»Was ist eine Powerfrau?«

Die österreichische Krimi-Autorin Eva Rossmann über Kochen und Krimis, literarische Vorbilder und ihren neuen Roman »Wein und Tod«

Anlässlich der Vorstellung Ihres neuen Romans in der Thalia-Buchhandlung in der Wiener Mariahilfer Straße sprach die Krimi-Couch mit der Autorin Eva Rossmann:

Krimi-Couch: Sie kochen bei Manfred Buchinger, machen Lesungen und Signierstunden, Sie recherchieren sehr ergiebig und exakt. Wann bleibt Ihnen eigentlich die Zeit Ihre Krimis zu schreiben? Und wie gehen Sie dabei vor. Schreiben Sie nach einem exakten Storyboard diszipliniert Kapitel um Kapitel oder doch eher wochenlang nach Gefühl und intuitiv?

Eva Rossmann: Grundsätzlich glaube ich, dass jeder Mensch so viel Zeit hat, wie er sich nimmt. Und meine Krimis sind mir nun einmal wichtig, also habe ich auch Zeit dafür. Wie ich meine Krimis schreibe? Zuerst einmal denke ich bloß, suche mir ein Szenario, das mich interessiert, überlege, was Mira und Vesna hier erleben könnten, wie sie in die Umgebung passen, denke mir dann die anderen Figuren aus, überlege, wer die Leiche sein könnte, wer der Täter und warum die Rollen so verteilt sind. Das spielt sich alles im Kopf ab, selten (vielleicht zu selten) schreibe ich etwas auf. Ich glaube, was ich mir merke, ist gut und den Rest vergesse ich eben. Wenn sich im Kopf also so ein Grundgefühl für die Handlung gebildet hat, setze ich mich nieder und schreibe einen Handlungsfaden: Jedes Kapitel wird kurz skizziert, da geht es auch um solche Dinge wie Spannungsbogen und Dramaturgie.

Mit diesem Handlungsfaden schreibe ich dann die Rohfassung, dabei wird der Handlungsfaden immer wieder etwas verändert: beim Schreiben fällt mir eben noch etwas ein, oder ich merke, dass ich irgend ein Detail aus dem Handlungsfaden nicht brauche, anderes schmücke ich mehr aus. Dann lasse ich die Rohfassung einige Wochen liegen, um wieder ein bisschen Distanz zu bekommen.

Phase vier ist das Überarbeiten: Immer wieder kritisch über den Text drüber, bis ich das Gefühl habe, jetzt darf er das Haus verlassen.

Krimi-Couch: Nach »Ausgekocht« scheinen Sie auf den Geschmack gekommen zu sein und haben Ihre Kochausbildung so perfekt voran getrieben, dass Sie heute im Lokal von Manfred Buchinger mit Hauben dekoriert kochen dürfen. Ihre Recherchen zu »Wein und Tod« waren so umfangreich, dass man annehmen muss, dass demnächst eine Ausbildung zum Önologen ins Haus steht. Obwohl Ihnen nach eigenen Aussagen die Zeit dafür momentan nicht reicht, darf der Leser dann vielleicht mit einer Cuvee »Mira Valensky« rechnen?

Eva Rossmann: Ich habe gemeinsam mit meinem Mann einige Jahre lang einen Weingarten besessen. Wir haben alle händischen Arbeiten gemacht und ein Freund von uns das, wofür Maschinen notwendig sind. Was ich vor allem gelernt habe: Weinbau ist eine wunderschöne, aber auch eine ganz schön fordernde Arbeit. Man ist eben ziemlich wetterabhängig. Und das wird dann manchmal zum Stress, wenn man auch eine ganze Menge anderes zu tun hat. Aber zu meinen besten Freunden gehören Gerda und Joschi Döllinger, großartige Winzer aus meinem Dorf, mit ihnen lebe ich quasi mit, was im Weinjahr zu tun ist – und habe das ja auch in meinen Krimi hineinverflochten.

Was mich mehr reizen würde, ist eine Ausbildung zum Sommelier, ich verstehe nur sehr eingeschränkt auf einigen Gebieten etwas vom Wein und würde es gerne viel besser, viel genauer wissen …

Krimi-Couch: Sie haben für SOKO Kitzbühel ein Drehbuch geschrieben. Und wie ich zufällig einem (unabsichtlich mitgehörten) Dialog entnehmen durfte, reizt Sie das Metier des Drehbuchschreibens. Dürfen wir demnächst mit einer TV-Serie oder einem Kinofilm über Mira Valensky rechnen? Oder wird der von Alfred Komarek in den Ruhestand geschickte Gendarm Polt als Gast bei Mira und Vesna aufkreuzen? Erwin Steinhauer, der Parade-Polt, der Ihre Lesung mit großem Interesse verfolgt hat, würde doch in dieses weinviertlerische Ambiente sehr gut passen.

Eva Rossmann: Für SOKO Kitzbühel hab ich schon zwei Drehbücher geschrieben und das macht mir Spaß. Es gibt auch ein fertiges Drehbuch zu »Ausgejodelt«, der ORF hat es bei mir bestellt, aber leider gab es in den letzten Jahren kein Produktionsbudget dafür. Ich hoffe noch immer darauf …mit dem Erwin Steinhauer würde ich sehr gerne einmal etwas machen, er ist ein großartiger Schauspieler, so gesehen ist es fast schade, dass Mira und Vesna Frauen sind …(aber nur so gesehen!) – und da ich nicht eben an Ideenmangel leide, wird ja vielleicht noch einmal etwas daraus …

Krimi-Couch: Bevor Sie mit dem Krimi schreiben begonnen haben, haben Sie sich auch schriftstellerisch mit dem Thema »Frau und Kirche« befasst. Bislang hat sich Mira Valensky nicht in klerikalen Kreisen bewegt. Bleibt die Kirche bewusst ein kriminalistisches Tabuthema oder werden Sie dem gegenwärtigen Modetrend zu pseudoreligiösen Themen Tribut zollen?

Eva Rossmann: Sie haben Recht, das Thema hab ich als Sachbuch »Die Angst der Kirche vor den Frauen« abgehandelt, als Krimiszenario bieten sich die katholische Amtskirche zwar immer wieder genauso an wie irgendwelche sektiererischen Organisationen, aber ich recherchiere lieber dort, wo ich gerne bin – also glaube ich, wird derartiges nur eher am Rande vorkommen, wie ja auch in »Wein & Tod« mit den »Kindern der Natur« und der alten Weinbäuerin, für die es Gotteslästerung ist, wenn man Trauben herunterschneidet, um die Qualität zu verbessern.

Krimi-Couch: Mira Valensky ist in vielen Dingen ein Abbild von Eva Rossmann, sei es die berufliche Vielfalt oder der Hang zum guten Kochen und Genießen. Eine zentrale Figur in allen Rossmann-Krimis ist Vesna Krajner. Hat auch sie ein konkretes Vorbild oder verkörpert sie nur die »anderen« Seiten der Eva Rossmann?

Eva Rossmann: Mira Valensky und ich haben viele Details gemeinsam (das macht einfach das Schreiben und Einfühlen leichter), aber charakterlich gibt es schon eine Menge Unterschiede …sie könnte eine gute Freundin von mir sein, das beschreibt unser Verhältnis wohl am besten. Vesna ist mir einfach passiert, ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf sie gekommen bin – vielleicht weil ich mir eine Putzfrau und Freundin wie sie wünsche?

Krimi-Couch: Wenn man sich mit den Rezensionen zu Ihren Krimis beschäftigt, werden immer wieder Vergleiche mit Stephanie Plum von Janet Evanovich oder Vic Warshawski von Sara Paretsky heran gezogen. Tatsache ist allen Damen, dass es sich hier (zumindest aus männlicher Sicht) um Powerfrauen mit einem leichten Hang zum Chaos handelt. Stören Sie solche Vergleiche?

Eva Rossmann: Natürlich stört mich das nicht, ganz im Gegenteil, ich fühle mich geehrt. Vor allem Vic Warshawski ist eine großartige Krimifigur, ich habe alle Bände gelesen. Die Frage ist: Was ist eine Powerfrau? Ich sehe weder Mira noch Vic so. Es sind selbstständige Frauen, die sich durchs Leben schlagen, manchmal zweifeln, seltener fast verzweifeln, neugierig bleiben und einen Sinn für Humor haben.

Krimi-Couch: Ein Salzburger Kritiker hat zu »Wein & Tod« angemerkt, dass das einzig Interessante an Ihrem nächsten Krimi die Frage sein wird, wie Kater Gismo den Freiheitsentzug vom Leben am Winzerhof zurück in die Stadtwohnung übersteht. Interessieren Sie Kritikermeinungen überhaupt und wie weit haben sei Einfluss auf ihre schriftstellerische Tätigkeit?

Eva Rossmann: Ach so? Ich hab es zum Glück nicht gelesen. Denn natürlich interessieren mich Kritikermeinungen, ebenso wie alle anderen Reaktionen, die ich bekomme. Meistens hört man ja nur das Positive, mit dem Kritischen oder Negativen umzugehen, fällt mir nicht immer ganz leicht. Ich versuche mir dann zu überlegen, ob an der Kritik etwas dran ist, oder nicht (gibt es ja auch, gerade bei mir, die ich auch in feministischen Zusammenhängen bekannt geworden bin, da mögen mich gewissen Menschen eben einfach nicht). Einfluss auf meine Arbeit haben Kritikermeinungen kaum, eher auf mein Momentanbefinden.

Krimi-Couch: Bei einigen Schriftstellern hat man den Eindruck, sie hätten Stichzettelsammlungen für ihre Ideen und bauten diese geistigen Momente auf Teufel komm raus in ihre Handlungen ein. Wo und wann kommen Ihnen die Ideen und vor allem humoristischen Inhalte zu Ihren Büchern und wie spontan halten sie diese fest?

Eva Rossmann: Wie schon gesagt, ich schreibe sehr lange gar nichts auf und vergesse gewisse Ideen daher auch wieder (was wahrscheinlich auch gut ist). Die humoristischen Elemente meiner Bücher haben meist mit Situationskomik zu tun oder mit Selbstironie von Mira, das ergibt sich spontan beim Schreiben, ich bin noch nie auf die Idee gekommen, mir vorab einen »Gag« aufzuschreiben – »Gags« fallen mir glaube ich auch sehr schwer ein, ich bewundere Menschen, die auf Befehl etwas Witziges aus dem Ärmel schütteln oder zu Papier bringen können.

Krimi-Couch: Jeder, der sich mit Schreiben beschäftigt, weiß, dass manchmal überhaupt nichts geht, kein Satz kommt, kein Wort zusammen passen will und jede Wendung holpert. Gibt es bei Ihnen auch solche kreativen Aussetzer und haben Sie keine Angst vor einer Schreibblockade?

Eva Rossmann: Natürlich gibt es solche Aussetzer, aber die gilt es eben auszusitzen, ganz wortwörtlich, ich zwinge mich dann, am Computer hocken zu bleiben und weiter zu schreiben und denke mir, wenn es Mist ist, dann werfe ich ihn eben am nächsten Tag weg. Und irgendwie geht es dann weiter .

Vor einer generellen Schreibblockade habe ich keine Angst, dazu schreibe ich zu gerne und mir fällt zuviel ein. Es geht eher um die Disziplin dran zu bleiben, dich einzulassen, nicht davon zu laufen um irgend etwas anderes zu tun (ich bin keine, die sehr gerne Stundenlang an einem Ort sitzt) oder um in der Sonne zu liegen …

Krimi-Couch: Wenn man beobachtet, wie vielseitig sie beim Schreiben, Kochen etc. sind, müssten Sie eigentlich einen 25-Stunden-Tag haben. Bleibt da noch Zeit für andere Hobbys?

Eva Rossmann: Ich mache das, was mir wichtig ist und das mir Freude macht. Bei anderen sind Schreiben, Lesen, Kochen Hobbys. Ich habe das Glück, dass sie mein Beruf sind. Aber klar habe ich auch noch etwas Zeit daneben: Ich laufe, ich betreue meinen Gemüsegarten (na ja, nicht immer perfekt), ich lese, ich fahre auf Urlaub, gehe gern gut essen, treffe mich mit Freundinnen und Freunden – wie schon zu Beginn gesagt: Die Zeit ist da, die Frage ist immer nur, wofür ich sie mir nehme.

Krimi-Couch: Damit glaube ich, dass ich Sie genug gequält habe. Besten Dank, dass Sie sich für dieses Interview Zeit genommen haben.

Eva Rossmann: Danke! Es waren super Fragen und es hat Spaß gemacht, sie zu beantworten!

Das Interview führte Wolfgang Weninger.

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