Schlaf- und zeitlos in Bangkok

Bangkok

Der kanadische Autor Christopher G. Moore über das Leben in Thailand, die Mentalität der Thai und seine Vincent-Calvino-Reihe

Krimi-Couch: Mr. Moore, Sie sind Kanadier und leben seit nun mehr als zehn Jahren in Thailands Hauptstadt Bangkok. Was waren Ihre Beweggründe?

Christopher G. Moore

Christopher G. Moore: Ich lebe seit vierzehn Jahren in Bangkok, eine bemerkenswerte Zeitspanne. Manche finden es mit Sicherheit ungewöhnlich, dass ich meinen Lehrstuhl aufgegeben habe um mich ans Schreiben von Unterhaltungsliteratur zu wagen. Das war, bevor mein erster Roman in New York veröffentlicht wurde und ich 1988 nach Thailand zog. Es war immer mein Traum, Belletristik zu schreiben.

Wäre ich Professor geblieben, hätte ich vielleicht Bücher über das Universitätsleben, über Fantasy oder Science-Fiction geschrieben. Für mich jedoch basiert die beste, langlebigste und einträglichste Belletristik auf der harten Realität wirklicher Erfahrungen: innerhalb von Städten. Ein Ort einer multi-nationalen ad hoc Ansammlung von Künstlern, Journalisten, Reisenden, Aussätzigen, Diplomaten, Geschäftsleuten und Gangstern; ein Ort mit scharfen Kanten und unebenen Oberflächen; ein Ort, wo ein falscher Zug schon bedrohlich sein kann, wenn nicht gar tödlich. Kulturelle Unterschiede, die verschiedenen Lebensauffassungen, wie die Leute ihr Leben, ihre Familie, ihre Freunde verstehen – das ist der Kern meines kreativen Schaffensprozesses. Es gibt nur wenige Orte, die dafür besser geeignet wären als Bangkok.

Krimi-Couch: Nach vierzehn Jahren in Bangkok kennen Sie die thailändische Mentalität wahrscheinlich besser als jeder andere »Farang«. Wo liegen die Hauptunterschiede zwischen Thai-Denken und der westlichen Denkweise? Haben Sie bereits einige Denkweisen der Thai übernommen?

Straßenschlucht in Bangkok

Christopher G. Moore: Die Art und Weise, wie eine Person denkt, ist vor allem durch Sprache und Kultur gegeben. In Thailand sind die sogenannten »Jai«-Worte (»Herz-Worte«) der Kern der Sprache. Nicht so wie in den romanischen Sprachen, wo vor 500 Jahren unterschieden wurde zwischen dem, was wir fühlen und der objektiveren Art, wie wir das Universum beobachten. Empfindungen, Emotionen, und objektive bzw. logische Gedanken verschmelzen jedoch noch immer in der Thai-Sprache.

Diese Verschmelzung von Herz und Seele faszinierte mich schon vor gut einem Dutzend Jahren als ich Thai lernte. Während dieses Studiums hat es mich immer mehr in die Sprache des Herzens gezogen, was damit endete, dass ich der erste war, der über diesen Aspekt der Thai-Sprache ein veröffentlichtes Buch geschrieben hat. »Heart Talk« wurde mittlerweile in zwei Ausgaben und mehreren Nachdrucken herausgegeben. Viele Ausländer haben mir erzählt, dass mein Buch das Lernen der Sprache vereinfacht hat und dass sie nun leichter die richtigen Vokabeln finden.

Krimi-Couch: Ihre Calvino-Reihe, klassische hardboiled Detektivgeschichten, zeugen von einer großen Kenntnis der Mentalität der Thai. Vor allem schreiben Sie über Menschen und Orte, die der normale Tourist nie sehen wird, beispielsweise die Slums von Klong-Toey. Wie kamen Sie auf die Idee des jüdisch-italienischen Ex-Anwalts aus Brooklyn, der nun in Bangkok ermittelt und seinen Freund, den inkorrupten Polizisten Colonel Pratt? Gibt es für Ihre Figuren reale Vorbilder?

Christopher G. Moore: Eine der Prämissen von Hardboilern ist, dass der Autor die Stadt einfängt, wo der Privatdetektiv, die Polizei, die Opfer und all die anderen aufeinandertreffen. Die meisten Touristen in Thailand sehen diese Hinterhöfe und Slums nicht. Aber diese Orte fungieren als der Reiskocher für Betrügereien, Kriminalität und die grundsätzlichen Sorgen und das allgemeine Elend der armen Leute. Natürlich gehen auch viele Einwohner nur selten an diese Orte. Warum sollten sie auch? Diese versteckten Orte sind die Brutstätte von Kriminalität auf der ganzen Welt.

»Es war das erste Mal,
dass auf mich geschossen wurde«

Die Idee zu Vincent Calvino beruht auf meinen vier Jahren in New York. Während dieser Zeit hatte ich die Möglichkeit, die Polizei vom NYPD zu begleiten, was mich in die Hochhausghettos, Slums und die gefährlichen Straßen von New York führte. Brooklyn war einer der einprägsamsten Orte – es war das erste Mal, dass auf ich mich geschossen wurde, als ich mit den Polizisten unterwegs war. Plötzlich eröffnete jemand aus dem Ghetto mit dem Gewehr das Feuer auf uns. Alle stürzten sich auf den Bürgersteig, suchten unter dem Polizeiwagen Deckung. Aber das ist eine andere Geschichte. Meine Wohnung lag damals zwischen Canal- und der Grand Street in SoHo, sowohl nah zum China Town als auch zu Little Italy. (»Tokyo Joe« und »Saint Anne«, zwei Non-Calvino-Romane, spielen teilweise an der Worcester Street, wo ich gewohnt hatte.) Aus dieser Erfahrung heraus wurde Vincent Calvino geboren.

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Während meiner vielen Jahre in Thailand, lernte ich viele Leute kennen, die mich zu Colonel Pratt inspiriert hatten. Ehrliche, anständige, gebildete Militärs oder Polizisten, die den täglichen Kampf gegen die Kriminalität führen. Cops, die stolz auf ihre Arbeit sind. Ich wollte, dass Colonel Pratt einer dieser Helden wird.

Ein Teil der Dynamik zwischen Calvino und Pratt besteht darin, dass sie beide bikulturell sind, dass sie gelernt haben, die Sicht des anderen zu verstehen und auch wertzuschätzen. Calvino bleibt, zumindest oberflächlich, sehr amerikanisch, wohingegen Pratt, sehr thailändisch, eine allgemeine Weisheit und Einsicht an den Tag legt. Beide sind befreundet. Und in der Umgebung, in der Calvino arbeitet, braucht er einen Freund, einen Beschützer und Pratt spielt genau diese Rolle. So funktioniert das System und obwohl Calvino eigentlich ein außerhalb dieses Systems lebt, ist er aus einer Figur am Rande der Gesellschaft zu jemandem geworden, der unter dem Schutzschirm von Pratts Autorität steht. Während ihres Studiums in New York (siehe Haus der Geister), hatte Calvino alle nur menschenmögliche getan, um Pratt vor der Ausführung eines Mordauftrags zu retten, mit dem die Triaden einige Drogendealer beauftragt hatte. Seit dieser Rettung in New York zahlt Pratt diese Schuld an Calvino zurück.

Krimi-Couch: Sie sagten, dass auf Sie während der Recherche in Brooklyn auf Sie geschossen worden ist. Ist Ihre Recherche immer dermaßen gefährlich?

Christopher G. Moore: Kein Autor würde so töricht sein, dabei eine Gefahr einzugehen. Manchmal, zur falscher Zeit am falschen Ort, kann aus etwas Gefährlichem allerdings schon etwas Tödliches werden. Ich war 1993 in Kambodscha, wo zu dem Zeitpunkt immer noch gekämpft wurde. Jede Nacht hörte man Schießereien in Phnom Penh. Manchmal konnte man das Mündungsfeuer nur fünfzig Meter entfernt sehen. Ich lag in meinem Bett in einem heruntergekommenen Hotel und hörte den Schießereien zu bis ich einschlief. Während dieser Zeit habe ich »Stunde null in Phnom Penh« geschrieben und einige meiner Begegnungen mit den Gefahren dieser Zeit und dieses Ortes sind in den Roman eingeflossen.

»Man muss sich als Autor
unbedingt an Orte begeben,
die nicht sicher sein können«

Man kann aber auch einfach Pech haben. Busse auf der Straße nach Luang Prabang können in einen Hinterhalt geraten, wobei ein Dutzend oder mehr Menschen umgebracht werden. Oder man kann zuhause an einem Wintertag vor die Tür treten, ausgleiten, hinfallen, sich den Schädel brechen und sterben. Um Krimis zu schreiben muss man sich einfach unbedingt an Orte begeben, die nicht sicher sein können. Denn genau da findet sich die Story. Menschen in diesen Situationen versuchen nur, den nächsten Tag zu überleben und eben darin findet man als Autor die ganze Schönheit und den ganzen Terror des Lebens. Der Schlüssel liegt darin, die Zeit dafür richtig zu wählen und sicher zu gehen, dass jemand in der Nähe ist, dem du vertraust und dem vertraut wird. Das ist natürlich keine hundertprozentige Garantie auf Sicherheit (so etwas gibt es nicht), aber es erhöht deine Chancen.

Krimi-Couch: Das bedeutet, Sie suchen die selben Orte auf wie Calvino, besuchen die gleichen, zwielichtigen Bars, die heruntergekommenen Slums? Wieviel Zeit verwenden Sie auf die Recherche im Vergleich zum Schreiben?

Bangkok

Christopher G. Moore: Ich möchte es etwas anders ausdrücken: Calvino geht immer dahin, wo ich hingehe, wenn ich einen neuen Calvino-Roman schreibe. Den Ort öfters zu wechseln hält die Serie frisch. Oft bedeutet das auch, ein anderes Land als Schauplatz zu wählen. Die Bücher waren in Kambodscha, Vietnam und Thailand angesiedelt. Und Burma, wenn man »Waiting for the Lady«, das nicht zur Calvino-Reihe gehört, aber in der gleichen Art geschrieben ist, dazuzählt. Im Grunde genommen muss ein Roman eine gewisse Bedeutung der Realität eines Ortes, präzise Details über Leute und Kultur wiedergeben. Im größeren Zusammenhang erlaubt dies, dass der Leser sich als ein Teil der Story fühlt.

Die Details müssen dabei absolut stimmig sein, da es immer Leser geben wird, die diese Orte kennen und die Fehler sonst wie ein Hund aufspüren (zurecht, denn du hast den Leser beschummelt – kein Autor sollte dies jemals einem Leser antun; er oder sie wird es dir nie verzeihen). Teil des Vergnügens (und der Herausforderung) ist es, ganz natürlich die Details eines Ortes in die Erzählung einzubringen, so dass der Leser sich so fühlt, als stünde er genau an diesem Punkt, nimmt die Gerüche auf, und an etwas teilhat, das zwar überlebensgroß aber dennoch aus dem Leben gegriffen ist.

Krimi-Couch: »In Stunde null in Phnom Penh« ist Ihre Schilderung des T-3-Gefängnisses so realistisch wie bedrückend. Waren Sie selbst dort? Und wie waren Ihre Eindrücke und Gefühle?

Christopher G. Moore: Als ich an meiner UNTAC-Geschichte 1993 arbeitete, hat es ein irischer Polizeibeamter geschafft, alle Regeln zu umgehen und mich ins T-3 einzuschleusen. Was Sie in »Stunde null in Phnom Penh« gelesen haben, ist eine relativ genaue Schilderung dessen, was ich erlebt und gesehen habe, als man mich durch das T-3-Gefängnis führte. Nach ein paar gut plazierten Bestechungen durfte ich fotografieren. Ich verließ das T-3 mit anschaulichen wie grauenvollen Bildern der Unmenschlichkeit. Manchmal habe ich Alpträume wegen dem, was ich sah. Es war sehr schwierig, als Zeuge dieser entsetzlichen Bedingungen nicht persönlich betroffen zu sein, von diesem Leiden und der Hoffnungslosigkeit der Situation. Die Hitze, die Fliegen, die Ratten und die Krankheiten waren direkt dem entsprungen, was ich mir unter der Hölle eines Feudalherren-Kerkers aus dem 14. Jahrhundert vorstelle.

Was so beunruhigend war, war die Wahllosigkeit, mit der man die Leute zusammengetrieben und weggeschlossen hat. Der Geist Pol Pots hat diesen Platz überlebt. Es war wie im Angesicht des Bösen. Dieses Böse existiert tatsächlich: Nur die Gesichter, mit denen man das Böse assoziiert, ändern sich von Zeit zu Zeit. Eine Aufgabe des Autors liegt darin, dieses Gesicht zu beschreiben, die Maske zu entfernen und den Leser erkennen zu lassen, was sich dahinter verbirgt. Nachdem ich nach Bangkok zurückgekommen war, hatte ich die Fotos über eine New Yorker Agentur Magazinen wie Newsweek, Time, etc. zugeschickt. Keiner in Amerika war daran interessiert …

Krimi-Couch: Calvino und Sie selber sind »Farangs«, aber solche, die schon sehr lange in Thailand leben. Gibt es mehr Ähnlichkeiten zwischen Ihnen, als dass Sie die gleichen Orte aufsuchen? Würden Sie ihn sogar als alter ego bezeichnen?

Christopher G. Moore: Immer wenn ein Autor eine Serie mit einem Hauptcharakter entwirft, gibt es eine ganz offensichtliche Affinität zwischen dem Autor und der Figur. Es ist eine Art literarische Ehe. Und wie in einer richtigen Ehe kennt man sich eben nur teilweise, egal wieviel man glaubt, den anderen zu verstehen. Und das bewirkt dann einen gewissen Grad an Distanz. Calvino lebt in einer viel dunkleren, unfreundlichen Welt als ich. Sein Job führt ihn zu den Urquellen des Bösen und er muss einen Weg finden, diese Begegnung mit dem Bösen zu überleben. Calvino hat außerdem viel mehr von den Straßen von New York in sich als ich es habe. Er hat die Cleverness der Straße und den Überlebensinstinkt, die ihm einen knappen Vorsprung in einer fremden Umgebung verleihen, in der die gewöhnlichen Regeln nicht gelten.

»Ich schreibe über eine Welt,
die die meisten nie sehen werden«

Das Verlangen danach, die Welt, in der die Kultur, Tradition und Sprache so ganz anders als unsere westliche ist, zu verstehen und darin seinen eigenen Weg zu gehen, ist der wichtigste Charakterzug, den ich mit Calvino teile. Ich schreibe über eine Welt, die die meisten nie sehen werden. Calvino ist genau der richtige Typ, als deren Stellvertreter diese Welt zu betreten, sie durch finstere Gassen zu führen und sicher nach Hause zu bringen. Er ist ein Veteran vieler Kämpfe und hat sich dabei trotzdem eine Art von Anständigkeit und grundlegender Fairness bewahrt, ständig auf die Probe gestellt durch Ereignisse, die sich auf eine für die meisten Menschen im Westen unverständliche Weise entwickeln. Ich habe ihn schlammige Dritte-Welt-Straßen beschreiten lassen, die auf der Landkarte der modernen Krimiliteratur noch weiße Flecken sind. Bis jetzt hat er sich anscheinend bestens gehalten!

Krimi-Couch: In »Nana Plaza« reflektiert Calvino darüber, älter zu werden und macht sich Sorgen, den jüngeren Kriminellen nicht mehr gewachsen zu sein. Wie lange wollen Sie Calvino als Privatdetektiv in Bangkok leben lassen? Wie wird seine Zukunft aussehen, welche Ideen haben Sie noch in petto?

Christopher G. Moore: Ich bin nicht sicher, wie andere Autoren eine Serie über eine längere Zeit planen und aufrechterhalten. In meinem Fall zeichnete es sich erst nach ein paar Romanen um Vincent Calvino heraus, dass er in weiteren auftauchen wird und dass daraus eine etablierte Serie werden könnte. Als dies geschah, musste ich als Autor einiges festzurren: Zum Beispiel, ob Vincent Calvino wie Philip Marlowe immer gleich alt bleiben oder ob er wie wir alle immer ein bisschen älter wird.

So, wie der Arbeitsalltag eines Detektivs in diesem Teil der Welt aussieht, muss die Hauptfigur innerhalb eines bestimmten Altersrahmens bleiben. Das bedeutet, dass Vincent Calvino wie die anderen zentralen Figuren Colonel Pratt, Ratana, McPhail wahrscheinlich nicht älter werden wird. Daraus ergibt sich, dass man voraussichtlich nichts von einem 60- bis 70jährigen Calvino hören wird. Er wird in den hohen 40ern bleiben.

Krimi-Couch: Ihre Romane sind in Thai, Japanisch, Chinesisch und Deutsch übersetzt worden, in Südost-Asien sind Sie sehr erfolgreich? Was aber ist mit Nordamerika und insbesondere Kanada?

Christopher G. Moore: Mein erster Roman, »His Lordship’s Arsenal« wurde als Hardcover und Taschenbuch von New Yorker Verlagen herausgegeben. Eine neue Ausgabe von »His Lordship’s Arsenal« und der neueste Roman wird von Subway Books (Vancouver) verlegt.

Minor Wife

In der Internet-Ära mag es aber weniger wichtig sein, einen New Yorker Verlag zu haben. Ich hatte die Möglichkeit, neuere meiner Bücher bei einem Verlag in New York unterzubringen, aber ich habe abgelehnt. Die alte Denkweise, dass New York das Zentrum des Verlags-Universums ist, trifft nicht auf alle zu. Ich habe den Vorteil einer ziemlich riesigen Fangemeinschaft, die sich über die Jahre entwickelt hat. Und das ohne einen US-Verlag. Wenn man Bücher schreibt, die die Leute lesen und kaufen wollen, kann man sehr kreativ beim Herausgeben und Vertreiben sein. Anders ausgedrückt: Kreativität fängt nicht mit dem Schreiben eines Buchs an und hört nicht damit auf, sie fließt auch mit ein in Marketing, Vertrieb und Werbung.

Ich habe das Glück, eine feste Fan-Basis in Thailand und in Europa und Nordamerika bei Thailand-Fans zu haben. Hätte ich all das mit konventionellen Mitteln gemacht, hätte ich alle TV- und Film-Rechte, die Auslandsrechte und die Rechte für den Nachdruck verloren und das Marketing und die Werbung wäre einer überarbeiteten Marketingabteilung zugeflossen, die von ihrem »Big Boss« dazu angewiesen wären, 95% ihrer Anstrengungen der Vermarktung und Förderung von nur 5% der Autoren zu widmen. Anders gesagt: Die Vorteile wären nicht sonderlich groß gewesen.

Europäer haben ein weitaus größeres Interesse an anderen Ländern und Kulturen, sie sind somit empfänglicher für Romane, die in Asien spielen. Einmal erzählte mir ein Literatur-Agent, dass ein US-Verlag »Haus der Geister« veröffentlichen wollte. Allerdings fragte der Verlag, ob ich »Bangkok« in »Boston« ändern könnte, so als ob ein Suchen und Ersetzen der beiden Städtenamen ausgereicht hätte, um die Aufmerksamkeit der Leser aufs Buch zu erreichen. Ich antwortete, dass Vincent Calvino und seine Welt nicht unbedingt nach Boston passen …

Außerdem, wenn man erstmal einige Titel geschrieben hat, macht man natürlich einen anderen Eindruck auf den Verleger als wenn man gerade seinen ersten Roman beendet hat. Mit meinen bisher sechzehn veröffentlichten Romanen ähnelte das Ganze eher einer Firmenübernahme als dem Verkauf von Buchrechten. Mich drängt es wirklich nicht in die New Yorker Verlagswelt zurück. Im Moment wird gerade an der Rechtevergabe für Tschechien, Bulgarien und Schweden gearbeitet. Ich bezweifle ernsthaft, dass irgendein New Yorker Verlag Mitarbeiter hat, die diese Orte auf einer Karte finden würden.

Krimi-Couch: Sechzehn Romane und eine sehr erfolgreiche Serie – Sie müssen ein viel beschäftigter Mann sein. Wie sieht ein normaler Tag im Leben des Christopher G. Moore aus? Und womit entspannen Sie sich?

»Früh morgens tauche ich
in die Welt der Wörter
und die Welt Calvinos ein«

Christopher G. Moore: Die meisten Tage fange ich mit einem leichten Frühstück an: frische Früchte, Orangensaft, die Bangkok Post und danach rufe ich meine E-Mails ab. Das ist die Routine, wenn ich in Bangkok bin. Oft bin ich aber unterwegs. Letztes Wochenende Chiang Rai, zwei Wochen vorher war ich in Pattaya. Im Juni bin ich in England, im Oktober in Vancouver um Werbung für »Waiting for the Lady« zu machen.

Meine eigentliche Arbeit unterteilt sich in Recherchieren, Lesen und Schreiben. Ich arbeite gerade an einem neuen Buch. Calvino Nr. 8, das noch keinen Arbeitstitel hat (ich komme immer erst auf einen Titel, wenn ich das Buch zu Ende geschrieben habe). Mache Autoren setzen sich ja bestimmte Stunden fürs Schreiben. Ich versuche es direkt morgens als erstes, da dies die Stimmung für den ganzen Tag festlegt. Einmal früh morgens in die Welt der Wörter und die Welt Vincent Calvinos eingetaucht, ist es sehr viel einfacher, immer und immer wieder den Tag über ans Schreiben zurückzukehren. Ich versuche jeden Tag 1500 Wörter zu schaffen. Abends treffe ich mich dann oft mit meinen Freunden.

Gestern Abend habe ich mit einem Rechtsanwalt-Freund getroffen, der gerade aus den Staaten in die Soi Cowboy gekommen war und mir Geschichten von Preiskriegen zwischen chinesischen Restaurants erzählte und von unglaublich fetten Essern, die am Büffet um den besten Platz an den Nudeln kämpften. Das alles in einer obskuren Kleinstadt in Missouri. Ich ging weiter zum »Foreign Correspondent’s Club« um mir einen ziemlich langweiligen Vortrag über Terrorismus anzuhören. Das Forum bestand aus tough aussehenden Geschäftsleuten in Anzügen, die das Publikum davon überzeugen wollten, dass genau ihr Unternehmen sie vor Terror-Anschlägen schützen könnte und es deswegen angeworben werden sollte. Ginge es darum, wie man sich davor schützen kann, dass die örtlichen Motorrad-Taxis nicht in die Seite deines Autos brettern, währe es ganz interessant gewesen. Ich hatte das Glück, ein paar befreundete Journalisten und Autoren zu treffen – einer davon hatte gerade sein erstes Drehbuch geschrieben, ein anderer bemühte sich, seinen ersten Roman an einen Verlag zu bringen. Ich endete schließlich im Thermae Coffee shop, wo ein paar Fans von mir waren.

Gegen Mitternacht saß ich wieder vor dem Computer und arbeitete an der nächsten Szene vom neuen Buch. 1500 Worte waren geschafft, ich las noch eine halbe Stunde und war dann gegen halb drei morgens eingeschlafen. Aufstehen um neun – und der Kreislauf beginnt von neuem. Dreimal in der Woche gehe ich in ein Fitness-Studio ganz in der nähe meiner Wohnung und trainiere. Das würde ich als meine Entspannung bezeichnen.

Krimi-Couch: Mr. Moore, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte und übersetzte Lars Schafft

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