Morrison, Helen & Goldberg, Harold: Mein Leben unter Serienmördern. Eine Profilerin erzählt von Helen Morrison & Harold Goldberg

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel My Life Among the Serial Killers, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Goldmann. 352 Seiten. ISBN-10: 3-442-30108-4, ISBN-13: 978-3-442-30108-9. Übersetzt von Sebastian Vogel.

'Morrison, Helen & Goldberg, Harold: Mein Leben unter Serienmördern. Eine Profilerin erzählt' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Helen Morrisons Arbeitsplatz sind die Hochsicherheitstrakte amerikanischer Gefängnisse. Seit beinahe dreißig Jahren widmet sich die forensische Psychologin der Untersuchung von Serienmördern, und in Monate währenden Gesprächen mit Tätern versucht sie zu verstehen, was sie zu ihren monströsen Taten treibt. Wird man als Serienmörder geboren? Ist entfesselte Tötungslust auf einen neurologischen Defekt zurückzuführen? Oder spielt möglicherweise Missbrauch in der Kindheit eine Rolle? In ihrem faszinierenden Buch präsentiert Helen Morrison die spektakulärsten Fälle ihrer Karriere als Profilerin und schildert eindringlich, was es bedeutet, einem Beruf nachzugehen, den wir aus Büchern und Filmen kennen – dessen reale Seite uns aber bisher verborgen blieb.

Das meint Krimi-Couch.de: »Das Studium einer besonderen Sorte ´Mensch`« 75°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet die Ärztin und forensische Psychologin Helen Morrison als Profilerin, d. h. sie befragt und untersucht gefangen gesetzte Mörder, die gezielt in Serie mordeten und sich dabei so geschickt als »normale Menschen« tarnten, dass sie ihr Tun über Jahre oder Jahrzehnte fortsetzen konnten. Morrison versucht einerseits herauszufinden, wie ihnen dies gelang, um mit der entsprechenden Kenntnis anderen, noch nicht entdeckten Serienkillern auf die Spur zu kommen, während sie sich andererseits zu begreifen bemüht, wie diese mörderischen Zeitgenossen »entstehen« und sich entwickeln, um auf diese Weise Methoden zu ihrer frühzeitigen Erkennung und Behandlung zu finden.

Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse fasst sie im hier vorgestellten Buch zusammen. Die Darstellung ist chronologisch strukturiert und stellt somit auch eine Autobiografie der Verfasserin dar, die ihre Arbeit verständlicherweise nicht strikt vom Privatleben trennen kann; die eine beeinflusst das andere, was folgerichtig in das Erzählte einfließt. Morrison beschreibt zunächst ihre ersten Gehversuche als Profilerin, die sie in den 1970er Jahren als junge und unerfahrene Ermittlerin mit einem Serienkiller namens »\'Babyface’ Richard Macek« zusammenführt. Morrison beschreibt die ungelenken Gehversuche, die in der Kriminalistik damals bezüglich des Phänomens Serienmord unternommen wurden. Es gab noch keine solide Informationsbasis, auf die man sich stützen konnte. Gewagte und aus heutiger Rückschau manchmal seltsame und riskante Versuche wurden deshalb in dieser Pionierzeit unternommen, um zu lernen, wie Serienmörder »ticken« (»Gefährliches Terrain: Ein Serienmörder wird hypnotisiert«). Zahlreiche Sackgassen und Rückschläge mussten hingenommen werden, doch allmählich gewannen die Profiler an Boden (»Einblicke in Maceks Geist«).

Im Verlauf ihrer Recherchen erkannte Morrison, dass Serienmord keine singuläre Erscheinung des 20. Jahrhunderts sind. Am Beispiel eines ehrwürdigen Veteranen – des Muttermörders und Leichenschänders Ed Gein, dessen Taten Alfred Hitchcock zum filmischen Meisterwerk »Psycho« und Tobe Hooper zum Schock-Klassiker »Texas Chainsaw Massacre« inspirierten – wirft Morrison einen Blick auf die (Kriminal-) Historie und weiß Serienkiller seit dem Mittelalter namhaft zu machen (»Ed Gein und die Geschichte der Serienmörder«).

Mit dem Fachwissen wuchs der Kreis derer, die Helen Morrison um Hilfe angingen, sowie ihre Prominenz in den Medien, was ihr manches unerfreuliche Erlebnis bescherte aber gleichzeitig half, auch mit den »Superstars« unter den Serienkillern zu arbeiten (»John Wayne Gacy«). Der 33-fache Mörder Gacy verhalf ihr nicht nur zu neuen und wichtigen Erkenntnissen (»Auge in Auge mit Gacy«), sondern brachte sie auch ins schmutzige Geschäft mit der »Gerechtigkeit«: In den USA verdienen sich kriminalistische Fachleute gern ein Zubrot als Sprachrohr für Staatsanwälte oder Verteidiger (»Im Zeugenstand beim Gacy-Prozess«).

Die Jagd als Kopf-an-Kopf-ab-Rennen

Morrison zog sich nach diesen Erfahrungen auf ihre wissenschaftliche Arbeit zurück, verfeinerte ihre Untersuchungsmethoden analog zu den medizinischen Errungenschaften, die inzwischen buchstäblich den Blick ins Hirn eines Menschen ermöglichten, und vertiefte ihr einschlägiges Wissen (»Die Briefe und Träume des Bobby Joe Long«; »Der Sadismus des Robert Berdella«; »Der Auslöser: Michael Lee Lockhart«). Außerdem erweiterte sie ihr Untersuchungsfeld auf die Menschen, die – in der Regel ahnungslos – mit Serienmördern gelebt hatten – Eltern, Lebensgefährten, Kinder, Freunde (»Serienmörder und ihre Angehörigen«) – sowie jene seltsamen Menschen, die im Wissen um ihre Verbrechen mit Killern lebten oder diese bei ihren Foltermorden sogar unterstützten (»Rosemary West und die Partner von Serienmördern«).

Der Fortschritt der Kriminalistik geht einher mit einer allgemeinen Globalisierung, der auch bisher fremde und isolierte Länder nicht mehr ausschließt. Dabei wird deutlich, dass Serienmörder weder Einzelfälle noch ein singuläres Phänomen der westlichen Industriestaaten sind – es gibt sie auf der ganzen Welt (»Serienmörder – ein internationales Phänomen«). Diese deprimierende Erkenntnis wird zum Teil konterkariert durch die Tatsache, dass auch die Kriminalisten ihr Wissen verfeinern. Zwar bleibt die Perfektion der »CSI Las Vegas« sicherlich auch zukünftig dem Fernsehen überlassen, doch wird es Serienmördern immer schwerer fallen, ihre Untaten lange unerkannt zu treiben (»Die DNA und der Mörder vom Green River«).

Doch Morrison geht in ihrem Schlusswort einen Schritt weiter. Ist es möglich, Serienmörder nicht nur möglichst früh zu stellen, sondern kann man sie womöglich identifizieren, bevor sie überhaupt ihren ersten Mord begangen haben? Aus ihrer Arbeit meint sie eine Reihe von möglichen und gangbaren Wegen gefunden zu haben (»Epilog: Wie geht es weiter?«).

Ist Serienmord vorbestimmt?

Bücher von und über Serienkiller und ihre Jäger gibt es sicherlich in ebenso großer Zahl wie »Sachliteratur« über den Heiligen Gral oder vatikanische Umtriebe. Mit freundlicher Unterstützung durch Hannibal Lecter ist quasi ein eigenes Subgenre entstanden, das sich bereits erstaunlich lange in der Gunst des Publikums hält und nicht zuletzt durch die »CSI«-Welle dank des Fernsehens neuen Auftrieb erhielt. Von dem Treiben fiktiver Unholde und markiger Mörderfänger profitieren auch reale Kriminalisten, die lange im Verborgenen arbeiten mussten. Heute sind die neugierigen Laien geradezu süchtig auf Blicke in Labors & Leichenhallen, in denen Spezialisten gleich mittelalterlichen Hexenmeistern aus winzigsten Spuren verbrecherische Szenarien rekonstruieren.

Helen Morrison tritt indes erst auf den Plan, wenn der Strolch – Serienmörder sind in der Regel männlich – bereits gefasst wurde und sicher hinter Gittern setzt. Mit Fragebogen und Hirnstrommessgerät setzt sie sich dem Täter gegenüber und horcht ihn aus. Was keine besonders komplizierte Aufgabe zu sein scheint, relativiert sich durch die Erkenntnis, dass sie es hier mit Menschen zu bekommt, denen Gesetzesvorschriften oder die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens nicht bedeuten: Serienmörder, das weiß uns Morrison in ihrem Buch sehr anschaulich zu machen, leben nach ihrem eigenen Verhaltenskodex, der ausschließlich auf ihre privaten Bedürfnisse zugeschnitten ist, zu denen mit einer Furcht erregenden Selbstverständlichkeit Folter und Mord in Serie gehören.

Die Tatsache, dass man es mit einer »anderen Art« von Mensch zu tun hat, die womöglich geistig gar nicht in der Lage ist zu begreifen, welcher Verbrechen sie sich schuldig macht, erschwert verständlicherweise die Kommunikation mit Serienmördern. Manche sind sogar stolz auf ihre »Leistungen« und erinnern sich gern ihrer Untaten, was Morrison einen wichtigen Zugang zur fremdartigen Denkwelt dieser Männer (und einiger weniger Frauen) öffnet.

Dies zu schaffen, ermöglicht nicht nur viel Geduld – Morrison ringt und debattiert oft Wochen und Monate mit ihren Gesprächspartnern -, sondern auch eine stabile Psyche, denn mit einem Serienmörder in wirklich engen Kontakt zu treten bedeutet wahrlich einen Blick in den Abgrund. Unglaubliche Scheußlichkeiten muss Morrison sich nicht nur auf Tatortfotos anschauen, sondern sich von oft triumphierenden Mördern in allen Details beschreiben lassen. Eine Flut belastender, dabei oft wenig informativer Worte und Bilder ergießt sich über sie, unter denen sie die wenigen relevanten Fakten erkennen muss und auswerten kann.

In mehr als drei Jahrzehnten hat Morrison ihr Verständnis vom Serienmörder entwickelt. Sie vertritt klare Standpunkte, die ihr Werk nicht unumstritten machen. So ist sie beispielsweise davon überzeugt, dass Serienmörder als solche bereits geboren werden, sie also genetisch vorbelastet sind und letztlich außerstande sind zu begreifen, was sie anrichten. Auch gegen den Drang zum wiederholten Töten können sie sich im Grunde nicht wehren, so Morrison. Nach ihrer Meinung sind Serienmörder Menschen, die sich emotional niemals entwickelt haben sondern auf der Stufe eines Säuglings, der handelt ohne zuvor über eventuelle Folgen nachzudenken, stehen geblieben sind.

Der Leser liest aber er zweifelt doch …

Die Logik dieser Theorie eines rein biologisch bedingten Serienmord-Phänomens ist weder absolut schlüssig noch in der Beweisführung jederzeit überzeugend. Morrison ist sich dieser Tatsache bewusst. Man muss ihr hoch anrechnen, dass sie der Kontroverse nicht ausweicht, indem sie beispielsweise über ihrer Argumentation Nebelkerzen zündet. Klipp und klar und für Kritik sofort erkennbar fallen ihre Äußerungen. Unangenehmen Wahrheiten geht Morrison nie aus dem Weg. Die Welt der Kriminalisten dreht sich nicht um die Suche nach Wahrheiten, sondern wird geprägt von Animositäten, Konkurrenzdenken und im Brustton der Überzeugung geäußerten Falscherkenntnissen. Mit seltener Deutlichkeit nennt Morrison Namen und Ereignisse, die kein gutes Licht auf die Forensiker, Profiler und kriminalistischen Psychologen werfen. Die Autoren ist eindeutig niemand, die ihrem Gegner auch die andere Wange hinhält, ihr Buch auch eine Abrechnung mit Zeitgenossen, die ihr beruflich in die Quere gekommen sind.

Unter diesen Aspekten muss man vor allem Morrisons Schlussfolgerungen im letzten Kapitel bewerten. Allen Ernstes plädiert sie für noch intensivere Untersuchungen weiterer Serienmörder, die Gehirnoperationen einschließen. Nicht einmal die Justiz der USA, die kaum als besonders menschenfreundlich zu bezeichnen ist, gestattet solche Experimente. Morrison geht noch wesentlich weiter: Sie denkt über mögliche Konsequenzen ihrer Forschungsarbeit nach. Was geschieht, wenn sie wirklich eine Art »Serienmörder-Gen« entdeckt? Sollten alle Neugeborenen entsprechend untersucht werden? Kann man sie »heilen«, wenn besagtes Gen auftritt? Falls nicht: Was macht man mit ihnen? Steckt man sie in Gefängnissanatorien, bevor sie – eventuell – zu morden beginnen?

Mit solchen drastischen »Anregungen« möchte die Verfasserin einerseits provozieren, denn der Serienmord gehört für sie, die sich tagtäglich damit beschäftigt, zu einem brennenden Problem, der seitens der Politik oder der Öffentlichkeit zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Andererseits resultiert Morrisons Vorstoß natürlich aus dem, was sie lernen musste: Serienmörder sind wohl nicht unbedingt die seelenlosen Kreaturen, die sie in ihren sieht, aber es sind unschuldige Menschen und ihre ebenso unschuldigen Familien und Freunde, die unter ihren Attacken schrecklichste Qualen erdulden müssen. Wer so etwas quasi miterlebt hat, wird sich in der Planung von Gegenmaßnahmen sicherlich nicht von den Grenzen des politisch Korrekten bremsen lassen.

»Mein Leben unter Serienmördern« ist letztlich kein Fach- oder Lehrbuch, sondern ein allgemeinverständliches Sachbuch, das informieren und Denkanstöße liefern möchte. Als solches ist es eine interessante und anregende Lektüre. Morrison hält sich im Ton meist zurück, ohne aber zu leugnen, dass auch sie oft erschüttert und angeschlagen oder angewidert ihre »Arbeitsstätten« verlässt. Es fehlt das aufdringlich Spektakuläre, das Schwelgen in blutigen Details, welchem die »True Crime«-Sparte ihren anrüchigen Ruf »verdankt«. Morrison verzichtet auch auf Fotos von Tatorten oder die üblichen Fahndungsbilder von Verbrechern, denen »Monster« praktisch ins Gesicht geschrieben steht. Ihr Buch kann durch solche Zurückhaltung am richtigen Fleck nur gewinnen.

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Tiberius Gracchus zu »Helen Morrison & Harold Goldberg: Mein Leben unter Serienmördern. Eine Profilerin erzählt« 23.05.2011
Eines gleich vorweg: Dies ist ein Sachbuch und eben kein wissenschaftliches Werk. Die Autoren berichten hauptsächlich über die berufliche Tätigkeit der Ärztin Helen Morrison.Dabei ist der deutsche Titel irreführend.Lautet der Originaltitel noch "My Life Among the Serial Killers. Inside the mind of the World's Most Notorious Murderers"
wird daraus in der deutschen Übertragung "Mein Leben unter Serienmördern. Eine Profilerin erzählt".
Dr. Morrison ist aber eben keine Profilerin, sie ist weder für das FBI noch für eine andere kriminalpolizeiliche Einheit tätig.
Nebenbei bemerkt: Einer Ärztin, die sich 30 Jahre lang beruflich mit dem Phänomen Serienmord beschäftigt "Effekthascherei und unreflektierte Verallgemeinerung" vorzuwerfen wie das der "kriminalpsychologische Laie" Martin Thamer tut, ist eigentlich nur noch peinlich.Zwar verzichtet Helen Morrison auf Tatortfotos, aber wissenschaftliche Vorgehensweisen wie z.B. Beobachtung, Beschreibung und Experiment können wohl auch nicht in einem Sachbuch weggelassen werden.Grundsätzlich muss gesagt werden, dass wissenschaftlich noch nicht erklärt werden kann wie sehr menschliches Verhalten durch die Gene und/oder die soziale Umwelt bestimmt wird.
Allein dadurch kann der Ansatz von Dr. Morrison nicht einfach beiseite geschoben werden. Im Gegenteil: Wer sich ein bißchen mit Wissenschaftsgeschichte beschäftigt hat, weiß welche Widerstände neue und bessere Erklärungsmodelle zu überwinden hatten. Erschwerend kommt hinzu, daß sich die Thematik im Spannungsfeld Gene-Umwelt-Selbstbestimmung bewegt, die beim unbedachten Leser natürlich nur mannigfaltige Wert- und Vorurteile hervorrufen.
Tatsächlich ist dieses Buch emfehlens- und lesenswert, weil dem Leser deutlich vor Augen geführt wird das Serienkiller nicht in die herkömlichen psychologischen und psychopathologischen Konzepte passen.
So können Serienmörder nicht als nekrophil bezeichnet werden, weil sie über abstrakte gedankliche Konzepte wie Leben, Tod, Religion usw. gar nicht verfügen. Auch das Buch "Das Profil eines Mörders: Die lange Jagd nach dem BTK-Serienkiller von John Douglas / Johnny Dodd weist in diese Richtung. Serienkiller haben eine extrem primivitive
seelische Struktur, so als ob sie emotional im Baby-Stadium verharren.
Wissenschaftlich ist natürlich die Wichtigkeit der ersten Lebensjahre für den Werdelauf des Erwachsenen unstrittig, was aber genau im ersten Lebensjahr eines späteren Serienkillers vorfällt, kann laut Helen Morrison noch nicht beantwortet werden.
Vollkommend nichts sagend sind hingegen Erklärungsversuche wie sie von Robert K. Ressler teilweise geäußert werden, der Serienkiller als böse bezeichnet. Gut und Böse sind sicherlich
keine wissenschaftlichen Begrifflichkeiten und dementsprechend gering ist auch der Erkenntnisgewinn.
Tatjana zu »Helen Morrison & Harold Goldberg: Mein Leben unter Serienmördern. Eine Profilerin erzählt« 19.10.2009
Alles wurde bereits eifrig kommentiert.
Ich finde es ebenfalls als "falsch" einzustufen Theorien als Die Wahrheit zu nennen und strickt danach vorzugehen.

Was mich aber am Meisten wahrscheinlich gestört hat war der simple, aber schon härtere Fehler auf Seite 300.
Unterster Absatz:
In dem ukrainischen Dorf Rostov...
Verzeihung. Aber Rostov ist WEDER ein DORF. Noch ist es in Ukraine.
Martin Thamer zu »Helen Morrison & Harold Goldberg: Mein Leben unter Serienmördern. Eine Profilerin erzählt« 11.05.2009
Diese Dame hat ein Buch veröffentlicht und nach 30 Jahren Berufserfahrung den Anspruch erhoben, "streng wissenschaftlich vorzugehen". Leider habe ich aber von Seite 1 bis 350 keine für mich nachvollziehbaren, wissenschaftlichen Thesen in „Mein Leben unter Serienmördern“ gefunden, hier steht Effekthascherei und offensichtlich unreflektierte Verallgemeinerung im Zentrum. Vielmehr verlässt die Autorin den Pfad der Wissenschaft bereits, indem sie das Verhalten der von ihr interviewten Täter bewertet und u.a. als „unmenschlich“ oder „abscheulich niederträchtig“ tituliert.
Helen Morrison spricht von „dem“ Serienmörder, geht in keinster Weise auf Unterschiede der unterschiedlichen Tätertypen (planend/nicht planend; psychotisch/nicht psychotisch) ein, sieht eher eine genetisch bedingte „Sucht zum Morden“, die scheinbar plötzlich, quasi von einem Tag auf den anderen virulent wird. Weiters negiert sie mögliche Auslöser (Stressfaktoren im privaten, beruflichen oder persönlichen Umfeld des Täters), die zur Eskalation der Gewalt(phantasien) und somit z.B. zum Beginn einer Mordserie führen.
Zudem erkennt Mrs. Morrison bei Serienmördern als Solches kein Motiv, worauf sie wiederum auf die genetische Prädisposition schließt. Sexuelle Beweggründe, bzw. das Schwelgen in sexuell-gewaltsamen Phantasien lange vor dem Eskalieren klammert die Autorin völlig aus, wobei dies bei den dargestellten Fällen der offenkundig sexuell-sadistischen Täter wie z.B. John Gacy oder Robert Berdella schon fast fahrlässig wirkt. Die Täter scheinen sexuelle Befriedigung durch Macht und uneingeschränkte Kontrolle über ihre Opfer zu erlangen - für Mrs. Morrison sind Morde weitgehend Verbrechen aus Wut und/oder Experimentierfreudigkeit.
Für sie erscheint es nachvollziehbar, dass Serienmörder als solche geboren werden. Auch traumatische Lebensereignisse wie Misshandlung/Missbrauch oder Vernachlässigung der Täter im Kindesalter möchte die Autorin nicht als mögliche Erklärungen für spätere Delinquenz anerkennen. Natürlich wird niemand ernsthaft behaupten, dass Personen, die in ihrer Kindheit missbraucht oder misshandelt werden, später zwingend zu Serienmördern werden. Dass jedoch bei einer überwiegenden Mehrheit der gefassten Mörder traumatische Ohnmachtserlebnisse in ihrer Kindheit/Jugend recherchiert wurden, kann wohl kaum Zufall sein.

Zusätzlich wird von der Autorin genau beschrieben, bzw. durch Gesprächsausschnitte aus Kontakten mit den Tätern unterlegt, wie Opfer vergewaltigt, verstümmelt, gefoltert und ermordet werden. Natürlich alles nur, um ihre "wissenschaftlichen Theorien besser verständlich zu machen", wie Mrs. Morrison meint.
Warum es nicht ausreicht, gegenüber dem Leser z.B. von "schrecklichen Verstümmelungen/Vergewaltigungen" zu sprechen, anstatt genau zu beschreiben, ob ein Opfer mit einer Möhre oder einem Stock vergewaltigt wurde, wird wohl kaum wissenschaftlich zu argumentieren sein.

Man könnte noch seitenweise über die fragwürdigen Darstellungen von Helen Morrison schreiben. Wenn man wie ich, als kriminalpsychologisch interessierter Laie die Sichtweisen von weltweit angesehenen Profilern wie R. Ressler, J. Douglas oder T. Müller verfolgt hat, wirkt dieses Buch im direkten Vergleich wie ein billiger Kriminalroman.
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