Das Who is Who der Inspektor Jury Reihe

Ein englischer Inspektor ist keine Seltenheit im Krimi-Genre. Neben Lynley, Wexford, Barnaby, Dalgliesh (lassen wir jetzt mal die diversen Dienstgrade beiseite) tummelt sich schon seit Jahren Inspector Jury auf dem deutschen Büchermarkt und erfreut sich einer großen Zahl von Anhängern.

Martha Grimes hat mich mit Ihrer Hauptfigur schon Anfang der 90er Jahre begeistert und nun erwarte ich immer sehnsüchtig das Erscheinen eines neuen Buches. Ich kenne gerne die Details, nicht nur des Kriminalfalles, sondern auch der ermittelnden Personen, ich nehme gerne an ihrem Leben teil. Und genau das ermöglicht mir die Autorin, da sie um den Kriminalfall immer wieder die gleichen Personen gruppiert, mit denen jedes Buch wie ein Wiedersehen ist. Am Anfang der Reihe gestaltet sich dies als etwas schwierig, da Martha Grimes merkwürdige Zufälle einbauen muß, die erklären, warum die Hauptpersonen sich zum wiederholten Male am Schauplatz eines Verbrechens treffen, doch dies tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Nach einiger Zeit jedoch entwickelt sich eine Freundschaft und es ist um so natürlicher, dass sich die Figuren treffen.

Ein Überblick über die Hauptcharaktere:

Inspector Richard Jury

Hier ist natürlich Inspector Richard Jury zu nennen, der der Reihe bei den ersten 11 Romanen in Deutschland den Namen gab. Er wird übrigens nach einiger Zeit (ich meine, es wäre im dritten oder vierten Band gewesen) zum Superintendent befördert. Er lebt in London, ist bei Scotland Yard beschäftigt und verfügt über recht wenig Privatleben. Immer mal wieder taucht eine Frau in seinem Leben auf, doch es kann sich aus den verschiedensten Gründen keine langfristige Beziehung entwickeln, vielleicht aufgrund seiner starken Einbindung im Berufsleben. Dabei sieht er wohl ganz gut aus, er kann gut zuhören und mehrere Frauen liegen ihm zu Füßen, die jedoch keine Chance haben. Und die Frau, der er näher kommt, wird kurz bevor er ihr einen Heiratsantrag machen kann, umgebracht. Man möchte die Autorin dafür hassen, dass sie ihrem Protagonisten so viel Leid zufügt, doch das macht auch einen Teil seiner Anziehungskraft aus. Seine Eltern starben im Krieg bei der Bombardierung Londons, so daß er als Angehörige nur noch eine Cousine hat, die jedoch nur beiläufig in einem der ersten Bände erwähnt wird.

Sergeant Alfred Wiggins

Zur Seite steht Jury der hypochondrische Sergeant Alfred Wiggins. Sein Schreibtisch ist gegenüber Jurys Schreibtisch plaziert und ist belegt mit Pillen, Kohlekeksen, Brausetabletten und Kräutersäften. Er fürchtet sich vor jeglicher Art von Bazillen und hat auch immer das passende Hausrezept und einen Tipp für Jury parat. Seine Dienste sind sehr hilfreich, denn auch er kann gut zuhören und findet einen guten Draht zu den Befragten. Seine Aufzeichnungen sind immer perfekt und haben schon manches Mal den entscheidenden Hinweis geliefert.

Melrose Plant

Jury lernt Melrose Plant bei seinem (unserem) ersten Abenteuer im Dörfchen Long Piddleton kennen, da dort seltsame Morde in Gasthöfen geschehen, zu deren Aufklärung New Scotland Yard beitragen soll. Seinen Titel »Achter Earl von Caverness und Zwölfter Viscount Ardry« hat er abgelegt, nachdem er an einigen Sitzungen des Oberhauses teilgenommen hatte und diese ihn schrecklich gelangweilt hatten. Außerdem fand er es unpassend, einem Job nachzugehen und gleichzeitig einen Titel zu führen. In den Büchern wird sein Job – er hat einen Lehrstuhl an der Universität von London mit Spezialgebiet für französische Poesie der Romantik – allerdings nur selten erwähnt und scheint nur der Ausschmückung zu dienen. Melrose hat es jedoch auch nicht nötig, Geld zu verdienen, da er auf seinem Anwesen Ardry End ein gutes Auskommen hat. Sein Aussehen wird als durchschnittlich beschrieben und in meiner Vorstellung ist er aufgrund seines Humores und seiner Spontanität viel jünger als sich Martha Grimes ihn wohl ausgedacht hat (zumindest war ich überrascht, als irgendwo mal sein Alter erwähnt wurde). Für mich ist er, wie die anderen bisher beschriebenen Personen übrigens auch, ein sehr sympathischer Zeitgenosse.

Tante Agatha

Die Tante von Melrose Plant wird dagegen eher als schrullige Person charakterisiert, überaus neugierig und nervtötend. Agathas Fähigkeit, überall aufzutauchen und sich in alles einzumischen, ist jedoch auch das Salz in der Suppe. Sie beneidet Melrose sehr um seine Titel und findet es unverständlich, dass er diese abgelegt hat. Ihr verstorbener Mann war der Bruder des Siebten Earl of Caverness, dem Vater von Melrose, und hat ihr leider nur wenig hinterlassen. Eigentlich ist Agatha Amerikanerin, aber sie versucht durch Auftreten, »very british« zu wirken, wozu auch gehört, dass sie sich Lady Ardry nennt. Wenn sie Melrose besucht, verschwindet ab und zu eines der Nippes-Figürchen aus Ardry End in ihrer Handtasche, um später auf ihrem eigenen Kamin wieder aufzutauchen. Außerdem ist sie dafür bekannt, dass sie beim Tee nie genug von den Stückchen bekommt. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als Melrose zu beerben, aber die Chance ist gering, da er um einiges jünger ist als sie. Und was sie noch ärgert: Melrose löst das Kreuzworträtsel aus der Times in weniger als 15 Minuten.

Divisional Commander Brian Macalvie

Divisional Commander Brian Macalvie ist ein für Devon und Cornwall zuständiger Polizist, der zu Beginn der Serie gar nicht begeistert über die Einmischung von Scotland Yard ist. Nach und nach entwickelt sich jedoch auch hier eine Freundschaft und Macalvie wird auch mal von Jury zu einem kniffligen Fall gerufen. Seine Mitarbeiter sind ihm nie präzise genug, deshalb ist er immer der erste am Tatort.

Marshall Trueblood

Marshall Trueblood ist Antiquitätenhändler in Long Piddleton und »vom anderen Ufer«. Seine skurrile Art und sein perfekt aufeinander abgestimmtes Outfit bedient meisterhaft die Klischees und lassen den Leser schmunzeln.

Vivian Rivington

Vivian Rivington, ebenfalls eine Bewohnerin von »Long Pidd«, will schon seit Jahren einen italienischen Grafen heiraten, doch Melrose und Marshall haben schon einige Male die Hochzeitspläne torpediert. Sie hat ein Faible für Jury und ich wünschte mir, dass sich hier mal etwas entwickelt hätte, aber auch Melrose ist ihr nicht abgeneigt.

Diane Demorney

Mit diesen beiden taucht auch immer wieder Diane Demorney auf, die Horoskope erfindet und diese genau auf die Sternzeichen ihrer Freunde abstimmt, um zum Beispiel Vivian vom Heiraten abzubringen. Ihre Kleidung ist nur in weiß und schwarz gehalten und sie ist ein Luxusgeschöpf sondergleichen.

Superintendet Racer

Superintendet Racer ist Jurys Chef und meines Erachtens vergleichbar mit Donna Leons Figur von Vice-Questore Patta (dem Chef von Commissario Brunetti): cholerisch, ungerecht und nicht gerade arbeitswütig. Er läßt sich leicht von Cyril, dem Kater von Scotland Yard ärgern. Besonders charakterisierend ist folgende Aussage von ihm: »...heute ist der siebenundzwanzigste. Sie kamen am zweiundzwanzigsten dort an. Zählt man den heutigen Tag nicht dazu, dann kommen auf jeden Tag, den sie sich in dem Kaff aufhielten, 0,66 Morde.«

Fiona Clingmore

Fiona Clingmore, die Sekretärin von Racer, ist nicht mehr ganz taufrisch, sehr auf ihr Äußeres bedacht und liegt Jury ebenfalls zu Füßen.

Polly Praed

Polly Praed, die Krimiautorin, taucht nur selten auf. Sie lernte Melrose und Jury ebenfalls bei einem Fall kennen, als in ihrem Dorf rätselhafte Morde geschahen. Wie Fiona Clingmore schwärmt sie für Jury.

Mrs. Wassermann

Im gleichen Haus wie Jury wohnt Mrs. Wassermann. Die alte Dame ist Überlebende des Holocaust und leidet unter Verfolgungswahn, den Jury zu mindern versucht. Immer wieder baut er ihr ein neues Schloß in die Tür ein oder gibt ihr eine Polizeipfeife, damit sie Hilfe herbeiholen kann.

Carol-Anne Palutski

Eine nette Zeitgenossin ist auch die andere Mieterin in diesem Haus, die quirlige Carol-Anne Palutski, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Junggesellen Jury zu becircen. Aufmerksam kümmert sie sich um ihn, installiert im einen Anrufbeantworter und wacht eifersüchtig darüber, dass Jury nicht mit allzuvielen Frauen in Kontakt kommt.

Ruthven

Beinahe hätte ich Ruthven vergessen, den Butler von Melrose, der sich zwar im Hintergrund hält, jedoch ein treuer Diener seines Herrn ist. Er kann sich die Anrede »Eure Lordschaft« nur sehr schwer abgewöhnen. Auch er bemüht sich von Kräften, die Besuche von Agatha abzuwenden, was leider nur selten gelingt.

Diese Aufzählung ließe sich nun beliebig erweitern, da Martha Grimes einmal eingeführte Figuren gerne wieder in Folgeromanen auftauchen läßt. Irgendwie wirken ihre Romane damit wie ein Verwandtenbesuch. Die Autorin zeichnet die Landschaft und die Charaktere sehr detailliert und entführt den Leser in den britischen Mikrokosmos der teetrinkenden und tweedgekleideten Inselbewohner, was jedoch nicht langweilig wirkt. Auch die Orte wechseln, denn es wäre doch zu sehr an den Haaren herbeigezogen, wenn die Morde alle in der Umgebung des Dörfchens Long Piddleton geschehen würden. Als Inspector von Scotland Yard hat Jury natürlich mannigfaltige Möglichkeiten, auch an anderen Orten als London eingesetzt zu werden, für Melrose Plant ist es da schon schwieriger, am Schauplatz des Verbrechens aufzutauchen. Doch inzwischen beteiligt er sich ja bei der Aufklärung und darf im neuesten Band sogar zunächst ohne Jury auf Spurensuche gehen. Zweimal wurde auch schon außerhalb von England ermittelt, was ein bißchen frischen Wind in die Serie gebracht hat.

Die Fälle vom Martha Grimes sind immer spannend, der Täter wird meist erst auf den letzen Seiten enthüllt. Und wenn auch Jury und Wiggins schon eine Ahnung haben, so verraten sie diese nicht voreilig. Gut, dass Melrose Plant hier mit dem Leser gemeinsam im Dunkeln tappt und Erklärungen fordert.

Da Martha Grimes schon so viele Jury-Romane geschrieben hat, ist es schwer, sich immer etwas neues auszudenken und sich nicht immer zu wiederholen. Bisher ist dies der Autorin meiner Ansicht nach gelungen, auch wenn ich meine, dass es ihr schwerer fällt.

Um in die Serie einzusteigen, empfehle ich auf jeden Fall, chronologisch vorzugehen, versteht man doch die liebevoll eingestreuten Zwischenbemerkungen viel besser. Alle Originaltitel sind Namen von englischen Pubs, die immer wieder eine Rolle spielen und deren Geschichte in einem der Bücher auch ein wenig erläutert wird.

Noch eine Bemerkung zur Übersetzung, die bis auf einen Punkt ganz gut gelungen ist: Nach so vielen Jahren nimmt einem doch keiner ab, dass sich Melrose und Jury noch siezen, zumal es im englischen doch eh »you« heißt.

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