Eindeutig Mord von Ian Rankin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1992 unter dem Titel A Good Hanging and other Stories, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Goldmann.

  • London: Century, 1992 unter dem Titel A Good Hanging and other Stories. 288 Seiten.
  • München: Goldmann, 2008. Übersetzt von Giovanni Bandini. ISBN: 978-3-442-45604-8. 288 Seiten.

'Eindeutig Mord' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

»Das war eindeutig Mord«, erkennt der Fachmann – und das gleich in mehreren Fällen. John Rebus, der eigenwillige Detective aus Edinburgh, durchstreift die dunklen Gassen seiner Heimstadt auf der Suche nach Motiven, Tätern und verborgenen Indizien. Egal, ob ein Student erhängt an einem Galgen gefunden wird, ob es um einen Geist geht oder ein vermeintliches Attentat: Detecive Rebus kommt der Wahrheit mit Geduld und Sturheit auf die Spur ... 

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Dutzend schottischer Krimi-Perlen« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Zwölf Kurzgeschichten erzählen von »klassischen« Verbrechen im schottischen Edinburgh und ihrer Aufklärung durch den exzentrischen aber fähigen Inspector Rebus:

  • Playback (»Playback«), S. 9-36: Inspector Rebus hasst die moderne Technik aber der raffinierte Anrufbeantworter eines Mordverdächtigen fasziniert ihn – mit unerwarteten Folgen …
  • Der Fluch des Hauses Dean (»The Dean Curse«), S. 37-70: Ein Pechvogel von Dieb stiehlt ausgerechnet ein Auto, in dem eine Bombe installiert wurde; John Rebus ist das des Zufalls zu viel …Der Titel ist übrigens eine nette Anspielung an Dashiell Hammetts Der Fluch des Hauses Dain
  • Frank und frei (»Being Frank«), S. 71-88: Landstreicher Frank belauscht zwei aus seiner Sicht gefährliche Verschwörer; Inspector Rebus weiß zum Pech für ein diebisches Duo Franks wirre Rede zu deuten …
  • Eine Leiche im Keller (»Concrete Evidence«), S. 89-116: Die Spur ist längst eiskalt in diesem uralten Mordfall, doch John Rebus macht das mit Einfallsreichtum und Dreistigkeit wett …
  • Ansichtssachen (»Seeing Things«), S. 117- 144: Die Erscheinung des leibhaftigen Jesus Christus entpuppt sich als Fehlinterpretation im Rahmen eines sehr profanen Verbrechens …
  • Gut gehängt (»A Good Hanging«), S. 145-178: Als genialischer Mörder sollte man vorsichtig sein, wenn man sich mit Inspector Rebus anlegt …
  • Von Meisen und Menschen (»Tit for Tat«), S. 179-202: Beobachtet er seltene Vögel oder hübsche Frauen? John Rebus stellt einen Hobbyfotografen auf die Probe …
  • Not Provan (»Not Provan«), S. 203-224: Kann ein Täter zur selben Zeit an zwei unterschiedlichen Orten sein? Inspector Rebus erklärt, wie’s geht …
  • Sonntag (»Sunday«), S. 225-240: Ein scheinbar ganz normales Wochenende spiegelt für John Rebus eine schreckliche Erfahrung wider …
  • Auld Lang Syne (»Auld Lang Syne«), S. 241-258: Im Neujahrstrubel auf Edinburghs Straßen entdeckt Inspector Rebus einen Gewaltverbrecher, den er sicher im Gefängnis wähnte …
  • The Gentlemen’s Club (»The Gentleman’s Club«), S. 259-282: Hinter den Fassaden zweier vornehmer Familien fördert Rebus das nackte Grauen zutage …
  • Monströse Trompete (»Monstrous Trumpet«), S. 283-318: 15 aufgebrachte Frauen sitzen Rebus im Nacken, der ein ganz besonderes gestohlenes Kunstwerk wiederbeschaffen soll …

Gegeizt wird mit Worten aber nicht mit Spannung

Die John-Rebus-Romane des Ian Rankin zeichnen sich (mit Ausnahme des ersten Bandes, der allerdings eine Sonderstellung einnimmt) nicht nur durch ihren enormen Unterhaltungswert, sondern auch durch ihre mit den Jahren stetig zunehmende Seitenstärke aus. Als Leser hat man sich daran gewöhnt und glaubt inzwischen sogar an ein Muss dieser Breite, ist doch die kriminelle, kriminalistische und private Welt des John Rebus so komplex geworden, dass sie selbst episodenhaft unter 500 Seiten nur ansatzweise zu würdigen ist.

»Playback«, die erste Story dieser Sammlung, schürt denn auch die Befürchtung, dass die kurze Form nicht die richtige für Rebus ist. Der Plot ist simpel: ein Whodunit, wie es kaum rebustypisch genannt werden kann und zudem hölzern erzählt wird. Schon Anfang der 1990er Jahre dürfte die Auflösung wenig überzeugend gewirkt haben. Mit unfehlbarer Sicherheit fischt Rebus – zu diesem Zeitpunkt noch Inspector – das entscheidende Indiz aus einem Mülleimer. Offenbar hat ihn der Blitz der Erkenntnis getroffen, denn keine ´logische´ Erklärung kann seinen Fund nachvollziehbar machen.

Aber bereits mit »Der Fluch des Hauses Dean« hat Rankin die Kurzgeschichte in den Griff bekommen. Das geschilderte Verbrechen ist ebenfalls ziemlich abgehoben aber das geht in einem Feuerwerk boshaft-präziser Milieustudien, Reminiszenzen an Edinburghs oft bizarre Vergangenheit, tragikomischer Tücken des Objekts und knochentrockener bis schwarzhumoriger Scherze unter, wie wir sie kennen und lieben. Das Privatleben seines ´Helden´ ist für Ian Rankin ebenso integrales Element des modernen Kriminalromans wie für die meisten seiner Schriftstellerkollegen (vor allem diejenigen weiblichen Geschlechts), doch er meidet geschickt die seifenoperlichen Pseudo-Dramen, mit denen diese viel zu oft die Handlung aufblähen.

Die vielen Fassetten des John R.

Rebus ist ein vielschichtiger Charakter. Rankin nutzt die Kurzgeschichte, um diverse Aspekte seines Wesen herauszuarbeiten. Die Story unterstützt die Möglichkeit der konzentrierten Darstellung. Beeindruckend ist Rankins Kunst, diese Figurenzeichnung jeweils in eine spannende Krimihandlung einzubetten. Die ist selten klassisch und beschränkt sich nicht auf die übliche Entlarvung alibifester Verdächtiger. »Frank und frei« ist ein schönes Beispiel für Rankins Spiel mit dem Genre. Im Mittelpunkt steht ein Außenseiter, dessen Leben Rankin anschaulich beschreibt, bevor Rebus eher zufällig die Szene betritt, woraufhin das Geschehen einen Verlauf nimmt, der so grotesk ist wie das Leben manchmal tatsächlich spielt.

Gelungen balanciert Rankin auch mit »Ansichtssachen« auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Ernst. Er kennt »seine« Schotten, deren Eigenarten er buchstäblich Gestalt annehmen lässt. Schließlich gehört er selbst zu ihnen – eine Erkenntnis, die zu den eher düsteren Seiten des John Rebus überleitet, denn schnell kann die Stimmung umschlagen. Der Rebus aus »Eindeutig Mord« ist dem ehemaligen Elite-Soldaten, der einen psychischen Zusammenbruch erlitt, noch sehr nahe; er ist labil und sehr von Stimmungen abhängig, was er gern vor sich selbst verbirgt. Gleichzeitig drastisch und einfühlsam beschreibt Rankin dies in »Sonntag«, als er dem Leser nur Stück für Stück ein furchtbares Erlebnis enthüllt, über das sich nachzudenken Rebus einfach weigert. Selbstverständlich funktioniert diese Verdrängung nicht; der Schrecken holt Rebus und mit ihm den Leser letztlich doch ein.

»Not Provan« zeigt einen Rebus, der dem Gesetz nicht nur auf unkonventionelle Weise zu seinem Recht verhilft, indem er gesellschaftliche Regeln und Privilegien ignoriert bzw. durch seine ausgeprägte kriminalistische Findigkeit ersetzt. Dieses Mal bricht Rebus das Gesetz, um einen Verbrecher, dessen Taten er sehr persönlich nimmt, ins Gefängnis zu bringen. In »The Gentleman’s Club« kann er den Schuldigen dagegen nicht der Gerechtigkeit ausliefern, was ihn, der unter der Schutzschicht des Zynikers sorgfältig sein idealistisches Wesen verbirgt, zutiefst verbittert.

Was macht John Rebus zu dem fähigen Polizisten, der er bei aller Exzentrik ist? Intelligenz, Erfahrung, dazu eine ausgeprägte Kenntnis Edinburghs und seiner Bewohner – das sind vier Schlüssel zum Erfolg. Da ist aber mehr, eine diffuse, schwer fassbare Intuition, über die sich Rankin Detective Constable Holmes, die heimliche zweite Hauptfigur dieser Sammlung, ausgiebig den Kopf zerbrechen lässt. Holmes – der Name ist Ironie, denn tatsächlich übernimmt diese Figur die Rolle des Watson – beobachtet seinen Chef bei der Arbeit und kommt selbstkritisch zu dem Schluss, das ihm das Fünkchen vielleicht sogar irrer Genialität abgeht, das Rebus auszeichnet.

Das Schicksal ist Schotte

Dabei weiß Rebus um die Unwägbarkeiten eines Schicksals, das ihm immer wieder Streiche spielt. In »Auld Lang Syne« nimmt eine Drogenrazzia einen völlig unerwarteten Verlauf, der aus einem anderen Blickwinkel betrachtet freilich völlig zielgerichtet wirkt; in »Ansichtssachen« verwandelt sich eine religiöse Epiphanie in einen ganz und gar weltlichen Gangsterkrieg; in »Von Meisen und Menschen« erweist sich das scheinbare Opfer heimtückischer Selbstjustiz als Täter: Nur selten sind die Dinge, wie sie zu sein scheinen. Was Holmes nicht begreifen kann ist die daraus resultierende Lehre, die Rebus verinnerlicht hat – meide Konventionen und bleibe offen für Überraschungen, die garantiert eintreffen werden.

Auf dass diese Lektion nicht skandinavisch depressiv ausklingt, illustriert Rankin sie mit »Monströse Trompete«, einem kleinen Kabinettstück ausgefeilter Krimi-Komik. Ohne Rücksicht auf politische Korrektheit schildert er die einerseits kriminellen Umtriebe einer Gruppe von Frauen, die andererseits ausgesprochen ´weibliche´ und unter diesem Gesichtspunkt logische Beweggründe für ihr Tun vorbringen können. Holmes wendet an, was er auf der Polizeischule gelernt hat, und scheitert, während Rebus leichtfüßig über seinen Schatten springt und Deduktion mit Intuition ergänzt. Plötzlich wirkt ein völlig konfuses Geschehen absolut überzeugend. Der frustrierte Holmes akzeptiert die Tatsache, dass sein Vorgesetzter eine ganz besondere Sorte Mensch und Polizist ist, und ist gespannt auf die weitere Zusammenarbeit – eine Empfindung, die die Leser dieser zwölf Geschichten gern mit ihm teilen.

Michael Drewniok, Juli 2008

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Stefan83 zu »Ian Rankin: Eindeutig Mord« 13.04.2009
John Rebus im Kurzformat? Das kann doch nicht funktionieren.

Dieser oder ein ähnlicher Satz schoss mir durch den Kopf, als ich Ian Rankins Kurzgeschichtensammlung "Eindeutig Mord" zum ersten Mal in der Buchhandlung in Augenschein nahm. Einen schnellen Kauf und zwei Geschichten später in der U-Bahn, musste ich mein vorschnelles Urteil revidieren und korrigieren.

John Rebus funktioniert hier nicht nur hervorragend, sondern kann auf ganzer Strecke überzeugen. Der enorme Unterhaltungswert durch den sich schon die Romane ausgezeichnet haben, ist auch in den Kurzgeschichten gegeben, wenngleich der komplexe Aufbau der späten Ian Rankin Werke natürlich vernachlässigt werden musste. Dafür serviert uns Ian Rankin ein ganzes Dutzend schottischer Stories im klassischen Whodunitstil, in denen mit augenzwinkernden, detailgenauen Milieustudien ebenso wenig gegeizt wird, wie mit dem von mir so geliebten knochentrocken und schwarzen Humor.

Oftmals ist es John Rebus Privatleben, welches im Vordergrund steht und als Gerüst für die jeweilige Geschichte dient. Viele Aspekte seines Seelenlebens und Wesens werden herausgearbeitet, seine Vergangenheit als Elite-Soldat, welche in der Vergangenheit für einen psychischen Zusammenbruch gesorgt hat, immer noch in Ansätzen erwähnt. John Rebus ist noch stellenweise labil, von Stimmungen abhängig und nicht selten im Konflikt mit seiner Außenwelt. Eindringlich und fantastisch wie Ian Rankin seinen "Helden" besonders in der Kurzgeschichte "Sonntag" beschreibt. Und auch die anderen Figuren vermögen durchweg für Unterhaltung zu sorgen und nehmen dank Rankins perfekt konditionierter Zeichnung vor den Augen des Lesers gestalt an.

Der Autor kennt Schottland, seine Einwohner und die Heimat Edinburgh, vermag ihre Eigenheiten und Schrullen mithilfe von Komik und tragischem Ernst meisterhaft auf Papier zu bringen. Dabei legt er eine Einfühlsamkeit an den Tag, die man von einem männlichen Autor so vielleicht gar nicht erwartet hätte. Und trotz all dem muss der Rebus-Fan auf nichts verzichten. Die Ermittlungen des zynischen, aber idealistischen Detectives sind wieder unkonventionell, nicht selten gegen das Gesetz ("Not Provan") und weiterhin ein Beleg für seine kriminalistische Findigkeit, welche ihm zum Lieblingsschüler von "Farmer" Watson machen. Das dies manchmal auch bedeutet einen nervigen Franzosen an seiner Seite ermitteln zu lassen, trägt Rebus nur nach außen hin mit Fassung und lässt bei uns Lesern ein Lächeln im Gesicht aufblitzen.

Insgesamt ist "Eindeutig Mord" eine vollends gelungene Sammlung früher John Rebus-Fälle, welche Neueinsteigern und Alt-Fans gleichsam ans Herz zu legen ist und die dank viel Ironie, Sprachwitz und einer gehörigen Portion Lokalkolorit zum absoluten Lesevergnügen mutiert. Folgende Kurzgeschichten sind besonders hervorzuheben: "Der Fluch des Hauses Dean", "Von Menschen und Meisen", "Sonntag" und "Auld Lang Syne". Nur ein, zwei weniger gelungene Stories verhindern eine höhere Wertung meinerseits.
10 von 13 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Kinsey zu »Ian Rankin: Eindeutig Mord« 16.09.2008
Lange genug hat es ja gedauert bis dieser Band mit Kriminal-Stories um John Rebus endlich auf deutsch erschienen ist. Aber das Warten hat sich gelohnt! Rankin erweist sich hier durchaus auch als Meister der Kurzgeschichte: Der Band enthält zwölf kleine, abgeschlossene Geschichten mit originellen Plots, stimmig und rund erzählt, garniert mit einer guten Prise Humor. Für Fans ein absolutes Muß – und, wer Rankin und Rebus noch nicht kennt, kriegt hier einen guten Eindruck.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
heinrich zu »Ian Rankin: Eindeutig Mord« 01.08.2008
An dieser Stelle wollte ich endlich meine gepflegten Vorurteile über Kriminalkurzgeschichten loswerden, aber Ian Rankin hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Mal abgesehen von der ersten Geschichte und der (originalen) Titelgeschichte sind alle lesenswert. Womit wir bei meinem Aufreger wären: Der deutsche Titel ist wieder mal ohne Bezug zum Inhalt mit der Wortwürfelmaschine des Verlages generiert worden. In drei Geschichten geht es gar nicht um Mord.
Im Übrigen ist das Verb zur Tätigkeit des Henkers nicht hängen sondern henken...
kissace zu »Ian Rankin: Eindeutig Mord« 24.06.2008
Irgendwie kommt Rebus bei Kurzgeschichten nur halb so gut wie in den Romanen... Klar sind die Geschichten immer noch meilenweit über denen von vielen anderen Krimi-Autoren anzusiedeln, und man lernt Rebus gut kennen und lieben ( besonders geeignet für Rankin-Neulinge ).. aber die ganze Tiefe kann eine Kurzgeschcihte natürlich nie erlangen...
Ich finde die Person Rebus einfach als zu komplex und ziehe daher die Romane vor.
Trotzdem ist das Buch tolle Unterhaltung und für Rebus-fans ein MUST HAVE
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