Art des Stils – der Mann setzt sich ja über sämtliche etablierten Regeln der Schreibkunst hinweg, wechselt die Zeit oder die Erzählperspektive mitunter zweimal in einem Satz und macht erzählerisch so ziemlich alles, was man hochtrabenden Literaturtheorien zufolge nicht darf …und das mit einem tollen Ergebnis, das als Lektüre wunderbar funktioniert. Seine Romane gehen unter die Haut, und die Wirkung beim Lesen ist teils schon enorm. Mir ist ein wenig unverständlich, wieso die großen Verlage sein Werk jahrelang übersehen haben …Andererseits hat man seinen überbordenden stilistischen Eskapaden vielleicht einfach kein großes kommerzielles Potenzial zugetraut. Ich muss gestehen, dass uns die enorme positive Resonanz auf den Roman selbst ein wenig überrascht hat, obwohl wir natürlich wussten, wie gut er ist.

Krimi-Couch: Werden sie auch die Folgebände in Deutschland veröffentlichen?

Joachim Körber: Wir haben es auf jeden Fall vor und stehen auch bereits in Verhandlungen, aber etwas Konkretes kann ich zur Stunde leider noch nicht sagen.

Krimi-Couch: Wer ist für die kongeniale grafische Gestaltung des Covers verantwortlich?

Joachim Körber: Das ist Steffen Winkler, ein junger Grafiker und Illustrator aus Alzey, den ich wirklich für sehr talentiert halte. Das Cover trifft den Kern und die Stimmung des Romans meines Erachtens optimal, was auch in den meisten Rezensionen des Buchs zum Ausdruck kam …Tobias Gohlis von der »Zeit« meinte gar, man müsste es unbedingt bei der Wahl der fünfzig schönsten Bücher des Jahres berücksichtigen! Ich denke, von Steffen wird man noch viel hören, da sich jetzt auch große Verlage für seine Arbeiten interessieren – zuletzt schuf er die Umschlagbilder für Jens Schumachers Fantasy-Trilogie Ambigua im Schneider Verlag, die auch sehr schön geworden sind. Der erste Band ist erschienen, der zweite soll Anfang nächsten Jahres folgen.

Krimi-Couch: Im Forum der Krimi-Couch gab es eine wenig substanzielle Diskussion um ihre Übersetzung und die Unterschiede zum Original und der gekürzten Bastei-Ausgabe aus dem Jahr 1992 mit dem seltsamen Titel Im Namen des Todes. Worin bestanden die damaligen Kürzungen?

Joachim Körber: Na ja, der damalige Übersetzer hat zunächst einmal das gemacht, was viele machen, nämlich besonders komplizierte Wortspiele oder schwer wiederzugebende Sachen einfach weggelassen – zum Beispiel den dreckigen Witz über die Frau, die den Penis ihres Lovers an der Matratze festklebt. Auffällig ist, dass schon der Prolog in der Bastei-Ausgabe fehlt, allerdings ist es so, dass der auch in der britischen Ausgabe von Slob – so der Originaltitel – nicht enthalten ist (im Gegensatz zur amerikanischen), d.h. hier wurde eventuell eben schon mit einer gekürzten englischsprachigen Ausgabe gearbeitet, sodass der Übersetzer für manche Kürzungen gar nichts kann.

Und offenkundig empfand man einige Passagen als zu langatmig, denn gekürzt wurde u.a. auch die lange Beschreibung einer Bar, die der »bekennende Alkoholiker« Jack Eichord gibt. Er beschreibt als trockener Alkoholiker das Interieur der Bar so, wie ein liebeskranker Jüngling den nackten Körper seiner Angebeteten beschreiben würde. Abschnitte wie diesen finde ich sehr wichtig, denn sie tragen enorm zur Charakterisierung der Figur bei. Auch viele der ungewöhnlichen stilistischen Kniffe Millers fehlen, darunter die Comic-artigen Lautmalereien. »Slob« hat bei Erscheinen in den USA ungeheures Aufsehen unter Schriftstellerkollegen erregt, eben weil das Buch so ungewöhnlich und völlig anders geschrieben war …

In der ersten deutschen Ausgabe hat man dann die exzessiveren Gewaltszenen entschärft, alle außergewöhnlichen Element glattgebügelt, den schwarzen Humor meist einfach weggelassen und »Obszönes« herausgestrichen, zum Beispiel die wirklich witzigen Szenen, als Jack Eichords neue Freundin ihm mit alten Socken einen runterholt, da sie nicht gleich beim ersten Rendezvous mit ihm schlafen will, und so aus einem herausragenden Roman einen x-beliebigen Serienkiller-Roman wie jeden anderen auch gemacht – und sich dann gewundert, warum die positiven Reaktionen in den USA bei der deutschen Ausgabe ausgeblieben sind.

Krimi-Couch: Ziemlich vermessen wurde behauptet, Sie hätten sich zu viele Freiheiten dem Original gegenüber heraus genommen. Trifft Sie solch ein Anwurf – der im vorliegenden Fall bereits mangels Belegen und fehlerbehafteter Recherche scheitern musste?

Joachim Körber: Das kommt immer darauf an. Im Fall der erwähnten Diskussion trifft einen das nicht sehr, da ein kurzer Blick zeigt, dass sie ohne besondere Sachkenntnis geführt wurde. Ich meine: Was soll man davon halten, wenn jemand an einem Tag schreibt, er (oder sie) müsse sich bei der Beurteilung von Übersetzungen in Folge mangelnder Englischkennntisse auf andere verlassen, und am nächsten Tag dann dreist behauptet, jetzt habe er (oder sie) beide Übersetzungen und das Original verglichen und sei entsetzt. Ich denke, so etwas sollte man nicht überbewerten, zumal ja schon die nächsten Ausführungen mehr als deutlich gezeigt haben, dass der (oder die) Betreffende das Original gar nicht kennen kann.

Nur ein Beispiel: Das Kapitel in der ersten Person, die »Lebensbeichte« des Alkoholikers Jack Eichord. Sie ist im Original als einziges Kapitel in der ersten Person geschrieben, der ganze Rest des Romans in der dritten. In der damaligen Übersetzung wurde auch dieses Kapitel kurzerhand in die dritte Person umgeschrieben, und so etwas darf man meiner Meinung nach nicht machen. Und wenn es dann heißt der Übersetzer habe »die Erzählperspektive verändert« ist das eben kompletter Unsinn. Wie gesagt, die Person wurde verändert, das hat mit Erzählperspektive nichts zu tun. Man kann einen Roman komplett in der dritten Person aber aus unterschiedlichen Erzählperspektiven schreiben. Man kann ihn auch in der ersten Person aus verschiedenen Erzählperspektiven schreiben, nur macht das keiner, weil es für den Leser zu verwirrend sein dürfte, wenn »Ich« in jedem Kapitel eine andere Person ist! Mir genügt in diesem Fall, dass die Neuübersetzung von Fettsack in der Presse ein ausschließlich positives Echo gefunden und sehr viel Lob bekommen hat.

Krimi-Couch: Zurecht. Muss sich denn eigentlich ein Übersetzer manchmal Freiheiten herausnehmen, damit ein übersetztes Werk überhaupt eine verwertbare Chance im jeweiligen Land hat?

Joachim Körber: Ich finde, man sollte grundsätzlich so nahe am Werk und am Text bleiben, wie möglich, aber den Intentionen des Autors entsprechen, d.h. manchmal muss man sich schon gewisse Freiheiten herausnehmen, besonders wenn in der Anspielungs- und Zitate-verliebten postmodernen amerikanischen Literatur auf Sachverhalte angespielt wird, die in Deutschland keiner kennt. Der Literaturkritiker Denis Scheck hat einmal zu mir gesagt, wenn der Leser der Originalausgabe an einer Stelle lacht, dann muss auch der deutsche Leser lachen – wenn auch nicht zwangsläufig über denselben Witz, falls der sich nicht übersetzen lässt.

Lassen Sie mich ein kurzes Beispiel geben: In dem (übrigens ganz vorzüglichen) Roman Abwärts – Move Under Ground von Nick Mamatas, den ich für unsere Edition Phantasia übersetzt habe und der erzählt, wie der Beat-Autor Jack Kerouac gegen H. P. Lovecrafts Monster Cthulhu antritt, findet sich einmal eine Stelle, wo es heißt »and then I hit him on his chinny-chin-chin«. Da kriegt also einer was aufs Kinn, aber das »chinny-chin-chin« spielt natürlich auf einen amerikanischen Song an. Da habe ich dem Autor geschrieben und gesagt, dass ich das nicht ins Deutsche retten kann, aber zwei Sätze später im selben Abschnitt eine prima Möglichkeit hätte, einen deutschen Schlager zu zitieren, der dem Leser ein ähnliches Aha-Erlebnis verschaffen würde, so er denn die Anspielung erkennt, und damit war Mamatas dann einverstanden. Dies nur, um zu zeigen, dass man nicht immer ganz wortwörtlich übersetzen kann.

Dr. Klaus-Peter Walter, der Herausgeber des »Lexikons der Kriminalliteratur« hat eine Rezension von Fettsack verfasst und mir zugeschickt, und darin heißt es wörtlich: »Zu loben ist Joachim Körbers Neuübersetzung, die nicht nur mit der rüden Originalsprache glänzend zurechtkommt, sondern sogar die Robert Gernhardt (1937-2006) zugeschriebene, in Wahrheit aber von F. W. Bernstein (geb. 1938) stammende Formulierung von den «schärfsten Kritikern der Elche, die früher selber welche waren», kreativ zu integrieren versteht«. Natürlich steht dieses Bernstein-Zitat nicht im Original, aber eben etwas Ähnliches, das amerikanische Leser als geflügeltes Wort kennen, deutsche aber nicht. Ich denke, damit ist man dem Geist des Originals treu, wenn auch nicht immer dem direkten Wort. Aber Personen, Zeiten, Erzählperspektiven ändern oder gar etwas weglassen, nur weil es einem zu brutal oder albern oder anrüchtig oder was auch immer erscheint, das darf man natürlich nicht!

Krimi-Couch: Im Laufe der Jahre sind mir etliche schlechte Übersetzungen begegnet, so auffällig, dass selbst einem Laien wie mir ohne Kenntnis des Originals grobe Fehler auffallen. Da wird bei Harry Potter aus einem »winged chair« ein »geflügelter Sessel« gezaubert (und nicht der »Ohrensessel«, der gemeint war) ; da gibt in einem Krimi Bruce Springsteen ein »griechisches Theater Konzert« anstelle eines Konzertes im bekannten »Greek Theatre«. Im letzten Roman des ausgemachten Whisky-Kenners Charles McLean wird ein »steifer Whisky« getrunken, und James Churchs Inspektor O. leidet unter der »Undichtigkeit« seiner Fahrradreifen. Werden in solchen Fällen keine Hausaufgaben gemacht, oder liegt es an der mangelnden Zeit (wie im Falle Potters vorstellbar) und wenig motivierender Honorare, dass manche Übersetzung wie hingehuscht wirkt?

Joachim Körber: Das ist pauschal natürlich schwer zu sagen. Grundsätzlich gilt, dass die Arbeitsbedingungen in der Branche schon deutlich härter geworden sind als zu der Zeit, als ich angefangen habe. Für Bestseller wie die Bücher von King, oder Harry Potter werden Unsummen für Rechte bezahlt, und dieses Geld will der Verlag natürlich so schnell es geht wieder einfahren, wodurch die Übersetzer mitunter unglaublich knappe Termine diktiert bekommen, und dann schleichen sich zwangsläufig Fehler ein.

Aber da Sie Harry Potter erwähnen, auch hier gibt es noch eine wunderbare Möglichkeit, meine Philosophie des Übersetzens ein wenig zu verdeutlichen. Es gibt bei Harry Potter einen Baum, der im Original »whipping willow« genannt wird. Im Englischen ist das ein phonetisches Wortspiel mit »weeping willow«, also »Trauerweide«. Hier haben wir genau den Fall, den Denis Scheck meint – der englische Leser dürfte über diesen Wortwitz zumindest einmal schmunzeln. In der deutschen Übersetzung wird daraus eine »peitschende Weide« – das ist jetzt natürlich nicht falsch, da eben exakt wortwörtlich übersetzt, aber für meinen Geschmack einfach fad und uninspiriert. Für mich wäre eine schöne Übersetzung für diese »whipping willow« zum Beispiel »Schlagbaum« gewesen, denn dann hätten wir ein deutsches Wort, das etwas anderes bedeutet, hier nur sehr wörtlich genommen wurde und durch den Doppelsinn auch witzig wäre (in der Verfilmung sieht man ja auch einmal eine Trauerweide, die wild um sich schlägt). Wenn man in solchen Fällen zu eng an der englischen Vorlage klebt, geht eben manchmal leider viel verloren, das man mit etwas Phantasie und Kreativität durchaus ins Deutsche hätte retten können.

Krimi-Couch: Wenn ich recht informiert bin, gab es in den letzten Monaten gebündelte Anstrengungen, Übersetzungen besser honorieren zu lassen. Hat es Erfolge gegeben, und ist mit einer besseren Bezahlung auch eine mögliche qualitative Steigerung verbunden?

Joachim Körber: Ich weiß nicht, ob diese ganzen Bemühungen um bessere Honorar für Übersetzer viel bringen. Bisher wurden ja auch keinerlei Einigungen erzielt, ich habe im Gegenteil den Eindruck, dass viele der großen Publikumsverlage im Bereich Unterhaltungsliteratur versuchen, die Übersetzerhonorare immer weiter nach unten zu drücken …was natürlich irgendwann zwangsläufig auf Kosten der Qualität geht. Bei den »Literaturverlagen« verhält es sich ein wenig anders, die scheinen mir eher bereit, für Qualität auch etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Die Frage der qualitativen Steigerung durch bessere Honorare ist für mich eine reichlich zweischneidige Angelegenheit, denn man muss zugeben, manche Übersetzer können einfach nicht mehr als das, was sie abliefern. Es gibt da einen hochangesehenen britischen Fantasy-Bestsellerautor, dessen Werke ich auf Deutsch nicht lesen kann, weil sie so lieblos und schlampig und phantasielos heruntergeholzt werden, dass einem elend werden kann, ohne dass ich jetzt Namen nennen möchte. Ich fürchte, in solchen Fällen bringen höhere Honorare nichts …

Die Übersetzungen werden dann nicht besser, nur die Übersetzer reicher. Ich bin aber sicher, dass viele Kollegen sehr viel gründlicher arbeiten könnten, wenn sie mehr Geld bekämen, und damit auch bessere Arbeiten abliefern würden. Und falls es gelingt, durch bessere Honorare bessere Übersetzer auch für die oft zu Unrecht geschmähte Genre-Literatur zu gewinnen, dann wäre das natürlich sicher sehr sinnvoll.

Krimi-Couch: Eine letzte Frage noch: Neben Kurzgeschichten veröffentlichten Sie als Autor 1998 den Roman Wolf. Seitdem ist aber kein Langwerk mehr von Ihnen erschienen. Wird es beim einmaligen Ausflug ins Romanfach bleiben?

Joachim Körber: Es ist die Tragik meines Lebens, dass ich einfach keine Zeit habe. Ich antworte auf diese Frage stets, dass ich mehrere Jobs habe – Verleger, Übersetzer, Publizist, Autor – und mich nie entscheiden kann, welcher mir der Liebste ist. In den letzten Jahren hat natürlich der Aufbau des Paperback-Programm der Edition Phantasia – und jetzt eben der neuen »k u k«-Hardcoverreihe – viel Zeit beansprucht. Und jedes Mal, wenn ich beschließe, mal wieder selbst zu schreiben, bekomme ich dann ein Buch zur Übersetzung angeboten, das so gut ist, dass ich einfach nicht ablehnen kann …

Zuletzt kam der Arche Verlag auf mich zu (übrigens teilweise als Reaktion auf die positive Resonanz auf die Fettsack-Übersetzung in der Presse) und bat mich, den neuen Roman von William Gay zu übersetzen …ein wirklich grandioses Buch, das sich liest, als hätte Cormac McCarthy eine Geschichte von Stephen King verfasst: Es geht um einen Bestatter, der erpresst wird und einen Auftragskiller anheuert, um seine Erpresser zu erledigen. Das Buch wird im nächsten Frühjahr erscheinen und ich kann es nur jedem ans Herz legen – es heißt Twilight, den deutschen Titel kenne ich leider noch nicht.

Was mein eigenes »Geschreibsel« angeht, so habe ich ja erst letztes Jahr wieder ein etwas längeres Werk veröffentlicht, den Kurzroman Frau Schmattloch ermordet ihren Mann an einem nebligen Frühlingstag, eine sehr schwarzhumorige Krimi-Groteske in der von mir herausgegebenen Anthologie Das Morden ist des Winzers Lust im Agiro Verlag, die Rheinland-Pfalz-Krimis enthält. Das Projekt entstand mehr aus Gefälligkeit, da ich mit dem Verleger Steffen Boiselle gut befreundet bin, aber der Band, und speziell meine Story kamen beim Publikum gut an, besonders auf Lesungen daraus, die ich in letzter Zeit absolviert habe, wo es teils sogar Szenenapplaus für besonders witzige Verwicklungen gab – da fühlt man sich dann ein wenig wie ein Popstar! Der Zuspruch ist ermutigend, daher hoffe ich natürlich, dass ich in absehbarer Zeit doch mehr Zeit zum Schreiben finde. Warten wir ab, was die Zukunft bringt. Ingrid Noll hat es mit sechzig zur Krimi-Bestsellerautorin gebracht – so gesehen habe ich ja noch reichlich Zeit!

Krimi-Couch: Vielen Dank für das Interview. Ich wünsche Ihnen auch weiterhin viel Erfolg in allen Bereichen, hochwertige Übersetzungen, und uns allen, dass es mit der Neuausgabe der fehlenden Chaingang-Bücher Rex Millers klappt!

Das Interview führte Jochen König.

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