Kein Weg zurück von George P. Pelecanos

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel The way home, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei rororo.

  • New York: Little, Brown, and Company, 2009 unter dem Titel The way home. ISBN: 978-0316156493. 323 Seiten.
  • Reinbek b. Hamburg: rororo, 2010. Übersetzt von Anja Schünemann. ISBN: 978-3-499-25427-7. 399 Seiten.

'Kein Weg zurück' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Wer einmal lügt: Christopher Flynn ist schon einmal auf die schiefe Bahn geraten. Diesmal will er alles richtig machen. Job, Beziehung. Zunächst läuft alles gut. Bis er eines Tages mit seinem Freund Ben in einer alten Villa auf eine Tasche voller Geld stößt. Ben will es klauen, Christopher widersteht. Doch als das Geld verschwindet, steht Christopher plötzlich alleine da. Niemand glaubt ihm, auch die Besitzer des Geldes nicht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Was ein Mann tun muss , muss ein Mann tun« 65°

Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen

Mit kleinen Lügen fängt es an, dann gesellen sich größere hinzu und schließlich münden sie in jene, denen man von weitem ansieht, dass sie die Unwahrheit nur in Worte kleiden. Erst Recht, wenn sich die Hoffnung auf ein besseres, ein rebellisches, ein freieres Leben dahinter versteckt.

Chris Flynn befindet sich nach zahlreichen Autodiebstählen und nach dem Besitz von Marihuana zu zahlreichen Sozialstunden verurteilt wegen eines gewalttätigen Übergriffs in der Jugendstrafanstalt Pine Ridge. Einem Ort, der mit Nato-Draht abgesichert ist und von dem sich rechtschaffene Bürger versprechen, dass er Jugendliche, die auf die schiefe Bahn abgedriftet sind, zurück auf den Pfad der Tugend weist.

Wenn Thomas Flynn und seine Frau Amanda ihren Sohn dort besuchen, um nachzufragen, wie es ihm geht, erfahren wir, dass die Mutter nach der frühen Geburt und dem Tod ihrer Tochter Kate »ihre Eizellen als verdorben« ansieht. Ein Vorstadtdrama entspinnt sich, das dem guten Willen unterliegt, das Leben meistern zu wollen.

Wir befinden uns mitten im Klischee. Da der durch die Pubertät ziellose, alle guten Ratschläge ausschlagende Sohn, der vorm Gesetzesbruch nicht zurückschreckt, dort die überforderten Eltern und die Versuchung. Nach Abbüßung der Strafe arbeitet Cris bei seinem Vater als Teppichverleger und findet zusammen mit seinem Freund Ben, 50.000 Dollar unter einem Dielenboden. Er nimmt das Geld nicht an sich und hält auch Ben davon ab. Chris scheint geläutert zu sein.

Es könnte alles gut gehen. Chris hat seine Lektion gelernt, und das schöne Wort von der Rehabilitation besäße eine Daseinsberechtigung. Wäre da nicht Lawrence, der vom Autor bewusst inszenierte Gegenentwurf. Wären da nicht die ungeschriebenen Gesetze jener, die eingesperrt werden, damit sie sich bessern. Wären da nicht Sonny und Wayne, frisch aus der Haft entlassen und mit weniger Gefühl für Ehre ausgestattet, die das Geld im Haus einer Immobilienmaklerin versteckt haben. Wir wissen schon bald, das kann nicht gut ausgehen.

Einer der Jungen wird sein Leben lassen.

Der 1957 in Washington D. C. geborene George Pelecanos arbeitet als Co-Autor an der Fernsehserie »The Wire« mit und wurde 2004 mit dem Deutschen Krimipreis für Schuss ins Schwarze & Eine süße Ewigkeit ausgezeichnet. Er versammelt in diesem Thriller eine Vielzahl Menschen mit gutem Willen um sich, stattet sie mit einer klischeebehafteten, harten Vergangenheit aus und bringt einen Entwicklungsroman zustande, bei dem stets klar umrissen ist, wie hart das Leben zuschlagen kann. Niemand ist ohne Schatten, doch hinter jedem steht der Wille, sein Schicksal in die Hand zu nehmen.

Nachdem es zum Showdown kommt, die Rückgabe des Geldes einzig und allein dazu dienen soll, die Dinge ein für alle Mal zu regeln, rät der Vater dem Sohn , die Polizei einzuschalten.

»Tu es, Sohn. Du musst tun, was richtig ist.«
»Das versuche ich ja, Dad.«
»Ich weiß. Du hast es die ganze Zeit versucht. Es tut mir leid, dass ich an dir gezweifelt habe.«
»Vergiss das alles«, erwiderte Chris. »Das ist Schnee von gestern.«

Familienzusammenführung á la Pelecanos. Kein Weg zurück erscheint einem weniger als Thriller als ein Jugendbuch, das aus der Bahn geworfenen Jugendliche warnen soll, was das Leben alles für einen bereit hält, wenn sie sich den Spielregeln beugen. Doch selbst, wenn man es bis ans rettende Ufer schafft:

Hätte Chris in die Zukunft blicken können, dann hätte er viel Glück und Freude in seiner Familie gesehen, berufliche Erfüllung, aber auch niederschmetternde Enttäuschungen, Reue und Alter. Er hätte seine Mutter gesehen, wie sie, allein und plötzlich gealtert, in ihrem Zimmer den Rosenkranz betete. Er hätte seinen Vater gesehen, der mit kaum fünfundfünfzig im Leichenschauhaus lag, das Gesicht vom Glas der Windschutzscheibe zerschnitten, mit einem unglaublich hohen Alkoholpegel verunglückt.

Es ist also nicht einfach mit dem Leben. Selbst wenn man das Beste daraus machen will.

Wobei der Originaltitel The Way home die Geschichte besser beschreibt, als der didaktische, deutsche Titel Kein Weg zurück.

Wolfgang Franßen, Juni 2010

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