Eine Frage der Würde von Gianrico Carofiglio

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel La regola dell'equilibrio, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Goldmann.
Folge 5 der Guido-Guerrieri-Serie.

  • Turin: Einaudi, 2014 unter dem Titel La regola dell'equilibrio. 320 Seiten.
  • München: Goldmann, 2016. Übersetzt von Viktoria von Schirach. ISBN: 978-3-442-31429-4. 320 Seiten.

'Eine Frage der Würde' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Der Richter Pierluigi Larocca befidet sich auf dem Höhepunkt seiner glanzvollen Karriere. Doch genau zu diesem Zeitpunkt scheint es, als würden verborgene Widersacher wegen Bestechlichkeit gegen ihn ermitteln. Voller Sorge wendet er sich an einen alten Freund, den Anwalt Guido Guerrieri, und bittet ihn um Hilfe. Guerrieri ist von der Unschuld Laroccas überzeugt und übernimmt offiiell seine Verteidigung. Es gelingt ihm, den Hauptzeugen als unglaubwürdig darzustellen und seine Aussagen damit wertlos zu machen. Doch dann tauchen plötzlich Indizien auf, die Guerrieri vor ein schmerzhaftes Dilemma stellen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Informativer Einblick in das italienische Rechtssystem« 80°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Strafverteidiger Guido Guerrieri steckt in einer Sinnkrise nachdem er von seinem Arzt eine Schockdiagnose erhalten hat. Zwar konnte nach einer weiteren Untersuchung schnell Entwarnung gegeben werden, dennoch macht sich der Anwalt seitdem über sein bisheriges und vor allem zukünftiges Leben so seine Gedanken, zumal die ganz großen Fälle aktuell nicht in Sicht sind. Dies ändert sich mit einem Anruf des Vorsitzenden Richters der Berufungskammer Pierluigi Rocca. Rocca, ein alter Bekannter von Guerrieri, hat ein Problem. In wenigen Monaten steht die Ernennung des neuen Präsidenten am Amtsgericht von Bari an und obwohl Rocca der Topfavorit ist, sieht es mit einem Erfolg nicht gut aus. Denn laut einem Informanten läuft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen angeblicher Bestechlichkeit. So soll er von dem Anwalt Salvagno über längere Zeit hohe Gelder erhalten haben, um dessen Mandanten beispielsweise Hafterleichterungen zu gewähren. Salvagno kann nicht mehr befragt werden, denn er starb bei einem Verkehrsunfall, doch mit Capodacqua, einem Ex-Mafiosi, steht ein vermeintlich zuverlässiger Zeuge der Anklage zur Verfügung. Mit Hilfe der Privatdetektivin Annapaola Doria gelingt es Guerreri, das Verfahren gegen Rocca zu kippen. Doch es bleibt keine Zeit den Erfolg zu feiern, denn Guerrieri erhält Informationen über Rocca die ihn mehr als nachdenklich stimmen …

Carofiglio ist ein großer Erzähler mit Hang zur Detailverliebtheit

Der neue Fall für Guido Guerrieri stürzt den Anwalt in ein großes Dilemma, was sich auf den letzten rund achtzig Seiten des Buches niederschlägt. Was bis dahin passiert ist leider recht vorhersehbar; dank der ausführlichen Beschreibung auf dem Buchrücken, die mal eben die ersten 250 Seiten grob zusammenfasst. Da der Ich-Erzähler Guerrieri nicht selber ermittelt, sondern dies der Privatdetektivin Annapaola überlässt, erfährt man nur die Ergebnisse der Recherche, ist aber bei deren Zustandekommen weitgehend außen vor. Wer Spaß am Miträtseln hat, dürfte daher den Plot als leicht spannungsarm empfinden. Dennoch ist Eine Frage der Würde ein lesenswerter »Anwalt-Krimi«, vorausgesetzt man hat eine gewisse Affinität zu juristischen Themen. Sehr detailliert, oft mit konkreter Zitierung einzelner Paragraphen, schildert Carofiglio, der selbst viele Jahre als Staatsanwalt arbeitete, das italienische Rechtssystem. Wer sich für Verfahrensabläufe bei Gerichtsverfahren oder einen Diskurs über das Thema »Ethik im Strafprozess« (allein dieser umfasst rund zehn Seiten) interessiert, darf hier gerne zugreifen.

»Was hast du denn mit Gerechtigkeit zu tun? Du hast es doch gesagt, du bist Anwalt. Deine Pflichten sind simpel: Verteidige deinen Mandanten nach bestem Wissen und Gewissen, begehe keine Fehler, verletze keine deontologischen Regeln.«

Carofiglio ist ein sprachgewaltiger Erzähler, der seinen Protagonisten sehr plastisch vorstellt. Sein Handeln und vor allem Denken wird in nahezu jeder Zeile spürbar und so ist es beinahe selbstverständlich, mit der Hauptfigur gedanklich zu verschmelzen. Gelegentlich gehen dem Autor aber schon mal die berühmten Pferde durch, beispielsweise wenn er die Gestaltung der beiden Seiten der Einkaufstüten seines Lieblingsbuchhändlers beschreibt. Ein längerer Dialog mit einem Nachbarsjungen, der die Tiere sprechen hört, Zwiegespräche mit seinem Sandsack im heimischen Wohnzimmer und ähnliche Passagen sorgen zudem dafür, dass der Roman einige »Längen« hat, wenn man es negativ formulieren möchte. Positiv könnte man sagen, es zeigt die Komplexität der Figur Guerrieris.

Spannung kommt am Ende des Romans dann übrigens doch noch auf, denn wie erwähnt befindet sich der Anwalt plötzlich in einem Dilemma. Melancholisch, wie seit der ärztlichen Fehldiagnose, wägt er sein weiteres Verhalten ab. Ein ethischer Dialog über das Pro und Contra der beiden Handlungsoptionen, welcher sich ebenfalls über etliche Seiten zieht, darf nicht fehlen und verstärkt den Einblick in seine Zwangslage. Dass Guerrieri diesen Dialog mit sich selber führt sei nur am Rande erwähnt.

Kurzum: Wer sich vor juristischem Fachvokabular und einigen kleineren, wie wohl sauber formulierten Ausschweifungen nicht scheut, sollte den preisgekrönten Autor – sofern nicht längst geschehen – kennen lernen. Mehrere passende Zitate aus Musik und Literatur gibt es gratis dazu.

Jörg Kijanski, Mai 2016

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