Für eine Handvoll Yen von Gert Anhalt

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 bei Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: Japan / Tokio, 1990 - 2009.
Folge 2 der Hamada-Serie.

  • München: Knaur, 2004. 332 Seiten.

'Für eine Handvoll Yen' ist erschienen als

In Kürze:

Hamada Ken, vollschlanker Privatdetektiv und Möchtegern-Humphrey-Bogart aus Tokio, geradewegs von der Pubertät in die Midlife-Crisis geschlittert, will auf Folksänger umschulen. Und rasselt prompt in seinen zweiten Fall hinein: Sein Jugendfreund Hisashi wird von finsteren Männern gejagt, und ausgerechnet Hamada muss wider Willen als Pflegevater für Hisashis kleinen Sohn Akira herhalten. Im Kampf mit den Windeln, einer mörderischen Sekte, einem Kredithai und vor allem mit sich selbst kommt Hamada einem monströsen Dreieck des Todes auf die Spur.

Das meint Krimi-Couch.de: »Hat alles, was für einen klasse Krimi notwendig ist« 93°Treffer

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Krimi-Couch-Volltreffer Juli 2004

Viele werden Hamada Ken, genannt Kenji, schon kennen aus Tote mögen keine Sushi. Nun hat Gert Anhalt mit »Für eine Hand voll Yen« den zweiten Krimi aus der Reihe um den sympathischer Looser, den Privatdetektiv Hamada Ken aus Tokio, vorgelegt. Aber eigentlich ist er ja jetzt gar kein Privatdetektiv mehr. Denn Hamada will sein Leben neu ordnen. Und so hat er beschlossen, dass er ab jetzt Folksänger ist. Und wenn er etwas beschließt, dann steht er voll und ganz dahinter. So hat er sich eine Gitarre zugelegt und ein Schultergestell für die Mundharmonika a la Neil Young und steuert mit Begeisterung auf seine erste CD zu, für die er täglich einen neuen Song schreibt. Weniger begeistert reagiert allerdings seine Umwelt, wenn sie ihm zuhören muß, was unseren Helden aber nicht beeindrucken kann.

Das Leiden von Tante Ogata

Doch die neue Karriere muß zurückstehen, als Hamada einen Anruf von seiner geliebten Tante Ogata – einer frühreren Nachbarin, die ihm ein Mutterersatz war – bekommt. Dramatisch hört sich der Anruf an und noch viel dramatischer sieht es aus, als er ihre Wohnung betritt. Nichts mehr zu sehen von der liebevollen Einrichtung früherer Tage. Die Wohnung ist leer bis auf ein paar Matten und eine Kochplatte. Leidvoll muß Hamada mit ansehen, wie schlecht es Tante Ogata geht und daß sie Hunger leidet. Zu stolz ist sie, sein Geld anzunehmen, doch bittet sie ihn darum, sich um ihren Enkel Akira zu kümmern. Bevor Hamada dazu kommt, Licht in das Dunkel zu bringen, stürmen finstere Gestalten in taubenblauen Anzügen die Wohnung und Hamada muß in Pantoffeln mit dem Kleinkind Hals über Kopf durch die Hintertür fliehen und sogar seine geliebten Schlangenlederstiefel zurücklassen.

Nachdem er seiner nervenden Vermieterin aufs Auge gedrückt hat, dass es sich bei dem Kind um den legalen Thronfolger handelt, den er vor Attentätern schützen muß, kümmert sich diese liebevoll um Akira, so daß Kenji freie Hand hat, nach den leiblichen Eltern zu fahnden. Blöderweise bringen die zurückgelassenen Schlangenlederstiefel die taubenblauen Herren sehr schnell auf Kenjis Spur und so findet er sich plötzlich mit einer dicken Lippe und einer Leiche neben sich bewusstlos im Treppenhaus wieder.

Auseinandersetzung mit einer unerfüllten Liebe

Seine Ermittlungen – oder besser gesagt seine Vermutungen – ergeben, dass die Herren in den taubenblauen Anzügen von einem Kredithai geschickt wurden, bei dem Akiras Eltern hoffnungslos verschuldet sind. Über dessen Ehefrau versucht er sich an ihn heranzumachen. Und muß sich wie bereits im ersten Fall auf der Suche nach der Frau seines Lebens mit einer unerfüllten Liebe auseinandersetzen.

Unterstützung erhält er dabei von seiner schwergewichtigen Freundin Kiko, einer Sumo-Ringerin, und der nicht minder kräftigen Taxifahrerin Etsuko, die seine Vermieterin für ihn als Ehefrau auserkoren hat.

Anhalt karikiert hervorragend Land und und Leute

Es scheint sich ja immer mehr einzubürgern, dass Korrespondenten nun anfangen Krimis zu schreiben, die sie in den Ländern spielen lassen, in denen sie jahrelang gelebt und gearbeitet haben. Anders als zum Beispiel Ulrich Wickert oder Leif Davidsen verzichtet aber Gert Anhalt auf politische Betrachtungen. Dagegen karikiert er ganz hervorragend Land und Leute, so daß man fast ständig während des Lesens ein Schmunzeln auf den Lippen hat.

Sein Held Kenji hat etwas von einem tapsigen Teddybär, der sich ohne groß nachzudenken von einer gefährlichen Situation in die nächste stürzt, dabei zwar oft eins auf die Nase bekommt, aber dann auch das Glück des Tüchtigen hat.

Verquere Gedankengänge, »umwerfende« Logik

Da Kenji nicht nur Protagonist, sondern auch Ich-Erzähler des Krimis ist, kann sich der Leser natürlich auch in die verqueren Gedankengänge des Detektivs hineinversetzen und seiner umwerfenden Logik folgen.

Und der Leser lernt, dass Japanisch eine sehr interpretationsfähige Sprache ist.

»A-soo-desu-ka...«

»Soo-desu!«

»Eine besondere Tücke der japanischen Sprache besteht darin, dass sie überhaupt nicht dazu taugt, konkrete Sachverhalte zu beschreiben. [...] So gibt es mindestens 300 verschiedene Arten, die beliebte Redewendung A-soo-desu-ka auszusprechen, und genauso viele Arten, darauf angemessen mit Soo-desu oder So-desu-nee zu antworten. Und in den seltensten Fällen heißt es einfach nur: Ach, so ist das? – Ja, so ist das! Meistens heißt es etwas völlig anderes, je nach Gespräch. In unserem aktuellen Kontext hatte Susanne zu mir gesagt: \'Du bist ein verbohrter Trottel!\' Und ich hatte passend geantwortet: \'Und du bist eine dumme Kuh.\'«

Spätestens beim fünften A-soo-desu-ka, dessen Interpretation natürlich jedesmal detailliert erklärt wird, hat man schon selber den Verdacht, verstehen zu können, was der Sprecher dieser Worte damit ausdrücken möchte.

Kein Klamauk! Spannend und logisch durchdacht

Wer jetzt aber denkt, dass ihn nur Klamauk erwartet, dem sei gesagt: »Für eine Hand voll Yen« ist nicht nur humorvoll, sondern auch spannend und logisch durchdacht und bietet eine ungewöhnliche Story mit aktuellen Themen. Somit hat das Buch alles, was für einen klasse Krimi notwendig ist.

Mir persönlich hat Hamada Kens zweiter Fall noch besser gefallen als der erste. Wollen wir hoffen, dass es mit Kenjis Karriere als Folksänger noch nicht so schnell klappt, damit er uns noch in einigen weiteren Fälle als Privatdetektiv Spaß bereiten kann.

A-soo-desu-ka …

Ihre Meinung zu »Gert Anhalt: Für eine Handvoll Yen«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

kreje zu »Gert Anhalt: Für eine Handvoll Yen« 21.08.2014
Hamada Ken ist zurück!
Und wie!
Eigentlich wollte er ja seinen Job als Privatdetektiv an den Nagel hängen und eine Laufbahn als Folksänger beginnen. Aber sehr zum Entzücken des Lesers wird ihm dies nicht gelingen. Wieder einmal gelangt der "Held", auf der Suche nach Liebe und Selbstfindung (da er eben den Schritt von der Pubertät in die Midlife-Crisis hinter sich hat), von einer skurrilen - und scheinbar aussichtslosen - Situation in die andere...
Der zweite Fall des Hamada Ken steht dem ersten in nichts nach. Erneut ist es Gert Anhalt gelungen einen aüsserst witzigen und dennoch spannenden Krimi zu schreiben, der auch Nicht-Japan-Kenner in seinen Bann ziehen wird. Der zusätzliche Einblick in die umwerfende Logik und Gedankenwelt der Verlierer-Type Hamada (das Buch ist aus der Sicht des Helden geschrieben; deshalb ergötzt man sich an Beschreibungen wie "Der Himmel war so blau wie ein sehr blaues Tischtuch.") sowie die humorvolle - nie bösartige - Beschreibung verschiedener japanischer Bräuche und Gepflogenheiten machen dieses Buch zu einer köstlichen und sehr unterhaltsamen Lektüre. Bitte mehr, Herr Anhalt!
Bemerkung: Man muss den ersten Hamada-Krimi (Tote mögen keine Sushi) nicht gelesen haben um die Geschichte zu verstehen. Es kann aber von Vorteil sein, da einige Anspielungen darauf in diesem Band enthalten sind. Wenn man sowieso beabsichtigt, beide Bücher zu Lesen, sollte man dies aber unbedingt in der chronologischen Reihenfolge tun.
mylo zu »Gert Anhalt: Für eine Handvoll Yen« 08.10.2011
Herzerfrischend wie das Vorgängerbuch und wieder mit den inzwischen schon bekannten Personen. Die Krimihandlung an sich ist wohl eher Mittelmaß der Witz in der Erzählung und die Erkenntnisse über die japanische Mentalität entschädigen bei der hervorragenden Erzählweise aber mehr als genug dafür. Selbst etwas Spannung ist vorhanden obwohl man das bei diesen Romanen gar nicht so vermisst.

Das Lesen unterhält, lässt schmunzeln. Eine willkommene Abwechslung in der sonst üblichen Krimikost.

80 Punkte ist mir das wert.
Belnako zu »Gert Anhalt: Für eine Handvoll Yen« 04.12.2007
Ich habe das Buch in einer Nacht durchgelesen, nicht weil ich es als Krimi so spannend fand, sondern eher, weil ich es so lustig fand.
Ich studiere Japanisch und kann ihm in allen den witzigen Eigenheiten und Verrücktheiten der Japaner nur zustimmen, vor allem in der Verwendungsweise von そうですか und そうですね also soo-desu-ka und soo-desu-ne. Oder das Japaner so höflich sind, das sie an einer eingeschlagenen Haustür klingeln, um nicht zu stören.
Vom Krimi her fand ich teilweise übertrieben, das der gute Kenji mit tausend Verletzungen und auf den letzten Drücker noch alles zum Guten wenden kann.
Aber Spaßfaktor 100!
Takeo zu »Gert Anhalt: Für eine Handvoll Yen« 30.10.2005
Der Titel des Buches ist viel besser getroffen als beim ersten Teil. Tote mögen keine Sushi, für ein so gutes Buch so einen bescheuerten namen auszusuchen ist wirklich einfach nur blöd. Sushi, hat nichts mit der Aufklärung zu tun, sondern bedient nur irgendwelche europäischen Klischees. Und wenn man TOT ist ISST man nicht mehr. Für eine Handvoll Yen, klingt besser, viel besser. Aber Schluss mit dem Buchtitelsinnieren. Der zweite Band hat nicht im geringsten die Qualität des ersten Bandes verloren. Im Gegenteil, die Geschichte ist nicht mehr so wirr wie vorher und die Komik treffsicherer. Für mich ein Meisterwerk (ein meisterwerk der Unterhaltungsliteratur wohlgemerkt). Nur das Ende stört etwas. Zu offen: Man versteht nicht mehr ob jetzt Ken verrückt ist, oder warum will er jetzt in das komische Kloster. Das Finale ist jedoch noch gelungener und dramatischer als beim Ersten.
Fazit: Wie gesagt, ein Meisterstück.
morus64 zu »Gert Anhalt: Für eine Handvoll Yen« 06.02.2005
Sicher gibt es Thrilligeres, aber Anhalt kennt Japan schon recht genau (bzw. weiß er, deutsche Klischees bestens zu bedienen).
Fest steht, dass er witziger ist als Arjouni & Juretzka zusammen - und das sind zwei Preisträger des Deutschen Krimi-Preises!!
Natürlich ist die Handlung konstruiert & überhöht, aber davon lebt letzendlich Kunst, also auch das Genre der Krimiliteratur. Nichts jedoch ist unlogisch, und die Troika ist selbst für Japan-underdogs in Zeiten der Yakuza nachvollziehbar.
Highlight: Die "Penisse" zum überteuerten EVP von 10T Yen, die da ständig zweckentfremdet und total überteuert unter dem diskussionsinspirierenden Gorzilla-Poster genüßlich verspeist werden - das ist schon KLASSE!!
FAZIT: 84 Grad, und das ist weit über dem Durchschnittl auf der Krimi-Tummelwiese!"
P.S.: und als Nächstes mal wieder ein Klassiker (E.Ambler: "Besuch bei Nacht")
Uwe Wäldchen zu »Gert Anhalt: Für eine Handvoll Yen« 03.09.2004
Ich habe gestern dieses Buch ausgelesen.

Also als Krimi würde ich auch nur maximal eine Durchschnittsnote verteilen. Zuviel der Story kommt mir bekannt vor und ganz ehrlich gesagt ist der Showdown am Ende des Buches doch etwas zu sehr an den Haaren herbeigezogen.

Unser Held Kenji, der nunmal wirklich kein grosser Detektiv ist, löst den Fall trotz blutender Bauchschusswunde und mehrmaliger Ohnmacht im Handumdrehen.

Trotzdem hat das Buch Spass gemacht, denn der Schmunzelfaktor war schon gut. Nicht jeder wird alle Anspielungen verstehen. Ich habe aber das Glück selbst 3 Jahre in Japan gelebt zu haben und bin seitdem familiär verbunden. Umso mehr musste ich an einigen Stellen lachen. Denn genau so sind die Japaner ! Und doch auch wieder nicht.

Also wie gesagt, nichts für die Hardcore-Krimi-Leser, aber trotzdem gute Unterhaltung.
hbruhn zu »Gert Anhalt: Für eine Handvoll Yen« 02.08.2004
ich kenne den ersten Band nicht, aber dieses Werk empfinde ich ziemlich zwiespältig. Einerseits gibt es den Schmunzelfaktor - ganz unzweifelhaft, andererseits empfinde ich vieles einfach zu sehr an den Haaren herbeigezogen. Mittelprächtig, mehr mag ich dem nicht zugestehen.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ihr Kommentar zu Für eine Handvoll Yen

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: