Ein irischer Dorfpolizist von Graham Norton

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel Holding, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Kindler.

  • London: Hodder & Stoughton, 2016 unter dem Titel Holding. 320 Seiten.
  • Hamburg: Kindler, 2017. Übersetzt von Karolina Fell. ISBN: 978-3-463-40690-9. 288 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Argon, 2017. Gesprochen von Charly Hübner. ISBN: 3839815835. 6 CDs.

'Ein irischer Dorfpolizist' ist erschienen als Hardcover Hörbuch

Das meint Krimi-Couch.de: Überraschender Debütroman aus Irland 80°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Im irischen Dorf Duneen liegt der sprichwörtliche Hund begraben. Sie Zeit läuft träge dahin, selten passieren erwähnenswerte Dinge. Sergeant Patrick James »PJ« Collins schiebt eine ruhige Kugel, womit nicht nur sein voluminöser Bauch gemeint ist. Dies ändert sich jedoch, als bei Schachtarbeiten für eine Neubausiedlung die Überreste eines menschlichen Körpers gefunden werden. Offenbar wurde vor rund zwanzig Jahren ein Mensch getötet und vergraben. Erinnerungen werden wach.

Erinnerungen an den jungen Tommy Burke, dem das Grundstück einst gehörte. Es war der Tag, an dem seine Verlobungsanzeige für Furore sorgte, denn das er ausgerechnet die Außenseiterin Brid Riordan ehelichen würde, erschien vielen undenkbar. So dachte wohl auch Evelyn Ross, die Tommy den Haushalt führte und hoffte, er würde ihre Gefühle erwidern. An die handgreifliche Auseinandersetzung zwischen Evelyn und Brid erinnert man sich noch heute im Dorf. Und ebenso daran, dass kurz darauf Tommy verschwand. So schlägt der Dorftratsch hohe Wellen, denn wer, wenn nicht Tommy, sollte der Tote sein? PJ Collins muss zum ersten Mal in einem echten Kriminalfall ermitteln, wobei ihn nicht nur der aus Cork hinzugezogene Detective Superintendent Linus Dunne mit Argwohn betrachtet. Er hält den Dorfpolizisten schlichtweg für einen Trottel. Prompt passiert PJ ein Fehler …

Überall herrscht Dunkelheit, die Liebe sucht man vergebens

Graham Norton ist dem englischsprachigen Fernsehpublikum bestens bekannt. Als Buchautor legte er letztes Jahr sein Debüt vor und gewann prompt den Irish Book Award 2016. Jetzt ist »Ein irischer Dorfpolizist« auch bei uns erschienen, übersetzt von Karolina Fell, die u.a. bereits Bernhard Cornwell ins Deutsche übertrug. »Ein irischer Dorfpolizist« ist ein melancholisch unterlegter Roman, in dem alle Figuren ein ziemlich verkorkstes Leben führen.

Brid hat die fehlgeschlagene Hochzeit mit Tommy nur schwer verwunden, heiratete später einen Mann, der nur ihr Land, aber nicht sie selber liebte, und flüchtete in den Alkohol, der sie seit längerer Zeit fest im Griff hat. Evelyn sah ein goldenes Zeitalter vor sich bis zu jener Entdeckung der Verlobungsanzeige. Seitdem hat sie sich völlig zurückgezogen und lebt gemeinsam mit ihren beiden älteren Schwestern ein unglückliches Leben. PJ Collins wollte von Enttäuschungen in der Liebe nie etwas wissen, weshalb er erst gar nicht in Betracht zog, ein Verhältnis mit einer Frau anzufangen. Vielleicht war ihm auch immer schon klar, dass er wohl kaum eine Chance gehabt hätte, denn PJ ist, nun ja, einfach fett. Umso erstaunter ist er über sich selbst, dass er plötzlich Gefühle für gleich zwei Frauen entwickelt, die – fatalerweise – in den aktuellen Fall verwickelt sind; Brid und Evelyn. Und um es abzurunden, auch das Privatleben des ermittelnden Beamten aus Cork, DS Dunne, liegt in Trümmern.

Die Schicksale der Figuren tragen Handlung und Atmosphäre

Graham Norton beschwört jedoch nicht nur die Dunkelheit im Leben seiner Protagonisten herauf, sondern zeigt in kleinen Bahnen immer wieder an, dass ihr Leben eine andere Wendung nehmen könnte. Selbst jetzt noch im fortgeschrittenen Alter der Figuren. Die größten Geheimnisse und Dramen verbergen jedoch zwei weitere, hier nicht zu benennende Figuren.

So enttäuscht die Auflösung des Falles ein wenig, denn reichlich spät entscheiden sich die Beiden, ihre Geheimnisse offenzulegen und damit den Fall aufzulösen. Bis dahin wird eine weitere Leiche entdeckt, werden viele Gefühle verletzt und – wohl dosiert – hier und da ein Funken Hoffnung versprüht.

Wer ruhige, atmosphärische Krimis mag, in denen die Figuren und ihre persönlichen Schicksale im Mittelpunkt stehen, darf hier gerne zugreifen. Der Spannungsbogen mag überschaubar sein, doch allein die menschlich sympathische Figur des PJ Collins ist ein Erlebnis. Und auch ein guter Schuss trockener, irischer Humor fehlt nicht.

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