Ariel von Harri Nykänen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Ariel, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Grafit.
Ort & Zeit der Handlung: Finnland, 1990 - 2009.

  • Helsinki: WSOY, 2004 unter dem Titel Ariel. 286 Seiten.
  • Dortmund: Grafit, 2009. Übersetzt von Regine Pirschel. ISBN: 978-3-89425-662-3. 282 Seiten.
  • Dortmund: Grafit, 2010. Übersetzt von Regine Pirschel. ISBN: 978-3-89425-565-7. 282 Seiten.

'Ariel' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Kurz vor Jom Kippur, dem Versöhnungstag und wichtigsten jüdischen Festtag, steht Kommissar Ariel Kafka vor dem schwersten Fall seiner Laufbahn beim Helsinkier Dezernat für Gewaltdelikte. Zwei Araber werden bei der Eisenbahnbrücke von Linnunlaulu ermordet aufgefunden. Nur kurze Zeit später stoßen Kafka und sein Team auf zwei weitere Leichen, auch sie Muslime – und sie bleiben nicht die letzten Toten innerhalb nur weniger Tage. Außerdem hat der israelische Außenminister einen inoffiziellen Besuch bei der jüdischen Gemeinde angekündigt. Ausgerechnet Kafkas Bruder Eli fühlt sich berufen, für die Sicherheit der Helsinkier Juden zu sorgen. Er bedrängt Ariel, ihm Polizeiinterna preiszugeben. Haben Eli und der Gemeindevorsitzende recht mit ihrer Warnung vor einem geplanten islamistischen Anschlag auf die Synagoge? Aber warum tauchen dann immer wieder Mitglieder der jüdischen Gemeinde im Zusammenhang mit den Mordermittlungen auf?

Das meint Krimi-Couch.de: »Lahmer Seitenwechsel« 70°

Krimi-Rezension von Thorsten Sauer

Harri Nykänen ist hierzulande weniger bekannt als in seiner Heimat Finnland, doch vier seiner Romane um den Gentleman-Gangster Raid, die in Finnland sogar erfolgreich verfilmt wurden, sind auch auf deutsch erschienen. Während seine bisherigen Krimis von der ungewöhnlichen Hauptperson lebten, versucht sich Nykänen mit Ariel nun an einer konventionell gestrickten Geschichte mit einem grundsoliden Bullen – leider zu solide und zu konventionell.

Mossad und arabische Terroristen – oder doch gewöhnlicher Mord

Bizarrer Leichenfund bei der Eisenbahnbrücke von Linnunaulu: Zwei Araber liegen offensichtlich gewaltsam zu Tode gekommen neben den Gleisen und mindestens einer von ihnen wurde grausam verstümmelt. Ariel Kafka hat kaum die Ermittlungen aufgenommen, da tauchen schon die nächsten beiden Leichen auf. Ebenfalls Araber und es sollen nicht die letzten Leichen sein, über die der jüdische Ermittler kurz vor Jom Kippur, dem höchsten Feiertag der Juden, stolpert.

Vier ermordete Araber, ein jüdischer Ermittler und nur wenige Tage bis zum Versöhnungstag, dem Jom Kippur-Fest, zu dem der israelische Außenminister seinen Besuch in Ariels jüdischer Gemeinde angekündigt hat. Viel zu tun für den stoischen Ermittler, er muss sich mit dem Vorwurf der Befangenheit auseinandersetzen und die äußerst vagen Warnungen des jüdischen Gemeindevorsitzenden vor einem geplanten arabischen Terroranschlag ernst nehmen, zumal es scheinbar der israelische Staat tut und seinen Geheimdienst Mossad in Stellung bringt. Ariel stößt bei seinen Ermittlungen nicht nur auf weitere Tote, sondern auch – häufiger als es ihm lieb sein kann – auf Verbindungen in die jüdische Gemeinde.

Co-Autor Zufall

Im Gegensatz zu Raid, der Hauptfigur seiner in Finnland erfolgreichen Serie, ist Ariel ein grundsolider Langweiler. Der doppeldeutige Namen Ariel Kafka verspricht zunächst zwar einiges, diese Hoffnung wird vom Autor selbst schnell zerstört. Der Name bedeutet nichts, sondern ist lediglich ein Hinweis auf die jüdische Herkunft des Ermittlers. Es ist verständlich, dass Nykänen das was seiner Hauptfigur an Spannungsmomenten fehlt, mit temporeichem, verzwicktem Plot auszugleichen versucht. Leider reduziert er Tempo auf eine hohe Leichendichte und den Plot auf eine Anhäufung von Zufällen.

Ariel und seine jüdische Gemeinde in Helsinki scheinen der Nabel der Welt zu sein. Hier verbringt der jüdische Außenminister die Tage um Jom Kippur, während der Mossad eine groß angelegte Aktion gegen den internationalen Terrorismus führt und die Russenmafia Drogen vertickt. Jeder aus Ariels Umfeld hat irgendwo seine Hände im Spiel: der Gemeindevorsteher, der Bruder und der beste Freund. Wenn die Geschichte ein wenig ins Stocken gerät, tauchen die nächsten Leichen auf, bis der Leser den Überblick verliert.

Dialoglastig

Der Überblick geht dem Leser aber nicht nur aufgrund der Anhäufung von Zufällen verloren, sondern auch durch den Erzählstil. Harri Nykänen erzählt die Geschichte nicht, sie wird fast ausschließlich durch Dialoge vorangetrieben. Beinahe hat es den Anschein, dass er, nach den in Finnlad erflogreichen Verfilmungen seiner Raid-Romane, gleich das nächste Drehbuch abliefern wollte. Es wird kaum erzählt, also Schauplätze gezeigt oder Hintergründe beleuchtet, sondern nur gesprochen und die Dialoge wirken so lebendig wie Verhörprotokolle. Der Ich-Erzähler trägt sein übriges dazu bei, den Roman im sprachlichen Mittelmaß versinken zu lassen. Ariel hat nur wenig zu sagen und setzt sich kaum mit den Geschehnissen und seiner eigenen Verwicklung in die Geschichte auseinander. Selbst emotionale Momente erleben nur ein kurzes andeutungsweises Aufflackern, ehe ein weiterer wenig authentischer Dialog den Keim erstickt, um die Story voranzutreiben. Zeit für die Beziehungen seiner Figuren oder auch nur das Erschaffen einer lebendigen Romanwelt hat Nykänen entweder nicht, oder ihm fehlen die erzählerischen Mittel.

So verpufft die auf dem Klappentext viel versprechende Geschichte in heißer Luft und vielen Zufällen zu einer gerade noch mittelmäßigen Geschichte.

Thorsten Sauer, Januar 2010

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