Lügenland von Gudrun Lerchbaum

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 bei Pendragon.

  • Bielefeld: Pendragon, 2016. ISBN: 978-3865325501. 432 Seiten.

'Lügenland' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Es ist ein Schuss, der das Leben der Soldatin Mattea für immer verändert. Von ihr selbst abgefeuert trifft er eine Freundin und Mattea muss fliehen, ausgerechnet am Tag ihrer Hochzeit. Doch wohin in einem inzwischen rechtspopulistisch regierten Staat Österreich, der seine Bürger lückenlos überwacht? Zum ersten Mal findet sich die regimetreue Mattea auf der Seite der Rechtlosen wieder. Als sie auch noch mit einer untergetauchten Revolutionärin verwechselt wird, ist das ganze Land hinter ihr her. Doch ausgerechnet die Widerstandsbewegung springt ihr nun bei. Matteas Weltbild gerät ins Wanken.

Die europäische Politik hat in der Flüchtlingsfrage versagt. Rechtspopulisten haben die Macht übernommen und Österreich zu einem hoch technologisierten Überwachungsstaat geformt, in dem niemand mehr frei ist. Ein Zustand, mit dem die Soldatin Mattea eigentlich ganz gut zurechtkommt. Als sie am Vorabend ihrer Hochzeit eine Freundin im Drogenrausch erschießt, muss sie fliehen. Plötzlich gehört Mattea zu den »Wertlosen«, zu denen, die außerhalb der Gesellschaft stehen und sie wird erbarmungslos gejagt.

Es ist die innere Zerrissenheit von Mattea, die zwischen blinder Regimetreue und der Auflehnung gegen offensichtliches Unrecht schwankt, die diesen Polit-Thriller zu etwas ganz Besonderem macht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Dunkel-Österreich« 75°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Gudrun Lerchbaums Roman spielt in Österreich der nahen Zukunft. Es dürfte sich um ca. zwanzig Jahre handeln, denn es wird erzählt, die alternativlose deutsche Bundeskanzlerin sei über 80. Die Alpenrepublik ist zu einem Polizei- und Überwachungsstaat verkommen. Rechtsradikale, Rechtspopulisten oder Nationalkonservative, die sich selbst »Die Aufrechten« nennen (der Name spielt keine Rolle) haben die Regierungsgewalt übernommen. Oppositionelle Kräfte werden diffamiert, sind teilweise kriminalisiert. Die Außengrenzen des Landes werden streng kontrolliert. Asylsuchende werden grundsätzlich abgewiesen. Selbst längst integrierte Ausländer haben (mussten) das Land verlassen. Auf Österreichs Straßen patrouillieren Milizen. Überwachungskameras und Drohnen sind allgegenwärtig. Die Medien werden von der Regierung kontrolliert und Bevölkerung wird auf Großbildschirmen mit Staatspropaganda überschüttet. Die schöne neue Welt.

In dieser schönen neuen Welt lebt die fünfundzwanzigjährige Mattea Inninger. Fünf Jahre zuvor, als ihr Vater als Oppositioneller ins Fadenkreuz der Regierung gekommen war und untertauchte, war sie nicht ganz freiwillig, aber bedenkenlos der Miliz beigetreten. Ihren Dienst versieht sie nach Vorschrift, muss für Dinge geradestehen, die sie nicht vertritt, aber das ist ihr relativ egal. Mit dieser Gleichgültigkeit ihrem Leben gegenüber blickt sie auch in die Zukunft. Ihre Hochzeit mit einem eher ungeliebten Mann steht an.

Am Nachmittag vor dem »großen« Ereignis tummelt sie sich mit ihren Freundinnen auf einer Wiese am Fluss und feiert Junggesellinnen-Abschied. Alkohol fließt reichlich und so manches seltsame Pillchen wird eingeworfen. In einem unübersichtlichen Augenblick erschießt Mattea eine ihrer Freundinnen mit ihrer Dienstwaffe. Am Tag darauf während der Trauungszeremonie fährt die Polizei vor und will Mattea (wohl) verhaften. Sie kann fliehen und hofft, erst einmal bei der Großmutter väterlicherseits unterkommen zu können. Auf dem Weg dorthin trifft sie auf einen hohen Funktionär des Regimes. Diese Begegnung hat für beide fatale Folgen. Nicht nur, dass sie als Mörderin landesweit gesucht wird, ab jetzt gilt sie auch als Staatsfeindin Nr. 1. Sie sieht einer ebenfalls zur Fahndung ausgeschriebenen Oppositionellen (Rebellin?, Terroristin?) zum Verwechseln ähnlich. Die Ähnlichkeit wird ihr Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite ist Fahndung nach ihr intensiviert worden, aber auf der anderen Seite kann sie bei einer versprengten Rebellengruppe Unterschlupf und Hilfe finden.

Mattea Inninger ist die Ich-Erzählerin des Romans und kommt uns deshalb sehr nah. Wir erleben eine junge unbekümmerte Frau, die sich wenig grundlegende Gedanken über ihr Leben macht, als Miliz-Soldatin ist sie scheinbar auf der richtigen Seite, auf der Seite der Ordnungsmacht. Der tödliche Schuss auf ihre Freundin wirft sie aus der Bahn und ehe sie sich versieht, steht sie auf der anderen Seite, auf der Seite der Verfolgten und Geächteten. Der Perspektivwechsel löst eine umfassenden Identitätskrise in ihr aus. Zeitweise weiß sie gar nicht mehr, wer sie überhaupt ist. Ist sie noch die Mattea, die alles glaubte, was die Staatspropaganda ihr eintrichterte, oder ist sie Ina, die Rebellin, die den Kampf gegen das System aufgenommen hat.

Lerchbaums dystopischer Ausblick für Österreich ist ja gar nicht so abwegig, betrachtet man die politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Wie weit Österreich den Weg zu einem »Lügenland« schon gegangen ist, kann der Rezensent nicht beurteilen, dazu ist er zu wenig über aktuelle Entwicklung dort informiert. Dass Deutschland, sein Heimatland, den Status eines Lügenlandes längst erreicht hat, kann man an vielen politischen Entscheidungen der letzten Jahre festmachen, die hier nicht diskutiert werden können. Aber man darf vielleicht an die Auslandseinsätze der Bundeswehr erinnern, die uns als »Friedensmissionen« verkauft werden sollen. »Krieg ist Frieden« – George Orwell lässt grüßen.

Gudrun Lerchbaums Lügenland ist kein neues 1984, aber es gibt einige Anspielungen auf Orwells Meisterwerk in Bezug auf Propaganda und »False Flag«-Operationen. Der Roman ist spannend geschrieben im Duktus der 25-jährigen Heldin, die das Leben noch leichter annehmen kann als ältere Zeitgenossen wie der Rezensent.

Jürgen Priester, September 2016

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PK zu »Gudrun Lerchbaum: Lügenland« 07.11.2016
Auf die Schreibweise der Autorin muss man sich wirklich einlassen . Mein Schreibstil war es nicht . Nicht nur die von meinem Vorschreiber beschriebenen kurzen Sätze .
Die meisten Sätze beginnen mit "Ich" , oft 2 oder 3 Sätze hintereinander . Das war für mich ein etwas einfallsloser Schreibstil . Der versprochene atemlose Thriller war das auch nicht , ich habe keine Spannung empfunden .
manni zu »Gudrun Lerchbaum: Lügenland« 07.11.2016
Auf den Erzählrhythmus der Autorin mußte ich mich einlassen: kurze, knappe Sätze. Als ich da drin war, konnte ich die sehr spannende Geschichte nicht aus der Hand legen. Ich habe diesen Politkrimi an einem Wochenende hintereinander weggelesen. Die Handlung spielt in Österreich, ca. im Jahre 2040, eine faschistische Regierung treibt ein gnadenloses Katz und Maus Spiel mit der Protagonistin, aber auch eine Untergrundbewegung mischt mit im raffinierten Spiel. Der Plot ist sehr gekonnt inszeniert, Klasse. Beim Lesen wurde mir allerdings recht mulmig,
hoffendlich wird die Zukunftsvision der Autorin nie Wirklichkeit. 80°!
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