Die Wolfsklaue von Henry Holt

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1932 unter dem Titel The Wolf’s Claw, deutsche Ausgabe erstmals 1933 bei Goldmann.

  • London: George G. Harrap, 1932 unter dem Titel The Wolf’s Claw. 265 Seiten.
  • Leipzig: Goldmann, 1933. Übersetzt von Charlotte Glass. 265 Seiten.
  • München: Goldmann, 1953. Übersetzt von Charlotte Glass. 204 Seiten.
  • München: Goldmann, 1959. Übersetzt von Charlotte Glass. 177 Seiten.

'Die Wolfsklaue' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Im mondänen Monaco verliert eine Frau erst ihr Vermögen und dann ihr Leben. Dahinter steckt der Wolf», ein Meisterverbrecher, der auch in London die Polizei narrt. Zwei fähige Beamte nehmen ihn jetzt in die Zange, aber der Wolf« ist nicht nur gefährlich, sondern schlüpfrig wie ein Aal ... – Altmodischer aber genretypischer Rätsel-Krimi, dessen Autor sachkundig die einschlägigen Whodunit"-Regeln berücksichtigt, um für heute nostalgische Spannung zu sorgen: eine angenehme (Wieder-) Entdeckung.

Das meint Krimi-Couch.de: »Nostalgisch-altmodische Gaunerjagd zwischen Monaco und London« 70°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Das südeuropäische Kleinfürstentum Monaco ist zum Zeitpunkt der Handlung, d. h. um 1930, als mondäner Ferienort bereits Ziel der Reichen & Schönen. Die Landschaft ist schön, das Klima angenehm, und gegen die Langeweile hilft ein Besuch in den Spielcasinos von Monte Carlo. Die US-amerikanische Geschäftsfrau Julia van Berg hat sich in der Villa d’Azur niedergelassen. Sie hat gern Gäste um sich, die sich deshalb zahlreich eingenistet haben: Larry Gale, ein junger englischer Journalist, die schöne Eve Durrant, der Gale mehr als nur freundschaftliche Gefühle entgegenbringt, Stephen Varley, der Filmschauspieler, Sir Kenneth Mallerford, ein leidlich dekadenter Adliger, Oberst James Allistair, Owen Bancroft – und Teresa Gray, die unfreiwillig die Ferienstimmung verdirbt, als man sie im Garten der Villa erstochen auffindet.

Wie der Zufall spielt, verbringt auch der berühmte Kriminalist Antoine Bec von der Pariser Sûreté seinen Urlaub in Monte Carlo. Auf Bitten seines sich überfordert fühlenden Kollegen von der hiesigen Kriminalpolizei übernimmt er die Ermittlungen; keine einfache Aufgabe, denn alle Gäste haben nur fadenscheinige oder gar keine Alibis. Die verblichene Teresa Gray war zudem recht unbeliebt. Am letzten Tag ihres Lebens ließ sie ihre Frustration besonders deutlich an den Gästen der Villa d’Azur aus, denn sie hatte viel Geld im Casino verloren.

Die Spannung steigt, als aus dem fernen London die Kunde weiterer Verbrechen nach Monte Carlo dringt. Dort treibt der »Wolf«, ein ebenso skrupelloser wie genialer Krimineller, sein Unwesen. Nun scheint er auch in Monaco seine Klauen im Spiel zu haben. Inspektor Silver von Scotland Yard schaltet sich in die Ermittlungen ein. Dennoch ereignet sich ein weiterer Mord, dem weitere Kapitalverbrechen folgen, bis in einem dramatischen Finale der Schurke gestellt und entlarvt werden kann …

Vornehm aber potenziell schuldig

Der Blick auf die Gästeliste der Villa d’Azur legt es unzweifelhaft offen: Wir lesen hier einen klassischen »Whodunit« aus der großen Zeit dieses Krimigenres. Eine überschaubare Gruppe mehr oder weniger verdächtiger und verschrobener Gestalten an einem von der Außenwelt isolierten Ort bilden den Pool derjenigen, aus denen der geniale Detektiv auf der letzten Seite nach rastloser Ermittlung und ausgiebiger Darlegung des möglichst verblüffenden Verbrechensablaufs den Täter oder die Täterin fischt.

Agatha Christie, Ellery Queen oder S.S. van Dine haben mit »Whodunits« ihre legendären Karrieren begründet. Während man ihre Namen noch heute kennt und ihre Werke ständig neu aufgelegt werden, ist Henry Holt in Vergessenheit geraten. Dabei demonstriert er mit dem vorliegenden Werk aus dem Jahre 1932, dass er mit den Großen durchaus mithalten konnte.

Die Handlung mag dem kritischen Leser heute steif und sogar leblos vorkommen, doch das ist durchaus ein Merkmal des »Whodunit«. Der Liebhaber dieses Genres besteht auf der genauen Darlegung des Falls, dem Verhör der Verdächtigen, der expliziten Auswertung der Indizien. Diese Elemente machen den Reiz der Geschichte aus. Versteht der Autor seinen Job, ist ein Mitraten beim Lesen möglich. Versteht er ihn wirklich, überrascht er sein Publikum trotzdem, ohne faule Tricks anwenden zu müssen.

Kontinentale vs. insulare Schurkenjagd

Folgerichtig entsprechen die Figuren bekannten Rollen bzw. Rollenklischees. Sie sind klar gezeichnet: die patente Witwe, der wissbegierige Journalist, die junge Schönheit, der alte Soldat, der eitle Schauspieler etc. Alle Bewohner der Villa d’Azur haben entweder etwas zu verbergen oder Dreck am Stecken. Inwiefern dies mit dem Tod der Teresa Gray zusammenhängt, muss geklärt werden.

Der Detektiv, der diese Aufgabe übernimmt, ist dieses Mal zwar ein Franzose, entspricht aber ansonsten vollständig den Vorgaben, die für das Auftreten eines Kriminalisten seines Kalibers gelten. Antoine Bec ist elegant, intelligent und unbestechlich. Er lebt nur für seinen Beruf, hört gern zu und redet wenig. Tut er es doch, liebt er es, sich in kryptischen Andeutungen zu ergehen, welche die Verdächtigen und den Leser gleichermaßen verwirren.

Bec bringt keinen eigenen Watson in die Handlung ein. Geschickt lenkt Autor Holt den Journalisten Gale in diese Rolle. Von Berufs wegen ist der zur Neugier verpflichtet. Deshalb sieht er Bec gern und genau auf die Finger und spart nicht an den Fragen, die wir, die Leser, uns ebenfalls stellen. Außerdem obliegt es ihm eine hübsche Jungfrau zu schützen und zu freien, denn eine zünftige Liebesgeschichte (oder was man sich Anno 1932 darunter vorstellte) gehört selbstverständlich auch in einen »Whodunit«.

Holt hält sich in Die Wolfsklaue strikt an das Schema, was ihn zu einer reizvoller Wieder- oder eher Neuentdeckung werden lässt. Es schreibt sorgfältig und detailreich, sodass man sich die Story als Hollywoodfilm im klassischen Stil der 1930er Jahre vorstellen kann. (Siehe da, Holt ist in der Tat zumindest einmal in der Glitzerstadt tätig geworden; er schrieb 1940 mit am Drehbuch für den vergessenen B-Thriller »The Spider«.) Auf diese Weise schafft er es, die dicke Staubschicht über dem Geschehen nostalgisch quasi zu vergolden.

Michael Drewniok, Dezember 2016

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