Nervöse Fische von Heinrich Steinfest

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

deutsche Ausgabe erstmals 2004 .
Ort & Zeit der Handlung: Österreich / Wien, 1990 - heute.

  • : Piper, 2004. 320 Seiten.

'Nervöse Fische' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Für den Wiener Chefinspektor Lukastik, Logiker und gläubiger Wittgensteinianer, steht fest: »Rätsel gibt es nicht.« Das meint er selbst noch, als er auf dem Dach eines Wiener Hochhauses im Pool einen toten Mann entdeckt, der offensichtlich kürzlich durch einen Haiangriff ums Leben kam. Mitten in Wien, achtundzwanzigstes Stockwerk. Und von einem Hai keine Spur. Nun steht der Wiener Chefinspektor nicht nur vor einem Rätsel, es sind unzählige: Ein Hörgerät taucht auf, zwei Assistenten verschwinden. Und die Haie lauern irgendwo …

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein hoher Fall von Grenzwert« 94°Treffer

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Krimi-Couch-Volltreffer Januar 2005

Manchmal gibt es Grenzfälle. Die Grenze zwischen dem Denkbaren und dem Undenkbaren, wie es wohl Steinfests Kommissar Lukastik ausdrücken würde. Inwiefern ist es denkbar, dass unter dem Titel »Nervöse Fische« ein Kriminalroman lauert. Mit einem großen Kunststofffisch, der auf der Reklametafel eines Schnellimbisses lauert, auf dem Cover. Nunja, denkt man sich, der Autor hat immerhin den deutschen Krimipreis 2004 gewonnen. Wenn man dann auch noch den Klappentext liest und erfährt, dass ein durch einen Haiangriff getöteter Mann in einem Swimmingpool auf einem Wiener Hochhaus gefunden wird und der Kommissar ein »Logiker und gläubiger Wittgensteinianer« sein soll und es für ihn keine Rätsel gibt, dann ist man auf den ersten Eindruck wohl bei so einen Grenzfall gelandet, was quasi bedeutet, dass dieser Roman weder Teil des einen noch des anderen sein kann, in einem Raum des Unentschiedenen und des Ununterscheidbaren schwebend. Hier greift der Grundsatz: Don’t judge a book by it’s cover.

Großstadthaie

Ein namenloser Toter auf einem Wiener Hochhaus. Als wäre er in dem Pool hier oben schwimmen gegangen und dann plötzlich von einem Hai attackiert worden. Leider fehlt von dem Hai jede Spur, obwohl er eigentlich keinen Fluchtweg gehabt haben dürfte. Die einzige Spur, die es gibt, ist ein Hörgerät, das zu der Leiche zu passen scheint. Über die Registrier-Nummer kommt man einem Friseur auf die Spur, der in einer Tankstelle nahe des Dörfchens Zwettl wohnt. Lukastik schickt seine Assistenten, die aber noch am gleichen Abend verschwinden und auch per Handy nicht mehr erreichbar sind. Also macht sich der Kommissar zähneknirschend selber auf den Weg.

Er findet tatsächlich den Frisör, der ihm von einem Graphologen aus dem Ort namens Oborin erzählt, für den er besagtes Hörgerät gekauft hat. Jener Schriftkundler hat nicht nur die Handschriften von jedem lebenden Bewohner des Ortes analysiert, sondern kümmert sich auch gönnerhaft um den Mönchsstift Zwettl. Hier studierte der Mann antike Handschriften, nun ist er offenbar tot. Oborins blutjunge ungarische Lebensgefährtin erscheint Lukastik auf den ersten Blick ebenso unschuldig wie der begnadete Frisör, weswegen Lukastik beiden eigenmächtig nahe legt, sich vom Ermittlungsort zu entfernen. Dann begibt er sich zum Stift, um endlich mehr über seine Leiche zu erfahren.

Metapher- und detailreiche Sprache, Traumwelten, eigenwillige Charaktere

Ich dachte immer, dass mich Detailverliebtheit zwangsläufig zur Weißglut treiben muss. Steinfest schafft es, aus jeder noch so kleinen Winzigkeit auch den geringsten Elementarteilchen einen Absatz zu widmen. Er macht dies aber mit einer derart Begeisterung stiftenden Konsequenz, Originalität und Ausdauer, dass mich das Buch richtiggehend fesseln konnte. Im ersten Kapitel stehen die Beamten um den besagten Swimmingpool und es passiert auf 16 Seiten nichts. Aber wenn dann ein Wissenschaftler neben einer Stehlampe wie ein Küken unter einer Glühbirne im Brutkasten anmutet, dann beginne ich die Liebe des Autors zum Detail plötzlich zu teilen.

Wunderbar eigentlich die komplette Inszenierung und die Personen. Lukastiks Büro in einer Lagerhalle, die sich Polizei und Museum Wien teilen (weswegen im Büro des Kommissars ein 2x3m großes Altarbild des hl. Stephanus hängt); der Haiforscher mit Angst vor dem Wasser; die Tankstelle »Rolands Teich«: ein riesiger Glaskomplex mit Supermarkt, Western-Bar und Frisörsalon; der ermordete Graphologe; das Dorf »Nullpunkt« mit dem Sanatorium »Zum goldenen Huflattich«. Alles ist so unwirklich, surreal, wie die beiden japanischen Roboterfische im Aquarium der Western-Bar, und doch könnte auch alles genau so passiert sein. Dadurch bleibt der Roman ein Grenzfall, wobei Realität und Kunst ineinander verschwimmen.

Letztlich noch zu Lukastik: eine solche Ausgeburt an Arroganz und Überheblichkeit in der Hauptrolle ist einem selten unter gekommen. Er ist der absolute Einzelgänger, der dabei nicht nur eine kleine Macke, sondern eine Vielzahl ganz großer Macken besitzt. Er trampelt selbstherrlich durch die Tatorte, wie es ein Elefant nicht besser fertig gebracht hätte, begeht Fehler und zieht falsche Schlussfolgerungen, führt dabei aber immer Wittgensteins »Tractatus« mit sich, aus dem er seine Lebensweisheit bezieht. Lukastik, was ist das eigentlich für ein Name? Eine Mischung aus Stochastik, Genetik und Numismatik, eine eigene Wissenschaft für sich? Ohne Zweifel wohl einer der eigenartigsten Ermittler, trotz oder gerade wegen seiner vielen Eigenarten ein Nonkonformist, der sich in kein Muster zwängen lässt.

Ein Roman gegen den Mainstream

»Nervöse Fische« ist abermals ein Roman von Heinrich Steinfest, an dem sich die Geschmäcker scheiden werden. Als ob sich Steinfest dessen bewusst ist, thematisiert er Grenzwertigkeit und Gratwanderung. Durchsetzt von literarischem Surrealismus begeistern neben Wortwahl und Genialität der Sprache auch die Kraft der Bildhaftigkeit und die Qualität der Charakterdarstellungen. Bis zum Schluss ist dem Leser die Frage erlaubt, ob er sich nur in einem Fiebertraum befindet? Steinfest schreibt keinen kalten Abklatsch eines amerikanischen 08/15-Stiles, er lässt sich nicht mit skandinavischer Gesellschaftskritik unter einen Hut bringen, auch französischer Noir ähnelt seinem Stil nicht im Entferntesten. Er schreibt Feinkost, die sich am besten mit einem guten Glas Wein und viel Ruhe genießen lässt, keine Fast Food für das schnelle und einfache Lesen in der S-Bahn. Trotzdem enthält der Roman Spannungsmomente, der Autor kokettiert mit ihnen und streut sie locker und beiläufig ein, ohne seinen intelligenten Wortwitz dabei zu vernachlässigen. Steinfest verschmäht den Mainstream und wird deshalb seine Leserschaft spalten. Er hat den Kunstroman krimifähig gemacht, wofür ihm höchstes Lob gebührt, und bestätigt am Ende Wittgensteins These, dass es keine Rätsel gibt.

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Maturantin zu »Heinrich Steinfest: Nervöse Fische« 03.01.2010
Zugegeben kein Buch für Menschen ohne Durchhaltevermögen. Wer pure Spannung und Aktion sucht ist definitiv falsch, würde sich aber wahrscheinlich auch nicht das Werk eines Österreichischen Autors zu Gemüte führen.

Der ermittelnde Kriminalist- Lukastik, zweifellos nicht um Sympathie oder Zuneigung bemüht, wirkt wahrscheinlich auf den Großteil der Leser einen arroganten und unsympathischen Eindruck. Gewollt?- Wahrscheinlich es kommt auf jeden Fall zum Ausdruck, dass er aus seiner Haut nicht herauskann und auch gar nicht will, weil genau jenes Verhalten von ihm erwartet wird. Er zeigt Schwächen, die man normalerweise keinem Charakter in einem Roman zuschreibt und eine Akzeptanz der Tatsache, dass er Fehler macht- Fehler die anderen das Leben kosten könnten, ohne dabei auch nur den geringsten Ansatz von Reue zu zeigen. Ein wirklichkeitsgetreuer, sympathischer Charakter, finde ich.

Ein Krimi der sich nicht durch seine Handlung sondern sein Spiel mit der Sprache und durch eine unglaubliche Vielfalt an sprachlichen Mitteln über die der Autor verfügt auszeichnet.
Marv zu »Heinrich Steinfest: Nervöse Fische« 01.01.2010
Wer Spannung, Thrill oder Psychokiller sucht, fahndet bei Heinrich Steinfest - Nervöse Fische vergebens. Zwar hat der Roman alle Ingredienzien für einen solchen Roman.
Einen Kommissar, Tote, Mord, Verschleppung und einen, zumindest sonderlichen, Täter. Seine Sogwirkung bezieht Steinfest jedoch aus der sprachlichen Finesse, den herrlichen Dialogen und Beschreibungen sowie der Skurilität des gesamten Ensembles an handelnden Figuren. Als Hauptperson hierbei, Kommissar Lukastik, ein „gläubiger Wittgensteinianer“ mit mehr Marotten als einem Psychiater während seiner Laufbahn begegnen wird. Ein Kommissar, der mit einer unbeschreiblichen Arroganz dilettierend durch den Mordfall stolpert und dennoch alle (?) Rätsel löst, da es bekanntlich solche nicht gibt. Für mich die schönste, unter vielen schönen Stellen, sein Dialog mit Dr. Gindler. Wer gut geschriebene Romane liebt und schon immer wissen wollte, wie ein durch einen Haiangriff getöteter Mensch in den 28 Stock eines Wiener Hochhauses kommt, dem sein Nervöse Fische empfohlen.
Dickie_Greenleaf zu »Heinrich Steinfest: Nervöse Fische« 05.09.2009
Uff, bin kurz vor dem Ende und total zwiegespalten. Dilettantischer, unsympathischer Kommissar und Steinfestsche Selbstverliebtheit versus interessanter Fall und Steinfestsche Metaphern. Es ist mein zweiter Steinfest - der erste war "Die feine Nase der Lily Steinbeck", da war ich ebenso hin - und hergerissen. Aber wie man sieht, habe ich wieder zu einem Buch dieses merkwürdigen Autors gegriffen, denn er ist wirklich und wahrhaftig des sich Merkens würdig. Und ich werde es wohl auch ein drittes Mal tun. Denn irgendwie liebe ich die in Krimihandlung verpackten philosophischen Gedanken. Fast genauso wie die Geschichten von Vargas.
Kinsey zu »Heinrich Steinfest: Nervöse Fische« 14.04.2009
Das ist beileibe kein gewöhnlicher Krimi. Nicht nur weil der Plot – eine von einem Hai zerfetzte Leiche in einem Swimmingpool auf einem Wiener Hochhausdach – absolut grotesk erscheint. Auch der weitere Fortgang der Ermittlungen hat (hoffentlich!?) nichts mit der Realität zu tun. Der ermittelnde Wiener Hauptkommissar begibt sich nämlich ständig auf Abwege und macht einen dilettantischen Fehler nach dem anderen. Um am Ende trotzdem mit einer in sich schlüssige Auflösung für das Rätsel, das im Grunde keines ist, aufwarten zu können. Ungeduldig darf man als Leser allerdings nicht sein. Denn immer wenn die Geschichte an Fahrt gewinnen will, wird sie von ausführlichen Beschreibungen und Gedankengängen des Protagonisten ausgebremst. Dafür wird man mit schrägen Typen, absurden Dialogen, präzisen und treffsicheren Schilderungen in einer grandiosen Sprache belohnt. Steinfests unerschöpflich scheinender Vorrat an sprachlichen Bildern, Metaphern und Vergleichen macht das Lesen zu einem Fest. Nicht selten habe ich bei einer Bemerkung ob ihrer hintergründigen (oder hinterhältigen?) Scharfsinnigkeit lauthals aufgelacht. Hier lohnt es sich, Satz für Satz zu lesen. Jeden langsam und genüßlich auf der Zunge zergehen zu lassen. Oder ganze Abschnitte zu wiederholen. Einfach weil’s Spaß macht oder um darüber nachzudenken. Viele Abschnitte, wenn nicht das ganze Buch!, hätten es verdient gehabt, im „Passagen“- Thread zitiert zu werden, weswegen meine persönliche Auswahl etwas willkürlich erscheinen mag.
mase – du hattest recht: Steinfest hatte eine zweite Chance verdient! *zwinker
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
heinrich zu »Heinrich Steinfest: Nervöse Fische« 15.12.2008
Die Handlung selbst dümpelt auf dem Niveau eines österreichischen Tatortfilmes, was heißen soll, dass die Spannung allenfalls mittelmäßig, fast nebensächlich ist. Aber irgendwie (unfreiwillig) lustich ist er schon, der Herr Chefinspektor, die manifestierte Mischung aus Arroganz, Eigenwilligkeit und Verbissenheit. Auch die Kollegen und die Verdächtigen stehen ihm kaum nach.
Wer feinsinnige und humorvolle Passagen im Kriminalroman sucht, ist hier richtig. Mir war mein erster Steinfest 75 Grad wert.
taz zu »Heinrich Steinfest: Nervöse Fische« 30.03.2008
Ein skurriler Fall, ein verschrobener Komissar, eine Handlung, die normalen Krimis spottet und ein Erzählstil, der mit seinen Abschweifungen und betonten Genauigkeiten nicht immer den Spannungsboden fördert, aber immer an sich spannend bleibt!

Wer die ersten Seiten anließt, weiss sicher, ob es etwas für ihn ist!

Ein guter Krimi, wenn auch nicht einer wie viele andere!
andrea2208 zu »Heinrich Steinfest: Nervöse Fische« 25.02.2008
Wer in Gedanken Schnürschuhe binden kann und nach dem tieferen Sinn einer Triangel sucht, dürfte mit diesem Buch sicherlich richtig liegen.
Ich habe bisher 37 Seiten geschafft - davon 4 Seiten Handlung, der Rest jedoch selbstverliebte Ergüsse.
Da mir die buckelhaftige Geradheit trotz aller Entmystifizierung verschlossen bleibt, komme ich zu dem Schluss, dass eher dieses Buch anstatt der Leiche den Haien zum Fraß vorgeworfen werden sollte.
2 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Sonja zu »Heinrich Steinfest: Nervöse Fische« 21.01.2008
Zugegeben - man muss ein Liebhaber der österreichischen Schreibe sein, die sich gerne in philosophischen Ergüssen über die Schwere und Absurdität des Seins und Nichtseins ergibt. Doch wer sich darauf einlässt, findet hier ein herrliches Werk voller amüsanter und schräger Figuren, mit einem seltsamen Plot und einer äusserst überraschenden Aufklärung, wobei man erfährt, wie Haie nach Wien kommen.
kamocolo zu »Heinrich Steinfest: Nervöse Fische« 07.06.2007
Ich fand´s totlangweilig!! Ich halte das Genre "Krimi" nicht geeignet für derartige ausschweifende Gedankenergüsse bzgl. irrelevanter und nicht "sachdienlicher" Details.
Wenn man den Plot wirklich auf den Fall reduziert, wäre´s maximal 50 Seiten geworden.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
heinz zu »Heinrich Steinfest: Nervöse Fische« 11.08.2006
Dieses Buch war Anfangs eine Qual und ich las es nur fertig weil ich es nicht schaffe ein begonnenes Buch mittendrin´ wegzulegen. In diesem Fall bin ich froh darüber, es ist schlichtweg zum zerkugeln, v.a. die Dialoge, einfach herrlich. Manche detailierten Beschreibungen zogen sich wie Strudelteig, ich traue Hr. Steinfest durchaus zu sich über die Beschaffenheit einer leeren Tischplatte 5 Seiten lang auszulassen.
Werde mir aber sicher weitere seiner Bücher zu Gemüte führen.

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