Interview mit Dror Mishani

»Traue keinem Ermittler!«

Der israelische Autor und Literaturwissenschaftler Dror Mishani sprach mit Lars Schafft über seinen Debütroman Vermisst, den ersten in der Avraham-Avraham-Reihe, gute und schlechte Kriminalliteratur, und warum man nichts alles, was man liest, für gegeben halten solle.

Krimi-Couch: Herr Mishani, Vermisst ist Ihr Debut-Roman. Mehr als ein Mal lesen wir in ihm, dass es gar keine hebräischen Krimis gebe. Nun gibt es sie, dank Ihrem Buch. War es Ihre Aufgabe, dieses Problem zu beheben?

Dror Mishani: Das bin nicht ich, der das behauptet. Das ist Avi. Wir wissen ja, dass er nicht immer Recht hat. Er übertreibt da ein bisschen, es gab schließlich einige gute hebräische Krimis (insbesondere natürlich Batya Gur), aber eben nur ein paar wenige. Ich hoffe wirklich, dass die Avraham-Reihe eine literarische Krimi-Serie wird, die dem Genre in Israel etwas gibt, überall etwas gibt.

Krimi-Couch: Können Sie bitte »literarische Krimi-Serie« erläutern? Was bedeutet hier »literarisch«?

Dror Mishani: Gute Frage. Ich glaube, dass hat etwas mit dem Ziel des Schreibens zu tun. Ich habe nicht versucht, einen Page-Turner zu schreiben. Ich habe versucht, Literatur zu schreiben und dabei das Genre Krimi benutzt. So viel zu mir. Ein literarischer Krimi ist ein Roman über Verbrechen, aber nicht nur über Verbrechen (auch über die Gesellschaft, über Sprache, über Literatur, über das Genre an sich).

Krimi-Couch: Für mich ist Vermisst eine Art postmoderner Kriminalroman. In manchen Kapitel dreht sich alles um Literatur an sich, gerade da, wo Seev und Michael aufeinandertreffen. Sie sagen, dass Sie »versuchen, Literatur zu schreiben«, wohin gegen Michael, Seevs Dozent in seinem Schreibkurs, immer wieder betont: »Schreibt keine Literatur, erzählt Geschichten!« Wie passt das zusammen?

Dror Mishani: Wie ich schon sagte: Ich stimme nicht mit allem überein, was meine Charaktere sagen oder tun (insbesondere bei den Mördern!). Einen Krimi zu schreiben ist Literatur zu schreiben, freilich nach einem bestimmten Schema. Michael wäre auch dagegen. Er ist ein arroganter Autor und ich bin sicher, dass er keine Krimis liest! Er ist also definitv nicht wie ich. Was Ihre Definition eines postmodernen Kriminalromans angeht – das müssen Sie selber entscheiden. Wo ich Ihnen Recht geben kann: Es ist ein Kriminalroman, in dem es auch um Kriminalromane geht.

»Ich habe schon als Kind Krimis gelesen.«

Krimi-Couch: Manche Stellen haben mich ans »Golgen Age« erinnert, was diese Anspielungen und das »Spiel« mit dem Genre angeht. Hätte eigentlich nur noch John Dickson Carr´s Satz »Weil [...] wir uns in einer Kriminalgeschichte befinden; und wir können keinen Leser damit täuschen, indem wir so tun, als wäre das nicht so.« (Der verschlossene Raum, 1935) gefehlt. Worauf ich hinaus will: Sie haben einen ganz besonderen Hintergrund in Bezug auf Kriminalromane.

Dror Mishani: Wie die meisten Krimiautoren fing auch ich als begeisterter Leser an, schon sehr früh mit Doyle und Christie. Als Kind konnte mich davon nur abhalten, wenn es zu schwierig war, Nachschub in der örtlichen Bibliothek zu bekommen, da es nur sehr wenig auf Hebräisch gab. Später als Student wollte ich meine Doktorarbeit darüber schreiben. Aber das war alles nur eine Vorbereitung auf mein jetziges Schreiben meiner Krimireihe und Vermisst. Das mag ich an dem Genre: Man ist nicht auf sich allein gestellt. Avi ist erst gerade dabei, in der wunderbaren Gallerie von Ermittlern aus aller Welt einen Platz zu finden.

Krimi-Couch: Worum ging es in Ihrer Dissertation genau?

Dror Mishani: Was mein akademisches Schreiben angeht: Ich habe meine Magisterarbeit über etwas anderes geschrieben, nämlich über die Entwickklung der Mizrahi (orientalische Juden) als ein Thema in israelischer Literatur. Meine Doktorarbeit sollte sich um die Geschichte des Kriminalromans beschäftigen – aber ich werde sie nie zu Ende schreiben. Momentan leite ich ein Seminar darüber an der Universität von Tel Aviv (und noch einige Workshops zum Thema Schreiben).

Krimi-Couch: Avi Avraham ist für mich eine ganz besondere Figur in dieser Galerie: Er trägt Uniform, raucht wie ein Schlot, leidet mehr oder weniger unter der Kombination des gleichen Vor- und Nachnamens und vor allem ist er keiner dieser Genies des Genres. Wie haben Sie diesen Charakter entwickelt?

Dror Mishani

Dror A. Mishani ist Lektor für israelische Literatur und international Krimis (z. B. Henning Mankell) bei Keter Books in Jerusalem und Literaturprofessor, spezialisiert auf die Geschichte der Kriminalliteratur. [Quelle: Hanser Verlag]

Dror Mishani: Das erste, was ich noch vor dem Schreiben von Avi wusste ist, dass ich einen Ermittler wollte, dem es mehr um Unschuld denn Schuld geht.

Die meisten Ermittler sind auf der Suche nach Schuldigen und bei Ihrer Suche beschuldigen sie die ganze Welt. Denken Sie nur an Poirot und die klassischen Detektivgeschichten: Es gibt einen Mörder, vielleicht, aber alle anderen Charaktere sind Verdächtige. Und manchmal auch Mörder! Siehe Mord im Orientexpress.

Ich wollte einen komplett gegensätzlichen Ermittler – einen, der daran glaubt, dass die Menschen unschuldig sind. Das macht ihn manchmal ein wenig »blind« – weil natürlich nicht alle unschuldig sind, aber so wollte ich ihn für den Anfang haben.

Im zweiten Roman, A Possibility of Violence, ist er schon ein bisschen anders – und im dritten (den ich gerade begonnen habe) noch mehr. Ich möchte aber, dass diese »Sehnsucht« nach Unschuld ein Teil von ihm bleibt, auch wenn es ihn manchmal weniger geniehaft erscheinen lässt.

Nebenbei: Was das Rauchen angeht, war ich ein sehr starker Raucher und für mich war klar, dass mein Ermittler das auch sein würde. Genau vor einem Monat hörte ich auf – Avi raucht weiter – und ich finde es sehr schwierig, über einen Kettenraucher zu schreiben, während ich selbst versuche, eben nicht zu mehr zu rauchen!

Krimi-Couch: Gibt es mehr Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und Avi?

Dror Mishani: Ja, da gibt es noch ein paar: unser Verhältnis zu unseren Eltern, vielleicht unser Liebesleben, obwohl er manchmal eine Extremversion von mir ist. Er ist andererseits aber auch jemand, der ich gerne sein möchte. Ich beneide ihn zum Beispiel um seinen Beruf.

Krimi-Couch: Wir wissen ja beide, dass die Arbeit eines Kommissars meistens doch eher monoton ist – so lange er nicht Hauptfigur in einem Kriminalroman ist. Was macht diesen Beruf für Sie so interessant?

Dror Mishani: Ich kann mir diese Arbeit aber nur aus Kriminalromanen vorstellen, wo sie fast glanzvoll wirkt (sogar Avis). Auch wenn ich nichts lieber mache als Schreiben (zumindest als Arbeit), kann das manchmal auch monoton sein. Und die Arbeit eines Kommissar ist für mich außerdem bedeutsamer.

Krimi-Couch: Auch wenn Avis Job durchaus einnehmend ist, liest er in seiner Freizeit nicht nur Krimis, sondern versucht dabei auch noch ein besserer Ermittler als der im Buch zu sein. Sein Hobby verschmilzt mit dem Beruf, er ist ein Rund-um-die-Uhr-Ermittler.

Dror Mishani:  Ja, in diesem Sinn ist er der geborene Ermittler: Es gibt da etwas, was er nicht versteht und er versucht dahinter zu kommen. Im Gegensatz zu anderen Ermittlern, den Genies, ist die Welt für ihn auf eine bestimmte Weise unklar, eingeschlossen die Menschen, die er liebt, eingeschlossen er selbst.  Bezüglich dieser Unklarheit hat er ein doppeltes Verlangen: Er möchte etwas verstehen, hat aber auch Angst vor dem, was er dann versteht.

Was das Lesen angeht, sind Avi und ich uns auch ähnlich. Ich habe ihm meine These, dass alle literarischen Ermittler falsch liegen, mit auf den Weg gegeben: Man kann jeden Krimi so lesen, dass eine andere Lösung als die vorgegebene die richtige ist.

Krimi-Couch: Das klingt interessant! Nun, in Vermisst gibt es am Ende ja diesen Twist, dass Avi vielleicht ebenfalls falsch lag, was ihre Theorie  untermauert. Gibt es denn noch andere Beispiele, die Sie beim Lesen von Kriminalliteratur – sei es zum Spaß oder aus akademischen Gründen – entdeckt haben?

Dror Mishani: Natürlich! Ich kann beweisen, dass dies der Fall in jedem guten Kriminalroman ist, angefangen von Poes The Man in the Crowd bis heute. Avi gibt dafür in Vermisst ein sehr gutes Beispiel: Poirots ersten Fall, wo er eine unschuldige Person aus rein persönlichen Gründen beschuldigt.

Krimi-Couch: Ist das eine weitere These: Traue keinem Autor? (Was wiederum Richtung Postmoderne ginge)

Dror Mishani: Nein, vielmehr muss es heißen: Traue keinem Ermittler! Ich glaube, dass die Autoren sich nicht immer bewusst sind, dass ihre Ermittler sie hereinlegen, »hinter ihren Rücken«. Auf der anderen Seite haben Sie Recht, auch dem Autor sollte man nicht glauben. Was nur herausstellt, was schon von Anfang an des Genres eine der Kernfragen war, nämlich die nach Vertrauen (auf persönlicher Ebene, auf politischer, sogar auf einer metaphysischen): Wem vertrauen wir oder wem glauben wir? Und sollen wir ihnen wirklich trauen? Die Detektivgeschichte sagt einem oberflächlich betrachtet, man solle dem Detektiv trauen (manchmal auch direkt, wie Watson und Holmes). Genauer betrachtet fragt sie aber auch: »Warum traust du ihm wirklich?« Schließlich ist er drogenabhängig, emotional instabil, und lügt jede Menge, beispielsweise über seinen eigenen Tod, auf Holmes bezogen.

»Ich hatte während des Schreibens eine große «Krise», als ich ein paar Tage Angst hatte, dass mein Roman «verloren» ist (oder dass ich mich in ihm verloren hatte).«

Krimi-Couch: Ich vermute, dass es durchaus riskant war, einen Krimi mit Ihrem akademischen Hintergrund zu schreiben, man hätte Sie als Besserwisser betrachten können. Hatten Sie während des Schreibens Zweifel an Ihrem Roman?

Dror Mishani: Um ehrlich zu sein: Ich hatte während des Schreibens eine große »Krise«, als ich ein Paar Tage Angst hatte, dass mein Roman »verloren« ist (oder dass ich mich in ihm verloren hatte). Als ich das überstanden hatte, fühlte ich, dass ich eine gute Geschichte schreiben würde. Tatsächlich hatte ich Zweifel, ob sich Leser dafür finden würden: Die israelische Leserschaft ist nicht sonderlich interessiert an Kriminalromanen und die Amerikaner und Europäer bevorzugen eher andere Bücher aus Israel (politisch klarer). Umso erfreuter war ich, dass die israelischen Leser das Buch mochten und noch mehr, dass sogar Leser auf der ganzen Welt es liebten und sich darin selbst wiederfanden. Trotz der Tatsache, dass es sehr örtlich gebunden ist und nicht so flott und blutig wie manch amerikanischer oder skandinavischer Thriller.

Krimi-Couch: Können Sie kurz zusammenfassen, was der Unterschied zwischen guter und schlechter Kriminalliteratur ist?

Dror Mishani: Das ist eine exzellente und sehr wichtige Frage. Ich versuche sie so gut ich kann zu beantworten: Ein guter Kriminalroman ist einer, der das Schicksal all seiner Charaktere – das Opfer, seine Familie, die Zeugen, den Verbrecher – berücksichtigt. Er ist ein Roman, der versteht, dass ein Verbrechen immer auch ein emotionales Drama und oft auch eine emotionale Tragödie ist. Widerum für das Opfer, aber auch für den Verbrecher. Ein guter Kriminalroman weiß, dass die Ursachen eines Verbrechens immer tief liegen und nicht erst einen oder zwei Tage vorher stattfanden (in der Gesellschaft wie auch im Lebenslauf des Verbrechers) , dass die Folgen daraus noch lange nachdem der Verbrecher gefasst wurde existieren. Ein guter Kriminalroman handelt immer vom Schmerz. Und es gibt darin immer einen Ermittler, der all das sieht – oder immerhin versucht, all das zu sehen. Ein schlechter Kriminalroman ist das Gegenteil.

Krimi-Couch: Wie wichtig ist die Gesellschaft für den zeitgenössischen Kriminalroman? Und wie wichtig insbesondere die israelische für Ihre Romane?

Dror Mishani: Die Gesellschaft ist außerordentlich wichtig für einen guten Kriminalroman. Das haben uns die besten skandinavischen Autoren wie Sjöwall/Wahlöö oder Mankell gelehrt: Kriminalliteratur ist ein gutes literarisches Werkzeug, um über die Gesellschaft zu schreiben. Verbrechen können nicht ohne sozialen Kontext verstanden werden. Das ist hoffentlich auch in meinen Roman der Fall: Ich versuche nicht, die israelische Gesellschaft zu »kartographieren« (wie es Batya Gur macht, sehr gut übrigens, wie ich finde), oder mich auf wirklich jede gesellschafte Klasse oder Gruppe zu beziehen.  Aber ich versuche meine Geschichten in dem gesellschaftlichen Kontext zu verwurzeln, in dem sie spielen. Und ich kann Ihnen sagen, dass das Schreiben über Cholon, diese graue Vorstadt von Tel Aviv, in der ich geboren und aufgewachsen bin, einer der wichtigsten Aspekte bei Vermisst war.

»Den dritten Roman habe ich vor ein paar Wochen angefangen.«

Krimi-Couch: Wie Sie sagten, schreiben Sie bereits weiter an der Avi-Reihe. Was dürfen wir von ihm bzw. Ihnen noch erwarten? Welche Ziele haben Sie?

Dror Mishani: Der zweite Roman der Reihe, A Possibility of Violence, kam vor drei Monaten in Israel auf den Markt. Ich war überrascht, wie gut er aufgenommen wurde, da er düster ist und nicht einfach für mich zu schreiben war. Avi ist da aber ein besserer Ermittler, ob er aber auch ein besserer Mensch ist, weiß ich nicht. Den dritten Roman habe ich vor ein paar Wochen angefangen. Ich bin noch am Anfang, kann also erst wenig dazu sagen. Bis darauf, dass Avi sich weiterentwickelt hat und dass mir die Verbrechen in der Geschichte Angst einjagen.

Krimi-Couch: Was macht Dror Mishani, wenn er nicht gerade Kriminalliteratur liest, schreibt oder lehrt?

Dror Mishani: Wenn ich nicht schreibe/lese/lehre, versuche ich meinen beiden kleinen Kindern ein guter Vater zu sein. In meiner wenigen Freizeit versuche ich, mich von all den besprochenen Punkten zu erholen.

Krimi-Couch: Vielen Dank für das Interview, Herr Mishani!

Das Interview führte Lars Schafft, August 2013.

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