Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land von Gianrico Carofiglio

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Il passato è una terra straniera, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Goldmann.

  • Mailand: Rizzoli, 2004 unter dem Titel Il passato è una terra straniera. 260 Seiten.
  • München: Goldmann, 2009. Übersetzt von Julia Eisele. ISBN: 978-3-442-31183-5. 288 Seiten.
  • München: Goldmann, 2011. Übersetzt von Julia Eisele. ISBN: 978-3-442-47384-7. 288 Seiten.

'Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Giorgio ist in jeder Hinsicht perfekt: er ist ein mustergültiger Sohn und ein strebsamer Jura-Student, er hat eine nette Freundin und ganz konkrete Vorstellungen davon, wie sein Leben einmal aussehen soll. Als er eines Abends jedoch auf den charismatischen Francesco trifft, einen ebenso undurchschaubaren wie charmanten Nichtstuer, fällt er gleichsam aus seiner kleinen Welt. Denn Francesco übt eine fatale Faszination auf Giorgio aus, der seinerseits alles dafür tun würde, damit etwas von Francescos Glanz auf ihn fällt. Und so gerät der unerfahrene Giorgio immer tiefer in den Sog der zwielichtigen Welt seines neuen Freundes: Bei konspirativen nächtlichen Treffen lernt er nicht nur das illegale Glücksspiel kennen und lieben, sondern auch alle Tricks der Falschspieler. Ohne lange nachzudenken wirft Giorgio all seine Pläne und Vorhaben über Bord, um in Francescos Welt Karriere zu machen  …

Das meint Krimi-Couch.de: »Der Sog des Abgrunds« 84°

Krimi-Rezension von Eva Bergschneider

Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land ist kein Krimi aus der beliebten Reihe mit dem Avvocato Guido Guerrieri, sondern ein Roman aus dem Jahr 2004, der Ende der 80er Jahre spielt.

Der Handlungsort ist derselbe; Bari in Süditalien. Auch das Thema, der schmale Grad zwischen Gut und Böse, dürfte dem geneigten Carofiglio Leser bekannt vorkommen.
Diese mal erzählt der Autor seine Geschichte allerdings aus einer anderen Perspektive – aus derjenigen, des Mittäters.

Die Verlockung: Falschspiel

Giorgio Ciprianis Leben scheint vorgezeichnet: Jurastudium, Partnerin aus begütertem Haus, Karriere, Familie und ein sorgenfreies Leben.
Ein kleiner Ausflug in die Welt des Glücksspiels wird seine Lebensplanung gründlich umkrempeln.
Es schlummert wohl der Wunsch nach Abenteuer in dem strebsamen Studenten der juristischen Fakultät. Warum sonst springt er spontan für einen flüchtigen Bekannten in die Bresche und schlägt dessen Gegner zusammen , ohne etwas über die Ursache für die Schlägerei zu wissen?

»Vielleicht war es jenes Gefühl der Demütigung, das ich einfach nicht ertragen konnte. Vielleicht war der Grund auch ein anderer. Im Laufe der Jahre habe ich viele Namen dafür gefunden.
Einer davon war Schicksal.«

Francesco führt Giorgio in die Welt des Glücksspiels ein, das allerdings wenig mit Glück zu tun hat. Der anfänglichen Empörung folgt bald die Sehnsucht nach dem Adrenalinstoss, wenn die Manipulation am Spieltisch einen fetten Packen Lira einbringt und andere als Verlierer zurück lässt. Der angehende Anwalt schwänzt die Vorlesungen und lässt sich immer tiefer in den Strudel der Kriminalität ziehen.

Zeitgleich geht in Bari ein Serienvergewaltiger um. Mit drastischen Drohungen bringt er seine Opfer dazu, niemals den Blick auf ihn zu richten und so gibt es nicht einmal eine grobe Täterbeschreibung. Der Polizeioberkommissar, der Carabinieri, der Tenete Chiti ,tappt auch nach der fünften Vergewaltigung immer noch im Dunkeln, während sein Capitano die Daumenschrauben anzieht.

Lebensbeichte und Vergewaltigungen

Der Erzähler in Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land berichtet rückblickend aus der Zeit in seinem Leben, in der er alle Werte, die ihm bis dahin bedeutend erschienen, über Bord warf. Carofiglio portraitiert einen jungen angehenden Anwalt, der sich der Richtschnur seines Gewissens immer mehr entzieht und den Verlockungen des Geldes und des Kicks erliegt. Man verfolgt Giorgios Entwicklung und weiß nicht immer, was man mehr fürchtet: Den endgültigen Absturz Giorgios, oder das ihm ein Fehler passiert, der den Schwindel auffliegen lässt. Obwohl der Erzähler, Giorgio, detailliert analysiert, wie er sich selbst betrügt und sehenden Auges in den Sumpf des Verbrechens abgleitet, empfindet man Sympathie für ihn. Vielleicht hat man das Gefühl, das Giorgio gar nicht anders kann, als von seinem vorgezeichneten Weg abzuspringen, mit allen Konsequenzen.

»Sie hatten beide das selbe Fieber. Auch Francesco erlag der Illusion, das Schicksal zu bestimmen, indem er die Karten – und die Menschen manipulierte.
Beide, jeder auf seine Weise, spazierte denselben Abgrund entlang.
Und ich folgte ihnen. Ganz dicht.«

Portraitiert Carofiglio gar die italienische Gesellschaft selbst, die eine kriminelle Infrastruktur ein Stück weit duldet und einen bekanntermaßen korrupten Politiker zum Staatsoberhaupt wählt? Sorgt sich der Italiener um das Rechtsbewusstsein in seinem Land? Ungewöhnlich hart geht der Autor auch mit den Carabinieri ins Gericht, indem er schonungslos die brutalen Verhöre beschreibt. Und Carofiglio weiß wovon er spricht, denn während seiner juristischen Laufbahn galt er als Experte für Verhörtechniken.

Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land erzählt eine spannende Story mit zwei Handlungssträngen.

Giorgios und Francescos Geschichte knistert vor Spannung. Man spürt den Sog der Gefahr und weiß, das dieses Spiel mit dem Feuer ein fatales Ende nehmen muss. Die Ermittlung der Vergewaltigungsfälle fällt dagegen, was atmosphärische Dichte angeht, etwas ab. Der schlaflose und kopfschmerzgeplagte Chiti kann dem Druck seines Vorgesetzten, der einen Abschluss des Falls egal mit welchem Ergebnis fordert, kaum standhalten. Man fragt sich, wozu er fähig ist. Letztendlich wartet man auf den Übergriff, der beide Handlungen mit einander verbindet. Und der führt zur entscheidenden Wendung im Fall des Serienvergewaltigers und im Leben des Hauptprotagonisten.

Besondere Aufmerksamkeit zieht in allen Carofiglio-Romanen die sprachliche Brillanz des Autors auf sich, dieser macht da keine Ausnahme. Carofiglio schildert Setting und Atmosphäre mit eingängigen Bildern und prägnanter Wortwahl, fabuliert, je nach Gegebenheit, mal dramatisch, mal zynisch – humorvoll und stets geistreich. Dieser Krimi vereint wieder aufs vorzüglichste alle literarischen Qualitäten des smarten Italieners.

»Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land« liefert Diskussionsstoff und bietet Spannung auf höchstem Niveau.

Eva Bergschneider, Juni 2009

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tedesca zu »Gianrico Carofiglio: Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land« 16.01.2012
Einmal mehr hat mich dieser Autor von seiner Schreibkunst überzeugt. Die Art, wie er die Geschichte von Girogio erzählt, der wie Wachs in den Händen des Kleinkriminellen Francesco vom Musterstudenten zum Taugenichts wird, ist schon faszinierend. Schritt für Schritt verfolgen wir den zunehmenden Verfall, die Hilflosigkeit und Hörigkeit von Girogio, den wir am liebsten an den Schultern packen und laut anschreien würden, er solle doch endlich aufwachen und erkennen, auf welche Schiene er abgedriftet ist.
Wie in allen Romanen Carofiglios ist die Stadt Bari ein fester Bestandteil der Handlung, ihre dunkelsten Ecken, ihre Verwandlung über die Jahre. Für mich oft ein Spaziergang durch bekannte Gassen und Straßen, vorbei an den beeindruckenden Gebäuden aus den verschiedensten Epochen.
Anfangs verwirrend aber sehr berührend ist die parallele Schilderung des Tenente Chiti, der letztendlich eine entscheidende Rolle in Giorgios Geschichte spielen wird.

Alles in allem ein wunderbarer Roman mit überzeugenden Figuren, die einen menschlich berühren und einer durchaus spannenden Handlung. Ein Muss für alle Fans des Autors und solche, die es vielleicht noch werden wollen!
Schrodo zu »Gianrico Carofiglio: Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land« 21.02.2010
Giorgio, angehender Jurist und everyone´s Darling, lernt den geheimnisvollen und verruchten Philosophie-Studenten Francesco kennen. Fasziniert von dessen lockerem Lebensstil, beginnt der junge Italiener ins Milieu der Zocker abzudriften. Immer drängender stellt sich die Frage, ob Giorgio noch Herr der Dinge ist und ob es einen Weg zurück ins geordnete Leben gibt.
Wie alle bisherigen Bücher Carofiglios, ist auch diese Geschichte mit einer gewissen Faszination ausgestattet. Es ist packend und spannend geschrieben, wobei der Schreibstil unnachahmlich gut ist!
Zwei unterschiedliche Erzählstränge werden am Ende miteinander verwoben. Der eine begleitet das langsame Abgleiten Georgios in eine Welt des Zockens. Das sukzessive Überschreiten der moralischen Grenzen, aber auch das gleichzeitige Unglücklich-Sein, das sich der „Held“ nicht eingesteht. Hierbei entpuppt sich Carofiglio als subtiler Beobachter menschlicher Schwächen. Darf man jemanden Betrügen der selbst ein Betrüger ist?
Im zweiten, eher nebensächlichen Erzählstrang, geht es um einen Polizisten der an der Aufklärung einer Reihe von Vergewaltigungen arbeitet. Die Konstruktion dieser Geschichte ist zu einfach, die Auflösung zu flach und auch viel zu vorhersehbar.
Insgesamt sehr spannend erzählt, mit dem tollen, unverwechselbaren Erzähltalents des guten Gianrico!
Brengel zu »Gianrico Carofiglio: Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land« 01.05.2009
Unaufdringlich, verlockend, nachvollziehbar beschreibt Carofiglio wie die Hauptfigur Giorgio in den Strudel namens Francesco gerät, der ihn zu einem zuvor nicht vorstellbaren Leben verleitet. Immer mehr stellt sich dabei die Frage, inwieweit Giorgio die Folgen seiner Entscheidungen noch rational überblicken kann, inwieweit er noch frei handelt. Packend erzählt, großartiges Buch.
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