Der perfekte Tod von Iain McDowall

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Perfectly Dead, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: Großbritannien / England / Midlands, 1990 - 2009.
Folge 3 der Jacobson-und-Kerr-Serie.

  • London: Piatkus, 2003 unter dem Titel Perfectly Dead. 380 Seiten.
  • München: dtv, 2008. Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. ISBN: 978-3423210713. 380 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: Hoffmann & Campe, 2008. Gesprochen von Herbert Schäfer. ISBN: 3-455-30581-4. 2 CDs.

'Der perfekte Tod' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Eine verbrannte Leiche. Eine grauenvolle Familientragödie. Ein kleines Mädchen als einzige Augenzeugin.Chief Inspector Jacobson hasst Drogenfälle. Vor allem, weil er dann mit dem Rauschgiftdezernat zusammenarbeiten muss. Nach einem Wohnungsbrand in Woodlands, einem sozialen Brennpunkt in seinem Revier, ist ein Dealer tot aufgefunden worden, den man zuvor mit einem Montiereisen erschlagen hat. Der Anblick des Todes kann nicht grausiger sein, denkt Jacobson, doch muss er diese Meinung schon 48 Stunden später revidieren, als er mit seinen Kollegen zum Schauplatz einer entsetzlichen Familientragödie gerufen wird: In einem gediegenen Vorort hat Stephen Adams, Oberhaupt der von der Lokalzeitung frisch gekürten »Familie des Jahres«, zunächst seine Frau und die drei Kinder umgebracht und sich dann anscheinend selbst erhängt. Irgendetwas stimmt allerdings nicht mit dieser These. Aber die einzige Augenzeugin spricht nicht mehr. Es ist die 10-jährige Freundin der Jüngsten – und Tochter der Geliebten des toten Drogendealers

Das meint Krimi-Couch.de: »Die Hölle des Alltags« 80°

Krimi-Rezension von Jochen König

Ein toter Barmann und Gelegenheits-Dealer in einer armseligen Wohnung im heruntergekommenen Woodlands-Viertel hält das Ermittlerduo Jacobson und Kerr sowie ihre Kollegen auf Trab. Erst mischen sich überregionale Behörden ein, dann werden die Beamten vor Ort im Regen stehen gelassen, da der Fall zu irrelevant ist für die große Drogenpolitik. Als die ersten Ermittlungsergebnisse zustande kommen, erschüttert ein weiteres Verbrechen die fiktive Stadt Crowby. Im gediegenen Willow Court wird die »Familie des Jahres« ermordet aufgefunden. Vor kurzem strahlten sie noch von den Titelseiten der Zeitungen, jetzt scheint es, als hätte der Vater erst seine Frau, seine drei Kinder und dann sich selbst umgebracht. Nur eine hat das Gemetzel überlebt: eine Freundin der 10-jährigen Tochter, die seit dieser Nacht kein Wort mehr spricht. Als sich dieser Zustand langsam ändert, wird klar, dass in der verhängnisvollen Nacht ein weiterer Besucher im Haus der Familie Adams zugegen war.

Der perfekte Tod ist ein Buch, dass das Fragmentarische zum Prinzip erhoben hat. McDowall heftet sich an seine Protagonisten, an Ermittler und Mörder, an nur am Rande Beteiligte und an Opfer. Er versucht jedem Beteiligten ein Gesicht, eine kurze Geschichte zu geben, was teilweise zu hervorragenden Skizzen, manchmal aber auch zu Unübersichtlichkeit führt. Außer Jacobson, seinem Partner Kerr und den hauptsächlich aus der Sicht Jacobsons geschilderten Vorgesetzten, bleibt das Ermittlungsteam erstaunlich blass, was den ein oder anderen Lektor zutiefst verwirrte, wird der zuständige Pathologe Robinson schon mal in Robertson umgetauft. Überhaupt Namen: McDowall gelingen im Beiläufigen kleine, feine Insider-Gags. Da darf ein realer Autor zu eben jenem Pathologen mutieren, und die »perfekte Familie« heißt nicht ohne Grund Adams. Wer allerdings mit den britischen Dienstgradkürzeln auf Kriegsfuß steht, sollte um McDowalls Buch einen großen Bogen machen, so sehr wimmelt es dort von DIs, DCs, DCSs etc.

In der Umkehrung der alten Weisheit umkreist McDowall seine Figuren wie das Licht die Motten. Da sind die beiden unbedarften Aushilfsgangster, die aus Zufall und Jähzorn zu Mördern werden, sich auf der Flucht verlieren und im Nichts stranden. Menschen kommen vor, die nur noch aus Fassade bestehen, wie der verzweifelte Stephen Adams, dessen Geschäft den Bach runter geht, während er sich vergeblich bemüht, den Status Quo einer intakten Familiengemeinschaft nach außen hin aufrecht zu erhalten. Seine Frau pflegt nicht nur den neuen Wagen, sondern auch die Ressentiments gegen die beste Freundin ihrer Tochter, jenem Mädchen, das den Mordanschlag überleben wird und zufällig das Kind von Sheryl Holmes ist, deren Liebhaber in der schäbigen Wohnung im schäbigen William Blake House erst erschlagen und dann verbrannt wurde. Schlampe und fürsorgliche Mutter – bei McDowall funktioniert diese Kombination tadellos.

Sheryl unternimmt alle möglichen Anstrengungen, ihrer Tochter den Weg in eine bessere Zukunft zu ebnen und schickt sie so unbewusst mitten in die Hölle, die Normalität heißt. Akribisch beobachtend lotet McDowall die Tiefen aus, die in der scheinbaren »Normalität« lauern. Seien es Affären, die das Produkt »Familie« ständig in Frage stellen, seien es all die Lebenslügen und Ausflüchte, die Möglichkeiten vorgaukeln, die sich als Illusion entpuppen. Nahezu alles, was an Gutem passiert, ist von begrenzter Dauer. Entweder, weil es von anderen gestohlen ist, oder weil die Zeitläufe ihr Opfer fordern.

McDowall liefert ein düsteres Bild der postindustriellen Gesellschaft. Seine Protagonisten kämpfen entweder gegen deren mitleidlose Auswüchse, oder sind selbst so tief darin verstrickt, dass sie untergehen. Als analytischer Chronist eines strukturellen Zusammenbruchs leistet McDowall Beachtliches. Als Spannungsautor unterminiert er sich häufig (bewusst?) selbst. Da werden beiläufig Täter präsentiert, die vorher als Figuren kaum eine Rolle spielen, die Betroffenen aller Aktionen bekommen weniger Raum als die Initiatoren; so wird z.B. Anne-Marie Holmes als Überlebender eines Mehrfachmords im Anschluss wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die Polizisten Jacobson und Kerr sind nur vage greifbare Fixpunkte – mit genügend eigenen Problemen – in einer Welt die aus den Fugen geraten ist.

An herkömmlicher Spannungsdramaturgie, Krimirätseln und ihrer Auflösung hat McDowall wenig Interesse. Er bricht lieber eine Schneise ins Dunkel der Menschlichkeit und lässt seine Figuren und seine Leser gerne nahezu orientierungslos dort zurück. Wenn sie allerdings ins Dämmerlicht hinausfinden, haben sie mehr als eine Ahnung davon, das alles im Leben und Lesen seinen Preis hat und wie hoch der ausfallen kann. Oder wie es der weise Dr. Lamont, der ein dreiseitiges Portrait und ein deutliches Profil bekommt, mit Hilfe von Franz Schuberts Winterreise ausdrückt:

»Jeder Strom wird’s Meer gewinnen,
Jedes Leiden auch sein Grab.
Und der Alltag sollte zur Hölle fahren.«

McDowall weiß genau, dass Alltag die Hölle sein kann.

Jochen König, September 2008

Ihre Meinung zu »Iain McDowall: Der perfekte Tod«

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vifu zu »Iain McDowall: Der perfekte Tod« 22.04.2010
Mein erstes Buch von McDowall. Interessanter Plot mit Einblicken in die englische Mittelschicht und den bürokratischen Polizeialltag. Die Story begann erst etwas spröde, er zieht dann aber die verschiedenen Handlungsstränge straff zusammen. Die beiden kursiven "Killerausblicke" sind verzeihbar aber überflüssig!
Kinsey zu »Iain McDowall: Der perfekte Tod« 08.02.2009
Das Opfer eines Wohnungsbrandes und der Mord mit anschließendem Selbstmord an einer Vorzeigefamilie - das sind die beiden Fälle, in denen die Polizei von Crowby, einer fiktiven Stadt in den Midlands, ermitteln. Durchaus spannend erzählt, mit überraschenden Wendungen und authentischen Ermittlern. Aber manches, wie z.B. die kursiv gesetzten Gedanken, wirken etwas unausgegoren. Als ob der Autor mehr hätte daraus machen wollen, sich letztlich aber nicht traute. Oder die Nebenhandlung mit dem traumatisierten Mädchen, der Zeugin des Familien-Schlachtens. Das wäre ausbaufähig gewesen.
Alles in allem: Solide Krimiunterhaltung mit Potential nach oben. Den Autor werde ich jedenfalls im Auge behalten.
Aber der Vergleich mit Dalziel und Pascoe, den der Verlag sich erlaubt hat, auf die Rückseite zu setzen, ist ja wohl eine Frechheit!
Jacobson und Kerr haben nichts, aber auch gar nichts mit den beiden gemeinsam! Daß sie in derselben Gegend ermitteln, reicht ja wohl als Verbindung nicht aus.
xxxxx zu »Iain McDowall: Der perfekte Tod« 18.11.2008
Ich dachte auch am Anfang was für eine Aussprache. Ich bin erst 15 Jahre und habe mir das Buch für ein Schulprojekt ausgesucht, wo ich auch ein paar Zeilen lesen sollte. Jedoch habe ich das Buch bis heute nicht ganz verstanden. Es ist zu verwirrend wegen den ganzen Namen. Am Anfang war alles übersichtlich, jedoch wurde es mit der Zeit zu viel & ich kam einfach nicht mehr mit.
Ulrich zu »Iain McDowall: Der perfekte Tod« 30.09.2008
Am Anfang dachte ich noch, eine Milieu-konforme Sprache - mal was Neues. Aber mit der Zeit, mit immer mehr Namen, kam bei mir die große Verwirrung auf: zu welchem Fall ermitteln die denn nun? Was, wer, wo gehört wo hin?
Also erlahmte die anfängliche Spannung und die kursiven Zwischengedanken konnten mir auch nicht helfen; vielleicht war und bin ich zu blöd? - Sonst eigentlich nicht.
Diese oben angezeigten 80° kann ich auch nicht nachvollziehen.
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