Interview mit Frank Nowatzki

»Das sehe ich sportlich.«

Frank Nowatzki ist Chef von Pulp Master und verlegt laut FAZ die »außergewöhnlichste Krimireihe des Landes«. Er sprach mit Lars Schafft über die Entstehung des Verlages, den Begriff »Pulp« und warum die Themenauswahl bei gerade einmal drei Veröffentlichungen im Jahr besonders wichtig ist.

Krimi-Couch: Herr Nowatzki, herzlich willkommen auf der Krimi-Couch. In der dritten Folge unserer Serie über Klein- und Kleinstverlage widmen wir uns heute Ihrem Verlag Pulp Master, den man – ohne abwertend klingen zu wollen – sicherlich als solchen sehen darf.

Frank Nowatzki: Das würde ich auch so sehen, ja. Es ist ja auch so eine Geschichte, die alle Beteiligten weitgehend nebenbei machen. Es ist zwar schon relativ professionell organisiert, aber ich würde es eher als Kleinstverlag bezeichnen.

Krimi-Couch: Was machen sie hauptberuflich?

Frank Nowatzki: Hauptberuflich arbeite ich auch in einem Verlag, wenn auch einem Fachverlag: dem Erich Schmidt Verlag in Berlin. Da habe ich allerdings nichts mit den Projekten zu tun. Die Publikationen, viele Zeitschriften und E-Books, drehen sich um die Bereiche Recht, Wirtschaft und Steuern. Dort bin ich in der EDV-Abteilung tätig.

Krimi-Couch: Ist es hilfreich, nebenbei auch seinen eigenen Verlag aufzubauen?

Frank Nowatzki: Zeitlich ist es natürlich immer schwierig. Allerdings mildert ein ein fester Job natürlich das Risiko, das man hat.

Krimi-Couch: Pulp Master hatte ja auch schon eine Vergangenheit in einem anderen Verlag, bei Maas. Seit einigen Jahren sind Sie nun selbstständig.

Frank Nowatzki: Ich glaube, es ist nun schon etwas länger her. Die Vergangenheit innerhalb des Maas-Verlages war so etwas wie die Vorstufe, um eine Plattform zu schaffen. Erich Maas hatte als Kleinverleger damals die gleichen Erfahrungen wie ich gesammelt. Man hat schnell gesehen, dass man die Geschichte für alle Beteiligten interessanter gestalten kann, wenn man die Kräfte bündelt. Eine gemeinsame Plattform mit dementsprechend mehr Output macht es für Vertreter und Vertrieb natürlich einfacher. Das haben wir damals probiert. Es waren dennoch einzelne Konstrukte und steuerlich gesehen verschiedene Firmen.

Krimi-Couch: Wie kam es damals zu Pulp Master Nummer eins?

Frank Nowatzki: Meine ersten Erfahrungen habe ich Ende der Achtziger in Amerika gemacht, wo ich Fan der »Black-Lizard-Reihe« wurde. Mit denen hatte ich ein kleines Franchise-Projekt und habe hier sechs Bücher verlegt. Das hat damals aber nicht funktioniert, weil der Name »Black Lizard« an Random-House verkauft wurde. Danach musste ich mich also wieder neu sortieren, wollte aber dennoch mit dieser Idee weitermachen. Allerdings nicht alleine, weil der ganze Vertrieb und die Außendarstellung schon sehr aufwändig waren. Ich wollte mich lieber auf die Titel konzentrieren. Da kam Erich Maas natürlich wie gerufen, und ich konnte die abgewürgte »Black-Lizard-Reihe« als Pulp Master weiterführen.

Krimi-Couch: »Pulp Master« – der Name ist mehr oder weniger Programm. Es gibt schon einen roten Faden bei Ihnen, auch wenn »Pulp« nicht auf jeden Titel zutrifft.

Frank Nowatzki: Das hängt mit den Zutaten zusammen. Damals kam der Begriff »Pulp« durch Pulp Fiction in Mode, und wir mussten sowieso einen neuen Namen finden. Da haben wir uns den Begriff aufgesetzt, um zu zeigen, was dieser Begriff darüber hinaus bedeuten kann. Und wie Sie schon sagen, sind es immer nur kleine Zutaten, kleine Elemente. Man kann die Bücher nicht auf Pulp reduzieren.

Krimi-Couch: Wie würden Sie Pulp eigentlich definieren?

Frank Nowatzki: Ich würde Pulp schon über den ursprünglichen Begriff, der in den 50er und 60er Jahren aufkam, definieren. Die Bücher waren greller, Themen wie Sex und Gewalt wurden anders beleuchtet. Themen, die sonst eher verdrängt wurden, haben Pulp-Autoren mit eingebracht. So lässt sich der Faden immer weiter spinnen. Pulp geht dahin, wo man die Menschen noch ein wenig schockieren kann. Es ist aber keine richtige Literaturrichtung, eher einzelne Zutaten, »Trash-Effekte«.

Krimi-Couch: Wie hoch schätzen Sie den ganzen Noir, Pulp, Hardboiled – man könnte vielleicht sagen: Underground-Bereich – für das Krimigenre ein?

Frank Nowatzki: Es ist schwer einzuschätzen. Selbst die Bereiche, die Sie jetzt genannt haben sind ja Unterbereiche. Es gibt mit Sicherheit einen treuen Fankreis von »Noir«, ansonsten würde es Pulp Master ja auch nicht mehr geben, aber es ist dennoch ein Unterbereich. Große Auflagen sind damit wohl nicht zu machen.

Krimi-Couch: Macht Sie der Gedanke traurig, dass Sie mit Pulp Master vielleicht nie ganz nach vorne kommen werden?

Frank Nowatzki: Eigentlich nicht. Die Sache an sich und die Autoren, mit denen ich zusammen arbeite sind viel zu interessant. Wenn ich mit Kollegen aus anderen Häusern spreche, die mehr auf den Mainstream ausgerichtet sind und für den Chef gewisse Quoten zu erfüllen haben, merke ich, dass die an ganz anderen Problemen zu beißen haben. Ich kann im Prinzip machen, was ich will und was mir gefällt. Ich muss nur aufpassen, dass ich mich nicht übernehme, und dass die Reihe in sich geschlossen rund läuft.

Krimi-Couch: Wie kann so eine Reihe denn geschlossen bleiben? Wenn man sich die Autoren anguckt, findet man zum Beispiel Derek Raymond, der schon lange vergriffen ist und unglaubliche Preise auf dem Second-Hand-Buchmarkt erreicht. Man findet Charles Willeford, von dem wir wahrscheinlich auch nichts Neues mehr lesen werden, es sei denn eine neue Übersetzung. Dann aber auch deutsche Autoren: Thor Kunkel, Buddy Giovinazzo, den man unter anderem als Tatort-Regisseur kennt, Garry Disher, der als Taschenbuch bei Knaur erscheint und mit einer anderen Reihe beim Unionsverlag. Was hält diese Autoren zusammen?

Frank Nowatzki: Es sind alles Autoren, die meiner Meinung nach in so eine Reihe gehören, die nach allen Seiten offen ist. Es sind verschiedene Autoren, die alle auf ihre eigene Weise Noir- oder Hardboiled-Elemente in ihren Büchern verarbeiten und alle ihre eigene Schreibe und Weltanschauung haben. Sie kommen nicht unbedingt als Genre-Schreiber daher, sondern versuchen Themen mit den besagten Krimizutaten literarisch zu lösen.

Krimi-Couch: Teilen Sie die Anschauung, die diese Bücher auf die Welt bieten?

Frank Nowatzki: Auf jeden Fall! Es sind Bücher, die mir aus der Seele sprechen, und eine Weltanschauung, die mich je nach Thema aktuell interessiert. Man muss sich das so vorstellen: Wir haben nur begrenzte Kapazitäten. Wenn alles glatt läuft, schaffen wir vielleicht drei Bücher im Jahr. Da darf man sich thematisch nicht groß wiederholen. Ich will die Themen schon abarbeiten und nebeneinander stellen, damit die ganze Reihe auch eine Aussage hat.

Krimi-Couch: Welche Rolle spielen denn Ihre ganz besonderen Cover?

Frank Nowatzki: Die spezielle Covergestaltung war damals eine Idee von Erich Maas, der den Künstler 4000 aus Hamburg kannte. In den 80ern war ja gerade das Revival dieser Retro-Pulp-Kunst im Kommen, und wir haben uns mit dem Künstler zusammengesetzt, um genau das zu vermeiden. Wir wollten uns ja inhaltlich und sprachlich von diesem Revival-Kram absetzen. Er hat dann versucht, künstlerisch die grellen »Sex and Crime«- Elemente zeitgemäß umzusetzen. Die Cover haben natürlich einen enormen Wiedererkennungswert und sind über die Jahre Klassiker geworden. So sehe ich das zumindest. Es wurde an dem Konzept ja nichts geändert, und die ganzen Cover nebeneinander sind halt schön anzuschauen.

Krimi-Couch: In den Buchhandlungen heben sie sich mit Sicherheit ab. Aber wie schwierig ist es für Sie, überhaupt in den Buchhandlungen zu landen?

Frank Nowatzki: Das ist nach wie vor schwierig. Wobei wir mit Pulp Master sicher andere Probleme haben als andere junge Independent-Verlage. Wir bedienen sicher eine Nische, und einige Buchhändler haben sich mittlerweile auch auf Krimis spezialisiert. Ich arbeite mit einem Vertreterteam zusammen, das auf der website www.indiebook.de ein spezielles Portfolio zusammengestellt hat. Es sind ein paar Krimiverlage dabei und andere Verlage aus dem Independent-Bereich. Und so versucht man, die Nischen im Buchhandel zu erobern.

Krimi-Couch: Das Internet wird dann wohl auch immer wichtiger, gerade wenn man eine Nische bedient. Da bieten sich doch E-Books an. Wäre es nicht einfach, zu sagen: Wir bringen zum Beispiel die vergriffenen Derek Raymonds »mal eben« als E-Book raus?

Frank Nowatzki: Vergriffene Titel wollte ich eigentlich immer wieder mal als Nachdruck bringen. Allerdings wusste ich nie genau, wie die Nachfrage aussieht. Mit dem Thema »E-Book« habe ich mich bislang noch nicht ernsthaft beschäftigt, weil die Auflagen doch sehr klein sind, und ich nicht genau weiß, inwiefern damit Schindluder getrieben wird. Stichwort »E-Book-Piraterie«. Aber wie gesagt, damit habe ich mich bislang noch nicht befasst. Ich fürchte, wenn damit etwas schiefgeht, könnte es gleich den ganzen Verlag gefährden.

Krimi-Couch: Wie kommen Sie denn an Ihre neuen Titel? Dass man an Autoren wie Garry Disher dran bleibt, ist toll. Aber wie kommen Sie an Autoren wie Buddy Giovinazzo oder Paul Freeman?

Frank Nowatzki: Das läuft über verschiedene Kanäle. Mal über Agenten, mal über Tipps oder spezielle Fanzines. Mittlerweile hat es ich aber schon rumgesprochen, dass es Pulp Master gibt. Wenn der italienische Autor Angelo Petrella ein Buch mit dem Titel »Nazi Paradise« macht, dann sucht man gar nicht mehr lange, sondern spricht uns gleich an.

Krimi-Couch: Ist Ihnen es schon passiert, dass Ihnen ein großer Verlag einen Autoren vor der Nase weggeschnappt hat?

Frank Nowatzki: Eigentlich nicht, weil ich ja derjenige bin, der die unbekannten Autoren quasi aus dem Topf zaubert. Erst wenn Pulp Master die Vorarbeit geleistet hat, und die Autoren gute Presse bekommen, dann werden sie für die großen Verlage interessant.

Krimi-Couch: Suhrkamp hat dieses Jahr aber einen Titel von einem Autoren gebracht, den Sie dieses Jahr auch noch bringen wollen: Dave Zeltserman.

Frank Nowatzki: Das ist wieder eine andere Geschichte. Eigentlich war ich schneller am Ball und habe mir die Rosinen gesichert. Der Autor hat in seiner »Erfahrungsphase« die Weltrechte einiger Werke verkauft. Die wurden richtiggehend verschachert. Die Rechte an den Werken, an denen ihm etwas lag, hat er dann mit seiner Agentin selbst vergeben. Da ich direkt den Kontakt zu ihm gesucht habe, bin ich da herangekommen. Es ist klar, dass ich bei einem Autoren, der vielleicht zehn Romane geschrieben hat, nicht gleich die ganze Backlist belegen kann. Mir kommt die Veröffentlichung bei Suhrkamp auf jeden Fall gelegen. Man muss als Autor natürlich von etwas leben, und Interesse von einem Verlag wie Suhrkamp kann dem Namen »Zeltserman« nur gut tun. Genau so wie die Teilung bei Garry Disher mit dem Unionsverlag.

Krimi-Couch: Kommen wir einmal zurück zu Ihnen. Sie kommen nicht gerade aus der klassischen Verleger-Familie oder aus dem Verleger-Milieu?

Frank Nowatzki: Gar nicht. Ich komme eigentlich aus einer Arbeiterfamilie und habe meine Jugend in der Punkszene verbracht. Ich bin dann ordentlich in der Welt herum gekommen und bekam von Freunden ein Buch von Willeford in die Hand gedrückt. Und damit ging es eigentlich los. Weil ich eine Ausbildung als Verlagskaufmann gemacht habe, war das Thema »Verlegerei« für mich natürlich nicht völlig utopisch. Ich war noch jung genug und wusste, dass ich noch was anderes hätte machen können, sollte die ganze Idee in die Hose gehen. Ich habe es dann ausprobiert, und natürlich ist es in die Hose gegangen! So wie ich es mir vorgestellt habe, ging es eben nicht. Aber jetzt mit Hilfe des Internets, das eine Plattform möglich macht, die kein Brot frisst, und mit einem festen Job, der das Leben für die Familie sichert, kann man so etwas natürlich machen.

Krimi-Couch: Sie haben wahrscheinlich die Diskussion um die Regionalkrimis verfolgt, die zur Zeit tobt. Macht es Sie nicht wütend, wenn Sie sehen, dass ein schrottiger Autor, nur weil auf seinen Büchern zum Beispiel »Allgäu« steht, eine zehn mal höhere Auflage erreicht als ein literarisch höchst anspruchsvoller Disher?

Frank Nowatzki: Das sehe ich eigentlich sportlich. Man kann den einen mit dem anderen nicht vergleichen. Diese Nischenkrimis landen nicht in der FAZ. Ich dagegen habe das Glück, dass das ein oder andere unserer Bücher dort positiv aufgenommen wird. Die verkaufen mehr, dafür ist meine Reputation besser.

Krimi-Couch: Sie würden also die Krimileser nicht verdammen, dass sie Ihre Bücher nicht lesen?

Frank Nowatzki: Ich weiß ja auch selbst, dass das ein ziemlich spezieller Geschmack ist. Das ganze Genre ist mittlerweile so facettenreich, dass es für alle möglichen Leute das passende Produkt bietet. Wenn jemand Urlaub macht und auf die Schnelle einen Allgäu-Krimi lesen will, warum nicht? Mein Geschmack ist es nicht, aber es ist doch gut, dass es das gibt.

Krimi-Couch: Was dürfen wir als nächstes von Pulp Master erwarten?

Frank Nowatzki: Als nächstes kommt Tödliche Injektion von Jim Nisbet. Das ist schon länger angekündigt, aber bei uns dauert es halt etwas länger bis zur Realisierung eines Projekts. Das Buch habe ich damals schon in der Black-Lizard-Reihe gemacht, und es erscheint jetzt in einer Neuübersetzung. Damit kommt auch die ganze sprachliche Finesse raus, die damals aufgrund mangelnder Erfahrung noch flöten gegangen ist. Damals hat man dieses Buch im Krimi-Boom einfach nur als Krimi gelesen und gewisse Stellen, wo es richtig ans Eingemachte geht, einfach glattgebügelt. Da haben wir uns den Luxus gegönnt und ihn neu übersetzt. Danach geht es mit Piss in den Wind, dem neuen Roman von Buddy Giovinazzo weiter. Gleichzeitig erscheint auch sein Debüt Cracktown in überarbeiteter Version.

Krimi-Couch: Herr Nowatzki, vielen Dank für das Interview und schöne Grüße nach Berlin.

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