Projekt Orphan von Gregg Hurwitz

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel The nowhere man, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei HarperCollins.
Folge 2 der Evan-Smoak-Serie.

  • New York: Minotaur, 2017 unter dem Titel The nowhere man. 358 Seiten.
  • Hamburg: HarperCollins, 2017. Übersetzt von Mirga Nekvedavicius. 480 Seiten.

'Projekt Orphan' ist erschienen als HörbuchE-Book

Das meint Krimi-Couch.de: Wenn Waisen reisen 50°

Krimi-Rezension von Jochen König

Evan Smoaks zweiter Auftritt bringt ihn mächtig in die Bredouille. Und bricht ihm beinahe das Genick. In jeder erdenklichen Hinsicht. Zunächst startet alles wie bekannt: Smoak, der legendäre »Nowhere Man« bewahrt die 17-jährige Ana Reznian davor, als Opfer eines Mädchenhändlerrings zu enden. Er verletzt den Anwerber, tötet den Drahtzieher und sucht nach weiteren Involvierten, die er ausschalten kann. Stößt dabei auf die Daten eines anderen Mädchens, dessen Verschiffung bevorsteht. Getreu seines Mottos »lasse niemals einen Unschuldigen sterben« will er umgehend die Rettung der Maid einleiten.

Killer sitzt lange in der Klemme

Leider wird Evan Smoak, der brillante Denker, Aufpasser, Kämpfer, Killer, Planer und mehr, selbst Opfer einer Entführung. Nach knapp fünfzig Seiten. Die nächsten 330 Seiten benötigt er, um aus seinem Gefängnis auszubrechen. Es braucht mehrere Versuche. Nach jeder vergeblichen Fluchtanstrengung werden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Doch Zweifel am Gelingen eines Plans hegt der Leser zu keiner Zeit. Und so kommt es, wie es kommen muss, nur reichlich spät. Bleiben 100 Seiten übrig, auf denen Smoak Zeit hat, eine Unschuldige zu retten, seinen Verfolgern aus den Reihen des Orphan-Projektes zu entkommen und sich an seinen Entführern zu rächen. Es wird natürlich nicht verraten, ob, und wenn ja, wie ihm das gelingt.

So viele Verwandte, so wenig gemein

Evan Smoak hat viele Leidensgenossen, mit denen er sich am Stammtisch treffen könnte. Jack Reacher, Jason Bourne, James Bond, Max Guevera und der namenlose Poncho-Träger in den Sergio Leone-Filmen. Um nur ein paar wenige zu nennen.

Mit Max »Dark Angel« Guevera teilt er das Schicksal, als (Waisen)kind von einer geheimen Regierungsorganisation zum staatlich geprüften Killer ausgebildet worden zu sein. Um später, nachdem sein Mentor pulverisiert wurde, augenblicklich zu kündigen und auf eigene Faust für getanes Unrecht zu büßen und in Not geratene Menschen zu beschützen. Was seinen ehemaligen Vorgesetzten missfällt, weshalb die restlichen Orphans, angeführt von dem unangenehmen Charles Van Sciver, gnadenlos Jagd auf Evan Smoak machen. Der zwangsläufig zum Ein-Mann-A-Team mutiert.

Da er seinen Namen nicht ändert und in New York lebt, ist er natürlich schwer aufzufinden. So viele Klingeln, die man abklappern müsste. Die Probleme hat Renée Cassaroy nicht. Er findet Evan problemlos – aufgrund von auffälligen Kontobewegungen – lässt ihn kampfunfähig machen und setzt ihn fest.

Das ist fatal, vor allem, da der angeblich so aufmerksame Orphan X sich ziemlich einfach überrumpeln lässt. Kennen aber alle oben Genannten in ähnlicher Weise. Es ist ein so altes, bekanntes wie wirksames Stilmittel zur Spannungssteigerung: Die Gegenpartei setzt den zentralen Charakter gefangen, quält ihn ein bisschen, bis er sich aus der Klemme befreien kann. Das gelingt mal mehr, mal weniger nachvollziehbar und glaubwürdig, doch meist reichen in Filmen wenige Sekunden (»Taken« aka »96 Hours«) oder Minuten (»Für ein paar Dollar mehr«) und in Büchern eine überschaubare Anzahl von Seiten, bis die Hauptfigur wieder frei und im Kampfmodus ist. Reacher hätte vermutlich an Evan Smoaks Stelle keine 20 Seiten gebraucht, um wieder auf freiem Fuß zu sein.

Auf der Zeitachse Richtung Monte Christo

Der Versuch, diesen Topos einmal konsequent auszureizen, ist Gregg Hurwitz durchaus anzurechnen. Dass er damit scheitert, ist allerdings keine große Überraschung. Denn zwangsläufig wiederholen sich Situationen, wie das wiederholte Zählen des Wachpersonals samt Hunden, die sich nur leicht verändernden Überwachungs- und Betäubungsmodalitäten. All das zeilenschindende Geplänkel, um irgendwann zum Höhepunkt in einem nahezu ausbruchssicheren Käfig zu gelangen, zieht sich gewaltig in die Länge. Zudem Hurwitz weder formal noch inhaltlich in der Lage ist, Evans innere Monologe und ausführlichen Dialoge mit seinem Peiniger mit einem Gehalt zu füllen, der über allzu offensichtliches hinausgeht.

Ärgerlich und unglaubwürdig sind obendrein die zwischengeschalteten Passagen, in denen Smoak seinen Ausbruch so aktiv wie vergeblich übt. Er tötet sein Wachpersonal reihenweise, was aber kein Problem ist, da die armen Pappkameraden sofort wieder ersetzt werden. Die brutalen Morde sind so sinnlos wie menschenverachtend. Zwar wird Evan irgendwann ein elektrisches Halsband umgelegt, um ihn zu zügeln, doch auch das ist nur ein mildes Handicap. Der böse Cassaroy und sein bulliger Vollstrecker Dex kommen gar nicht auf die Idee, Smoak einfach ein paar Knochen zu brechen (kleinere reichen schon), damit er handlungsunfähig ist. Könnten sie sogar angstfrei und problemlos erledigen, wenn Smoak mal wieder ohnmächtig ist.

Aber nein, stattdessen rotiert die Handlung so raumgreifend wie in einem Hamsterrad; ein Geplänkel hier und da, eine größere Vernichtungsorgie, wenn es dem Ende zugeht. Dass Cassaroy so gnädig ist, liegt vermutlich daran, dass er zwar gerne ein Psychopath wäre, aber keiner ist. Sondern nur einsam. Dies ist zumindest die absurde – und wahrscheinlich völlig ernstgemeinte – Erkenntnis Evan Smoaks aus den Plaudereien mit seinem Entführer.

Experiment gescheitert, Proband aber am Leben

So gilt es 300 nur selten spannende, geschweige denn unterhaltsame, Seiten einer Gefangenschaft über sich ergehen zu lassen, bevor Hurwitz am Ende das Tempo anzieht, zwei gelungene Überraschungen einbaut sowie eine dritte, die bereits von Beginn an absehbar war. Das wirkt alles etwas atemlos und skizzenhaft, steht dem Profil des Nowhere Man aber besser zu Gesicht als die langwierige und erfolglose Ausbruchsgrübelei zuvor.

Während der Schlussgag so fies wie gelungen ist, wirkt der verzweifelte Versuch durch eine melodramatische Annäherung an die bezaubernde Nachbarin, mit Aussicht aus dem »Rette deine Nächsten«-Geschäft auszusteigen, nur fehl am Platze. Wie so vieles andere auch.

Sprache kann so wehtun …

Stilistisch ist der Roman von manchmal erhabener Schlichtheit, vielfach aber auch am Rand jener Klippe angesiedelt, an der die verzweifelte Unbedarftheit wohnt. Insbesondere die verklemmten Sex-Szenen sind von einer Traurigkeit, die nicht beabsichtigt ist. Gilt auch für die Parts, in denen saloppe Komik Einzug hält. So heißt es über Evans Ex-Kollegin mit dem klangvollen Namen Candy McClure bezeichnend: »Vorne Playmate, hinten Freddy Krueger«. Die hilflose Beschreibung des »Vorne« lädt zum Fremdschämen ein: »In jeder Hinsicht ein Bombenkörper. Volle, feste Brüste, bei denen aber auch noch gar nichts hing [wie denn wohl, sind ja «voll und fest»]. Eine schmale Taille wie bei einem Cello. Breite, weibliche Hüften. Wohlgeformte Beine.« Zum vernarbten Nachtmahr aus der Ulmenstraße wird die arme Candy wegen ihres Rückens, der durch zahlreiche Operationen verunstaltet ist. Einem Bad in Flusssäure geschuldet, zu dem ihr Evan Smoak verholfen hat. Sie mag den Mann nicht (mehr) so besonders.

Bisweilen ist das nur mit viel Toleranz gegenüber sprachlichen Missetaten zu lesen, hangelt sich aber als lauwarme Spannungsware mit Ach und Krach über die Ziellinie.

Jochen König, September 2017

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anyways zu »Gregg Hurwitz: Projekt Orphan« 18.08.2017
Evan Smoak, angeblicher Importeur von Industriereinigern versteckt sich hinter dem Pseudonym Nowhere-Man. Wobei „Nowhere“ sein Spitzname aus dem geheimen Regierungsprojekt Orphan stammt. Das ist auch das einzige was ihn an die Vergangenheit erinnern soll, wären ihm nicht andere Orphan-Agenten auf den Fersen um den abtrünnigen Evan zu eliminieren. Das Orphan-Projekt war eine Kaderschmiede für hochkarätige menschliche Killermaschinen, irgendwann wurde Evan dies zuviel und ab jetzt arbeitet er auf eigene Faust. Sein aktueller Fall ist ein Mädchen, das sich etwas zu freizügig im Internet präsentiert hat, nicht ahnend dass sie damit einem Mädchenhändlerring in die Karten spielt. Sie ist extrem verzweifelt. Sie fürchtet um das Leben ihrer Eltern und Geschwister. Von dem Vater einer Schulkameradin, der ihre Verzweiflung erkennt, bekommt sie eine Nummer. Sie ruft dort an und der Evan übernimmt den Fall… kostenlos. Auf der Suche und Elimination der Hintermänner dieses Mädchenhändlerrings, wird Evan gekidnappt. Diese Leute sind jedoch wesentlich professioneller. Evan beschleicht der Verdacht, das sein alter Widersacher beim Orphan- Projekt, Charles Van Sciver in tatsächlich aufgespürt haben könnte. Doch es soll ganz anders kommen….

Das ist mein erstes Buch von Gregg Hurwitz, anscheinend das zweite um seinen Protagonisten Evan. Die Idee eines einsamen Rächers ist zwar nicht neu und erinnert mich, sieht man mal von den einschlägigen Comic-Helden ab, ein wenig an „Jack Reacher“ mit Tom Cruises oder auch Denzel Washington in „The Equalizer“, hat jedoch einige weitere Aspekte die mein Interesse geweckt haben. Anfänglich hatte ich ein wenig Probleme mit Hurwitz abgehakten Schreibstil, das Lesen war für mich am Anfang etwas sehr holprig. Meine Erwartungen an das Buch wurden im ersten Drittel genau getroffen, es gab reichlich Spannungsbögen und interessante Wendungen. Leider flacht das dann stetig ab. Das kommt zum einen daher, dass sich der Protagonist ständig in einer quasi Endlosschleife aus frustranen Fluchtversuchen und Vergangenheitsbewältigung befindet. Untermalt wird das Ganze von einem Sammelsurium aus Erklärungen zu (nehme ich an sämtlichen fernöstlichen) Nahkampftechniken mit genauer Beschreibung und Bezeichnung. Hier muss ich sagen, dass meine Aufmerksamkeit deutlich nachliess. Diese Seiten habe ich quasi quer gelesen. Es zeichnet den Autor zwar aus so viel Recherche betrieben zu haben. Für mich wäre hier weniger, deutlich mehr gewesen. Auch der Showdown am Ende und die vielen klitzekleinen Happy Ends ließen die Spannung vom Anfang des Buches nicht wiederbeleben. Schade.
HexeLilli zu »Gregg Hurwitz: Projekt Orphan« 15.08.2017
15.08.2017 – 22:14
Von hexelilli
Während das Cover des Buches noch ziemlich harmlos aussieht, ist der Inhalt geprägt von Mord, Folter und Gewalt. Nichts für schwache Nerven.
Der 12 jährige Waisenjunge Evan wird von der US Regierung für das Projekt
Orphan ausgewählt. Jack nimmt ihn unter seine Fittiche und er wird als Spion, Agent und Killer ausgebildet. Als er nach Jahren aussteigt, steht er auf der Abschussliste. Als Nowhere Man kümmert er sich jetzt um Menschen die Hilfe brauchen und sich nicht an die Polizei wenden können. Gerade hat er einen Mädchenhändlerring ausgehoben als er entführt wird. Rene eine schillernde Persönlichkeit hat es auf sein Geld abgesehen. Jetzt steht Evan vor seiner größten Herausforderung, sich selbst zu retten.
Ein super spannender Thriller. Gut zu lesen und auf keiner Seite langweilig oder langatmig. Sehr detailgetreu beschrieben mit sehr gut dargestellten Charakteren. Obwohl ein Killer hat Evan die Menschlichkeit nicht verloren, deshalb war er mir von Anfang an sympathisch. Hiergegen ist jeder James Bond ein Weichei.
Dies ist sicher nicht das letzte Buch des Autors was ich lesen werde.
walli007 zu »Gregg Hurwitz: Projekt Orphan« 11.08.2017
Nowhere Man

Nachdem Evan Smoak das Projekt Orphan verlassen hat, macht er es sich zur Aufgabe, Menschen zu helfen, wenn sie ihn darum bitten und auch Hilfe nötig haben. Oft sind es junge Menschen, die zum Opfer geworden sind und zu deren Rettung er sich aufmacht. Während einer solchen Rettungsaktion wird Evan selbst überwältigt und muss erstaunt feststellen, dass er in einem goldenen Käfig gefangen gehalten wird. Ja, ein goldener Käfig, aber doch gefangen. Noch bevor Evan überhaupt die Hintergründe in Erfahrung bringen kann oder will, macht er schon Pläne für eine Flucht. Das jedoch stellt sich als wesentlich schwieriger heraus als angenommen.

Doch auch Evans Entführer muss feststellen, dass es nicht so leicht ist, seine Beute in den Klauen zu behalten. Und je schwieriger die Überwachung wird, desto mehr fragt sich der Entführer, was er sich da für ein Schätzchen eingefangen hat. Allerdings ist der Entführer nicht der einzige, der es auch Evan abgesehen hatte, auch seine ehemalige Organisation ist hinter ihm her. Und wie soll er seinen nächsten Herzensauftrag erfüllen? Nur sechzehn Tage bleiben ihm, um ein junges Mädchen zu retten, das offensichtlich einem Menschenhändlerring zum Opfer gefallen ist.

Bei „Projekt Orphan“ handelt es sich um den zweiten Band der Reihe um Evan Smoak, den Killer, den es eigentlich nicht gibt. Zu Beginn denkt man häufiger, die Kenntnis des ersten Bandes könnte hilfreich sein, einige Denkweisen Evans zu deuten. Doch nach und nach lernt man einiges nachzuvollziehen und mit dieser Komponente gewinnt der Anti-Held an Tiefe und der Roman eh schon spannende Roman beginnt einen nicht mehr loszulassen. Auch wenn man teilweise kaum zu glauben vermag, welche scheinbar ausweglosen Situationen Evan immer wieder mit kleineren oder größeren Schäden übersteht, ist man doch ausgesprochen gefesselt und möchte in jeder Minute wissen, wie es weitergeht und wie um Himmels willen Evan Smoak den auf der web.site des Autors bereits angekündigten dritten Band lebend erreichen will.

Sehr spannend!
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