Blutschuld von Ian Rankin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1993 unter dem Titel Mortal Causes, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 6 der John-Rebus-Serie.

  • London: Orion, 1993 unter dem Titel Mortal Causes. 384 Seiten.
  • München: Goldmann, 2003. Übersetzt von Giovanni & Ditte Bandini. ISBN: 3-442-45016-0. 384 Seiten.
  • München: Goldmann, 2009. Übersetzt von Giovanni & Ditte Bandini. ISBN: 978-3-442-47099-0. 380 Seiten.

'Blutschuld' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

In den Gassen von Edinburgh pulsiert das Leben, doch unter den Straßen herrscht der Tod: Eine grausam verstümmelte Leiche wird in den alten Gemäuern von Mary King’s Close gefunden. Die Identität des Toten bereitet Inspector John Rebus schlaflose Nächte, denn es handelt sich um den Sohn des großen Gangsterbosses Cafferty. Und der schwört blutige Rache. Für Rebus, der den Mörder nicht Cafferty überlassen will, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit …

Das meint Krimi-Couch.de: »Die Betulichkeit des klassischen britischen Kriminalromans verulkend« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Mary King’s Close ist einer jener bizarren Orte, an denen die schottische Großstadt Edinburgh so reich ist: ein im 17. Jh. errichteter Straßenzug, der in späterer Zeit komplett überbaut wurde und vollständig erhalten unter die Erde geraten ist. Der beliebte und gruselige Ausflugsort bekommt nun eine neue Attraktion, als in einer historischen Metzgerei die grausam verstümmelte Leiche eines jungen Mannes gefunden wird. Er hat einen »Six-pack« bekommen, d. h. ihm wurden vor dem Tod systematisch Arme und Beine zerschossen – eine typische Terroristen-Strafe für »Verräter«.

Inspektor John Rebus von der Kriminalpolizei übernimmt den Fall. Der gewinnt ganz neue Dimensionen, als die Identität des Toten feststeht: Es ist der Sohn des gefürchteten »Big Ger« Cafferty, der fest die Zügel des organisierten Verbrechens in Edinburgh in der Hand hält. Rebus kennt ihn gut, er hat sich schon einige Male mit Cafferty gemessen und ihn zuletzt auch hinter Gitter schicken können (vgl. »Verschlüsselte Wahrheit«, Goldmann-TB Nr. 45015). Aber »Big Ger« ist auch hinter Gittern immer noch präsent, und nun will er Rache. Er schickt seine Handlanger aus, die rücksichtslos den oder die Mörder suchen und bestrafen sollen. Für Informanten gibt es eine hohe Belohnung, für unwillige Helfer den Tod.

Der Polizei droht ein Gangsterkrieg

Der Polizei droht ein regelrechter Gangsterkrieg, der zu eskalieren beginnt, als nordirische und schottische »Freiheitskämpfer« für den Mord an Cafferty jr. verantwortlich gemacht werden können. Die IRA hält sich zwar dieses Mal heraus, aber es gibt genug andere militante und paramilitärische Gruppen, die gern in die Bresche springen.

Der unwillige Rebus, der als junger Mann in Nordirland gedient hat, wird an eine Sondereinheit, das Scottish Crime Squad, »ausgeliehen«. Dort heißt man ihn nicht willkommen, der Geheimdienst mischt sich ein und hält Informationen zurück, Cafferty macht Rebus persönlich für die Aufklärung des Mordes an seinem Sohn verantwortlich und schickt mehrfach seine Leute, um den Inspektor zu »ermuntern«, die Terroristen werden allmählich aufmerksam …Viel Verdruss für John Rebus, der nichtsdestotrotz mit der ihm eigenen Sturheit seinen Spuren folgt, während um ihn herum die korruptiv wohlgeordnete kleine Welt von Edinburgh aus den Angeln gerät …

Mischung aus Krimi und Polit-Thriller

Das sechste John Rebus-Abenteuer ist eine spannende Mischung aus Krimi und Politthriller. Ian Rankin lässt immer wieder die brisante politische Gegenwart Schottlands in seine Romane einfließen. Nach wie vor kann von einer echten Einheit zwischen »Engländern« und »Schotten« nicht gesprochen werden. Erstere fühlen sich ihren nördlichen Nachbarn überlegen, letztere sind erbost darüber, und beide Seiten lassen einander ihre Vorbehalte und Vorurteile deutlich spüren.

Dritter im unheiligen Bunde ist Irland, von dem ein nördliches Stück zu Großbritannien gehört, was bekanntlich seit vielen Jahrzehnten für blutige Querelen sorgt. Rankin ruft uns ins Gedächtnis, dass nur ein schmaler Streifen Meer Nordirland von Schottland trennt. Für militante Gruppen ergeben sich da gewisse Möglichkeiten, denn der Feind meines Feindes könnte ja bekanntlich mein Freund sein. So tun sich denn immer wieder schießwütige Nordiren mit unzufriedenen Schotten zusammen und nutzen die Ferne zu London, Waffen aller Art via North Channel auf die irische Insel zu schaffen.

Die Sinnlosigkeit der Miniatur-Bürgerkriege

Höchste Politik ist hier im Spiel. Nordirland ist für die britische Regierung ein ewiger Pfahl im Fleisch. Militär, Polizei und Geheimdienste liefern sich auch untereinander einen erbitterten Kleinkrieg und arbeiten eher gegen- als miteinander. Dabei ist das Milieu unübersichtlich und brandgefährlich genug. Nicht nur die IRA, sondern viele Splittergruppen kochen ihr eigenes revolutionäres Süppchen. Die Sinnlosigkeit dieser Miniatur-Bürgerkriege weiß Rankin für seine Geschichte gut und deprimierend einleuchtend zu nutzen. Er verschweigt auch nicht, dass sich die »klassischen« Terroristen zunehmend mit dem organisierten Verbrechen einlassen und die Übergänge allmählich fließend werden.

Was uns zurück zum klassischen Kriminalroman bringt. Ein zweiter Handlungsstrang erzählt die Geschichte vom Mord am Sohn eines Gangsterbosses. Auch daraus ergibt sich sofort eine vielversprechende Ausgangssituation, die man aus anderen Buch- und Filmkrimis kennt. Rankin kann sie für eine rasante und witzige Variation nutzen, in der John Rebus auf seine typische Art unerwartete Akzente setzt. Er ist wirklich wie ein Terrier, dem man den Kiefer brechen müsste, um ihn von einer Spur abzubringen, in die er sich verbissen hat, wie ein missgünstiger Kollege es einmal formulierte.

Großartige Kulissen

Wieder wird die Stadt Edinburgh optimal in das Geschehen integriert. Großartige Kulissen wie das versunkene Mary King’s Close künden von einer komplexen Vergangenheit, die ihre Spuren bis in die Gegenwart hinterlässt. Gleichgültig ob Obrigkeitswillkür, Korruption oder Elend – Rebus fällt in Vertretung Rankins stets eine Anekdote ein, die deutlich macht, dass Edinburgh zu allen Zeiten ein gefährliches Pflaster war, auf dem allzu brave Bürger, Idealisten und andere Dummköpfe leicht ins Rutschen geraten können.

Wobei die Vergangenheit eine feste Größe und ganz sicher nicht tot ist. Das gilt für Edinburgh, die alte Stadt mit ihrer zum Teil recht bizarren Geschichte, ebenso wie für John Rebus, den die aktuellen Ereignisse zwingen in einen Teil seines Lebens zurückzukehren, den er mehr oder weniger verdrängt hatte.

Rebus´ wenig glorreiche Zeit als Soldat in Nordirland

Rebus’ wenig glorreiche Zeit als Soldat in Nordirland und später bei einer Spezialeinheit hat ihm ein ewiges Trauma und einen ausgeprägten Widerwillen gegen Hierarchien beschert. Beides setzt sich bis in die Gegenwart fort. Bis auf »Verborgene Muster«, den ersten Band der Rebus-Serie, ging Ian Rankin bisher nicht weiter darauf ein. Erst jetzt öffnet er uns dieses Kapitel aus dem Leben seines schwierigen Helden weiter.

Vieles wird nun deutlicher. Angesichts der unerfreulichen Erlebnisse der Vergangenheit hält sich der Rebus der Gegenwart sogar ganz gut. Seine Freunde und Kolleginnen, die wenig über seine Vergangenheit kennen, würden das freilich nicht bejahen. Sie müssen wieder einmal unter den exzentrischen Verdrießlichkeit des verschlossenen Mannes ordentlich leiden. Besonders hart trifft es natürlich Brian Holmes und Siobhan Clarke, Rebus’ viel geprüfte Mitarbeiter und inoffizielle Schüler. Ihr Meister knausert mit Informationen und kleidet Lob und Ansporn gern in Ironie. Trotzdem wissen sie gut, was sie an Rebus haben.

»Farmer« Watson und »Fart« Lauderdale

Diese Meinung teilt Chief Superintendent »Farmer« Watson, der die Qualitäten seines widerborstigen Untergebenen trotz ständiger Reibereien gut kennt und diesem mehr als einmal den Rücken freihält, wenn Rebus wieder über die Stränge schlägt, recht unorthodoxe Fahnungsmethoden einführt, die Medien oder die gesellschaftliche Führungsschicht vor den Kopf stößt und seinen Intimfeind bei der Polizei, Chief Inspector »Fart« Lauderdale, vorsätzlich bis aufs Blut reizt.

»Big Ger« Cafferty hat sich seit seinem ersten Auftritt sichtlich weiterentwickelt – wenn auch nicht zum Besseren. Seine kriminelle Energie ließ sich durch die Haft nur kanalisieren, nicht bremsen. Cafferty regiert nicht nur weiter Edinburghs Unterwelt, sondern hat sogar das Gefängnis unter seine Kontrolle gebracht. Sein bisher nicht vermuteter Familiensinn überrascht zunächst, aber »Big Ger« bleibt sich treu und lässt in seiner Rachsucht eine Spur des Terrors durch die Stadt ziehen.

Fazit: Wieder ein Lesegenuss (wozu auch die Übersetzung beiträgt), der ungeduldig macht auf den nächsten Fall des Inspektors Rebus.

Ihre Meinung zu »Ian Rankin: Blutschuld«

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Stefan83 zu »Ian Rankin: Blutschuld« 04.04.2011
Knapp anderthalb Jahre sind (obwohl ich stets mit neugierigen Blicken an der Ian-Rankin-Ecke meines Bücherregals vorbei gelaufen bin und durchaus Lust auf ein neues Abenteuer aus Edinburgh gehabt habe) seit der Lektüre von „Verschlüsselte Wahrheit“, dem Vorgänger des nun gelesenen John-Rebus-Falls „Blutschuld“ vergangen.. Aber wie das Leben so spielt: Immer wieder kamen andere Titel dazwischen, verhinderte ein unser Wohnzimmer sprengender SUB eine weitere Beschäftigung mit meinem schottischen Lieblingsautor. Sicherlich ein Fehler, denn nach Beendigung des sechsten Bands aus der Reihe um Inspector John Rebus zeigt sich einmal mehr, dass man nicht in die Ferne schweifen sollte, wenn das Gute doch so nah liegt.

Und richtig gut ist auch wieder „Blutschuld“, welcher im englischen Original bereits im Jahre 1993 unter dem Titel „Mortal Causes“ erschienen ist und uns zurück in eine Zeit führt, in welcher die politische Situation in Nordirland wesentlich brisanter war, als dies heute der Fall ist. Rankin ist es nicht nur gelungen, die verhärteten Fronten zu skizzieren, welche jahrelang einen Frieden auf der grünen Insel verhindert haben. Er zeigt auch die Auswirkungen dieses Konflikts auf Schottland, das sich trotz der Mitgliedschaft in „Großbritannien“ keineswegs als gleichberechtigter Partner der Engländer fühlt und in dessen Bevölkerung einige militante Gruppen, auf protestantischer und katholischer Seite, diesen ewig währenden Bürgerkrieg zu ihren jeweiligen Gunsten zu beeinflussen versuchen.

Edinburgh, im August 1993. Wie immer beginnt auch diesmal alles mit einer Leiche. Während in der Innenstadt das berühmte Edinburgh Festival im Gange ist und Tausende von Touristen durch die engen Gassen strömen, wird in den alten unterirdischen Gemäuern von Mary King's Close, einem im 17. Jahrhundert errichteten und in späterer Zeit überbauten Straßenzug, die grausam verstümmelte Leiche eines jungen Mannes gefunden. Offensichtlich wurde er vor seinem Tod lange gefoltert, bis man ihm schließlich einen „Six-Pack“ verpasst hat. Eine in Nordirland übliche Strafmaßnahme, bei der dem Opfer systematisch Arme und Beine zerschossen werden. Inspector John Rebus wird an den Tatort gerufen und soll den Fall, nicht zuletzt weil er selbst als junger Soldat in Belfast gedient und Erfahrungen mit der IRA gemacht hat, übernehmen.

Die üblichen Nachforschungen werden angestellt, Klinken geputzt und Zeugen befragt, bis bald die Identität des Toten feststeht und die Ermittlungen für John Rebus einen bitteren Beigeschmack bekommen. Bei dem Opfer handelt es sich um niemand geringeren als den Sohn von „Big Ger“ Cafferty. Ein Gangsterboss, der einen Großteil des organisierten Verbrechens in Edinburgh kontrolliert und mit dem sich Rebus in der Vergangenheit bereits mehr als einmal messen musste. Zuletzt hat er ihn sogar hinter Gitter geschickt (siehe „Verschlüsselte Wahrheit“), was „Big Ger“ aber nicht davon abhält, weiterhin seine Ränke zu schmieden und Rache zu fordern. Die soll ihm nun ausgerechnet Rebus verschaffen, den er mit Druck und Drohungen dazu „ermuntert“, den Mörder seines Sohnes zu finden. Keine einfache Situation für den eigensinnigen Polizisten, der im Zusammenhang mit dem Mord zu einer Sondereinheit, dem Scotish Crime Squad, abkommandiert worden ist, um die möglichen Verflechtungen mit paramilitärischen Organisationen zu überprüfen und der dabei von seinen neuen Kollegen nicht gerade enthusiastisch empfangen wird. Doch Rebus, der hinter vorgehaltener Hand den Ruf eines „Terriers“ genießt, beißt sich fest und setzt alles auf eine Karte, um zwischen Geheimdienstlern, Gangstern, „Freiheitskämpfern“ und jugendlichen Aufrührern der richtigen Spur zu folgen … und diese scheint ihn bald immer näher in die Kreise der Polizei zu führen. Hat sich Rebus diesmal übernommen?

Ian Rankin, in einem kleinen Bergarbeiterort in Fife aufgewachsen, und damit weit weg von den „Unruhen“ in Nordirland, hat bereits seit frühester Jugend Erfahrungen mit der protestantisch-katholischen Feindschaft in Schottland gemacht, welche oft eine Straße, in manchen Fällen ganze Familien getrennt hat. Die eigentliche „Seele“ des Konflikts blieb für ihn jedoch für Jahre, trotz einiger Besuche in Belfast, wo seine Frau Miranda groß geworden ist, schwer fassbar. „Blutschuld“ ist somit als Versuch zu verstehen, die Sektiererei und religiöse Spaltung in Schottland innerhalb der Reihe in Angriff zu nehmen und neben den touristischen Attraktionen, welche Rankin im Umfeld des Edinburgher Festivals hervorhebt, auch die hässlicheren Seiten der Gesellschaft zu zeigen. Herausgekommen ist eine Mischung aus Police-Procedual-Krimi und Politthriller, der das sinnlose Streben so genannter „revolutionärer“ Gruppierungen im Zusammenhang mit einer spannenden Mordermittlung verdeutlicht und selbst dem nicht-britischen Publikum plastisch vor Augen führt, wie schnell perspektivlose Jugendliche in diese Spirale der Gewalt hereingezogen werden können. Dennoch ist „Blutschuld“ keinesfalls ein Mahnmal mit wedelndem Moral-Zeigefinger. Ganz im Gegenteil: Rankin lässt seine Botschaft dicht unter der Oberfläche fließen und überlässt es dem Leser, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Wie auch schon in den Vorgängern, so hält Rankin auch hier nichts von Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Nichts ist eindeutig gut, nichts eindeutig böse. Und selbst die Kriminalität kann man nicht mehr derart in Sparten aufteilen, wie dies früher der Fall gewesen ist. Terroristen und Gangster arbeiten zunehmend Hand in Hand, die eine wäscht die andere. Bei all den hochgesteckten Idealen scheint der Profit noch das Wichtigste zu sein. Der Kampf für die Freiheit dient lediglich als Aufhänger, um Investoren aus den USA für die Finanzierung zu gewinnen. Das hat mich, aus aktuellem Anlass, an „Die Schatten von Belfast“ erinnert, in dem Autor Stuart Neville die fließenden Übergänge in einem ähnlichen Rahmen thematisiert. „Big Ger“ Cafferty ist in „Blutschuld“ die Verkörperung dieser Anpassung an das neue Zeitalter. Sein Charakter ist schwer zu fassen, seine Motive undurchdringlich, sein krimineller Charme erschreckend überzeugend. Obwohl er durch und durch Böse ist, erwischt man sich dabei, Sympathie für ihn zu empfinden. Nicht zuletzt deshalb, weil er John Rebus auf eine schizophrene Art und Weise gleicht. Die Idee für diese komplexe Beziehung zwischen dem Polizisten und dem Edinburgher Obergangster ist, laut Rankin, durch die Matt-Scudder-Romane vom New Yorker Autor Lawrence Block inspiriert worden. Block hat das Verhältnis Scudders zu dem knallharten Gangster Mick Ballou ähnlich beschrieben. „Beide scheinen sich zu verstehen, womöglich sogar zu respektieren. Aber wären sie einander ins Gehege gekommen, hätte nur einer die Begegnung überlebt.“

Das unsichtbare Kräftemessen zwischen Rebus und Cafferty verleiht „Blutschuld“ eine untergründige Spannung, welche sich erst am Ende entlädt, das, soviel darf verraten werden, das Verhältnis zwischen den beiden Kontrahenten für den weiteren Verlauf der Reihe entscheidend verändert. Ansonsten überzeugt „Blutschuld“ wieder mit der farbenfrohen Schilderung Edinburghs, die sich neben Mary King's Close, ein Mahnmal für die Vergänglichkeit und Erinnerung an die kriminellen Strömungen der Vergangenheit, vor allem auf das Garibaldi Estate („Gar-B“) konzentriert. Dieser heruntergekommene Stadtteil ist ein Sammelbecken für die „Verlierer“ der Gesellschaft. Und gerade hier fallen extremistische oder revolutionäre Ideen auf besonders fruchtbaren Boden. Selbst die Polizei traut sich in diese Problemviertel nur in Hundertschaften und schwer bewaffnet. (Ich hatte in diesen Passagen mehrmals den Film „Harry Brown“ vor Augen) Warum das so ist, muss auch Rebus schnell feststellen. Wie so oft ist gerade an dieser Stelle die Realität erschreckender als die Fiktion.

Neben all diesen gesellschaftlichen Themen, welche heute wohl nicht weniger aktuell sind, als Mitte der 90er, sind es besonders die kleinen Nebengeschichten, die „Blutschuld“ wieder so erfrischend authentisch machen und zum Schluss dann sogar Relevanz für die Auflösung besitzen. Sie droht man im Eifer der Leselust gerne mal zu überspringen, nur um letztlich festzustellen, dass man anhand dieser Details, dem Täter viel früher auf die Spur hätte kommen können. Ich muss allerdings auch gestehen, dass ich lieber Rebus über die Schulter schaue, der weitestgehend im Alleingang (Brian Holmes und Siobhan Clarke haben diesmal eher wenig zu tun) die Steine ins Rollen bringt und den Kampf zu seinen Feinden trägt. Anstatt seinem Protagonisten Neues anzudichten, was bei vielen anderen Autoren deren Ideenarmut bloßstellt, greift Rankin hier wieder auf Rebus' Vergangenheit in der Armee zurück, die unter anderem der Grund dafür ist, warum er diesmal in die Spezialeinheit versetzt wird.

Das „Blutschuld“ dann am Schluss nicht zu den besten Titeln der Reihe gehört, liegt vor allem am sehr zähen Beginn, der aufgrund vieler Verflechtungen und Anspielungen auf den Nordirland-Konflikt manchmal schwer zu verfolgen ist und anfangs nur wenig Spannung aufkommen lässt. Freunde von actionreichen Thrillern werden da ganz sicher an die Grenzen ihrer Geduld getrieben. Mich hat das, nicht zuletzt wegen dem herrlich lakonischen Rebus, nur wenig gestört.

Insgesamt bleibt Ian Rankin auch mit „Blutschuld“ ein Garant für packende und intelligente Unterhaltung, ohne dabei der Versuchung zu erliegen, sich in irgendeiner Art und Weise zu wiederholen. Düster, dreckig, mürrisch und bitter. Ein echter Rebus halt. Genauso wie er sein sollte.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
blumenpflanzer zu »Ian Rankin: Blutschuld« 22.08.2009
Dies war mein 6. Roman, den ich von Rebus gelesen habe, also schön artig in der Chronologie :-) wie eine meiner Vorgängerinnen hier auch schon schrieb, hat sich die Story langsamer entwickelt als sonst gewohnt. Es war ins gesamt eine sehr komplexe Handlung mit vielen Verstrickungen und Hintergründen, die man erst mal erfassen musste.
Außerdem hatte ich das Gefühl, dass die erste Übersetzerin einen mir angenehmeren Stil hatte als diese. Nichtsdestotrotz war der Roman wieder klasse, total unterhaltsam und schön zu lesen. Rebus hat sich nun als meine Nummer eins der Ermittler etabliert, sorry Montalbano ;-)
Realsatiriker zu »Ian Rankin: Blutschuld« 28.12.2008
Obwohl großer Rankin und mithin auch Rebus Fan, bin ich in "Blutschuld" nie wirklich reingekommen. Mag sein, dass es am Thema lag, welches mir den Zugang erschwerte, aber die bisherigen Romane aus der Reihe gefielen mir um einiges besser.

Die Flinte wird aber nicht ins Korn geworfen. Rebus wird kontinuierlich weitergelesen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
arisingrealm zu »Ian Rankin: Blutschuld« 03.04.2008
Ein wirklich sehr guter Rebus Roman. Wie sich Rankin im Verlauf seiner Veröffentlichungen sowohl inhaltlich, als auch sprachlich verbessert hat, ist wirklich bemerkenswert. Obendrein bietet Blutschuld einen komplexen Fall mit Bezug auf ältere Rebus-Fälle. Wie immer ist man selbst als Leser der Lösung am Ende bereits sehr nahe. Wer aufmerksam liest, den führen die Hinweise meistens zum richtigen Täter.
shark zu »Ian Rankin: Blutschuld« 20.05.2007
ich lese die Rebus-romane mit Kollegen zusammen chronologisch. Bei diesem buch, das ich sehr anspruchsvoll finde, haben einige das Handtuch geworfen, eben aus dem fehlenden Hintergrundwissen über die nationalen Belange heraus, und wegen der "verwirrenden" Organistionen, die erwähnt werden. Hier ist der Verlag gefordert, bei einer Neuauflage ein klärenden Text einzuführen, finde ich.
pitty zu »Ian Rankin: Blutschuld« 20.05.2007
Mein erster Rebus- Roman und er konnte mich leider nicht überzeugen. Das mag vor allem daran liegen, dass ich die politischen Hintergründe, wie die problematischen Beziehungen zwischen Schotten und Engländern kaum kenne. Hier wären für den deutschen Leser ein paar zusätzliche Erläuterungen vorab hilfreich gewesen. Denn so wird der Krimi vor allem in der zweiten Hälfte unübersichtlich.. Schade, denn Rebus als Charkter hat mir durchaus gefallen.
axelp zu »Ian Rankin: Blutschuld« 19.03.2007
das ist mein erster rankin, den ich nur bis zum drittel gelesen habe.
er fing gut an, mit dem abdriften in das mittelalterliche "unterirdische", aber dann passiert einfach nichts mehr und ich hatte einfach keine lust mehr weiterzulesen.
rankin-fans verzeiht mir!
CRI zu »Ian Rankin: Blutschuld« 02.01.2007
Mein erster Rebus-Roman (im englischen Original), empfohlen von einer Schottin: hat mich süchtig gemacht.
Gefallen hat mir neben der Spannung die Einbettung in eine echte Stadt, die mit beschrieben wird. Mir gefällt es, wenn auch ein "unterhaltsames" Buch zum Nachdenken oder Nachforschen anregt, damit man u.U. die Hintergründe besser versteht (Nordirlandkonflikt könnte aber spätestens nach dem Karfreitagsabkommen auch bei der deutschen Öffentlichkeit ins Bewusstsein gerückt sein). Ich habe mir auch mal einen Stadtplan von Edinburgh angesehen, einfach weil ich mir die Stadt dann noch besser vorstellen kann.
Luca zu »Ian Rankin: Blutschuld« 11.12.2006
Dieser krimi ist um einiges besser als "das zweite zeichen".Rebus ermittelt im mordfall eines getöteten sohnes von Edninburgs grösten Gangsterboss.Rankin versteht es seine leser zu fesseln,doch wie ich Heute durch die krimi-couch erfahren habe sool er bald aufhören und krimi comichs schreiben.Das find ich echtSch****.Rebus sool weiter ermitteln.
strillomat zu »Ian Rankin: Blutschuld« 17.04.2006
Habe auch alle anderen Rebus-Bände vor Blutschuld gelesen und die Figur des Kommissar Rebus ist die bisher beste, die ich in Kriminalromanen bisher finden konnte, keine Frage. Rebus ist wie immer ausdrucksstark, ein unverwechselbarer Charakter und mit schwarzem Humor ausgestattet, der einen teilweise laut auflachen läßt. An den Stories in seinen Büchern muß Ian Rankin allerdings noch etwas arbeiten. Der Ablauf ist bei Blutschuld recht konfus und die Art und Weise, wie frei sich Rebus mitunter im "Gar-B" bewegen kann, ist unrealistisch vor den im Buch geschilderten Umständen. Trotzdem ist Blutschuld meiner Meinung nach sein bisher bester Roman, da die Story insgesamt auch sehr spannend ist. Rankin entwickelt sich mit jedem Roman weiter und ich werde als nächstes "Ein eisiger Tod" lesen. Bin, wie immer, gespannt. John Rebus ist eben einfach John Rebus. Allein dafür lohnt es sich.

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