Vagabond von Gerald Seymour

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel Vagabond, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Suhrkamp.

  • London: Hodder & Stoughton, 2014 unter dem Titel Vagabond. 498 Seiten.
  • Berlin: Suhrkamp, 2017. Übersetzt von Zoë Beck. ISBN: 978-3518467428. 498 Seiten.

'Vagabond' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

»Vagabond« ist der Deckname eines britischen Geheimagenten, der in Nordirland brutale Operationen gegen die IRA durchgeführt hat. Ausgebrannt zieht er sich für lange Jahre in die Normandie zurück und verdient seinen Lebensunterhalt als Touristenführer an den Invasionsstränden. Aber seine ehemaligen Vorgesetzten wollen ihn nicht ganz vom Haken lassen und zwingen ihn in eine MI-5-Aktion zurück: Er soll den Aufpasser für einen vom Geheimdienst erpressten Waffenhändler spielen, damit Waffenlieferungen aus Russland an die letzten, vom Friedensschluss frustrierten IRASplittergruppen unterbunden werden. Das erzählt man Vagabond zumindest, der gute Miene zum fiesen Spiel machen muss. Zudem droht seine Vergangenheit ihn einzuholen. Aber nicht nur sein Schicksal steht auf der Kippe in einer Welt, in der das Gestern keine Ruhe gibt und die Gegenwart extrem gefährlich ist. Realpolitik nimmt wenig Rücksicht auf Menschen, das ist klar wie Salzsäure.

Das meint Krimi-Couch.de: Außergewöhnlicher und lesenswerter Agententhriller 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Danny Curnow, früher Desperate, Rufzeichen Vagabond, war der beste Geheimagent im Kampf gegen die IRA. Doch der britische Führungsoffizier hat sich mit seinem damaligen Partner Dusty Miller längst zur Ruhe gesetzt, führt nun Touristen zu den Schlachtfeldern in der Normandie. Aber die Vergangenheit holt ihn ein, genauer gesagt sein ehemaliger Chef.

Dieser zwingt ihn zu einem letzten Einsatz für den MI-5. Während die Friedensbemühungen leidlich halten, versuchen sich einige IRA-Anhänger zu bewaffnen. Wenn erst wieder ordentliche Waffen zur Verfügung stehen, werden sich schon Kämpfer finden, so die Hoffnung von Malachy Riordan, dessen Vater im Kampf gegen die verhassten Engländer starb.

»Wer glaubt, Nordirlands Probleme lösen zu können, hat keine Ahnung.«
»Jedes Mal, wenn wir eine Lösung finden, ändert jemand die Aufgabe.«

Ralph Exton, ein inzwischen eher erfolgloser Händler für alles, soll einen entsprechenden Waffendeal mit Timofei Simonow, einst für den russischen Militärnachrichtendienst GRU tätig, einfädeln. Man kennt sich von früher. Die britische Geheimdienstagentin Gaby Davies soll den Einsatz zur Verhinderung des Waffendeals leiten und da ihr Partner wegen eines Nervenzusammenbruchs ausfällt, soll Vagabond aushelfen. Während Davies versucht, entsprechend den neuen Regeln zu spielen, ist Vagabond ein Kämpfer der alten Schule. Die Zusammenarbeit gestaltet sich schwierig und dann stellt sich heraus, dass das eigentliche Zielobjekt gar nicht Malachy Riordan heißt …

Gerald Seymour eine Entdeckung? Nein – man hatte ihn nur vergessen!

Gerald Seymour, Jahrgang 1941, ist in Deutschland kaum bekannt. Dabei hat der im englischsprachigen Raum hoch angesehene Thriller-Autor schon jetzt ein Lebenswerk vorzuweisen, von dem die meisten Autoren nur träumen können. Anfang dieses Jahres erschien in Großbritannien »A Damned Serious Business«, sein bereits 39. Roman. Und was passiert in Deutschland? Fast zwanzig Jahre ist es her, dass zuletzt ein Roman von Gerald Seymour übersetzt und veröffentlicht wurde. Die Übersetzung stammt übrigens von Zoe Beck und Andrea O’Brien. Schön, dass Thomas Wörtche den vorliegenden Band im Suhrkamp Verlag herausgegeben hat.

»Vagabond« ist jedoch nicht für jeden Leser von Polit-Thrillern geeignet. Denn wer vor allem auf reichhaltige Action-Sequenzen hofft, der liegt hier völlig falsch. Ganz im Gegenteil: Gerald Seymours Roman ist eher ein Beispiel für das neue Modewort »Entschleunigung«. Mitwirkende sind zwei Kämpfer der IRA, zwei ehemalige Mitarbeiter des GRU, zwei Agenten des MI-5 im Einsatz (Davies, Vagabond), deren Chef und dessen Mitarbeiterin, der »Lockvogel« Ralph Exton, Vagabonds früherer Partner Dusty Miller …und an dieser Stelle kürzen wir mal mit einem Punkt ab.

»Manche im County verabscheuen das Abkommen und wie die alte IRA jetzt in der Regierung sitzt, aber es heißt, sie sind nicht bereit, den bewaffneten Kampf wiederaufzunehmen. Er versucht, diejenigen in der Gemeinde zu finden, die das nicht glauben. Die ihr Leben und ihre Freiheit riskieren. Niemand will aus dem Schatten treten und sich auf einen Verlierer einlassen, aber wenn es neue Gewehre gibt, panzerbrechendes Zeug, Sprengstoff und Zünder, dann kommen auch die Rekruten.«

Alle mitwirkenden Akteure werden ausführlich vorgestellt. Nicht nur ihre Rolle in der Gegenwart, sondern vor allem ihre Geschichten. Was haben sie erlebt umso zu werden wie sie heute sind? Was treibt sie an? Und selbstredend steht wie bei jedem guten Agententhriller die große Frage im Raum, wer hier mit welchen Tricks spielt? Denn um die vermeintliche Waffenlieferung der Russen an die IRA-Kämpfer geht es nicht, so viel verrät schon der Text auf der Buchrückseite.

Zwischen den zahlreichen Protagonisten gibt es ebenso viele Szenarien-Wechsel und Rückblenden. Man muss teils hochkonzentriert sein, um alles mitzubekommen. Die Auflösung, warum und von wem das ganze »Schmierentheater« inszeniert wurde, ist großes Kino; das Ende, hinsichtlich der Frage nach Überlebenden, mehr als offen. Dazu flutet der Autor seine Leser mit enormem Detailwissen; unter anderem über die Arbeit der Geheimdienste. Die Handlung spielt übrigens hauptsächlich in Irland und der Tschechischen Republik. Wer es gerne anspruchsvoll und ruhig (!) hat, der greift hier unbedingt zu. Zu wünschen wäre – Autor wie Lesern -, wenn weitere Übersetzungen folgen würden.

Jörg Kijanski, Februar 2018

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