Interview mit Christiane Geldmacher

»Man muss kein Opfer auf Facebook sein.«

Christiane Geldmacher plauderte im Interview munter über ihre Arbeit als Lektorin, ihren Debütroman und über den bösen großen Bruder Facebook – der gar nicht so böse ist, wenn man sich an ein paar Regeln hält.

Krimi-Couch: Sie arbeiten als freie Lektorin und Journalistin und haben bisher als Autorin Kurzgeschichten veröffentlicht. Nun ist mit Love@Miriam Ihr erster Roman erschienen. Hat Sie der Erfolg und die positive Resonanz überrascht?

Christiane Geldmacher: Natürlich hat mich das überrascht, das ist großartig. Die positive Resonanz ist sicher dem Thema Facebook geschuldet, das sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Facebook ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und »Love@Miriam« ist ein Krimi, der sich in diesem Habitat, inmitten Sozialer Medien abspielt. Viele von uns bewegen sich ja auf Plattformen wie Facebook, Google+, Twitter oder Xing, das zieht sich durch alle Altersstufen.

Ich wollte einen Krimi schreiben, der in dieser Umgebung spielt, mit Ermittlern, die mit dem Internet und einem Handy umgehen können und auch sonst nicht außerhalb aller Lebensphären stehen. Ohne dass ich mich in besonderem Maße für ihre hochartifiziellen »Abgründe« hätte interessieren müssen.

Krimi-Couch: Lektorin, Journalistin und Autorin – welches Arbeitsfeld macht Ihnen am meisten Spaß? Wo sehen Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten?

Christiane Geldmacher: Journalismus mache ich nicht mehr so viel, abgesehen von gelegentlichen Rezensionen oder Kolumnen. Mit Journalismus habe ich nach meinen Studium in Frankfurt/Main angefangen, ich habe für Fachzeitschriften gearbeitet, die Themen wie Architektur, Stadtentwicklung, Arbeitsplatzergonomie behandelten. Das hat viel Spaß gemacht, ich reiste durch Deutschland, besuchte Messen, begleitete die IBA Emscher Park, betreute Autoren.

Aber irgendwann wollte ich mich frei schreiben, meine eigenen Themen finden, nicht mehr hinter anderen verschwinden. Ich kündigte meinen Job und ging erstmal ins Ausland, für ein Jahr nach Australien, später unterrichtete ich Deutsch als Fremdsprache an einer polnischen Universität. Solche Brüche tun gut. Ich zehre heute noch davon.

Als Lektorin arbeite ich immer noch, das macht mir genauso viel Spaß wie schreiben. Ich hänge mich gern in Texte rein und arbeite sie Satz für Satz oder beschäftige mich mit dem Plot. Ich freue mich, wenn »meine Autoren« Erfolg haben. In letzter Zeit habe ich mich auf Spannung und auf das Jugendbuch spezialisiert.

Krimi-Couch: Ist die Freude über den Erfolg »Ihrer Autoren« zu vergleichen mit der über den Erfolg Ihres eigenen Werks?

Christiane Geldmacher: Ja. Aber es ist entspannter. Ich muss das nicht täglich mitverfolgen. Manchmal kommt auch Jahre später ein Erfolg, der einen dann sehr freut. So war es, als letztes Jahr Michael Theurillat den Romanglauser gewonnen hat. Bei den beiden ersten Theurillatkrimis hatten wir zusammen gearbeitet.

Krimi-Couch: Ist selbst einen eigenen Roman schreiben zu wollen für Sie eine logische Schlussfolgerung aus Ihrer Arbeit als Lektorin?

Christiane Geldmacher: Nein, das war umgekehrt. Ich habe schon immer geschrieben und wollte aus »dem Buch« meinen Beruf machen. Heute rezensiere ich Bücher, ich lektoriere sie und schreibe selbst, also das volle Programm.

Krimi-Couch: Braucht eine Lektorin selbst auch eine Lektorin?

Christiane Geldmacher: Aber sicher. Das war das erste, was ich meiner Agentur signalisierte: Ich will ein Lektorat. Ein Verlag ohne Lektorat wäre für mich nicht in Frage gekommen. Es nützt mir nichts, wenn ein Lektor/eine Lektorin ein Manuskript nur mit freundlichem Lächeln durchwinkt. Das ist kein Lektorat, sondern ein Korrektorat.

Im Bookspot Verlag in München fand ich mit Eva Weigl eine Seelenverwandte, die genauso detailbesessen ist wie ich. Und wir hatten einige Herausforderungen zu bewältigen – durch die Tagebuchform, die Textschnipsel, die Daten und die Uhrzeiten (ich habe einen eigenen Korrekturvorgang nur den Daten und Uhrzeiten gewidmet), die facebookaffinen Sonderzeichen: Das musste alles stimmen. Eva Weigl war da keine Mail, keine Rückfrage, kein Bedenken zu viel. Und wenn ich dachte, jetzt sind wir durch und sie schlägt drei Kreuze, erhielt ich eine Mail von ihr, die ein Problem thematisierte. Genauso soll es sein!

Krimi-Couch: Wie entstand die Idee für Ihren Roman? War es eher Liebe oder Hass für Facebook, der Sie auf die Idee kommen ließ?

Christiane Geldmacher: Ich habe Facebook zum ersten Mal im Dezember 2009 betreten. Zuvor hatte ich ein Blog, aber plötzlich zog alles auf Facebook um. Beziehungsweise tauchte dort sogar erstmals auf: Verlage, Veranstalter, Literaturhäuser, Literaturzeitschriften, Agenten, Vermittler, Mediatoren, Kollegen, Rezensenten etc. Die Blogs hatten viele von ihnen noch verpasst, aber Facebook lief vielversprechend an. Das ist der einfachen Technik geschuldet, Inhalte (wie Texte, Fotos, Videos, weiterführende Links) lassen sich schnell mit einem Klick teilen und Kontakte sind über Private Nachrichten oder den Chat niedrigschwellig herstellbar. Wenn der andere nicht will, reagiert er einfach nicht.

Aber man kann da nicht einfach reinplatzen wie mein Protagonist und »Hier bin ich!« brüllen. Dann kommen von allen Seiten die Buhrufe, bevor man überhaupt die ersten fünf Freunde auf seinem Profil versammelt hat. Facebook hat sehr viele Fallstricke, man muss sich zu benehmen wissen. Man darf den Leuten nicht durch zu viel Marketingsprech auf den Wecker gehen oder jeden Tag sein Profilbild ändern, weil man ja aus der und der Perspektive noch toller aussieht oder zeitnah die Wasserstandsmeldungen von Magendarm durchgeben. Diese Art von Virtualität erzeugt nur Widerwillen.

Krimi-Couch: Was war zuerst: Christiane Geldmacher, die das Soziale Netzwerk ausprobieren wollte, oder die, die sich dort nur zu Recherchezwecken für ihren Roman angemeldet hat?

Christiane Geldmacher: Als ich auf Facebook kam, hatte ich nicht vor, einen Facebookkrimi zu schreiben. Aber das Thema drängte sich mir sofort auf. Ich fing ein paar Tage nach meinem Einzug dort an und es entwickelte gleich einen Riesenzug für mich. Das Ding war schon nach ein paar Wochen fertig.

Krimi-Couch: Gibt es ein lebendes Vorbild für Ihren Protagonisten Harry Weingarten oder haben wir – Ihre Facebookfreunde – alle dazu beigetragen?

Christiane Geldmacher: Ja, Sie haben alle dazu beigetragen Ich habe mir ja meine Kenntnisse über Facebook ja nicht durch Drittvermittlung angeeignet, sondern habe mich mittenrein gehängt. Ich lese alle Einträge auf Facebook sehr genau …Ein konkretes Vorbild für Harry gibt es allerdings nicht. Das Bewusstsein eines Stalkers ist wirklich interessant, deswegen habe ich versucht, diesen Protagonisten von allen Seiten und so unmittelbar wie möglich (durch die Ichperspektive und das Präsens) aus anzubohren.

Facebook bietet Stalking auf dem goldenen Tablett an. Nichts ist leichter, als dort das Gegenüber auszuspionieren. Ganz fix hat man die Gewohnheiten, den Biorhythmus, die Arbeitswelt eines Menschen heraus, man sieht Fotos von seiner Familie, von seinen Freunden. Facebook zeigt sehr viel. Was die Leute lesen, was für eine Musik sie hören, was für Filme sie schauen. Wo sie ihren Urlaub verbringen, was für eine politische Anschauung sie haben, worüber sie ausrasten.
Kurzum: Da muss man sehr vorsichtig sein.

Krimi-Couch: Also wollen Sie mit Love@Miriam Ihren Lesern zeigen, dass Facebook ein ganz böses Pflaster ist?

Christiane Geldmacher: Nein. Es ist sehr praktisch. Ich erreiche alle möglichen Leute da, auch solche aus unterschiedlichen Lebensphasen, die längst verloren schienen. Man muss kein Opfer auf Facebook sein. Man kann die Kontrolle behalten. Was ich nicht preisgebe, erscheint dort nicht. Die Einstellungen kann man so bearbeiten, dass man keine Werbung erhält. Bei mir auf der Mail landen nur wenige Hinweise direkter Interaktionen. Den Rest kann ich mir auf Facebook selektiv anschauen, wenn ich Zeit dazu habe.

Krimi-Couch: Wie viel von der echten Christiane Geldmacher steckt in Ihrem »Online«-Leben via Blog und Social Network Profil?

Christiane Geldmacher: Was von Christiane Geldmacher auf meinem Blog oder meinem Facebook zu sehen ist, ist echt. Ich mache aus meinem Herz da keine Mördergrube. Sonst würde man auch vor Langeweile ersticken. Aber ich bringe keine Fotos von meiner Familie oder von meinen Freunden. Die würden sich auch schön bedanken. Über mein Privatleben erfährt man so gut wie nichts auf diesen Plattformen.

Krimi-Couch: Haben Sie sich selbst schon mal ertappt, Ihre Mitmenschen über deren Facebook-Profile auszuspionieren?

Christiane Geldmacher: Auszuspionieren wäre zu viel gesagt, aber ich google die Leute. Alles andere wäre naiv. Nicht zielführend, sozusagen.

Krimi-Couch: Wie muss man sich den Schreibprozess vorstellen, wenn ein ganzer Roman scheinbar nur aus einem Sammelsurium von Gedanken des Protagonisten besteht – sei es eine Statusmeldung bei Facebook, eine kurze E-Mail an einen Freund, oder einem zweizeiligen Tagebucheintrag – kann man das konzentriert über mehrere Stunden schreiben?

Christiane Geldmacher: Ja, da war sehr viel Sammelwut meiner eigenen Einträge bei Facebook oder frühere aus meinen Blogs oder andere kleinen Texte, die ich auf der Festplatte bunkere. Je unmittelbarer rausgehauen, desto besser. Mir liegt diese kleine Form am ehesten, man kann damit schnell zum Punkt kommen. Und man kann diese ganzen verschiedenen Textformen in dieses Format packen – Beschreibungen, Dialoge, Statusmeldungen, Mails, Tagebucheinträge, Zeitungsauschnitte, Traumaufzeichnungen. Alles, was man so auftreibt in den eigenen Aufzeichnungen. Ich habe ein Extranotizheft für Träume. Die, die ich am besten fand, habe ich abgeschrieben.

Krimi-Couch: Oder hat Harry Weingarten sogar zwischendrin selbst die Autorin überrascht?

Christiane Geldmacher: Ja, klar, der entwickelte ein Eigenleben. Mit seiner Mischung aus Naivität und Selbstgefälligkeit. Die Welt, wie Harry sie sieht! Er fand oft Lösungen, von denen ich dachte: Hey, Respekt. Am besten war er, wenn er Wutanfälle bekam, weil man ihn überhaupt eines Mordes verdächtigte (den er in der Tat begangen hatte). Der Omi aus dem Haus und seinem besten Freund Nicky hat er das nie verziehen. Er fand das unmöglich, absolut inakzeptabel.

Krimi-Couch: Der Schluss Ihres Buches – wir wollen nicht zu viel verraten – aber werden wir eine Art Nachfolgeband erwarten können?

Christiane Geldmacher: Ja, ich bin nach einer zweijährigen Schreibpause endlich dran.

Krimi-Couch: Gibt es schon Ideen für den zweiten Roman?

Christiane Geldmacher: Harry und Miriam wohnen ein paar Jahre später zusammen, er hat seine Ausbildung zum Eventmanager abgeschlossen und plant mit viel Verve und viel zu viel Pathos einen »Event im Event«, während Miriam immer weiter ihren kleinen Buchladen ausbaut. Das geht nicht ohne Reibereien ab, besonders nicht zwischen diesen beiden; außerdem ist Harry nach wie vor nicht die beiden Kommissare los, die sich in seinem unmittelbaren sozialen Umfeld bewegen.

Krimi-Couch: Was ist das nächste Projekt, dass Sie angehen werden?

Christiane Geldmacher: Ich möchte weiterlektorieren. Das macht mir genauso viel Spaß wie Schreiben. Schreiben, lesen, lektorieren, gedrittelt.

Das Interview führte Silke Wronkowski per E-Mail im Februar 2013.

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