Der Skandal von Gijs Ijlander

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel De aanstoot, deutsche Ausgabe erstmals 2002 . 223 Seiten. ISBN-10: 3-7466-1881-9, ISBN-13: 978-3-7466-1881-4. Übersetzt von .

'Der Skandal' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

An einem Sommertag des Jahres 1905 wird die beschauliche Ruhe des holländischen Dorfes Koedijk nachhaltig gestört, als ein Fremder in das leerstehende Haus des Doktors einzieht. Dieser exzentrische Mann ist niemand anderes als Pablo Picasso. Kurz darauf beobachtet der Postbote, dass die junge Tochter des Schmieds dem Maler nackt Modell sitzt. Nach Bekanntwerden des Skandals wird der Postbote tot aus dem Kanal gefischt. Ist Picassos Aktbild vielleicht der Schlüssel zu einem Mord?

Das meint Krimi-Couch.de: »Das berühmt-berüchtigte spießige Kleinbürgertum lässt grüßen« 65°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Am Rande des Nordhollandkanals liegt das kleine Dorf Koedijk, in dem sich recht wenig ereignet. Entsprechend stark wird die Gerüchteküche angeschmissen als sich herum spricht, dass in das leer stehende Haus des Arztes Quack, welcher mittlerweile in Haarlem wohnt, ein ebenso berühmter wie exzentrischer französischer Maler einziehen soll. Wenig später nimmt Pablo Picasso (dass es sich um diesen Maler handelt bzw. handeln soll, erfährt der Leser übrigens nur, wenn er sich den sog. »Waschzettel« vor Beginn des Romans durchliest) eine Haushaltshilfe. Es ist Neel, die Tochter des ortsansässigen Schmiedes, die er kurze Zeit später bittet ihm Modell zu sitzen. Als der Postbote Cornelis Klaver bei einem seiner Dienstgänge vom Garten aus einen Blick in das Atelier des Malers werfen kann, sieht er, dass Neel nackt für ein Porträt posiert. Diese Neuigkeit, von Klaver verbreitet, macht natürlich sofort in dem kleinen Ort die Runde und Koedijk hat seinen handfesten Skandal, schließlich schreiben wir erst das Jahr 1905.

Als Neels Vater Muntjewerf die Gerüchte zu Ohren kommen verschafft sich dieser Zutritt zu dem Atelier, findet dort aber lediglich das Aktportrait einer fremden Frau, welches er umgehend zerstört. Neel selber ist nur auf einem Landschaftsgemälde zu sehen, da sie das Gemälde, welches sie zeigt, zuvor in einem Anbau versteckt hat. Muntjewerf ist zunächst beruhigt, droht jedoch Klaver an, ihn bei nächster Gelegenheit im Fluss zu ersäufen, sollte er weiterhin Lügen über seine Tochter in Umlauf bringen.

Wenige Wochen später zieht der Schiffer Wijnand Kops zusammen mit seinem Gehilfen Sjaak Vader eine Leiche aus dem Kanal: Cornelis Klaver wurde offensichtlich Opfer eines Gewaltverbrechens …

Ein halbes Jahr später im Januar des Jahres 1906 ist der Kanal zugefroren, so dass Wijnand nichts anderes übrig bleibt als sich irgendwie die Zeit totzuschlagen. Da er immer wieder an die von ihm entdeckte Wasserleiche denken muss, versucht er selber näheres über den Tod des Postboten in Erfahrung zu bringen. Hierbei gelingt es Gijs Ijlander in der Folgezeit ein eindrucksvolles und detailliertes Sittengemälde der damaligen Zeit zu zeichnen, denn das eine Frau, welche einem Maler nackt Modell sitzt, zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Hure beschimpft und von der Dorfgemeinschaft gemieden wird, ist »nachvollziehbar«. Das gleiche Schicksal erfährt wenig später auch die Witwe des Postboten Klaver, die sich zunehmend zu Wijnand hingezogen fühlt.

Im Verlaufe seiner »Ermittlungen« stößt Wijnand auf das versteckte Gemälde welches Neel zeigt (warum diese das Bild nicht versteckt bzw. vernichtet hat weis hier leider nur der Autor) und nimmt dieses mit auf sein kleines Schiff. Neel selber findet er in einem kleinen Gasthaus hochschwanger arbeitend, von der Wirtin schikaniert und ohne Kontakte zu ihrem Vater. Lediglich die Mutter besucht sie ab und an. Wijnand fühlt sich zu Neel hingezogen und so entwickelt sich dieser anfängliche Krimiplot zunehmend zu einer »Bestandsaufnahme« der damaligen Zeit (»das Leben auf dem Land«), in der der Schiffer Wijnand zwischen zwei Frauen hin und her schwankt und vor allem darauf wartet, dass sich das Wetter endlich bessert, damit der Eisbrecher den Kanal wieder befahrbar machen kann.

Wer »Der Skandal« als reinen Krimi lesen möchte, wird vermutlich eher enttäuscht sein und braucht zudem viel Zeit und Muße, denn in erster Linie beschreibt der Autor die Handlung mit jenem Tempo, wie man sich den wochenlangen Aufenthalt Wijnands in dem tief verschneiten Dorf vorstellen kann. Alles geht geruhsam seinen Gang, das Leben verläuft halt weiter und was soll schon sonst in Koedijk groß passieren? Zeit genug also für die Dorfbewohner zu tratschen oder die Frau des verstorbenen Klaver zu schikanieren, da sie knapp ein halbes Jahr nach dem Tod ihres Mannes schon wieder »Herrenbesuch« empfängt. Das berühmt-berüchtigte spießige Kleinbürgertum lässt grüßen. Tja, als Krimi zu wenig spannend (man könnte sagen, ein bisschen zäh beziehungsweise langatmig), ansonsten gut geschrieben (das Ende bzw. die »Auflösung« kommt allerdings ein wenig »plötzlich«) und für einen ruhigen Abend am Kamin als »normaler Roman« durchaus zu empfehlen.

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