Winter in Maine von Gerard Donovan

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Julius Winsome, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Luchterhand.

  • Woodstock, NY: Overlook Press, 2006 unter dem Titel Julius Winsome. 224 Seiten.
  • München: Luchterhand, 2009. Übersetzt von Thomas Gunkel. 206 Seiten.

'Winter in Maine' ist erschienen als

In Kürze:

Der Winter in den Wäldern von Maine ist kalt und einsam. Bisher hat das Julius Winsome nicht gestört, er lebt schon lange allein, und er hat einen treuen Gefährten, seinen Pitbullterrier Hobbes. Als sein Hund eines Nachmittags offenbar absichtlich erschossen wird, bricht Julius’ Welt zusammen. Und er fasst einen erschreckenden Entschluss  …

Das meint Krimi-Couch.de: »Love Will Tear Us Apart – oder die Poesie der Stille« 91°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Julius Winsome lebt alleine in einer Hütte in den Wäldern Maines. Alleine, aber nicht einsam, denn er ist umgeben von 3282 Büchern und seinem besten Freund, dem Pitbullterrier Hobbes.

Eines Tages kehrt Hobbes nicht von einem seiner kleinen Ausflüge in die menschenleere Gegend zurück. Julius, der glaubt einen Schuss in der Nähe seines Hauses gehört zu haben, begibt sich auf die Suche. Und behält leider recht: der Schuss, den er mehr in seiner Vorstellung, als in der Realität vernommen hat, hat seinen Hund tödlich verletzt. Julius Winsome begräbt seinen Gefährten und bleibt erschüttert zurück. Mit seinen Erinnerungen und seinen Büchern. Die vielleicht wichtigsten darunter werden ihn die nächsten Tage begleiten. Shakespeares gesammelte Werke, deren antiquierte und doch so innovative Sprachphantasie er in sein kommendes tägliches Leben einbaut, das aus der beharrlichen Suche nach Hobbes Mörder besteht.

Was mit verspotteten Plakataktionen beginnt, endet mit dem Tod einiger Jäger, die zu weit in Julius Revier vorgedrungen sind. Potenzielle Killer, die mit der kalten Ruhe eines wahrhaft leistungsfähigen Scharfschützen eliminiert werden. Unbeeindruckt fällt während dessen der Schnee in den Wäldern von Maine. Weihnachten ist nicht mehr weit.

Wir können es kurz machen: Winter in Maine ist großartig. Selten waren sich Feuilleton und Hobbyrezensenten so einig, wie bei Gerard Donovans knapp zweihundertseitigem Werk. Noch seltener: beide Parteien haben vollkommen Recht.

Und das bei einem Roman, der auf seinen Protagonisten (und Titelgeber des Originals) fokussiert ist, einen (leicht) verschrobenen Einzelgänger, der sich zwischen elisabethanischem Genius und einer heimeligen Abschottung von der Außenwelt scheinbar behaglich eingerichtet hat. Bis eines Tages Claire auftaucht, aus dem Nichts in seine einsame Hütte und in sein hauptsächlich aus Büchern und familiären Erinnerungen bestehendes Leben schneit, und Julius zu neuen Blickwinkeln und Erfahrungen verhilft. Sie ist es, dank der er sich Hobbes anschafft, bevor sie sich so klammheimlich aus seinem Leben schleicht, wie sie aufgetaucht ist; und Julius, selbst als er bereits zum Mörder geworden ist, das Gefühl verleiht, ein liebenswerter Mensch zu sein.

Dabei singt Gerard Donovan kein Loblied auf die Selbstjustiz. Sein Roman ist ein Buch über Verluste und die damit zusammenhängenden Ängste, vor allem der Größten: sich selbst zu verlieren. Julius Winsome hat Ankerpunkte in seinem Leben, seinen Kumpel Hobbes, die flüchtige Claire, seine Erinnerungen an Eltern und Großeltern und vor allem sein Beheimatet sein in der Welt der Bücher. Er birst über vor Wissen und Geschichten, die er hinaustragen möchte in die Welt. Doch niemand hört zu. Bis auf Claire, in jenen seltenen Momenten, in denen sie Julius gehörte, bevor sie sang- und klanglos zu ihrem Mann zurückkehrte.  Hobbes, in den Julius seine Sehnsüchte projiziert und die verschwiegenen Winterwälder Maines. Nicht zu vergessen: die sterbenden Jäger, die Julius mit seinen William Shakespeare geschuldeten Wortschöpfungen bedenkt, welche die Sterbenden verzweifelt und ratlos zurück lassen.

Winter in Maine ist ein exzellent geschriebener Roman (auch in der Übersetzung, die gerade bei Winsomes Sprachkreationen vor einigen Herausforderungen gestanden haben dürfte), in dem die Sprache fließt und sich dem Sujet anpasst, ohne selbstverliebt in den Vordergrund zu treten. Hier sitzt jedes Wort und überträgt in poetischer Gelassenheit die Geschichte eines Mannes, der eigentlich im Einklang mit sich und der Natur existiert. Bis er feststellt, das zwischen purer Existenz und bewusstem (Er)leben etwas wichtiges fehlt: das Gefühl irgendwohin und zu jemandem zu gehören; und nicht nur in einen Raum gezwängt zu sein, der zwar angefüllt ist mit Erzähltem, Gewesenem und Ausgedachtem, dem aber ein Gegenüber fehlt. Doch wo Liebe und Zusammengehörigkeit wachsen, sind auch die Schattenseiten Verlust, Hass und Tod nah. Und jene Ambivalenz lässt Julius Winsome irgendwann innehalten; in der Erkenntnis, dass gewesene Liebe eine aktuelle für jemand anderes ist, dass der Verlust eines Einzelnen nicht gleichbedeutend damit ist, dass die Welt verschwindet.

So ist jener Winter in Maine ein Neubeginn für Julius Winsome. Indem er (fast) alles verliert, findet er sich selbst. Das macht ihn nicht stärker, besser oder klüger. Es gibt ihm aber die Ruhe und die Kraft, sein eigenes Leben zu akzeptieren. Unbeeindruckt fällt der Schnee. Bedeckt die Wälder, Hütten, Leichen. Innen prasselt das Kaminfeuer. 3282 Bücher warten darauf gelebt zu werden.

Ein großartiger Roman. Auch wenn es latent absolutistisch klingt: Pflichtlektüre!

Jochen König, Oktober 2009

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elis zu »Gerard Donovan: Winter in Maine« 22.03.2014
Da ich ein Freunde von einsamen Wölfen als Protaginist bin, und von Winter und Wald obendrein, kam ich an diesem Buch nicht vorbei. Kritiken habe ich vorher keine gelesen.
Der Schreibstil ist angenehm, intelligent. Auch die Erinnerungen an seine Verwandten und seine Geliebte, Dinge also, die nicht unmittelbar zum Hauptstrang der Handlung beitragen (Hund erschossen - wer war es), habe ich einigermassen gespannt gelesen. Normalerweile überspringe ich solches manchmal.

Es ist mehr eine Schilderung. Kein Kriminalroman. Es beschreibt einen Menschen, der zu auf den ersten Blick zur Selbstjustiz greift. AUfgrund seiner literarischen Vorbildung ist dies nicht unmittelbar glaubhaft. Auf den zweiten Blick mag das Argument der Slebstjustiz vorgezogen sein, sondern eher tiefe Verzweflung und Ratlosigkeit der Antrieb sein, schliesslich wählt er die Opfer eher wahhlos.

Was ich aber vermisse in den meisten Kritiken - natürlich habe ich nicht alle gelesen: Julius Wintersome ist krank. Er neigt zu wahnhaften Denkstörungen, schizophrene Tendenz. Die Wortneuschöpfungen passen da auch sehr gut dazu. Diesen Aspekt habe ich in den Kritiken bisher vermisst.

Insofern lässt das Buch die ein oder andere Frage offen, es hätte auch noch gut 50 Seiten länger sein können, es ist meiner Meinung nach nicht ganz "rund".
Ein der besseren Bücher, aber von Kult oder Meisterwerk meiner Meinung nach doch noch entfernt. 89 Punkte.
Stefan83 zu »Gerard Donovan: Winter in Maine« 02.09.2012
Erstaunlich wieviel Kraft und Können in knapp 200 Seiten Buch stecken können. "Winter in Maine" ist ein literarisches Kleinod, das mit den Erwartungen des Lesers spielt und auch über das Ende hinaus mehr Fragen offen lässt, als es Antworten gibt. Die Geschichte über den Einsiedler Julius Winsome, der gemeinsam mit 3282 Büchern in den tiefen Wäldern Maines lebt, ist, dank Donovans poetischem Stil, von atemberaubender Schönheit. Eine trügerische Schönheit jedoch, denn Winsomes Handlungen sind wie der vor Kälte klirrende Winter in diesen Breiten - eiskalt und unerbittlich rächt Winsome den Mord an seinem treuen Hund. Das Donovans Roman trotzdem nicht zu einem Lobgesang auf die Selbstjustiz verkommt, macht diese Lektüre so empfehlenswert und besonders. Ein feinfühliges, melancholisches und gnadenloses kleines Meisterwerk, das Potenzial zum Klassiker hat und ohne Wenn und Aber in das Regal jedes Bibliophilen gehört.
sualk zu »Gerard Donovan: Winter in Maine« 31.05.2012
Das Buch ist insoweit gut, dass man es nicht weglegen möchte. Die Beschreibungen sind sprachlich anspruchsvoll, teils poetisch.
Aber es ist auch ein Buch, dass man am Ende weglegt und dabei verstört ist, ja fast unzufrieden. Warum? Mir entgeht der Sinn des Buches und es reicht m.E. nicht aus ein solches Werk über den Klee zu loben nur weil die Sprachkunst hoch ist. Was erinnert denn später an das Buch ausser dem Lob für die gute gesetzten Worte?
Stefan Frigger zu »Gerard Donovan: Winter in Maine« 18.11.2011
Dieses Buch ist kein Krimi. Es ist keine Kriminalgeschichte, es ist nicht weniger als ganz große Literatur. Gute Literatur befasst sich mit den Grundfragen, die jeden einzelnen Menschen betreffen. Wer ein Buch sucht, das ihn beim Lesen im tiefsten Inneren anpackt, wird bei "Winter in Maine" fündig werden. Eines der ganz alten Literatur-Themen: Was den Menschen ausmacht, wird dann deutlich, wenn alles Geliebte wegbricht. Dann bleibt dem Ich-Erzähler dieser Geschichte, die irgendjemand sehr treffend als "Novelle" bezeichnet hat, nichts als die Modelle von Welt und Leben, die ihm andere erzählt haben. Er muss verstörend asozial wirken, da sein Modell der Realität zwischen der Sprache Shakespeares und den Kriegserzählungen seines Großvaters angesiedelt sind. Wie zwangsläufig seine Reaktion auf die Umwelt dann ausfällt, wird hier brilliant, unbestechlich, gnadenlos konsequent und in einer Sprache geschildert, die den Leser in einem unwiderstehlichen Sog in die Geschichte zieht. Nein, hier geht es überhaupt nicht um die Oberfläche der Handlung, hier geht es um die Tiefe der menschlchen Seele und die ewige Frage, was uns so macht, wie wir sind und wie unsere Verluste das aufdecken können.
SENSATIONELL!Ein Plfichtbuch für den Kanon der 100 Bücher, die man vor seinem Tod gelesen haben sollte!
Pela zu »Gerard Donovan: Winter in Maine« 21.04.2011
Dass dieses Buch so kontrovers diskutiert wird, ist völlig berechtigt! An irgendeiner Stelle des Buches ist mal entweder mal zu Tränen gerührt, mal erbost, mal mitfühlend und mal richtig zornig. Am Ende bleiben viele Fragen. Ist dieses Buch nun eine Allegorie auf einen sehr intelligenten Menschen, der in einer zu rasant beschleunigten Welt nicht mehr zurecht kommt? Oder ist es einfach ein Buch über einen homophoben Einzelgänger, der seinen einzigen Bezug zur realen Welt mit dem Tod seines Hundes verliert und ab diesem Zeitpunkt -Shakespeare-Zitate auf den Lippen, mordet? Das gute daran: Jeder muss es für sich selbst ergründen. Und am Ende steht nur eine Sache mit einem klaren Ausrufezeichen: Wir alle finden uns an irgendeiner Stelle des Romans selbst wieder. Daher mein Fazit: Ein Meisterwerk!
tedesca zu »Gerard Donovan: Winter in Maine« 03.01.2011
Ein frustrierendes Buch! Was mich so gestört hat, war, dass der Ich-Erzähler so garnichts über seine Motivation berichtet. Natürlich, jemand hat seinen Hund erschossen und er ist traurig, und irgendetwas "begleitet ihn in sein Haus", aber das rechtfertigt doch nicht, dass er einfach losgeht und völlig emotionslos in der Gegend herumballert. Das war für mich nicht nachvollziehbar. Auch diese Aussage, dass Julius erst jetzt begriff, was "tot" bedeutet, fand ich so nicht gerechtfertigt. Immerhin hatte er bereits Vater und Großvater verloren und gut 20 Jahre völlig allein in der Wildnis gelebt.

Gut geschrieben ist das Buch, das muss man unbedingt sagen. Sprachlich hat es mich sehr beeindruckt, und auch die Art, wie die Famlien- und Liebesgeschichte erzählt wird, ist ganz besonders. Trotzdem hat es nur eine Leere hinterlassen, nichts für mich Greifbares. Aber vielleicht ist auch gerade DAS die Abschicht des Autors, diese irgendwie wertfreie Betrachtung mit allen Konsequenzen, wobei ich mich dann frage, warum er ausgerechnet die Ich-Form für die Erzählung gewählt hat.
Marv zu »Gerard Donovan: Winter in Maine« 31.12.2010
Ich habe mir Gerard Donovans ‚Winter in Maine‘ aufgrund der überwiegend positiven Kritiken u.a. auf der Krimi - Couch gekauft. Nach der der kurzweiligen Lektüre bin ich jedoch etwas enttäuscht. In der Tat ist es gut geschrieben. Aufgrund der ‚Ich‘-Perspektive, des Buches, hatte ich jedoch ein störendes Gefühl. Julius Winsome wird im Roman als zwar belesener, nichtsdestotrotz einfacher und naiver Mensch beschrieben. Die Charakterisierung der Person passt hierdurch für mich nicht zum Stil und Sprache des Buches.
Ein weiteres Störgefühl entstand aus der Tatsache dass und mit welcher Wilkür Julius Winsome tötet. Zwar wird die Isolation, der Verlust und die Trauer durch die Ermordung seines Hundes nachvollziehbar, doch hätten seine literarische Erziehung und vor allem die Lebenswege seines Vaters und seines Großvaters ein anderes Handeln erwarten lassen.
In Summe ein gut geschriebenes Werk mit mehreren Störgefühlen, ein empfehlenswertes Buch, jedoch keine Pflichtlektüre oder gar ein Meisterwerk.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Mimizu zu »Gerard Donovan: Winter in Maine« 19.12.2010
Für dieses Buch habe ich kein Lesezeichen gebraucht...Die einfache mühelose Sprache ist mutig und überraschend-ganz ohne Verwirrungen und Komplotte. Mich hat die philosophische Einbeziehung der Natur sehr angesprochen, man wird danach die Wildnis mit anderen Augen sehen, aber das überlässt der Schriftsteller auch an vielen Stellen gerne dem Leser, was ich so wunderbar fand. Diese Präzision so gezielt und "scharf" zu schreiben wie Julius abdrückt ist herausragend und macht das Buch zu einem besonders gelungenen Bespiel dem Leser die Spannung nicht aufzwingen zu wollen und dennoch ist dieses Buch das spannendste was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Dieses Buch wirkt und wirkt und wirkt tagelang nachdem man es zugeschlagen hat und dies ist für mich die wahre Kunst des Schreibens.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Zitrone zu »Gerard Donovan: Winter in Maine« 07.10.2010
Eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe. Es ist besonders etwas für Tierfreunde. Ich konnte mich sehr gut in die Rolle des Protagonisten hineinversetzen. Jeder, der ein geliebtes Haustier auf so eine Art verliert, hat doch Rachegedanken. Oder man ist kein Tierfreund.
Ich hätte das Buch noch tagelang weiterlesen können, und fand es schade, daß es nur so wenige Seiten hat. Leider hatte ich es schon nach 2 Tagen durch, gute Leser schaffen es wohl an einem Tag.
Nur das Ende fand ich etwas unrealistisch, vielleicht aber auch nur deshalb, weil ich mir einen anderen Schluss gewünscht hätte.
marieannette zu »Gerard Donovan: Winter in Maine« 15.08.2010
Dies ist eine Geschichte, die einen unvermittelt und mit voller Wucht ins Herz trifft und in ihren Bann zieht! Sie ist ein wahres Juwel, ein Kleinod, in einer wunderschönen Sprache geschrieben, traurig und spannend zugleich. Selten habe ich ein Buch gelesen, das ich nicht mehr aus der Hand legen konnte! Es ist eine Geschichte über Liebe, Verlust und Einsamkeit, die Geschichte eines Mannes, der sich in seiner Vergangenheit verliert und für den die Gegenwart nur noch aus Verbitterung und Rachegefühlen besteht.Leser, die meinen, daß diese Geschichte nicht stimmig und realistisch ist und ihr Protagonist - nach ethisch-moralischen Aspekten betrachtet - eine humanere Lösung seiner Probleme hätte finden müssen, haben diese Geschichte einfach nicht verstanden!!
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