Bleiche Knochen von Graham Masterton

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel White Bones, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Festa.
Folge 1 der Katie-Maguire-Serie.

  • London: Head of Zeus, 2013 unter dem Titel White Bones. 448 Seiten.
  • Leipzig: Festa, 2016. Übersetzt von Doris Hummel. ISBN: 978-3865524515. 448 Seiten.

'Bleiche Knochen' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Die Skelette von elf Frauen werden auf dem Acker einer Farm im ländlichen Irland gefunden, grausam verstümmelt und bei lebendigem Leib gehäutet. Die Ermittlerin Katie Maguire stellt nach ersten Untersuchungen fest, dass die Toten schon seit vielen Jahrzehnten unter der Erde liegen. Ihr Vorgesetzter will den Fall bereits zu den Akten legen, da taucht ein frisches Opfer auf. Welche Verbindung besteht zwischen dem Killer der Gegenwart und den Toten aus der Vergangenheit? Und warum sind merkwürdige Stoffpuppen an die Oberschenkelknochen sämtlicher Leichen gebunden? Katie Maguire stößt auf ein uraltes Ritual und muss den Mörder stoppen, bevor er erneut zuschlägt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Hard-Boiled für Irland-Fans« 75°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

John Meagher bewirtschaftet nach dem Tod seines Vaters die Familienfarm in Knocknadeenly im Bezirk North Cork. Eines Tages werden dort bei Erdarbeiten mehrere Menschenknochen gefunden. Während einer seiner Mitarbeiter die Sache auf sich beruhen lassen will, da es ja immerhin sein könnte, dass sein republikanischer Vater einst der IRA einen Gefallen getan haben könnte, wendet sich John pflichtbewusst an An Garda Siochána, die die Ermittlungen aufnimmt. Das Team unter Leitung von Katie Maguire, der einzigen Frau Irlands im Rang eines Detective Superintendent, findet insgesamt elf weibliche Leichen. Deren Knochen wurden allesamt vollständig entbeint, an den durchbohrten Oberschenkelknochen finden sich zudem kleine Stoffpuppen. Wie sich herausstellt, sind die Leichen schon Jahrzehnte alt, der Fall wird zu den Akten gelegt, es gibt aktuellere Fälle. So das Verschwinden von Charlie Flynn, einem windigen Geschäftsmann, mit dem auch Katies Ehemann Paul dubiose Geschäfte machte. Doch dann taucht plötzlich eine aktuelle Leiche auf. Eine junge Amerikanerin wird auf Meagher’s Farm gefunden. Auch ihr wurde sämtliches Fleisch von den Knochen geschabt.

Mystik, Mythologie, Feenwelt, IRA und der Untergang der Lusitania

»Wenn Lesen zur Mutprobe wird« lautet das Motto beim Festa-Verlag, in dem der vorliegende erste Fall für Katie Maguire erschienen ist. Graham Masterton ist kein Unbekannter, sondern ein auflagenstarker Autor, der sich vor allem im Genre Horror einen Namen gemacht hat, was sich auch in Bleiche Knochen nicht verleugnen lässt. Die detaillierte Beschreibung, wie der Täter die (lebende) Amerikanerin für ein rituelles Opfer zubereitet (siehe oben) ist äußerst harter Stoff. Der Begriff »Gewaltpornografie« kommt einem spontan in den Sinn. Wer sich von derartig brutalen Szenen nicht abschrecken lässt, findet einen ebenso blutigen wie actionreichen Krimi, bei dem vor allem Irland-Fans auf ihre Kosten kommen.

»Was für ein Chaos. Aber sehen Sie, wie fein säuberlich diese Muskeln abgetrennt wurden? Wer immer das erledigt hat, verfügt definitiv über Geschick im Umgang mit Messern, richtig?«
»Ich hör mich mal in den Krankenhäusern um. Man kann ja nie wissen. Vielleicht stoßen wir dort auf einen geisteskranken Chirurgen. Dr. Frankenstein, nur umgekehrt.«

Getragen wird der Roman von seiner eigenwilligen Protagonistin Katie Maguire, die ihr Leben zunehmend ihrem Job widmet, nicht zuletzt zum Leidwesen ihres Mannes Paul. Nach dem Tod des gemeinsamen Sohnes und einer Pleite seiner Firma, versucht Paul mit illegalen Geschäften und noch zwielichtigeren Geschäftspartnern wieder auf die Füße zu kommen. Dass er dabei den Bossen der Unterwelt auf die Füße tritt und mächtig Ärger heraufbeschwört nimmt er dabei in Kauf. Die Folgen lassen nicht lange auf sich warten und so ist auch Katie zu ungewöhnlichen Schritten gezwungen, schließlich will sie ihren Job behalten.

Zudem muss sich Katie mit der zu Irland passenden Mystik und Mythologie herumschlagen, denn offenbar dienen die Ritualmorde dazu, die böse Zauberin Mor-Rioghain herbeizurufen, die der Legende nach, einem nach dem dreizehnten Opfer jeden Wunsch erfüllt. Dreizehn streng ausgewählte Jungfrauen müssen es sein. Elf gab es bereits in den Jahren 1915/16, es handelt sich dabei um die ersten Leichenfunde auf der Farm wie Recherchen ergeben. Schon meldet sich ein republikanischer Journalist, dass damals ein englischer Offizier irische Jungfrauen entführt habe. Es drohen einmal mehr politische Konflikte zwischen Dublin und London, derweil ein neues Opfer in Lebensgefahr schwebt. Bemerkenswert ist, wie es Graham Masterton in diesem Zusammenhang schafft, dem Untergang der Lusitania im Jahr 1915, bei dem bekanntlich 1.195 Menschen ihr Leben verloren, eine neue Facette abzugewinnen. Unheimlich ja, aber nicht gänzlich ausgeschlossen. Es lebe die Verschwörungstheorie.

Wer sich für Irland und dessen Legenden und Geschichte interessiert, der mag hier zugreifen, sollte aber über einen starken oder besser leeren Magen verfügen.

Jörg Kijanski, Oktober 2016

Ihre Meinung zu »Graham Masterton: Bleiche Knochen«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Lukes_Meinung zu »Graham Masterton: Bleiche Knochen« 15.10.2017
In den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrtausends legte mir ein damaliger Freund einmal nahe mir doch den Roman „Tengu“ von einem gewissen Graham Masterton zuzulegen, denn der habe ihn komplett begeistert. Der Name sagte mir damals nichts, doch nachdem ich „Tengu“ regelrecht verschlungen hatte, wurde Masterton in meine Riege der Autoren aufgenommen, welche ich als Lesefutter in Zukunft präferieren würde.
Von seiner Serienfigur „Katie Maguire“ hatte ich jedoch bis zum Erscheinen des ersten Romans mit ihr in Neuauflage bei Festa nichts gehört und gelesen.
Wer nun Masterton und deine Romane kennt der weiß, dass dieser Autor gerade bei Festa in guten Händen ist, denn seine Beschreibungen von Tötungsszenen und anderen Dingen sind niemals nett und appetitlich zu lesen und zu verarbeiten.
Wusste ich nun schon aus Tengu, wie sehr der Meister eine detaillierte Beschreibung des Herausdrehens eines Beines (menschlich) aus dessen Befestigungssockel als sei es ein Hühnerbein an den Leser bringen konnte, so wurde ich auch in „Bleiche Knochen“ fündig, was dies betraf.
Auch recht ungewöhnliche Protagonisten gilt es hier zu bestaunen. Da ist zum einen die Heldin der ganzen Sache, die von Leben nicht gerade mit Rosen überschüttete Ermittlerin Katie Maguire. Ihr Alltag besteht nicht nur darin sich mit den fast schon mafiösen Geschäftspraktiken ihres Mannes auseinander zu setzen, sie muss nun auch noch knietief in Leichenteilen und deren scheinbar ritueller Bestimmung waten, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, mit was sie es eigentlich zu tun hat.
Doch Katie rangiert in der Kategorie „starke Frauen mit Willen zum Überleben“ und selbst wenn ihr die Ermittlungen immer wieder fast aus den Händen gleiten, so schafft sie es stets die Oberhand gegen das Unheil zu behalten.
Masterton schickt hier eine Serienheldin erstmalig ins Rennen, welche dem Leser ab dem ersten Satz der sie betrifft sympathisch ist. Man möchte nicht mit Katie tauschen, aber als guten Kumpel möchte man sie schon haben.
Dies liegt vorwiegend daran, dass Masterton das Umfeld und die darin agierenden Charaktere langsam und sehr intensiv aufbaut, deren Handlungen stets nachvollziehbar – außer denen des Killers logischerweise – aufbaut und selbst dem Gegenspieler von Katie so viel Tiefe verleiht, das man sich nicht dagegen wehren kann in die Welt der bleichen Knochen schon recht schnell hinein gezogen zu werden.
Ich wehre mich immer dagegen, den Begriff „Pageturner“ zu verwenden, doch hier ist er definitiv angebracht. Irland eignet sich enorm gut als Spielplatz für solch eine Geschichte in der es um Jahrtausende alte Mythen geht und in der man, bedingt durch die ausführlichen Beschreibungen, selbst die Witterungsverhältnisse am eigenen Lieb spüren kann – wenn man das Buch im Herbst zu sich nimmt. Eine bessere VÖ als im Oktober und Dezember (dann erscheint der zweite Band um Katie) kann es also kaum geben.
Intelligent geschriebener Thriller, mit einer Menge an Horror, einer Ermittlerin welche nicht nur daran interessiert ist den Fall an sich aufzuklären sondern auch das Umfeld der Opfer genau auszuleuchten, recht viel Brutalität und ungeschönte Momentaufnahmen welche bei Lesen an den Nerven zerren und auch im Nachhall ein wenig Unbehagen mit sich bringen…
Masterton ist und bleibt ein Master seines Faches und die Heimat bei Festa garantiert, das er es auch unzensiert und ohne Weichspüler bleiben wird.
Ihr Kommentar zu Bleiche Knochen

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: