Himmel über London von Håkan Nesser

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Himmel över London, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei btb.

  • Stockholm: Bonnier, 2011 unter dem Titel Himmel över London. 523 Seiten.
  • München: btb, 2013. Übersetzt von Christel Hildebrandt. ISBN: 978-3-442-75318-5. 576 Seiten.
  • [Hörbuch] München: Der Hörverlag, 2013. Gesprochen von Walter Kreye & Simone Kabst Dietmar Bär. MP3. ISBN: 3867178852. 2 CDs.

'Himmel über London' ist erschienen als Hardcover Hörbuch

In Kürze:

Sie erreichen London um 16.50 Uhr an der Paddington Station. Der fast 70jährige Leonard Vernim und seine amerikanische Lebensgefährtin Maud. Leonard ist schwerkrank – und Maud ist besorgt. Und zwar mehr, als es die Lage sowieso schon erfordern würde. Irgend etwas Geheimnisvolles geht vor sich, irgendetwas verschweigt ihr Leonard. Ein großes, wahrscheinlich letztes Geburtstagsfest hat er geplant. Auch ihre beiden Kinder aus erster Ehe sind eingeladen – die neurotische Irina, der ständig an Geldmangel leidende Gregorius. Sowie zwei mysteriöse Gäste, deren Namen sie nicht kennt. Gleichzeitig geht ein Serienmörder in der Stadt um – es braut sich etwas zusammen unter dem Himmel von London.

Das meint Krimi-Couch.de: »Die unendliche Geschichte« 40°

Krimi-Rezension von Silke Wronkowski

Leonard ist totkrank, sein letztes Stündlein hat geschlagen und er plant einen feierlichen Abgang. Deshalb lädt er seine Lebensgefährtin und ihre Kinder aus erster Ehe zu einem Geburtstagsdinner nach London ein. Eine Woche verbringen alle Beteiligten in der Metropole, bevor man sich gemeinsam in einem Restaurant zum letzten Akt zusammenfindet. Doch wird der Tisch für sechs statt nur für vier Personen gedeckt sein und bevor sich alle Gäste darüber wundern können, ist es auch schon zu spät.

Gestatten? Die Akteure.

Maud, einst Leonards Therapeutin und Mutter zweier Kinder aus einer Beziehung mit einem Psychologen, ist seit nunmehr 20 Jahren Leonards Gefährtin. Lebensgefährtin oder gar Begriffe wie Geliebte oder Freundin wären schon zuviel, mutet es doch eher wie eine Zweckgemeinschaft an. Nun ja, wer aus einer jugendlichen Vergewaltigung heraus den Beruf der Verhaltenstherapeutin ergreift und Zwillinge gebiert, die psychologisch gesehen mit ihren Zwangsstörungen und selbstzerstörerischem Verhalten ihr eigenes ausgewachsenes Paket zu tragen haben, ist vermutlich fern von Leidenschaft.

Irina, Mauds Tochter, seit frühester Kindheit von einem übersteuertem Waschzwang besessen, kann sich schon allein deshalb besseres vorstellen als eine Reise nach London, zu allem Überfluss zusammen mit ihrem Bruder Gregorius, der sein Leben mehr als nicht im Griff hat und der auf ein fettes Erbe hofft von einem »Stiefvater«, zu dem beide nie eine Beziehung hatten. Das Erbe könnte Gregorius vor seinem rasenden Chef schützen, dem er 50.000 Euro gestohlen und dessen Frau er geschwängert hat. Ein neuer Name und eine neue Identität ließen sich doch sicher mit ein paar Millionen realisieren.

Milos, Mitte dreißig, wird per geheimnisvoller Post von seinem »Gönner« Leonard zu den Feierlichkeiten nach London geladen. Flug und Unterkunft seien bezahlt. Milos tritt diese Reise an, wohnt doch seine einstige große Liebe Leya auch in dieser Stadt, und wer weiß, ein Wiedersehen mit ihr könnte sich vielleicht lohnen.

Und während diese illustre Runde in London weilt, ist da auch noch Lars Gustav. Einst Taxifahrer, seiner 1968 in London verstorbenen Jugendliebe Carla nachtrauernd, der einen, nein den einen, großen Londonroman schreibt. Unter dem Pseudonym Steven G. Russell.

Das Nichts

In Himmel über London wird geschrieben im Geschriebenem, gelesen, was vergangen ist, oder steht plötzlich gedruckt in einem Buch, was Irina unter allen Umständen am Abend der Geburtstagsfeier zu tun hat – zu lesen in dem Buch Bekenntnisse eines Schlafwandlers von Steven G. Russell. Unterdessen liest Leonard seine eigene Biografie vor, die Geschichte seiner großen Liebe Carla, für die er Ende der 60er in London zum Spion wurde und für die er ins kommunistische Prag übersiedeln wollte. Michael Ende hätte vermutlich seine Freude daran und bald würde man sich beim Lesen auch nicht mehr wundern, wenn irgendwo die kindliche Kaiserin mit einem Sandkorn auftauchte.

Nesser lässt in den schier endlosen Vorstellungskapiteln der einzelnen Personen immer wieder einfließen, dass zur gleichen Zeit der »Watch Killer« in der Hauptstadt sein Unwesen treibt, ein Serienmörder, der seine Opfer mit einer billigen Armbanduhr zurücklässt, die zur Todeszeit stehengeblieben ist.

Spannung exklusive

Herr Nesser ist ein großer Erzähler mit einer gefälligen Sprache, keine Frage. Ganze 557 von 572 Seiten Raum gibt er seinen Figuren ihre innersten Gedanken und Beweggründe zu offenbaren, lässt sie über das Leben und den Tod philosophieren und allen voran über die Liebe und ihr Fehlen. Er greift immer neue Fäden für die Geschichte auf, springt zwischen den Jahrzehnten und Personen munter hin und her, so dass der Leser am Ende leider kein fein verwobenes Netz in den Händen hält, das irgendein Gesamtbild offenbart. Schlimmer noch, man ist gezwungen alle losen Stränge bis zum Schluss parallel zu erinnern, um dann im enttäuschendem Finale zwei, drei davon verknüpfen zu können, die restlichen aber leider völlig unbefriedigt fallen lassen muss.

Nein, das ist kein Krimi und frei von jeglichem Thrill oder Spannungsbogen oder irgendeiner gearteten Auflösung, denn es gibt einfach auch gar nichts aufzulösen. Nesser weiß das. Er selbst sagte in einem Interview, dass Himmel über London kein Krimi ist:

»Ich möchte eine Art Trilogie über die Grossstädte London, New York und Berlin machen. Keine Krimis, aber Geschichten mit einem leicht kriminalistischen Plot.«

Letzterer fällt im vorliegendem Buch so leicht aus, dass er eigentlich gar nicht vorhanden ist. Als Biografie einer Gruppe gescheiterter Existenzen funktioniert das Buch hingegen meisterlich.

Silke Wronkowski, November 2013

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monika hahn zu »Håkan Nesser: Himmel über London« 10.04.2017
grossartig! leiser humor. subtil beschriebene, reichlich schraege charaktere. das reinste vergnuegen. deshalb: unbedingt lesen!!! auch wenn's kein typischer nesser-krimi ist.

kleine kostprobe: "... nachdem er mich bewusstlos geschlagen hatte, warf er mich vom balkon."

folgt die frage: "welches stockwerk?"
Birte zu »Håkan Nesser: Himmel über London« 21.02.2017
Ich hätte mich auf einen Krimi gefreut nachdem ich den Klappentext gelesen hatte. Es ist nichts davon zu finden nach über 300 Seiten...ich war bis dahin optimistisch und hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, aber jetzt kommt es in den Müll. Wer Schlafprobleme hat oder wer dieses Buch länger genießen will, dem ist es zu empfehlen, denn man schafft max 10 Seiten, wenn man nicht sogar vorher schon eingeschlafen ist. Hätte ich doch vorher hier geschaut. Spannung exklusive trifft es auf den Punkt.
Ilka Leineweber zu »Håkan Nesser: Himmel über London« 05.03.2016
Wie schade, ich freute mich, als ich das Buch in den Händen hatte. Nach 10 Seiten habe ich mir mal die Lesemeinungen angesehen. Die Meinungen deckten sich mit meinem ersten Eindruck, ich fand es langweilig, schwer und nicht die Spur von Spannung. Die Spannung war eher darin begründet: "wann geht es los.". Also habe ich das Lesen abgebrochen.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Winfried Hänel zu »Håkan Nesser: Himmel über London« 07.09.2015
Ja ich muss zugeben: ich bin verwirrt.
Soeben ausgelesen suchte ich hier etwas Hilfestellung. Aber die Kommentare waren auch nicht sehr hilfreich. Langweilig, kein Krimi, lose Fäden, aber große Erzählkunst.
Es stimmt, Nesser ist anders geworden. Und ich fühle es, er ist immer besser geworden. Und er macht es seinen Lesern immer schwerer. Mit Logik kommt man nicht weiter. Manchmal dachte ich, ich lese Murakami.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich froh war, als ich die letzte Seite gelesen hatte. Ich fühle mich wie ein großes Fragezeichen. Und sehr verwirrt.
Carlo Fascher zu »Håkan Nesser: Himmel über London« 26.07.2015
Ich bin großer Nesser-Fan und freute mich sehr auf dieses umfangreiche Buch. Wie enttäuscht kann man sein? Das findet man leicht heraus, wenn man diesen Roman liest. Es sollte ein "großer" London-Roman werden, vielleicht James Joyce in Dublin nacheifernd? In der Gegend vom Paddington Bahnhof kenne ich mich gut aus. Die Beschreibungen im Buch sind viel zu oberflächlich und wie mit einem Stadtplan in der Hand verfasst. Das gilt auch für Hotelbeschreibungen; bei den gängigen Portalen im Internet kann man sich bequem bedienen... Nur in Ansätzen blitzt das große schreiberische Genie Nessers auf. Bitte keinen Berlin oder New York Roman! Herr Nesser, Sie gehören nach Kumla oder Maasdam!
Tinka zu »Håkan Nesser: Himmel über London« 16.07.2015
Mein erster Nesser Krimi den ich in den Händen hielt.
In Vorfreude auf eine spannende Urlaubslektüre wurde ich jedoch schnell eines anderen belehrt.
Es zog sich dahin wie Kaugummi.
Um den Kern der Geschichte, das Zusammentreffen der Geburtstagsgäste, zu erreichen darf sich der Leser durch viele langweilige Seiten lesen.
Mitunter entsteht ein leichter Spannungsbogen, der aber nur von kurzer Dauer ist.
Als anstregend fand ich das Springen zwischen den einzelnen Personen sowie Handlungen.
Irgendwie quälte ich mich mehr oder minder durch dieses Buch bis zum Ende.
Leider wird es auch mein erster und letzter Band dieses Autors sein.
Herr Lazaro zu »Håkan Nesser: Himmel über London« 06.07.2015
Dieser Roman hat genau die Eigenschaft, die man den frühen Van Veterens des selben Autoren gerne zu Unrecht vorwirft: Es ist langweilig! Nesser selbst gibt ja zu, keinen Krimi geschrieben zu haben (warum wird das Buch dennoch hier in der KC rezensiert?) aber eine Geschichte über London ist es ebensowenig: Die Handlung könnte überall stattfinden, ein Unterschied wäre vermutlich nicht zu bemerken. Früher, in der Schule, wurde so etwas mit "Thema verfehlt, fünf" abgestraft.

Der zugrunde liegende Plot, die Figuren eines Schriftstellers entwickeln ein Eigenleben und beginnen sogar gegen den Autoren zu agieren, ist ebenfalls alles andere als neu, noch sonderlich originell ausgeführt: Wer eine wirklich überzeugende Ausarbeitung dieses Themas wünscht, dem sei Flann O'Briens "In Schwimmen zwei Vögel" wärmstens empfohlen (übrigens auch kein Krimi aber dafür herrlich komisch).

Wäre dies mein erster Nesser gewesen, es wäre vermutlich der einzige geblieben. Schade, Nesser hat deutlich bessere und unterhaltsamere Bücher geschrieben.
Margit Raven zu »Håkan Nesser: Himmel über London« 28.04.2015
Hakan Nesser ist ein begnadeter Erzähler und ein Meister der Sprache. Neben aller tragischen Ereignisse wird auch dem Humor Rechnung getragen. "Himmel über London" ist in der Tat kein Krimi oder gar ein Thriller. Und doch läuft die Geschichte nicht ohne Spannung ab. Das ständige Springen zwischen den einzelnen Personen, die dabei relativ kurz gehaltenen Episoden sowie das Buch im Buch, ist für den Leser nicht immer ohne Anstrengung zu meistern. Der fast 600-seitige Roman fesselt jedoch bis zum, allerdings etwas enttäuschenden, Ende. Alles in allem, ein Buch der gehobenen Belletristik, das auf jeden Fall meine große Bibliothek bereichert.
Ulrike Gruber zu »Håkan Nesser: Himmel über London« 08.01.2015
Ich habe viele der Rezensionen gelesen und habe mich neben dem Lesen versucht in alle Parteien zu versetzen. Vielleicht ist es einfach so, dass jeder Leser auch seine eigene Geschichte hat und was erschwerend hinzu kommt, dass sich kaum einer in die Psychologie der verschiedenen Ebenen hineinversetzen kann. Ich empfinde dieses Buch als absolute Bereicherung.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Christiane Bartel zu »Håkan Nesser: Himmel über London« 11.09.2014
Ein absolut geniales Buch! Das meisterliche Verweben von Handlungen und Charakteren und das feine, langsame Auslegen von Hinweisen (leichte Namensgleichheiten, die man nicht gleich realisiert, etc.) von Hakan Nesser kommt hier so richtig zu tragen.
Ein interessanter Zufall war, dass ich gerade vorher Sten Nadolnys "Er oder Ich" gelesen habe, das sehr ähnlich mit Erzähler/Leser spielt.
Außerdem finde ich es sehr geschickt an Agatha Christie angelehnt - 4.50 from Paddington - und insgesamt ähnlich strukturiert wie bei ihr.
Ich kann es nur sehr empfehlen!

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