Ouvertüre um Mitternacht von Gerald Kersh

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

. 249 Seiten. ISBN-10: 3927734381, ISBN-13: 978-3927734388.

'Ouvertüre um Mitternacht' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Die Stimmung in der Londoner Bohème-Bar »Bacchus« ist getrübt. Nicht nur weil Hitler ganz Europa in einen Krieg stürzen will. Viel schwerer wiegt die grausame Ermordung eines zehnjährigen jüdischen Mädchens aus der Nachbarschaft und der Verdacht, dass der Mörder höchstwahrscheinlich einer der Stammgäste ist. Die Polizei tappt im Dunkeln. Detective Inspector Dick Turpin spult sein Routineprogramm herunter, doch das ist der exzentrischen Powerfrau und eigensinnigen Sozialreformerin Asta Thundersley nicht genug. Sie ermittelt auf eigene Faust und beschließt, dem Täter eine Falle zu stellen …Gerald Kershs grandiose Mixtur aus Polizeiroman, Psychothriller und nihilistischem Noir zählt zu den Klassikern des Genres. Er erzählt von gescheiterten Existenzen und den Tücken des Lebens und veranschaulicht, wie viele Verlierer für einen Gewinner auf der Strecke bleiben.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Blick zurück mit dem Wissen der Geschichte« 80°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Gerald Kersh starb vor über 40 Jahren, 1968. Der Roman Ouvertüre um Mitternacht entstand etwas mehr als 20 Jahre vor seinem Tod, auf dem Gipfel seiner Schaffenskraft. Kersh war zu dieser Zeit bereits ein reicher Mann, mit Mitte 30 ein Bestsellerautor. Doch die 20 Jahre, die ihm noch zu leben blieben, sollten ausreichen, um ihn vollkommen verarmt sterben zu sehen.

Mit diesem Wissen über den Autor könnte man heute den Eindruck gewinnen, Kersh nähme mit seinen Romanen das eigene Schicksal mehrfach vorweg. Seine Geschichten sind randvoll geladen mit irgendwie gescheiterten und gestrandeten Existenzen. Jede davon hat irgendeine Nische gefunden, in der sie das Leben ertragen kann. Und aus dem Zusammenspiel ergeben sich die Spannungen, die für die besondere Würze sorgen und seine Romane lesenswert machen.

So auch Ouvertüre um Mitternacht. Man merkt dem Roman zwar schon allein durch seinen Aufbau an, dass er nicht mehr als zeitgenössisch herhalten kann. Doch gerade dieser Aufbau und die Genialität, mit der Kersh seine Leser mit auf eine Zeitreise nimmt in das London zwei Jahre vor und zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, machen diesen Roman gerade heute besonders lesenswert.

Zehn Jahre – doch die Welt ist eine andere

Kersh beginnt seine Erzählung um die Gäste der Bacchus Bar im Jahr 1947 und macht gleich klar, wie sehr sich die Dinge geändert haben:

»Kaum jemand von der alten Truppe geht noch in die Bacchus Bar, wenngleich sie fünfundzwanzig Jahre lang einer der drei beliebtesten Treffpunkte Londons war.«

Nur noch Catchy Dory besucht den Laden regelmäßig, eine seelisch labile Frau, die in den letzten zehn Jahren ihre Attraktivität verloren hat. Kersh stellt sie uns vor, so wie sie damals – 1937 – war und so wie sie nun ist.

Und dann nimmt Kersh uns mit in ihr Zimmer, dass sie seit einiger Zeit nicht mehr zahlen kann und stellt uns ihre Vermieterin, die Witwe Sabatani, vor. Sie verlor vor zehn Jahren ihre neunjährige Tochter, die von einem Triebtäter umgebracht wurde, und kurz später ihren Mann, der den Kummer nicht ertragen konnte. Und weil Catchy damals so um die beiden trauerte, bringt sie es nicht übers Herz der säumigen Mieterin zu kündigen. Stattdessen unterhalten sich die beiden regelmäßig und da kommt ihr Gespräch auf Asta Thundersley. Asta? Wer ist das? Nun, Kersh wird es uns sogleich erzählen, von ihrer Extrovertiertheit, ihren Freunden und dem, was sie damals getan hat. Als die kleine Sonia Sabatani ermordet wurde.

Denn Asta war es nicht genug, was die Polizei damals in Sachen Verbrechensbekämpfung unternahm. Ihr war klar, dass der Täter aus dem Kreis der Stammgäste der Bacchus Bar kommen musste. Deshalb veranstaltete sie eine Party in der Hoffnung, dort den Mörder zum reden zu bringen.

Was damals für Gänsehaut sorgte

Nachdem uns der Autor alle möglichen, schrägen Typen vorgestellt hat, wechselt die Perspektive auf einmal zum Mörder, der von ihm zunächst noch nicht enttarnt wird. Er ist zunächst einmal einfach »der Mörder«. Bis hierhin hat man beinahe gar nicht gemerkt, wie elegant der Autor mehrfach in der Zeit hin und her gesprungen ist. Aber plötzlich ist diese Spannung da, die damals den Lesern den Atem raubte. Selbst heute noch ist es verblüffend, wie einfach und doch meisterhaft der Autor hier für Nervenkitzel sorgt. Immer wieder lesen wir die kranken Gedanken des Mörders, der sich teilweise zum Führer und »Heilsbringer« berufen fühlt, um dann aus Perspektive von Asta wieder alle möglichen Gäste reden zu hören. Wer könnte der Täter sein? Selbst in dem Moment, wo er beinahe seine Tarnung auffliegen lässt, schnürt es einem vor Spannung die Kehle zu.

Ouvertüre um Mitternacht ist brillant und ideenreich. Bis zum Ende ist diese Mischung aus Gesellschaftsstudie und Psychothriller ein Pageturner, der sich auch nach 60 Jahren nicht verstecken braucht. Um so schwerer fällt es sich vorzustellen, das ein so grandioser Autor noch so tief abstürzen kann wie Kersh. Und das macht seine Beschreibung der Looser in den Bars von London umso interessanter, da man die Figuren so deuten könnte, dass Kersh sein eigenes Schicksal damit vorwegnahm.

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