Die Gassen von Marseille von Gilles del Pappas

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1998 unter dem Titel Bleu sur la peau, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Blanvalet.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Marseille, 1990 - 2009.
Folge 2 der Constantin-Serie.

  • Paris: Ed. Jigales, 1998 unter dem Titel Bleu sur la peau. ISBN: 2951105835. 236 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2009. Übersetzt von Nathalie Lemmens. ISBN: 978-3-442-36938-6. 284 Seiten.

'Die Gassen von Marseille' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Warum er bei einem harmlosen Bootsausflug überfallen wird, das ist für Constantin, genannt »der Grieche«, Fotograf und Fischer, so undurchsichtig, wie der Sud einer Bouillabaisse. Das muss eine Verwechslung sein! Doch als man bei der Leiche einer zerstückelten Frau den Schnipsel eines Fotos mit seinem Stempel findet, ordnet sein Freund und Kommissar Philippe Mateis Polizeischutz an. Mit Recht, denn kurz darauf zündet eine Autobombe. Und der Fall wird immer explosiver. Constantin kramt in seinem Gedächtnis und in seinem Fotoarchiv. Und stößt auf eine Spur, die ihn tief in die Vergangenheit der Stadt Marseille führt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Eine ziemlich dünne Bouillabaise« 55°

Krimi-Rezension von Sabine Bongenberg

Schon bei der Lektüre des Klappentextes, der Gilles del Pappas als »Original, das auf originelle Weise über eine einzigartige Stadt schreibt: Marseille« beschreibt, stellt sich die Frage, ob der Teil der Leserschaft, der es bisher aus diesem oder jenem Grund versäumte, Marseille zu besuchen, auf seine Kosten kommt. Aber da dieser Roman in die Sparte »Krimi« fällt, dürfte diese Frage grundsätzlich unerheblich sein – Mörderjagd ist schließlich Mörderjagd und unabhängig davon, ob diese in London, Köln oder Timbuktu spielt, erwartet der Leser eine nach Möglichkeit spannende und unterhaltsame Geschichte. Ist diese Suche auch noch in dem Rahmen einer lebendigen Stadtbeschreibung eingefasst, ist das natürlich erfreulich – aber grundsätzlich dürfte dieser Aspekt reine Nebensache sein. Leider ist Gilles del Pappas bei Verfassen der Gassen von Marseille offensichtlich von anderen Gewichtungen ausgegangen, so dass man abgesehen von dem Loblied Marseilles den Krimi allenfalls als »so lá lá« bezeichnen kann – um beim Französischen zu bleiben

Da ist zunächst einmal die Figur der Hauptperson Constantin. Er hat nach dem Drogentod seiner Frau, der im Roman immer wieder angedeutet, aber nie klar thematisiert wird, den Boden unter den Füßen verloren und lebt daher einfach so in den Tag hinein. An seiner Figur beweist sich dann auch wieder, dass Autoren offensichtlich den erwerbslosen, aber mehr oder weniger zufriedenen philosophischen armen Schlucker lieben, sich aber nie so richtig Gedanken machen, wovon er denn seinen Lebensunterhalt finanziert. Constantin bezieht daher zwar Stütze, bewohnt aber eine Eigentumswohnung, wo er sich immer wieder die leckersten französischen Spezialitäten zubereitet und kommt so über die Runden, wenn auch unklar ist wie. Wenn er nicht gerade am Herd steht, schnorrt er sich bei Freunden oder Nachbarn durch, es sei denn, er wird gerade von schlechten Menschen mit dem Tode bedroht, wird Zeuge von Schusswechseln oder sogar von Todesfällen. Hier kann man dann den echten »Philosophen« erkennen, den Constantin, der sich ansonsten darin gefällt, mehr oder weniger schwülstige Prosa zu Marseille zum besten zu geben, tut diese Erlebnisse offensichtlich mit einem Schulterzucken ab. So stirbt eine Frau, bei der er auf dem besten Wege war, sich zu verlieben, in seinen Armen, aber die ist dann auch drei Seiten später schon vergessen. Um es mit dem Autor zu sagen »C’est la vie«.

Wobei wir auch beim Stichwort des nervigsten Aspektes dieses Krimis wären. Die schreckliche Angewohnheit immer wieder lokale Sprachbrocken in die Handlung einzustreuen, damit auch der Leser kapiert, dass hier wirklich ein Kenner Marseilles am Werke ist. Hier eine kleine Kostprobe

»Genug geschwatzt, allez zou, beweg dich, du Faulpelz. Glaub ja nicht, du müsstest dich hier wie ein cacou aufführen, kümmer dich lieber um die pachole deiner ratepanade, statt mich hier zu beleidigen«.

Grundsätzlich kann man diese ganzen Fremdworte im Anhang nachlesen, tatsächlich muss man es aber nicht, da sie ohnehin nicht beim Fortgang der Geschichte helfen und keine besondere Bedeutung haben. Außer natürlich zu nerven.

Bedenklich ist allerdings, dass Gilles del Pappas keine Skrupel hat, seinen dünnen Krimi-Plot in die finsterste Zeit der europäischen Geschichte anzubinden und somit den Holocaust als weiteren Erzählstrang einzufügen. So wird letztlich versucht, mit dem Völkermord einer ansonsten recht flachen Handlung und profillosen Helden eine Tiefe zu verleihen, die der Autor selbst offensichtlich nicht erschaffen kann.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass Gilles del Pappas sich hier eine dünne Krimi-Bouillabaise zurecht geköchelt hat, die allenfalls den Marseille-Touristen mit Begeisterung erfüllen dürfte. Für den gewöhnlichen Leser bleibt es ein eher mageres Süppchen.

Sabine Bongenberg, August 2010

Ihre Meinung zu »Gilles del Pappas: Die Gassen von Marseille«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Sonja zu »Gilles del Pappas: Die Gassen von Marseille« 23.03.2013
Zugegebenermaßen ist dieser zweite Teil der Reihe weniger intensiv als der erste, und die Vorrezensenten haben schon auch etwas recht: es wird viel gekocht und gegessen, der Protagonist schnorrt sich durch und ist sonst eher oberflächlich; nach dem ersten Teil durchaus verständlich! Und ja, die ganzen Marseiller Idiome sind irritierend. Mich stört eher, dass einige Szenen erzählerisch übersprungen und nur retrospektiv angerissen werden. Da hätten doch auch dickere Bücher rauskommen können. Ich hätte gerne mehr über die durchweg sympathischen Figuren erfahren. Am meisten aber stört mich, dass die nächsten 10 Bände scheinbar nicht ins deutsche übersetzt wurden.
Martina zu »Gilles del Pappas: Die Gassen von Marseille« 17.01.2012
Um bei dem Vergleich zu bleiben. Dieses Buch ist ein Eintopf, der zuerst sehr schmackhaft ist. Nach einem halben Teller denkt man aber, oh, es ist doch kein Möhreneintopf, sondern Erbensuppe. Dann wird eine Linsensuppe daraus und am Ende steht man rat- und hilflos da. Was hat man nun gegessen bzw. gelesen? Man hat das Gefühl, dass sich alle paar Seiten ein neuer Koch/Schriftsteller versucht hat. Einige Seiten lang dachte ich sogar an Fred Vargas. Aber das war (leider) schnell vorbei. Schade. Der Ansatz war sehr gut.
Ihr Kommentar zu Die Gassen von Marseille

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: