Großstadtgeschichten über Leute mit Problemen am Hals

Horst Eckert über seinen Roman »Ausgezählt«, Gewalt im Krimi, schriftstellerische Freiheit und seine Zukunftspläne

Krimi-Couch: »Ausgezählt« hinterlässt aufgrund des umfassenden Korruptionsthemas einen dunklen Beigeschmack. Eine Anklage an Politik und die Polizei? Und beruhen die Korruptionsfälle innerhalb der Polizei auf realen Ereignissen wie der von Ihnen geschilderte Amoklauf?

Horst EckertHorst Eckert: Weder will ich anklagen noch aufklären, sondern möglichst spannend unterhalten. Und der Gedanke, dass die vermeintlich Guten (Ermittler, Ordnungshüter etc.) mit dem Verbrechen verstrickt sind, kann die Spannungsschraube eben noch etwas weiter drehen. In »Ausgezählt« hat mich interessiert, wie Bruno Wegmann, die Hauptfigur, mit den eigenen Kollegen in Konflikt gerät, von ihnen benutzt wird, keinem mehr trauen kann und schließlich die ganze Geschichte im Alleingang lösen will, wozu er natürlich viel zu klein ist.

Den Apparat der Polizei betrachte ich als eine Art Gesellschaft im Kleinen, in der die gleichen schmutzigen Mechanismen herrschen: Konkurrenz, Karrierestreben, Eitelkeit, Mobbing, Gier. In der Realität finden wir jede Woche haarsträubende Geschichten über Polizisten, Ermittler, Staatsanwälte und Politiker. Warum soll es dort keine schwarzen Schafe geben? Insofern entspricht mein Phantasieprodukt durchaus der Realität.

Krimi-Couch: Sowohl die Polizeiarbeit als auch die »Kambodscha-Mission« und das Boxen machen in »Ausgezählt« einen sehr genau recherchierten Eindruck. Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen?

Horst Eckert: Auf Recherche lege ich großen Wert. Man kann nur treffend und spannend über
etwas schreiben, was man kennt oder gründlich kennen gelernt hat. Ich war in Kambodscha und ich habe für »Ausgezählt« nicht nur Boxliteratur studiert, sondern war ein paar Mal beim Training und habe ausführlich mit Boxern gesprochen.

Weil meine Ermittler Polizisten sind, habe ich mehrfach Polizeibeamte in ihrem Arbeitsalltag begleitet, stehe in Kontakt mit einigen von ihnen, lasse sogar weite Passagen meiner Bücher von Kommissaren gegenlesen – im Fall von »Ausgezählt« von einem langjährigen Leiter von Mord- und Sonderkommissionen.

Das ist nicht Authentizität um der Authentizität willen, denn die Literatur muss sich schon aus dramaturgischen Gründen oft vom wirklichen Leben unterscheiden. Aber die Details müssen stimmen, denn sie tragen zur Spannung und zur Glaubwürdigkeit bei. Sie machen letztlich den Unterschied zu all den Klischees, die wir aus dem Fernsehen zur Genüge kennen.

Krimi-Couch: Wie reagieren die Kommissare auf Ihre Schilderung? So schlecht, wie die Polizei in »Ausgezählt« weg kommt, werden die Sie wahrscheinlich nicht lobpreisend beglückwünschen?

Horst Eckert: Erst ein einziges Mal hat mir jemand vorgeworfen, die Polizei zu »verunglimpfen«, und das war eine Unternehmer- und Kommunalpolitikergattin im Anschluss an eine Lesung. Über Dirty Cops in einem US-Krimi zu lesen, hätte sie wahrscheinlich in Ordnung gefunden, aber in einer Geschichte, die in Deutschland handelt, fand sie es (politisch) nicht korrekt.

Auch wenn es jetzt etwas hart klingt: Mit einer solchen Geisteshaltung wurden in den Dreißigern aus Deutschland die besten Schriftsteller vertrieben, während ein Friedrich Glauser in der Schweiz seine Wachtmeister-Studer-Krimis schrieb. Letztlich ist genau diese Haltung schuld daran, dass sich eine nennenswerte deutsche Krimitradition erst in den Sechzigern bilden konnte.

Vielleicht sind meine Romane auch deshalb so anstößig, weil ich auf Schwarzweißmalerei verzichte: Meine Hauptfiguren haben oft auch eine unmoralische Ader und umgekehrt kann der brutalste Verbrecher zum Beispiel ein liebender Familienvater sein. Das mag einige Leser verstören, aber solche Figuren interessieren mich nun mal mehr als andere.

Polizisten haben dagegen noch nie beleidigt auf meine Geschichten reagiert, im Gegenteil. Sie wissen um die moralischen Anfechtungen im Grenzbereich zwischen Recht und Verbrechen. Sie wissen um die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen und finden es durchaus spannend, wenn das Thema angesprochen wird. Polizisten legen auf etwas anderes viel größeren Wert: Sie wollen sich mit Romanfiguren identifizieren können, indem sie ihre eigenen Erfahrungen, Probleme und Ängste wieder finden. Ich beziehe mich jetzt auf die Polizisten, mit denen ich spreche. Es mag sein, dass es welche gibt, vielleicht unter den Chefs, die so denken wie die Dame, die ich erwähnt habe. Aber ich würde verdammt fade Geschichten erzählen, wenn ich darauf achten würde, bloß keinem weh zu tun.

Krimi-Couch: Sie sprechen es selbst an: Ihre Figuren lassen sich nicht in die Kategorien »gut« und »böse« einordnen, auch nicht Ihr Protagonist Bruno Wegmann. Wie er nahezu ohne Gewissensbisse einen potenziellen Erpresser vermöbelt, nur um seinen Kollegen einen Gefallen zu tun, zeigt dies deutlich auf. Inwiefern können Sie sich mit Wegmann in »Ausgezählt« identifizieren?

Horst Eckert: Gewissensbisse hat er tatsächlich und das Ereignis bildet den Wendepunkt in seinem Verhältnis zu den beiden Kollegen, die er zuvor als seine Freunde betrachtet. Aber ich stimme Ihnen zu: Was er tut, ist nicht immer in Ordnung. Wenn ich einen Roman schreibe, denke ich mir zuerst die Hauptfigur aus, einen Menschen mit Macken und Fehlern und oft auch einer verhängnisvollen Vergangenheit. Das ist dann kein geradliniger, unkomplizierter Mensch wie Sie und ich, aber es ist gerade deshalb reizvoll, als Autor mit dieser Figur zu fühlen und mich zu fragen: Wie würde würde Bruno Wegmann reagieren? Eine Figur wie Bruno ist gut für eine verblüffende Antwort auf diese Frage. Aber die Antwort muss zugleich glaubwürdig sein. Sie darf uns moralisch vor den Kopf stoßen, aber nicht logisch.

Weil ich mich in »Ausgezählt« im Unterschied zu den meisten früheren Romanen auf diesen einen Hauptcharakter beschränke (der Roman ist fast ausschließlich aus Brunos Sicht erzählt), bin ich bis in seine Kindheit zurück gegangen, um seine Labilität und sein bisweilen »falsches« Handeln nachvollziehbar zu machen. Nicht nur aufgrund äußerer Einflüsse kann Bruno eben nicht anders – ich hoffe, dass ich das vermitteln konnte.

Die Hauptfigur ist der Angelpunkt einer guten Geschichte und ein verletzbarer (und tief verletzter) Charakter wie Bruno interessiert mich mehr als der übliche glatte Serienheld.

Krimi-Couch: Also stand am Anfang ein Charakter, aus dem später Bruno Wegmann wurde? Und das Kambodscha-Abenteuer, das Boxen, der Drogen- und Antiquitätenhandel kamen erst später dazu?

Horst Eckert: Ja. Das ist die Art, wie ich vorgehe. Zuerst muss ich meine Hauptfigur kennen, dann überlege ich mir die Handlung. Dennoch ist der Plot nicht zweitrangig, sondern er dient dazu, die vielfachen Konflikte, die in meiner Figur angelegt sind, zur Eskalation und eventuell zur Lösung zu bringen. Die Hauptfigur entwickelt sich dabei weiter, überwindet Gegner und innere Traumata. Dabei bearbeitet mein Kommissar den Mord nicht, weil es sein Job ist, sondern weil der Fall ihn persönlich betrifft, weil er sich nur durch die Aufklärung aus seiner eigenen Verwicklung befreien kann. Obwohl meine Hauptfiguren Polizisten sind, sehe ich sie nicht als bloße Ermittler im klassischen Sinn.

Die Folge ist, dass ich auf einen Serienhelden verzichten muss, denn es wäre unglaubwürdig, ihn stets aufs Neue in gleicher Intensität mit dem Plot zu verweben.

Krimi-Couch: Damit haben Sie die nächste Frage praktisch schon beantwortet. Es wird also kein Wiedersehen mit Bruno Wegmann geben? Worauf darf der Leser sich denn dann freuen?

Horst EckertHorst Eckert: Im nächsten Roman wird Ela Bach, Chefin des KK11, eine größere Rolle spielen und neben ihr wird es eine völlig neue Figur geben. Meine Ideen dazu sind noch nicht so weit gereift, dass ich darüber reden könnte. Mein Anspruch ist, das Bestmögliche abzuliefern, und dafür brauche ich Zeit. Auf meinem Schreibtisch türmen sich Notizen und Skizzen und wenn es so weit ist, werde ich die tragfähigsten Ideen heraus filtern und dem nächsten Roman eine Struktur geben.

Bis dahin schreibe ich Kurzgeschichten, arbeite mal wieder für das Fernsehen (eine Reportage über den Einsatztrupp der Düsseldorfer Altstadtwache für den WDR) und bis Anfang 2003 werde ich einen Agatha-Christie-Roman für den Scherz-Verlag neu übersetzen – eine reizvolle Sache, weil Christies Stil so völlig anders als meiner ist.

Bruno Wegmann wird nicht aus der Welt sein, wie auch Thilo Becker und Benedikt Engel, der inzwischen Kriminalrat geworden ist. Die Hauptfigur des einen Romans taucht oft als Nebenfigur des nächsten wieder auf – wenn man will, ist das fiktive Düsseldorfer Polizeipräsidium, das ich »die Festung« nenne, mein Serienheld.

Krimi-Couch: Agatha Chrstie – Horst Eckert. Klassischer Krimi gegen den amerikanisch angehauchten »Hardboiled«. Lassen Sie sich in diese Schublade stecken?

Horst Eckert:»Gegen« jemanden lasse ich mich nicht in eine Schublade stecken und außerdem: was ist schon »Hardboiled«? Ich verbinde damit den abgebrühten Ton eines Chandler bzw. die Haltung seines Philip Marlowe. »Hart und amerikanisch« bedeutet mehr als ein halbes Jahrhundert später längst wieder etwas anderes.

Ich schreibe Polizeiromane und zugleich deutsche Großstadtgeschichten über Leute, die Probleme am Hals haben. Ich bemühe mich dabei um eine zweckdienlich flotte, schnörkellose Sprache und – was nach meiner Beobachtung im Krimi leider nicht immer gegeben ist – um einen spannenden Plot. Gewalt ist Thema, aber wegen ihrer Ursachen und Auswirkungen, nicht um ihrer selbst Willen. Wenn aber mit Härte ein Grad von Spannung gemeint ist, möchte ich tatsächlich gern der Härteste sein.

Krimi-Couch: Wenn Sie kritisieren, dass nicht jeder Krimi einen spannenden Plot hat – welche Gegenbeispiele würden Sie den Lesern empfehlen? Was gefällt Ihnen privat?

Horst Eckert:Das meiste von (in alphabetischer Reihenfolge) Michael Connelly, Jeffery Deaver, Sabine Deitmer, Gary Disher, James Ellroy, Robert Hültner, Andreas Izquierdo, H.P. Karr/Walter Wehner, Philip Kerr, Elmore Leonard, David Lindsey, Niklaus Schmid – ich könnte die Liste noch sehr lange fortsetzen.

Im letzten Jahr hat mir »Der Kameramörder« von Thomas Glavinic am besten gefallen, das Buch ist auch mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet worden. Unter den Klassikern verehre ich den rabenschwarzen Jim Thompson. Thomas Harris bewundere ich für Roter Drache, während ich finde, dass Hannibal eins der schlechtesten Bücher war, die ich je zu Ende las, gleich nach Mankells Hunde von Riga – ups, jetzt bin ich wieder ins Fettnäpfchen getreten. Also bitte keine Frage mehr nach Kollegen, die Leute sollen meine Romane lesen.

Krimi-Couch: Das werden sie – da bin ich mir sicher. Herr Eckert – vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte lft

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