Der Novembermörder von Helene Tursten

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1998 unter dem Titel Den krossade Tanghästen, deutsche Ausgabe erstmals 2000 bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: Schweden / Göteborg, 1990 - 2009.

  • Göteborg: Anamma, 1998 unter dem Titel Den krossade Tanghästen. 381 Seiten.
  • München: Goldmann, 2001. Übersetzt von Christel Hildebrandt. ISBN: 3-442-72893-2. 543 Seiten.
  • München: Goldmann, 2002. Übersetzt von Christel Hildebrandt. ISBN: 3-442-72554-2. 543 Seiten.
  • München: btb, 2004. Übersetzt von Christel Hildebrandt. ISBN: 3-442-73292-1. 543 Seiten.

'Der Novembermörder' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Der reichste Mann Göteborgs, Richard von Knecht, stürzt an einem regnerischen Novembertag von seinem Balkon in den Tod, direkt vor die Fuße seines Sohnes Henrik von Knecht und seiner Frau. Unfall oder Mord? Inspektorin Irene Huss ermittelt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Zwei stadtbekannte Kriminelle und die Hell´s Angels« 76°

Krimi-Rezension von Sabine Reiss

Schauplatz ist Göteborg. Gerade als seine Frau und sein einziger Sohn vor dem Haus dem Auto steigen wollen, stürzt Richard von Knecht vom Balkon seiner Wohnung im obersten Stock auf den Bürgersteig in den Tod. Das wäre sozusagen die Kurzbeschreibung der Geschichte, doch das wäre doch zu banal. Er ist kein Unbekannter in der Göteborger Gesellschaft, denn er ist reich, so daß sich die Medien auf den Fall stürzen werden. Da unklar ist, ob es sich um einen Unfall oder einen Mord handelt, wird das Team von Kriminalinspektor Sven Andersson zum Tatort gerufen. Bald ist sicher, es war kein Unfall, denn die Tür zum Balkon ist von innen verriegelt, die ganze Wohnung ist blitzblank geputzt, so daß keinerlei Fingerabdrücke zu finden sind. Außerdem stellt sich heraus, dass von Knechts Leiche eine Wunde aufweist, die gut zu einem der Küchengeräte in der Wohnung paßt. Der Leser begleitet die Inspektorin Irene Huss, die im Team von Andersson arbeitet, bei ihren Ermittlungen. Sylvia von Knecht, die Ehefrau des Verstorbenen reagiert zwar verständlicherweise hysterisch auf den Vorfall, aber das Ableben ihres Mannes kommt ihr sicherlich nicht ungelegen, auch wegen der hohen Versicherungssumme, die sie erhalten wird. Die Ehe war schon lange nicht mehr in Ordnung, denn von Anfang an hat Richard seine Frau betrogen, was im Pressearchiv in zahlreichen bebilderten Artikeln dokumentiert ist. Doch sie kann ihn nicht gestoßen haben, denn sie war ja unten auf der Straße zum Zeitpunkt des Mordes. Gleiches gilt für Henrik von Knecht, Richards Sohn. Aber auch sein Verhältnis zu seinem Vater war nicht das Beste.

Die Suche nach der finnischen Putzfrau wird aufgenommen, da man sich von ihr die Aufklärung erhofft, wann die Wohnung das letzte Mal geputzt wurde. Oder hat der Mörder seine Spuren verwischt? Richard von Knecht wollte noch Sandwiches kaufen, die er und seine Frau abends essen wollten, wo sind diese geblieben? Ich verrate wohl nicht zuviel, wenn ich sage: der Mörder hat sie gegessen. Die Polizei führt nicht nur zahlreiche Verhöre, sie stochert auf der Suche nach einem Motiv auch in der Vergangenheit herum. Es stellt sich heraus, dass Richard von Knecht einen unehelichen Sohn hatte, der einen nicht unerheblichen Teil des Vermögens erben wird. Ein Vorwärtskommen ist nicht zu erkennen, da passiert etwas Merkwürdiges. Das Haus, in dem sich das Büro des Toten befindet, fliegt in die Luft und eine Person kommt dabei ums Leben. Der vermißte Schlüsselbund von Richard von Knecht steckt in der Tür. Wem galt dieser Anschlag? Haben hier zwei Mörder einen Wettlauf absolviert oder wollte einer nur auf Nummer Sicher gehen?

Der Mordfall ist zunächst eigentlich wenig komplex und die Zahl der Verdächtigen hält sich meines Erachtens in Grenzen, geht aber über Ehefrau und Sohn hinaus, denn Richard von Knecht hat einen illustren Bekanntenkreis und hat sich auch mit seinen Affären und Geschäften nicht immer Freunde gemacht. Daß Helene Tursten dennoch 544 Seiten benötigt, um die Lösung zu präsentieren, ist der Tatsache zu verdanken, dass sie sehr detailorientiert schreibt. Wer sich in Göteborg auskennt, wird hoffentlich die geschilderten Orte erkennen. Zu Beginn war ich total begeistert, denn so manches Mal sind die handelnden Personen einfach zu flach charakterisiert, was hier nicht der Fall ist. Es ist begrüßenswert, wenn man am Leben des Protagonisten teilnehmen kann, jede Reaktion wird geschildert, so daß man gut folgen kann. Irene Huss ist nicht nur Polizistin, sie hat auch eine Familie. Ihr Mann arbeitet Teilzeit als Koch und sie hat zwei Töchter, Zwillinge. Vor Jahren war sie Europameisterin in Jiu-Jitsu. Als sich eine ihrer Töchter mit einem Skinhead einläßt und sich ebenfalls den Kopf rasiert, gerät ihr Privatleben ein wenig aus den Fugen.

Aber ehrlich gesagt gingen mir die vielen Details nach der Hälfte des Buches auf den Keks. Interessiert es jemanden, dass Irene Huss einen schönen IKEA-Teppich zu Hause hat, der nicht mit dem wertvollen Stück aus der Wohnung der von Knechts mithalten kann? Wie geht die Pizzabestellung bei der Kriminalpolizei vor sich? Wer trinkt wieviele Tassen Kaffee? Diese Reihe ließe sich noch beliebig fortsetzen. Auf der anderen Seite führt dies natürlich auch dazu, dass sich der Leser wirklich mittendrin fühlt, denn auch die Polizei muß schließlich mal essen ;-) An realistischer Beschreibung mangelt es demnach nicht, soweit ich als Laie dies beurteilen kann, und die Phantasie wird trotzdem nicht eingeschränkt. Auch Ironie kommt nicht zu kurz: »Wenn Du auf Reisen gehst, merkst Du, dass Du bald vierzig wirst. Mit Zwanzig hat man nur ein kleines Necessaire in die Außentasche des Rucksacks gestopft. Mit Vierzig ist der ganze Rucksack ein Necessaire.«

Das Milieu, in dem der Mord passiert, ist nicht gerade alltäglich. So lernt man wahrlich detailliert das Leben der Upper-Class Göteborgs kennen: doch auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt, was uns sicherlich keine Überraschung bietet. Insgesamt liest sich das alles flüssig und leicht und trotz des kleinen Kreises von Verdächtigen wird die Spannung gut aufgebaut. Helene Tursten bringt durch zwei stadtbekannte Kriminelle und die Hell´ s Angels noch einen Gegenpol zur High-Society ins Spiel, damit uns die Bodenhaftung nicht verloren geht. Die in schwedischen Kriminalromanen fast obligatorische Gesellschaftskritik klingt durch die Skinhead-Problematik und die Diskussion um die Existenz der Konzentrationslager an, ist jedoch nicht originär mit dem Mordfall verknüpft. Alles in allem ist »Der Novembermörder« dennoch leichte Kost und für einen Urlaub ganz gut geeignet.

Das meinen andere:

»Schweden hat eine neue, erstklassige Krimiautorin. Der Novembermörder ist eine der besten und aufregendsten skandinavischen Kriminalromane, die ich seit langem gelesen habe.« (Falu Kuriren)

»Schweden hat eine neue Queen of Crime. Dieses Buch kann man nicht aus der Hand legen!« (Expressen)

»Beim Lesen kommt einem unweigerlich P.D. James in den Sinn. Gut möglich, dass Helene Tursten die große Krimiautorin ist, auf die wir in Schweden lange gewartet haben.« (Vadstena Tidning)

Ihre Meinung zu »Helene Tursten: Der Novembermörder«

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ABaum71 zu »Helene Tursten: Der Novembermörder« 31.08.2008
Ein Krimi den ich in die Gruppe" leichte Kost" einsortieren würde. Helene Tursten beschreibt in diesem Buch die Kommissarin Helene Tursten und das Team um Ihren Vorgesetzten Andersson, wobei hier doch eher die Heldenrolle, wenn man hier überhaupt von Helden reden kann, an die weiblichen Mitglieder des Teams vergeben werden. Die männlichen Mitglieder leiden entweder an irgendwelchen körperlichen Gebrechen oder sind zu jung oder haben ein zu großes Mundwerk .
Detailverliebt wird die Aufklärung des Mordes an Richard von Knecht beschrieben, der als der reichste Mann Göteborgs beschrieben wird. Ist etwa sein Sohn in den Mord verwickelt, oder vielleicht seine Frau ?? Grund genug hätten Sie beide, ist die Ehe doch schon seit langem nicht mehr so glücklich, und auch sein Sohn legt eher ein gestörtes Verhältnis zu seinem Vater an den Tag, und die hohe Versicherungssumme spricht zudem noch dafür. Dagegen spricht allerdings, dass diese Beiden es nicht gewesen sein können, da von Knecht Ihnen praktisch vor die Füsse fällt, als dieser von seinem Balkon stürzt... Und dann passiert noch eine seltsame Explosion im Bürohaus von Richard von Knecht. Im Verlaufe der Ermittlungen kommen dann noch zwei bekannte Kriminelle der Göteborger Szene und eine Gruppe Hells Angels dazu, und es scheint, dass die Schwiegertochter von Knechts auch nicht so unschuldig ist, wie es scheint.
Geschickt verknüpft Helene Tursten all diese Personen und führt Ihre Protagonisten dann zur Lösung des Falls.
Auch die familiäre Seite der Irene Huss findet in der Story ihren Platz, was jetzt zwar nicht unbedingt mit dem Mordfall zu tun hat, aber zu keiner Zeit irgendwie langweilig wirkt, da sie sich mit den fast schon normalen Problemen der Teenager auseinander setzen muss, wie zum Beispiel die erste enttäuschte Liebe oder die Suche der Teenies nach ihrer Position in der Gruppe unter Gleichaltrigen. Im Grunde erzählt dieser Handlungsstrang von den schon fast normalen Problemen einer Mutter von zwei 13jährigen Mädels, also ein ganz normales Familienleben. Dies macht die Hauptdarstellerin nur noch sympatischer.
Alles in allem ein sehr gelungenes Buch, wenn auch kein absolutes Highlight, eher wie schon oben erwähnt, leichte Kost.
Anna m. zu »Helene Tursten: Der Novembermörder« 23.07.2008
Ich fand des buch echt klasse! schon nach den ersten konnte ich es nicht aus der hand legen.
Aber zu ca. der mitte des buches zieht sich die handlung etwas, die erst wieder später in schwung kommt.
aber auf jeden fall empfehlenswert!
Hans Bangert zu »Helene Tursten: Der Novembermörder« 13.07.2008
Nun, nach der Durchsicht der vorliegenden Kommentare kann ich mich diesem oder jenem Argument durchaus anschließen. Wie schon von anderen gesagt, die ganz große skandinavische Literatur ist dies nicht.
Chris zu »Helene Tursten: Der Novembermörder« 09.05.2008
Ein ganz großer Krimi ist das Buch sicher nicht, aber alltägliche und gut nachzuvollziehbare Kost für Freunde leichter Krimiliteratur. Die große Detailltreue ist bei der Charakterisierung der handelnden Personen gut, aber jede Einzelheit muss nun auch nicht beschrieben werden. Insgesamt gut zu lesen an einem heißen Sommertag am Strand. Außerdem ist mir eine Kommissarin, die neben dem Beruf auch noch ein Familienleben stemmen muss, lieber als saufende, raufende Polizei-Heinis, die ihre Einsamkeit in Arbeit ersticken.
Dickie_Greenleaf zu »Helene Tursten: Der Novembermörder« 22.04.2008
Schade: Ich war gespannt auf Turstens weibliche Ermittlerin mit Kind und Kegel und wurde leider enttäuscht. Helene Tursten schafft es nicht einen Gegenpol zu den "saufenden und fluchenden Kommissar-Einzelgängern" zu schaffen, wie sie es angekündigt hat. So eine weibliche Ermittlerin wie Irene Huss ist einfach nur eindimensional und mega-langweilig. Warum gibt es kaum eine weibliche Ermittler-Figur, die ebenso gebrochen und spannend wie ihre männlichen Kollegen ist?
numerobis zu »Helene Tursten: Der Novembermörder« 17.04.2008
ich kann mir nicht helfen, aber das buch ist langweilig, langatmig und die personen doch sehr seltsam angelegt.

ich bin jetzt etwa bei der hälfte, lese das buch auch noch zu ende, so schlecht ist es dann auch nicht.

was mir auffiel, war die charakterisierung, die einteilung in weibliche und männliche polizeimitglieder.

die männlichen mitglieder der polizei sind entweder cholerisch, bluthochdruck gefährdet, frauenfeindlich oder noch so jung, dass sie durch die mädls in diensten der polizei leicht zu formen sind.

die frauen sind durchweg super. kampf erprobt, intelligent und sensibel.

ich glaube nicht, dass ich von tursten noch was lese.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
krimihexe zu »Helene Tursten: Der Novembermörder« 05.09.2007
Beim Novembermörder war ich, hin und her gerissen, ich habe an diesem Buch länger gelesen als an jedem anderen Buch.
Ich mag es eigentlich wenn die Protagonistin ein Privatleben hat an dem der Leser teilnehmen kann, aber das war too much.
Ermittlungsinterna sind spannend,aber nur wenn sie nicht wie Kaugummi gezogen werden...
Eigentlich schade wenn eine gute Geschichte so in die Länge gezogen an Spannung verliert.
Ich gebe 65°
Anki zu »Helene Tursten: Der Novembermörder« 05.09.2007
Wenn man Skandinavien-Fan ist, ist das Buch durchaus interessant zu lesen, allerdings ist es keiner der ganz großen Krimis. Die Handlung wird teilweise sehr weit hinausgezogen - wie bspw. die Geschichte mit den Hell's Angel, die meiner Meinung nach völlig unrealistisch einfach eingebaut wurde, um dem Roman Spannung zu verleihen. Bei mir hat sie allerdings das Gegenteil bewirkt, ich fand es einfach nur störend für die eigentliche Handlung, hier hätte sich Helene Tursten etwas anderes überlegen sollen. Aber im Allgemeinen ist "der Novembermörder" ein passabler Krimi.
I. Arent zu »Helene Tursten: Der Novembermörder« 22.02.2007
Ein schreckliches Buch! Die Behauptung, Schweden hätte nun eine neue Krimi-Königin deskreditiert Mankell et. al. auf unverschämte Weise. Tursten schafft es nicht, auch nur einer ihrer Figuren Charakter zu geben. Mit Sätzen wie "machte sie eine ihrer berühmten, illegalen U-Drehungen" - gibt sie Irene Huss keine Schärfe, sondern läßt lediglich durchblicken, daß auch ihr aufgefallen ist, das genau das bisher fehlt! Vor allem, weil Huss gerade mal einen solchen U-Turn wenige Seiten vorher hingelegt hat. Und ständig wiederspricht sie gerade geweckten Eindrücken in den folgenden Zeilen. Andersson verlor die Fassung und bekommt einen roten Kopf. Punkt. Nächster Satz: Er hatte sich sofort wieder im Griff. Garantiert war das nicht nur mein erster Tursten, sondern auch mein letzter. Schade um die 10 EUR.
mx zu »Helene Tursten: Der Novembermörder« 09.01.2007
Der Novembermörder ist das erste und eindeutig beste buch von Tursten. Das zweite ist ähnlich aufgebaut und hat dieselbe Auflösung, ist aber von der Story her noch ganz nett, das dritte ist widerwärtig, ekelhaft und zu lang und das vierte ist ein 0815-Krimi.
Wie geasagt, Der Novembermörder ist aber klasse. Zwar´mag ich auch nicht so furchbar ausschweifende Beschreibungen, die ich dann einfach überspringe, aber die Kommisare sind vielseitig und der Fall außergewöhnlich. Zu empfehlen, allerdings sollte man sich die Folgefälle sparen.
Grüße.

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