Die Toten von Natchez von Greg Iles

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel The Bone Tree, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Rütten & Loening.

  • New York: William Morrow, 2015 unter dem Titel The Bone Tree. 1008 Seiten.
  • Berlin: Rütten & Loening, 2016. Übersetzt von Ulrike Seeberger. ISBN: 978-3352006654. 1008 Seiten.

'Die Toten von Natchez' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Penn Cage, der Bürgermeister von Natchez, und seine Verlobte, die Chef redakteurin Caitlin Masters, sind einem Anschlag entkommen, hinter dem die Doppeladler stecken, eine rassistische Organisation, die seit den sechziger Jah ren ihr Unwesen treibt. Aber die Gefahr ist keineswegs gebannt: Ausgerechnet der Chef der State Police, Forrest Knox, ist der wahre Kopf der Doppeladler. Er will verhindern, dass Penn Beweise für die Morde vorbringt, die die Doppeladler begangen haben. Doch Penn hat eine Spur, um die Toten zu fiden. Sie führt in die Sümpfe des Mississippi River, zu ei nem geheimnisvollen Ort, an dem der Knochenbaum steht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Semifinale unterm Knochenbaum« 78°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Wer auf dicke Wälzer steht, der ist zur Zeit beim amerikanischen Südstaaten-Autor Greg Iles gut aufgehoben. Mit jeweils 1000 Seiten stellen Band eins und zwei der »Natchez-Burning-Trilogie« eine echte Herausforderung dar. Und es ist anzunehmen, dass das noch unveröffentlichte »Unwritten Laws« ähnlichen Kalibers sein wird. Die bisherigen 2000 Seiten beschreiben einen sehr kurzen Zeitraum, eine Woche im Leben von Penn Cage, Bürgermeister der Kleinstadt Natchez, Mississippi. Wenn dieser Name fällt, muss man sich daran erinnern, dass genannte Trilogie im Kontext der Penn-Cage-Reihe zu sehen ist, die der Autor 1999 begann.

»A Quiet Game« (bei uns Unter Verschluss, 2001) hieß der Auftaktroman der Reihe. Es folgten in 2005 »Turning Angel« (Blackmail, 2007) und in 2009 »The Devil´s Punchbowl« (Adrenalin, 2011). Die für eine Reihe doch recht großen zeitlichen Abstände zwischen den Folgen und die Vielzahl der Einzelromane, die der Autor in jenen Jahren zwischenzeitlich veröffentlichte, lassen vermuten, dass Iles seinen Penn-Cage-Romanen keine besondere Aufmerksamkeit zukommen ließ. Das kann insofern verwundern, da der Autor doch über seine Heimatstadt Natchez schreibt und die Figur des Penn Cage durchaus auto(r)biographische Züge erkennen lässt.

Greg Iles ist nie der herausragende Schriftsteller gewesen, doch seine passablen bis guten Mainstream-Thriller verkauften sich, besonders in den USA, sehr gut. Welche Faktoren eine Rolle spielten, lässt sich im Nachhinein nicht sagen, aber Gerg Iles’ Romane wurden immer schlechter. Der Tiefpunkt wurde 2009 mit 12 Stunden Angst erreicht. KC-Rezensent Wolfgang Weninger schrieb dazu unter der Überschrift: »Hirnlose Zeitverschwendung«

»Nach dem ziemlich mittelmäßigen Vorgänger Leises Gift war die Erwartungshaltung nicht sonderlich hoch, denn wenn ein Autor jedes Jahr einen Thriller aus dem Ärmel schüttelt, bleibt dabei zumeist die Qualität auf der Strecke.«

In der Folgezeit war es dann auch still um Greg Iles. Das hatte aber einen anderen Grund. Der Autor erlitt 2011 einen schweren Autounfall und war lange Zeit schachmatt gesetzt. Umso bemerkenswerter dann sein Comeback im Jahr 2014 mit Natchez Burning. KC-Kollege Michael Drewniok hat diesen Wie-Phönix-aus-der-Asche-Auftritt in seiner Rezension gebührend gewürdigt und mit einer 95°-Wertung die Messlatte extrem hochgelegt. Seine abschließend indirekt formulierte Frage, ob die Fortsetzung Die Toten von Natchez (»The Bone Tree«, 2015) das Niveau von Natchez Burning halten kann, soll im Folgenden beantwortet werden.

Die Handlung von Natchez Burning endete mit einem feuersbrünstigen Showdown; die Fortsetzung setzt gerade einmal eine Viertelstunde später ein. Man kann von einem nahtlosen Übergang sprechen. An dieser Stelle ist der Hinweis an potenzielle Leser naheliegend, aus Verständnisgründen zuerst Teil eins zu lesen. Das kann man machen, muss man aber nicht. Der Autor hat dem Umstand, dass viele Leser hier einfach unvorbereitet einsteigen, Rechnung getragen, indem er die entscheidenden Ereignisse und Entwicklungen Revue passieren lässt. Dazu bedient er sich eines Prologs, in dem ein FBI-Agent den Stand der Dinge zusammenfasst. Da das aber noch nicht reicht, werden im Lauf des Geschehens weitere Details aus der Vergangenheit eingestreut. Für den Neueinsteiger ist das notwendig und hilfreich, leider führt es dazu, dass die vielen Handlungsstränge nur schleppend vorankommen. Ist der Nachholbedarf des Neueinsteigers erst einmal befriedigt, treten die Langatmigkeit des Plots und mangelnde Spannung zum Vorschein, da selbst die Kontrahenten ob der vielen Scharmützel ermüdet zu sein scheinen.

Bei einem Roman epischen Ausmaßes ist es müßig, auf einzelne Details einzugehen. Kurz zusammengefasst geht es in der Natchez-Trilogie um die Auseinandersetzung zweier verfeindeter Parteien, die durch zwei Familien repräsentiert werden. Penn Cage mit seinen Eltern, Tochter, Verlobter und einigen Freunden und Bekannten treten für die Guten an. Auf der anderen Seite steht die Familie Knox, die den harten Kern einer rassistischen Verbrecherbande namens »Die Doppeladler« bildet. Die Feindschaft beider Gruppen lässt sich bis in die 1960er Jahre zurückverfolgen, als Tom Cage (Penns Vater) als junger Arzt einem Mafia-Boss näher stand, als es schicklich war. Im Schatten des Organisierten Verbrechens waren damals auch besagte »Doppeladler« aktiv, denen Morde, Vergewaltigungen, Raubüberfälle und Folterungen angelastet wurden, ohne dass es zu Verurteilungen kam. Der an den Verbrechen unbeteiligte, aber mit dem Wissen über die Gräueltaten belastete Tom war zum Stillschweigen verurteilt, weil er das Leben einer ihm nahestehenden Zeugin schützen wollte. Jetzt in der Gegenwart, 40 Jahre später, taucht die Zeugin aus ihrem Unterschlupf bei Tom Cage in Natchez auf. Die Doppeladler müssen nun fürchten, auf ihre alten Tage doch noch zur Rechenschaft gezogen zu werden. Beweise ihrer Schuld sollen am legendären »Knochenbaum«, einer uralten Zypresse inmitten eines undurchdringlichen Sumpfes, zu finden sein.

Romane diesen Umfangs erfordern das, was die meisten von uns kaum noch haben, nämlich: Zeit. Die Toten von Natchez empfiehlt sich deshalb als Urlaubslektüre oder für einen anderen Zeitrahmen, in dem man kontinuierlich lesen kann. Das zahlreiche Personal und die vielen Handlungsstränge verlangen schon eine stetige Aufmerksamkeit, sonst läuft man Gefahr, einen Faden zu verlieren. Und gerade diese Vielschichtigkeit macht den großen Unterhaltungswert des Romans aus. Auch wenn Greg Iles auf viele Spannungselemente des Thrillers zurückgreift, kann man schon allein wegen des Volumens nicht von einem Thriller sprechen. Iles selbst wird wohl eher den Großen Amerikanischen Roman, von dem jeder amerikanische Schriftsteller träumt, vor Augen gehabt haben, denn er ist zwanghaft bemüht, seinem Roman eine historische Komponente, in der es um die Ermordung des amerikanischen Präsidenten Kennedy im Jahre 1963 geht, zu geben. Zu den Schüssen auf Kennedy in Dallas, Texas, gibt es ja verschiedenste Verschwörungstheorien u.a.die, dass die Mafia dahintersteckte. Eben diese hat Iles aufgegriffen, recht plausibel vorgestellt und ganz geschickt mit seiner fiktiven Handlung verbunden, doch die Nebenhandlung wirkt wie ein Fremdkörper.

Wer aus welchen Gründen auch immer ein Faible für die amerikanischen Südstaaten hat und deren teilweise opulente Literatur zu schätzen weiß, dürfte an der »Natchez-Trilogie« Gefallen finden. Iles’ Opus mit den großen Gefühlen und den dramatischen Familiengeheimnissen steht eher in der Tradition einer Margaret Mitchell oder einer Alexandra Ripley, auch wenn deren Romane im 19. Jahrhundert spielen. In den ländlichen Gebieten der USA ist die Zeit eh stehengeblieben und Menschen verhalten sich so archaisch wie vor 150 Jahren.

Jürgen Priester, Juli 2016

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volker.reads zu »Greg Iles: Die Toten von Natchez« 04.01.2017
Den ersten Teil "Natchez Burning" fand ich wirklich klasse, der zweite hat mich entsprechend enttäuscht. Nachdem ich 2/3 des Romanes gelesen habe, habe ich ihn völlig frustriert weggelegt. Iles verzettelt sich m.E. auf seine weiterhergeholten JFK Verschwörungstheorien und bringt keine wirklich neuen interessanten Aspekte in die Romanreihe ein. Mir scheint, als ob Iles sein Pulver mit dem ersten Teil komplett verschossen hat. Teil 3 werde ich mir sparen.
Hermann_Maier zu »Greg Iles: Die Toten von Natchez« 27.07.2016
kann mich dem nur anschliessen.Ich habe Natchez Burning geliebt und trotz seiner vielen Längen fast gefressen. Iles hat hier wirklich nach langer Schaffenspause wiedr sämtlich Register gezogen. Ich habe das Buch im Original gelesen und war gefesselt wie es sonst bei mir nur James Lee Burke oder Dennis Lehane schafften.Natchez Burning als große Trilogie angekündigt hatte sich nac dem Auftaktroman auch bei mir als Pflichtlektüre angekündigt und ich habe mir darauf unbesehen den "Bone Tree" in den Staaten organisiert und hätte weiters auch jede Vorbestellung für den 3.Teil akzeptiert.
"Bone Tree" - oder "Die Toten von Natchez" ist zwar auch nicht schlecht geschrieben, aber die Hälfte der Seiten hätte es allemal getan. Selbst der plot kommt ein wenig aus dem Ruder wenn es um die angeblichen Hintergründe der Kennedy-Ermordung geht, wo alles seitenlang abgehandelt wird ohne zu einem schlüssigen Ergebnis zu kommen.
Ich habe das vorher langersehnte Buch nach 300 Seiten weggelegt, vielleicht haben andere mehr Geduld.Ich hatte davor von Don Winslow "Tage der Toten" und danach "Das Kartell" mit ähnlichem Umfang gelesen, dort blieb die Spannung auch nicht ganz aufrecht, der zweite Teil hat aber niemals zum querlesen oder aufhören geführt.Sorry Greg Iles, von ihm kennt man Besseres
Harald Trenk zu »Greg Iles: Die Toten von Natchez« 10.07.2016
Greg Iles weiß nur zu gut, wie spannende Krimis, insbesondere Dialoge gestaltet und geschrieben werden. Nichts desto trotz lässt er die Protagonisten alleine arbeiten und so wird ist es nicht verwunderlich, dass der Leser ein wenig enttäuscht wird über manche Dialoge die einfach nur egoistisch wirken. Auch kann man erkennen, dass die drei Ziele der Protagonisten aneinander vorbei gehen, welches die Spannung kurzfristig nimmt.
Jeder für sich - keiner für alle.

Trotz dem kleinen Chaos was der Roman zwischendurch zubereitet, ist Iles ein tolles Leseerlebnis gelungen, das den Rassismus in den kleinsten Einheiten beschreibt...
Spannend, berührend, düster und nachdenklich was er da schreibt.
walli007 zu »Greg Iles: Die Toten von Natchez« 08.07.2016
Der Knochenbaum

Mit knapper Not entkommen Penn Cage und seine Verlobte Caitlin Masters dem brennenden Inferno. Der Reporter Henry Sexton hat sein Leben für sie geopfert. Henry, der immer nach der Wahrheit suchte und nie eine Waffe in die Hand nahm, ist nicht mehr da. Und auch das Schicksal von Penns Vater ist noch ungewiss. Auf der Flucht scheint er einen Polizisten umgebracht zu haben. Er, ein alter, kranker Mann, der als Arzt allen geholfen hat, ohne Rücksicht auf deren Ansehen, Hautfarbe oder Stand. Die Doppeladler nicht nur die größten Feinde der Familie Cage, sondern auch der schlimmste Verbrecher-Clan im Staate Mississippi, haben ihre blutbefleckten Hände im Spiel.

Dieser zweite Teil der Natchez-Trilogie von Greg Iles schließt nahtlos an den ersten Band an. Genauso umfangreich und detailliert und genauso spannend. Man fragt sich zunächst, wie es gelingen kann, eine Geschichte über drei Bücher, wovon zumindest die ersten beiden über tausend Seiten aufweisen, so zu planen, dass weder der Autor noch der Leser den Faden verliert. Bis jetzt jedenfalls ist dieses Iles auf packende Art und Weise gelungen. Möglicherweise kommt man der Aufklärung des bedeutendsten Verbrechens der USA einen Schritt näher. Vielleicht findet Penn Cage heraus, was sein Vater mit der Sache zu tun hat. Eventuell kann die Gruppierung der unsäglichen Doppeladler endlich zerschlagen werden.

Wenn man sich generell für die Thematik der Rassenproblematik interessiert und neugierig auf die Art der Rechtsanwendung in Amerika und speziell im amerikanischen Süden ist, wird sich mit diesem Buch nicht langweilen. Trotz des Umfangs wirkt nichts überflüssig. Einige Handlungen der Personen können auf manche Leser sehr amerikanisch wirken. Da ist man schon schnell mal mit der Waffe bei der Hand und die eine oder andere Auslegung des Rechts könnte etwas seltsam anmuten. Und einmal möchte man den Autor am liebsten schütteln. Aber die grundlegende Geschichte ist so fesselnd und beeindruckend in ihrer Schonungslosigkeit, dass man den schwergewichtigen Band kaum aus der Hand legen möchte. Mit einigen besonderen Szenen sind Greg Iles sehr berührende Schilderungen gelungen, die nicht so schnell aus dem Gedächtnis verschwinden werden.
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