Sprengkraft von Horst Eckert

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei Grafit.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.

  • Dortmund: Grafit, 2009. ISBN: 978-3-89425-660-9. 416 Seiten.
  • Dortmund: Grafit, 2011. ISBN: 978-3-89425-380-6. 410 Seiten.
  • [Hörbuch] Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2009. Gesprochen von Horst Eckert. ISBN: 3836804603. 10 CDs.

'Sprengkraft' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Es beginnt mit einem alten Fall: Martin Zander und Anna Winkler sollen sich noch mal die Akte Salim Diouris vornehmen. Der Dealer marokkanischer Herkunft ist vor gut eineinhalb Jahren auf offener Straße erschossen worden, der Täter konnte nicht gefasst werden – vermutlich weil ein »Maulwurf« die Ermittlungen torpediert hat. Was niemand wissen kann: Salims jüngerer Bruder Rafi hat sich inzwischen religiösen Fanatikern angeschlossen; der Junge ist eine tickende Zeitbombe. Als die Bombe tatsächlich zündet, spielt das vor allem der Partei »Die Freiheitlichen« in die Karten. PR-Profi Moritz Lemke und die erst jüngst gewählte Vorsitzende Carola Ott-Petersen hatten bislang Mühe, die braune Vergangenheit der Partei vergessen zu machen. Nun haben sie handfeste Argumente, zu viel Toleranz Moslems gegenüber an den Pranger zu stellen: Verse des Korans dienen der Rechtfertigung von Verbrechen an der westlichen Welt. Die Bedrohung ist real – auch in Deutschland. Während aber Moritz mehr und mehr selbst an das glaubt, was er erzählt, kommen Carola Zweifel: Wer lenkt in Wahrheit die Partei?

Das meint Krimi-Couch.de: »Dynamit« 88°Treffer

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Gleich drei Themenstränge im elften Roman, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: Moritz Lemke, Journalist, sucht nach einem lukrativen Job im PR-Bereich. Hatte er noch genügend Anstand, ein unmoralisches Angebot eines völlig moralverarmten Ministerienvertreters abzulehnen, zwingt ihn die Ebbe in seiner Kasse dazu, bei einem Duisburger Baulöwen anzuheuern. Mit Firmenhistorie soll es dieses Mal allerdings nichts zu tun haben – der Unternehmer ist Mäzen der rechtsorientierten Partei der »Freiheitlichen«, die in den Medien so ausgerichtet werden soll, dass sie den Einzug in den Landtag schafft. Ihre zentrale Botschaft: Toleranz ist gut, aber irgendwann ist auch mal Schluss damit, spätestens wenn in Köln eine riesige Moschee gebaut werden soll.

Dies ist dann auch genau der Anknüpfungspunkt zum zweiten Strang: Junge Marokkaner haben in Düsseldorf die Drogenszene fest im Griff. Jedoch kam es vor einiger Zeit zu einem Mord am Kiezboss, der unaufgeklärt blieb. Martin Zander, Polizist und bekannt aus Eckerts Zwillingsfalle, soll sich diesem »Cold Case« annehmen, nachdem seine Ermittlungseinheit wegen massiven Korruptionsvorwürfen aufgelöst worden ist. In der autarken Gemeinschaft der Muslime stößt er so auf Rafi, den jungen Bruder des Ermordeten. Freilich stellt Rafi keine große Hilfe dar, schmiedet er doch im Stillen mit seinen Glaubensbrüdern einen ganz anderen Plan: Die »Ungläubigen« sollen durch einen Bombenanschlag in Düsseldorf aufgeweckt werden. Und tatsächlich soll bald eine Bombe hochgehen, die den »Freiheitlichen« direkt in die Hände spielt …

Horst Eckerts neuer Roman hat genau das, was der Titel verspricht. Die Themen sind erschreckend real, was der Autor durch fiktive Zeitungssauschnitte untermauert. Zudem stört es ihn nicht, Personen des öffentlichen Lebens wie Anne Will oder Reinhold Beckmann namentlich zu erwähnen. Mehr oder minder offensichtliche Nähen seiner Figuren zu realen Menschen tun ein Übriges dazu, Sprengkraft wenig fiktiv erscheinen zu lassen: Wer bei der Spitzenkandidatin der Freiheitlichen nicht an die Bajuwarin Gabriele Pauli oder den verstorbenen österreichischen Populisten Jörg Haider denkt, hat in letzter Zeit wohl wenig Nachrichten gelesen. Und: Den ein oder anderen Satz, den Eckert seine Charaktere sagen lässt, muss der Leser erst einmal sacken lassen (»Wir Muslime sind die Juden von heute«).

Sprengkraft hebt sich zudem ganz deutlich von den früheren Romanen Horst Eckerts ab, was nicht nur die Tatsache belegt, dass der Verlag »Thriller« anstatt »Krimi« aufs Cover gedruckt hat. Eine Tendenz zum Politischen war bei Eckert nach Romanen wie Purpurland oder Königsallee zwar schon deutlich zu erkennen, hier steht sie absolut im Mittelpunkt. Und tatsächlich kommt die Bezeichnung Thriller dem ziemlich nahe, was der Autor hier abgeliefert hat: Es gibt nicht einen Protagonisten, sondern derer gleich mehrere. Flott wie die besten Amerikaner springt Eckert in kurzen Kapiteln so von Perspektive zu Perspektive und versteht es dabei blendend, die Spannung nahtlos aufrechtzuerhalten. Die Lunte, die der Autor am Anfang zündet, brennt unaufhörlich durch bis zum Ende.

Dass dies auf Kosten der Charakterdarstellung geht, macht erfreulicherweise wenig aus. Überhaupt: So durch die Bank hardboiled schlecht wie in Eckerts vorherigen Romanen sind sie in Sprengkraft gar nicht mehr. Martin Zander, zwar korrupt bis zum geht nicht mehr und ein wahrer Macho vor dem Herrn, zeigt erstaunlichen Gerechtigkeitssinn, seine Kollegin Anna Winkler oder LKA-Ermittler Paul Veller kommen gar gänzlich ohne moralische Macken aus. Selbst der käufliche PR-Experte Moritz Lemke zeigt deutliche Skrupel bei dem, was er machen muss.

Bis auf eine kurze Passage, die arg an Schtonk erinnert (»Mein Gott, der Führer!«), ist Eckerts Roman pures Dynamit. Klarer, reinrassiger als alle davor, glaubwürdig, packend und bedrückend, sprachlich ein deutscher Hardboiled, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Spätestens nach Sprengkraft muss man festhalten: Eckert ist einer der besten deutschsprachigen Krimiautoren, der mittlerweile auch keinen Vergleich mit großen internationalen Namen zu scheuen braucht.

Lars Schafft, Juni 2009

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Anja S. zu »Horst Eckert: Sprengkraft« 22.06.2015
Ich möchte endlich einmal einen Krimi lesen, in dem es nicht darauf hinausläuft, dass Rechtsradikale (in welchem Land auch immer) den Muslimen einen Anschlag in die Schuhe zu schieben versuchen. Es sind jetzt 3 oder 4 Bücher (Zoe Beck, Schwarzblende, Radikal und eines mit einem Flugzeugabschuss vor den USA, welches den Islamisten untergejubelt werden sollte, habe den Autor vergessen), bei denen die Auflösung darauf hinaus lief. Haben die alle voneinander abgeschrieben? oder fällt denen partout nichts anderes ein? oder kann nur so ein politisch korrekter Plot aussehen?
Pela zu »Horst Eckert: Sprengkraft« 24.05.2011
Meinen Vorschreibern kann ich mich nur anschließen: Was für ein begnadetes Buch, das mit einer flüssigen Story und schmutzigen, schmierigen und von Fanatismus geblendeten Charakteren nicht über die Problemstellung der (fehlgeleiteten?) Migrationspolitik und die Angst nachdenklich macht, die rechte Parteien ausnutzen, sondern auch über die Fahndungsmethoden der Polizei und die Korrumpierbarkeit von Amt- und Würdenträgern. Ein Volltreffer!

Auch wenn ich meiner Vorschreiberin Monika zurufen möchte: Was schimpfen Sie angesichts der Pläne der Kofferbomber von Köln und den Konvertiten der Sauerlandgruppe auf einen vermeintlichen "Überwachungsstaat" und auf den damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, wenn sich doch gleichzeitig tatsächlich eine gefährliche Parallelgesellschaft entwickelt, die der staatlichen Ordnungsmacht entgegenruft: Jawohl, wir führen die Scharia auch in Deutschland ein und töten alle Ungläubigen? Wollen Sie etwa DAS, liebe Monika?
Monika Schreiner zu »Horst Eckert: Sprengkraft« 15.07.2009
Das Buch ist im wahrsten Sinne des Wortes Dynamit (hätte man auch als Titel wählen können….) und absolut brisant !

NRW-Politik pur (kann aber auch in jedem anderen Bundesland spielen) und Ähnlichkeiten mit lebenden Personen beabsichtigt…. Ich bin der Meinung, das der Autor in diesem Buch vieles anspricht, was uns bewegt: unter dem Deckmäntelchen der Terrorbekämpfung wird die Angst der Mitbürger geschürt und einige Gesetze und Erlasse auch durch Herrn Schäuble auf den Weg gebracht, die uns mal zum gläsernen Menschen machen (George Orwell 1984 : Big brother is watching You…. Lässt grüßen) und wir haben dann den perfekten Überwachungsstaat.

Klar ist auch, dies wird durch den Autor ja auch angesprochen, dass dadurch auch in die Hände der Rechten gespielt wird, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es leider einige muslimische Mitbürger gibt, die es mit unserer Rechtsauffassung nicht so haben, aber man sollte halt nicht alle über einen Kamm scheren.

Uns wird auch in diesem Thriller schön vor Augen gehalten, wie politische Macht funktioniert und das diese auch noch teilweise für per sönliche Vorteile ausgenutzt wird, auch wenn’s mit unlauteren Methoden ist.

Ich bin der Meinung, der Thriller ist nicht fiktiv, sondern das wahre Leben vor unsere Tür !

Meine Hochachtung und Hut ab vor Herrrn Eckert, dass er diese Themen in einem Thriller verpackt hat, bin auch der Meinung, dass es bislang sein allerbestes Buch (die anderen sind ja schon Klasse) ist!
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Schrodo zu »Horst Eckert: Sprengkraft« 27.06.2009
Moritz Lembke, ein erfolgloser Journalist aber PR Gott, soll der rechtsangehauchten Partei der Freiheitlichen auf die Sprünge helfen. Der Bulle Zander und seine Partnerin Anna Winkler sollen einen alten Mordfall an einem marokkanischen Drogendealer aufklären. Der junge Muslime Rafi hat einen tiefen Hass auf alle Ungläubigen und will zusammen mit seinen „verstrahlten“ Kumpanen eine Bombe legen. Dies ist ein kleiner, ganz grober, Teil der Story. Dass am Ende diese unterschiedlichen Handlungsstränge sehr klar und überzeugend miteinander verknüpft werden, versteht sich bei Eckert von selbst. Ebenso gibt es bei ihm keinen „amerikanischen“ alles überragenden und allwissenden Helden, sondern eher realistische Ermittlungen und Menschen mit Ecken und Kanten.
Vor dem Hintergrund der bei uns ja etwas sensiblen Themen wie Migration, Rechtsradikalismus oder Terroranschläge, hat Horst Eckert einen, wie ich finde, tollen Roman geschrieben.
Das Buch ist gut und flüssig zu lesen, der Stil ist prägnant und beschränkt sich auf das Wesentliche. Selbst die politischen Verwicklungen werden sehr gut beschrieben und regen zum Nachdenken an. Die Spannung ist von Beginn an vorhanden und das Ganze endet mit einer Auflösung die realistischer nicht sein könnte. Ich hab jetzt alle Eckert Bücher gelesen und kann nur sagen: Bitte mehr, mehr, mehr!
5 von 5 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
dubh zu »Horst Eckert: Sprengkraft« 30.05.2009
Horst Eckert hat sich mal wieder einem sehr aktuellen Thema gewidmet: die Angst unserer Gesellschaft vor islamistischem Terror.
Anna Winkler und der ihr neu zugeteilte Kollege Martin Zander sollen sich um einen alten Fall kümmern, der seit mehreren Monaten ungeklärt ist: ein Dealer mit marokkanischer Herkunft wurde auf offener Straße erschossen. Der Täter konnte nie ermittelt und gefasst werden - vermutlich weil es einen Maulwurf in der Drogenfahnung gab.
Die zweite Geschichte, die erzählt wird, ist die von Rafi, dem kleineren Bruder des Erschossenen, der sich mittlerweile zu einem Fundamentalisten entwickelt und mit anderen religiösen Fanatikern zusammengetan hat. Sie sind auf der Suche nach einer Bombe um möglichst viele Ungläubige zu töten...
Die dritte und letzte Ebene des Krimis spielt in einer ganz anderen 'Szene': in Düsseldorf formiert sich eine rechtspopulistische Partei neu und macht sich die wachsende Angst vor einem möglichen Dschihad in Deutschland zu Nutze. Dabei wird natürlich auch gerne Öl ins Feuer gegossen und getrickst, was das Zeug hält. Doch als die Bombe tatsächlich zündet, sind 'Die Freiheitlichen' diejenigen, die heftig provitieren. Doch wer lenkt die Partei eigentlich?"Sprengkraft" ist ein sehr spannender Krimi, der Probleme in der Gesellschaft thematisiert und auch Mißstände anspricht. Anhand der Figur Moritz Lemke, einem PR-Profi, zeigt Horst Eckert, wie leicht Menschen mit politischer Macht manipulierbar sind: während Lemke anfangs den Job bei den 'Freiheitlichen' nur aus Geldsorgen annimmt, wird er selbst immer tiefer in die Meinungsmache hineingezogen - obwohl er anfänglich noch einen deutlich anderen politischen Standpunkt hatte.
Auch die Auflösung des Falles (oder besser gesagt mehrerer Fälle) wirkt auf mich durchdacht und logisch, wenngleich auch nicht völlig unerwartet. Aber dies trägt schließlich auch zur Realitätsnähe bei...
Zudem gefällt mir an diesem Krimi die Darstellung der Polizeiarbeit. Ich hatte nicht den Eindruck, dass plötzlich alles stillsteht, nur noch der eine, womöglich blutige Fall existiert - wie so oft bei Krimis/ Thrillern. Nein, hier gibt es mehrere Handlungsstränge und die wirken auf mich alle sehr plausibel und realistisch. Zudem sind die Kollegen Anna Winklers auch nicht die 'Superbullen', wie man sie aus so manch anderem Genretitel kennt, sondern ganz normale Menschen, die duchschnittliche Meinungen und Fehler haben. So ist Martin Zander an der Seite Winklers ein ziemliches Arschloch: rassistisch und sexsistisch, dass selbst die relativ ruhige Kommissarin so ihre Probleme hat. Und auch wenn dieses Gehabe manchmal fast ein wenig überzogen scheint, so erfüllt es seinen Zweck: es zeigt, mit welchen Problemen auch in dieser Berufsgruppe zu kämpfen ist.
Bei den 'Freiheitlichen' wiederum hat sich Eckert auch so mancher Anleihe bedient: nicht nur einmal fühlte ich mich an die Jörg Haiders und Ronald B. Schills dieser Welt erinnert...
Chapeau, Horst Eckert ist in meinen Augen definitiv einer der besten (deutschen) Krimischreiberlinge!
5 von 5 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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