Henry Wade

Hinter dem Pseudonym »Henry Wade« steckt ein Mitglied des englischen Hochadels: Henry Lancelot Aubrey-Fletcher, seit 1937 der 6. Baronet of Clea Hall in the County of Cumberland, wurde am 10. September 1887 in Surrey geboren. Standesgemäß in Eton und Oxford erzogen und ausgebildet, zog Sir Henry als Offizier in den I. Weltkrieg. Für Tüchtig- und Tapferkeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. 1920 kehrte Aubrey-Fletcher ins Zivilleben zurück, übernahm aber – Adel verpflichtet – diverse Ehrenämter wie das des High Sheriff und das des Lord-Lieutenant of Buckinghamshire. Später gehörte Aubrey-Fletcher auch dem Buckinghamshire County Council an.

Die in diesen Positionen gesammelten kriminologischen und juristischen Erfahrungen kamen Aubrey-Fletcher zugute, als er ab 1926 Kriminalromane veröffentlichte. »The Verdict of You All«, sein Erstling, blieb weitgehend unbeachtet. Das änderte sich erst mit »The Duke of York’s Steps« (1929, dt. »Tod auf der Treppe«), doch obwohl Aubrey-Fletcher, der (unter dem Mädchennamen seiner Mutter) als »Henry Wade« schrieb, vor allem in den 1930er Jahren durchaus gelesen wurde und mindestens einen neuen Kriminalroman pro Jahr vorlegte, gehörte er nie zu den Großen des Genres, mit denen er als Gründungsmitglied des »Detection Clubs« in London (1930) in engem Kontakt stand. In Deutschland blieb Wade unentdeckt. Seit Ende der 1970er Jahre wurden nur fünf seiner Krimis übersetzt.

Eine Erklärung deutet der immer wieder zu lesende Vergleich zwischen Wade und dem Krimi-Schriftsteller Richard Austin Freeman (1862-1943) an. Beide konzentrierten sich vor allem auf den Plot, der ungemein sorgfältig und detailreich konstruiert wurde, wobei Wade wie Freeman auf dem schmalen Grad zwischen genialer Vertrackheit und Übertreibung balancierten. Der ´menschliche Faktor´, den die Leser/innen mindestens so schätzen wie der Krimirätsel, war Wade weniger wichtig, was freilich keineswegs bedeutet, dass seine Figuren eindimensional wirken; aus heutiger Sicht gewinnen Wades Romane sogar durch den Verzicht auf allzu viel Liebesleid und andere Seelenpein. Sie sind darüber hinaus gut geschrieben, stimmungsvoll und auf trockene Art witzig.

Ab 1940 veröffentlichte Wade keine Romane. England war wieder im Krieg, und Aubrey-Fletcher kehrte mit den Grenadier Guards an die Front zurück. Erst 1947 nahm er seine Schriftstellerkarriere wieder auf. Die in dieser zweiten Schaffensphase entstandenen Krimis werden von der Kritik höher geschätzt als die früheren Werke. Vor allem »A Dying Fall« (1955) gilt als Meisterstück des »Whodunit«-Genres.

Zum zweiten Mal verheiratet und Vater von fünf Kindern, starb Sir Henry Lancelot Aubrey-Fletcher alias Henry Wade am 30. Mai 1969 im Alter von 81 Jahren in Buckinghamshire. [Michael Drewniok]

Krimis von Henry Wade:

  • Inspector-Poole-Reihe:
    • (1928) The Misssing Partners
    • (1929) Tod auf der Treppe  Rezension
      The Duke of York’s Steps
    • (1930) Dying Alderman
    • (1931) No Friendly Drop
    • (1932) The Hanging Captain
    • (1933) Mist on the Saltings
    • (1934) Vorsicht vor echten Gaunern
      Constable Guard Thyself
    • (1935) Einer erbt immer
      Heir Presumptive
    • (1937) The High Sheriff
  • (1926) The Verdict of You All
  • (1933) Policeman’s Lot (Stories)
  • (1936) Bury Him Darkly
  • (1938) Here Comes the Copper
  • (1938) Released for Death
  • (1940) Einsame Magdalena
    Lonely Magdalen
  • (1947) Fünf Tote und kein Täter
    New Graves at Great Norne
  • (1951) Diplomat’s Folly
  • (1952) Be Kind to a Killer
  • (1953) Too Soon to Die
  • (1954) Gold Was Our Grave
  • (1955) A Dying Fall
  • (1957) The Litmore Snatch

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