Goldfinger von Ian Fleming

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1959 unter dem Titel Goldfinger, deutsche Ausgabe erstmals 1966 bei Scherz.

  • London: Jonathan Cape, 1959 unter dem Titel Goldfinger. 318 Seiten.
  • Bern; München: Scherz, 1966 James Bond contra Goldfinger. Übersetzt von Willy Thaler & Friedrich Polakovics. 191 Seiten.
  • Bern; München: Scherz, 1977. Übersetzt von Willy Thaler & Friedrich Polakovics. 169 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1984. Übersetzt von Willy Thaler & Friedrich Polakovics. ISBN: 3-502-50982-4. 169 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1992. Übersetzt von Willy Thaler & Friedrich Polakovics. ISBN: 3-502-55145-6. 169 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1999. Übersetzt von Willy Thaler & Friedrich Polakovics. ISBN: 3-502-79224-0. 169 Seiten.
  • Ludwigsburg: Cross Cult, 2013. Übersetzt von Stephanie Pannen & Anika Klüver. ISBN: 978-3864250828. 400 Seiten.

'Goldfinger' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Der unheimliche Mr. Goldfinger plant die Goldreserven der westlichen Welt in seinen Besitz zu bringen, um sie dem finsteren Sowjet-Schurkenstaat in die Hände zu spielen. Sein Plan ist ebenso kühn wie genial, so dass es schon eines James Bond bedarf, das Fortbestehen der freien Menschheit diesseits des Eisernen Vorhangs sicher zu stellen. – Das siebte 007-Abenteuer gehört zu den Besseren der Serie; der Plot ist im positiven Sinn abenteuerlich, d. h. spannend, ohne dass seine Unwahrscheinlichkeit stört, die Figuren sind exotisch und lebendig. Dass die Handlung über weite Strecken auf (allzu) bewährte Strickmuster zurückgreift und in einem grotesken Finale endet, lässt sich verschmerzen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein nostalgischer, halbwegs in Würde gealterter Thriller-Klassiker« 70°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Auric Goldfinger ist zwar kein echter Gentleman, war aber trotzdem viele Jahre eine Stütze des britischen Establishments – ein Selfmade-Millionär, der aus seiner innigen Liebe zum Gold mit großem Erfolg ein Riesengeschäft gemacht hat. Wie die Regierung kürzlich eher durch Zufall erfuhr, hat er es leider clever verstanden, Ihre Majestät um ihren Anteil zu prellen: Goldfinger fand ein Verfahren, sein Gold in ein unscheinbares Pulver zu verwandeln und als »Dünger« nach Indien zu verschiffen, wo er es zu einem deutlichen höheren Preis als daheim veräußern kann.

Das ist verboten, schwächt es doch die britische Währung, deren Stabilität auf ihren Goldreserven basiert, die tunlichst nicht außer Landes geschafft werden dürfen. Schlimmer noch: Goldfinger leitet seine gewaltigen Gewinne offenbar an den erklärten Feind der westlichen Zivilisation weiter: die Sowjetunion, hier vertreten durch SMERSH, die gefürchtete Killer- und Sabotage-Sonderabteilung des ohnehin brutalen Geheimdienstes.

Damit ist das Maß mehr als voll. Die Briten setzen ihre eigenen Spezialisten auf Goldfinger an. Agenten-Chef M beauftragt seinen besten Mann mit den Ermittlungen. James Bond – Dienstnummer 007 – glaubt zunächst an einen wundersamen Zufall, hat er doch gerade erst seine Klingen mit Goldfinger gekreuzt und ihn im fernen Miami als profanen Falschspieler bloßgestellt. Das wird Goldfinger nie vergessen, was es nicht einfacher macht sein Vertrauen zu gewinnen, um ihn besser aushorchen zu können.

Aber nach einer infernalischen Schlacht auf dem Golfplatz hat Bond sich scheinbar Goldfingers Achtung erworben. Der schlaue Meisterdieb hat sich den Coup des Jahrhunderts ausgedacht: Die US-Goldreserven will er aus Fort Knox stehlen. Dafür hat er die größten Gangstersyndikate der Vereinigten Staaten als Verbündete angeheuert. Ein wahnwitziges Projekt, das indes gelingen und dem freien Westen einen bösen Schlag versetzen könnte. Nur James Bond weiß davon, aber Goldfinger lässt seinen »Sekretär« scharf von seinem unheimlichen Leibwächter Fakto bewachen. Fort Knox wird fallen, aber 007 hat womöglich noch ein As im Ärmel – bzw. im Schuhabsatz …

Dem Leser ist davon abzuraten, die berühmten James-Bond-Romane in rascher Folge zu lesen. Er (oder sie) wird sonst betrübt ihre überaus einfache Strickart, das »ökonomische« Plot-Recycling oder die Sprunghaftigkeit der Plots und ihrer Entwicklung bemerken.

Tempo ist auf jeden Fall unerlässlich für eine Bond-Geschichte, denn es trägt über die gewaltigen Logik-Löcher im Gewebe der Handlung hinweg. Hier ist es u. a. die rätselhafte Blindheit der angeblich brandgefährlichen Sowjets, die ausgerechnet einen größenwahnsinnigen Falschspieler das Geld für ihre Kriegskasse beschaffen lassen.

Bestürzender ist freilich Fleming Schilderung des großen Überfalls auf Fort Knox. Planung und Realisierung sind so dilettantisch ausgedacht, dass bereits in den 1960er Jahren die Filmleute entscheidende Veränderungen vornahmen. Ein Raubzug wie ihn Fleming suggeriert war und ist unmöglich. Die radioaktive Vergiftung der Goldvorräte, um sie dem komplexen Währungskreislauf auf diese Weise zu entziehen, ist dagegen wenigstens vorstellbar. Auch deshalb haben wir Goldfinger in guter Erinnerung: Gerd Fröbe muss nicht als Flemingscher Geisterbahn-Bösewicht agieren.

Auch sonst finden wir viel Bekanntes und wenig Geliebtes. Schon wieder tritt Bond zunächst im Kartenspiel gegen den Superschurken an. So hat er schon LeChiffre in »Casino Royale« und Hugo Drax in »Moonraker« Saures gegeben. Ian Fleming war ein passionierter Spieler, der einfach nicht widerstehen konnte, seine diesbezüglichen Kenntnisse in das Geschehen zu integrieren. Er versteht tatsächlich eine Menge vom Spiel, doch teilt sich dessen Faszination dem Leser leider nur bedingt mit.

Dieses Mal geht es gleich zweimal ins sportliche Gefecht. Auch auf dem Golfplatz wird Goldfinger eine (laaange) Lektion erteilt. Der britische Liebhaber dieses Spiel erkannte unschwer den Ort dieses Duells als den Royal St. George’s Golf Course in der Grafschaft Kent wieder, wo Fleming mit Begeisterung diesem Sport nachging, wenn er in England war.

Mit der Wahl des Goldes als Auslöser der wild bewegten Geschichte hat Fleming eine gute Wahl getroffen. Das war ihm aufgefallen, als er Stoff für einen neuen Roman sammelte und sich den Mythos und die reale Bedeutung des Edelmetalls ins Gedächtnis rief. Während der Recherche weihte ihn ein Mitarbeiter der Bank von England, der einst mit Fleming für die Nachrichtenagentur Reuters gearbeitet hatte, in die Geheimnisse der goldgestützten Weltwährungen ein, die der Verfasser vielleicht ein bisschen zu großzügig mit uns teilt.

Fleming erinnerte sich später, dass ihm die Niederschrift von »Goldfinger« erfreulich leicht fiel. Dies teilt sich dem Leser mit. Bei aller Kritik, trotz der Episodenhaftigkeit der Handlung und ungeachtet der Schwächen in der Figurenzeichnung (s. u.) erzählt »Goldfinger« eine flotte, spannende Geschichte. Kein Wunder, dass sie sich fast vollständig im Kinofilm von 1964 wiederfindet, während die meisten Bond-Romane ansonsten von den Drehbuchautoren bearbeitet wurden – manchmal so intensiv, dass bis auf den Titel von einem Fleming-Buch nichts mehr blieb.

Seltsam mutet Flemings Entscheidung an, als finalen Höhepunkt nicht die Attacke auf Fort Knox zu wählen. Statt dessen wird diese Schlacht merkwürdig unlustig in Szene gesetzt. Mit sehr viel Liebe zum Detail schildert der Autor danach den Schlusskampf zwischen Bond und Goldfinger. Dem eigentlichen Geschehen wirkt dies angeklebt; im Film wurde das besser, d. h. vor allem kürzer gelöst.

James Bond schauen wir nichtsdestotrotz weiterhin gern bei der Arbeit zu. 007 besitzt zwar die Erlaubnis im Dienst zu töten. Er tut dies auch ohne Zögern, wenn es sein muss. Das heißt allerdings nicht, dass es ihm gefallen würde. Auf den ersten Seiten finden wir Bond tief in Gedanken an den letzten Auftrag, bei dem es nicht nur gefährlich, sondern auch hässlich und schmutzig zuging. Zwar starb nur ein echter Schuft, aber Bond geht die Sache sehr nach.

Gut, dass die Abwechslung nicht auf sich warten lässt. Ein riskantes Spielchen mit hohem Einsatz, gutes Essen, harte Drinks & weiche Mädchen lassen Bond rasch wieder zum Alten werden. Er aalt sich in der glücklichen Unwissenheit um die politisch korrekten Zeiten, die für ihn noch lange auf sich warten lassen werden. Deshalb ist es für ihn kein Problem, Goldfingers lesbische Spießgesellin Pussy Galore schließlich von ihrer »Neigung« zu »heilen«.

Ansonsten ist Bond am erträglichsten, wenn er als Profi agiert. Fleming versteht es durchaus ihn als Charakter zu schildern: Bond ist ein eiskalter Agent und Killer, der das schöne Leben und ebensolche Frauen liebt. Ein unüberwindlicher Supermann ist er nicht, sondern irrt sich oft genug, was ihm dann peinvolle »Spezialbehandlungen« seitens seiner Gegner garantiert: kein Bond-Roman ohne detailliert geschilderte Folter des Helden.

Auric Goldfinger ist wieder einmal ein Klon aus Flemings Schurken-Labor. Erst Gerd Fröbe hat ihm wie gesagt sein Profil gegeben. Ansonsten könnte Goldfinger auch der Bruder von Hugo Drax sein. Dass er vor allem schlau ist, aber ansonsten nicht alle Tassen im Schrank hat, macht nach Fleming schon sein Äußeres deutlich: Goldfinger ist mit einem Körper geschlagen, dessen »Teile nicht zueinander passen«. Klar, dass dies ein Bösewicht und Sowjet-Spion sein muss!

Vor allem ist er kein Gentleman. Goldfinger betrügt im Sport – ein unverzeihliche Sünde für jeden Engländer. Selbstverständlich treibt er auch im Schlafzimmer Ungeheuerliches, aber hier zwang der Zeitgeist Fleming dazu, sich mit Andeutungen zu bescheiden. Wir wissen nun immerhin, dass es ihn befriedigt, schöne Frauen mit Goldfarbe einzupinseln …Solches Treiben dürfte Anno 1959 als Gipfel dekadenter Verworfenheit gegolten haben.

An Goldfingers Seite: Der bis heute im Bond-Kino unverzichtbare »Nebenschurke«, meist von grotesker Gestalt und ebensolchen Manieren. Er geht dem zentralen Bösewicht im Tod voraus; meist ist sein Ende besonders grausig schön. »Fakto«, der im Roman mit unerfreulich rassistischer Abneigung charakterisiert wird (»Affe« nennt ihn Bond mit unbehaglich stimmender Überzeugung), taucht im »Goldfinger«-Film als »Oddjob« auf. Auch hier hat die »Überarbeitung« für das Kino nur positive Folgen.

Eine schreckliche Fehlentscheidung traf Fleming in der Wahl von Goldfingers amerikanischen Kumpanen. Gangster mit Namen wie Jack Strap vom »Flimmermob Las Vegas«, »Pussy Galore« von den »Zementmixern Harlem«, radebrechende Operetten-Mafiosi oder »Der Grinsende Billy« Ring kann man als Leser beim besten Willen nicht (oder nicht mehr?) Ernst nehmen. Die angebliche Bedrohung von Fort Knox löst sich unter diesen Umständen in eine billige Farce auf.

Die arme Pussy (die heute sicherlich nicht mehr diesen »Namen« tragen dürfte) muss zudem das derb Mannweib geben, das sich der zeitgenössische Spießer unter einer »Lesbe« vorstellte. Immerhin darf sie nach Überwindung ihrer »krankhaften Verirrung« überleben, was ihrer unverbesserliche Möchtegern-Gefährtin Tilly Masterton nicht gelingt. Nun, sie hatte nie mit Bond schlafen wollen, also ist diese Strafe wohl gerecht …

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