Die Hölle an der Ruhr von Gaston Leroux

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1918 unter dem Titel Rouletabille chez Krupp, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Conte.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Ruhrgebiet, 1910 - 1929.
Folge 6 der Joseph-Rouletabille-Serie.

  • Paris: Lafitte, 1918 unter dem Titel Rouletabille chez Krupp. 246 Seiten.
  • Saarbrücken: Conte, 2010. Übersetzt von Saskia Biebert. 170 Seiten.

'Die Hölle an der Ruhr' ist erschienen als

In Kürze:

An der Front des ersten Weltkriegs erfüllt der französische Journalist Rouletabille als einfacher »poilu« seine vaterländische Pflicht. Erst ein Geheimauftrag des Nationalen Sicherheitsrats ermöglicht es ihm endlich, seine verborgenen Talente zum Einsatz zu bringen. Kriegsgegner Deutschland hatte den Wissenschaftler Fulber zu Krupp nach Essen entführt, um die Wunderwaffe Titania, ein Riesentorpedo, zu entwickeln und damit den Krieg zu entscheiden. Rouletabille muss das verhindern. Er schleust sich und zwei Freunde »undercover« an die Schlüsselstellen im Ruhrgebiet ein. Sein ausdrücklicher Auftrag lautet, Fulber und seine Familie zu befreien – oder zu töten. Hauptsache, das Geheimnis der Titania fällt nicht in deutsche Hand. Die Aktion scheint zu gelingen. Doch bevor die geplante Flucht nach Holland beginnen kann, ist Rouletabille gezwungen, Fulbers Tochter zu töten. War Sie die echte Nicole? Und wenn nicht, wer ist es dann? Die Handlung überschlägt sich.

Das meint Krimi-Couch.de: »Brennt Paris?« 87°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Gaston Leroux auf sein vermutlich berühmtestes Buch Das Phantom der Oper zu reduzieren täte ihm Unrecht. Denn in seinem ziemlich umfangreichen literarischen Schaffen finden sich einige bemerkenswerte Bücher. Wie die Reihe um den Journalisten Joseph Rouletabille, jenen agilen und schlauen Tausendsassa, der seine Fähigkeiten in sieben Romanen zur Schau stellen durfte. Gleich bei seinem ersten Auftritt 1907 in Das Geheimnis des gelben Zimmers (Le mystère de la chambre jaune) durfte er ein kniffeliges »locked room mystery« lösen. Er tat das mit Eleganz und Grandezza und Kurt Tucholsky, dem’s ausgezeichnet gefiel, hatte keine Scheu in seiner Rezension (Die Schaubühne, 29.03.1917, Nr. 13, S. 303) zu »spoilern« bis die Schwarte kracht; d.h. der Täter noch vorm Lesen enttarnt ist.

Wenige Monate nachdem Kurt Tucholsky sich »im Felde« mit Leroux´ Erstling amüsierte, agierte Rouletabille sogar höchstpersönlich hinter den feindlichen Linien. Zwischen September 1917 und März 1918 erschien sein bemerkenswerter Ausflug hinein ins Herzen des Ruhrgebiets in der Monatszeitschrift »Je sais tout« (»Ich weiß alles«). Dorthin, wo Krupp noch dominierender als der Kaiser herrschte.

Bemerkenswert schon deshalb, weil Die Hölle an der Ruhr (Rouletabille bei Krupp) erst im Jahr 2010 zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht wird. In populärkulturellen Werken schlecht wegzukommen, scheint in Deutschland vielfach Magengrimmen und Ignoranz auszulösen. Noch 1988 wurde in »Die Hard« (»Stirb langsam«) die deutsche Herkunft der Schurken so konsequent ausgemerzt, dass die Erzählperspektive gebeugt und unbeholfen mit Lügen verziert werden musste. 1917 ist »Fritz« der Erzfeind und wird angeführt von einem teuflischen Kaiser, der in den Fabrikhallen Essens, zwischen Hochöfen und kriegsgefangenen Zwangsarbeitern einen höllischen Auftritt hinlegen darf. Wilhelm Zwo als Kastenteufelchen in der industriellen Hölle an der Ruhr, dazu Rouletabille als ironisch-wütender Beobachter, ergibt antideutsche Propaganda reinsten Wassers. Die man einfach mögen muss.

Doch wieso wurde Rouletabille überhaupt von der Front abberufen und befindet sich nun mitsamt dem tapsigen, aber bärenstarken Gehilfen La Candeur als Kriegsgefangener in einer Essener Nähmaschinenfabrik?

Ganz einfache Antwort: Paris steht vor der kompletten Auslöschung. Haben doch die Deutschen den Ingenieur Theodore Fulber, samt Tochter und Schwiegersohn in spe, entführt. Jenen Fulber, dessen Erfindung kriegsentscheidend sein kann. Eine Rakete namens »Titania«, die u.a. mit Radium bestückt, von solcher Sprengkraft ist, dass ganze Metropolen in Schutt und Asche gelegt werden können.

Also heißt es schnell handeln, bevor ein riesiges Kanonenrohr gen Paris gerichtet wird. Und wer ist besser geeignet, die drohende Gefahr zu eliminieren, als unser smarter Held Rouletabille mit seinen Helfern? Also lässt er sich gefangen nehmen und gelangt prompt in jene Fabrik, in der die »Titania« auf ihre Fertigstellung wartet. Was er um jeden Preis verhindern soll: und sei es Fulber und seine Familie zu töten. Rouletabille tut natürlich sein Bestes, damit es nicht so weit kommt…

Eine Bombe/Rakete, die eine ganze Stadt und ihre Bewohner auslöscht, als kriegsentscheidendes Moment – man könnte Leroux geradezu als Visionär rühmen. Insbesondere die Bestückung der »Titania« mit Radium lässt Vorahnungen auf Hiroshima und Nagasaki zu. Beiläufig und erschreckt nimmt man diesen Weitblick beifällig zur Kenntnis; doch natürlich geht es in Leroux´ Roman nicht um eine düstere, fiktionale Zukunftsdeutung, sondern um eine große, extrem gefahrvolle Herausforderung, der sich ein Held stellen muss. Und Rouletabille tut das mit Bravour.

Alles an Die Hölle an der Ruhr ist groß: die Bedrohungen, die Gefühle, der satanische Kaiser, die Fabriken, der Edelmut und natürlich die Hauptfigur; jener herausragende Journalist, der eher wie eine Mischung aus Sherlock Holmes und Fantomas daherkommt, binnen kurzer Zeit zum Liebling der Essener Chefetage heranwächst und sich – obwohl in Kriegsgefangenschaft – durch die streng(?) bewachten Fabrikhallen bewegt, als hätte er einen Universalschlüssel samt Unbedenklichkeitsausweis. Dazu noch zwei schlagkräftige und effektive Helfer, von denen vor allem der ungeschlachte und – gegen den Strich gebürstet – ängstliche Riese La Candeur für die komischen Zwischentöne zuständig ist.

Wobei »Zwischentöne« nicht ganz zutrifft: Wäre Die Hölle an der Ruhr ein Gemälde, bestände es aus breiten, aber scharf gezogenen Pinselstrichen. Man merkt dem Buch seine Herkunft an; nicht weil die Brüche, die dem Seriencharakter geschuldet sind, unerwartet und störend auftauchen, sondern weil die Handlung, nach gemächlichem Beginn, vorm Klippensprung in die nächste Gefahrenzone kurz ausharrt.

Krimiunterhaltung vom Feinsten: spannend, witzig, abenteuerlich und von einer sprachlichen Kraft, die in entscheidenden Momenten über die bloße Kolportage hinausweist. Man lese nur die Passagen in denen Leroux Arbeitsabläufe beschreibt, das Ruhrgebiet skizziert, wie er mit wenigen Sequenzen Verständnis für Nicole Fulbers zwischen Ohnmacht und Wahnsinn getriebenen Verlobten Serge Kaniewsky erzeugt, oder den deutschen Kaiser dämonisiert, als wäre er aus Hieronymus Boschs »Garten der Lüste« ins »Eisenwalzwerk« Adolph Menzels einmarschiert.

Gelegentlich finden sich sogar Momente der Nachdenklichkeit, wenn auch garniert mit reichlich Zynismus. So begegnen wir einem Rouletabille, der sich verzweifelt fragt, ob er auch den richtigen Menschen umgebracht hat. Wobei die Gewaltdarstellung im Roman von kurzer, aber brachialer Härte ist. Kein Spaß – das wird in jeder Zeile deutlich. Trotzdem schlägt der Held dreimal zu, wenn der erste Hieb nicht fest genug war. Es herrscht Krieg und für Rouletabille und seine Freunde besteht kein Zweifel, dass selbst tödliche Gewalt Mittel zum Zweck ist, wenn man mit dem Tod einzelner die freie Welt, und damit viele Leben, retten kann.

Mag man über den ein oder anderen »Regio«-Krimi des Conte-Verlags vortrefflich streiten; was die historischen Ausgrabungen angeht, leistet der Saarbrücker Verlag ganz Großes. Die Hölle an der Ruhr ist ein kleines Juwel, das sowohl literarisch wie zeitgeschichtlich interessierten Lesern unbedingt unter den Weihnachtsbaum gelegt gehört. Aber auch, wer einfach einen gut geschriebenen (und augenscheinlich ebenso übersetzten) Roman aus einer Zeit lesen möchte, in der aufrechte Menschen vorbehaltlos mit und gegen ihre (allzu weltlichen) Dämonen kämpften, anstatt sich ihnen jammernd hinzugeben, der wird nicht nur im Winter seine Freude an Rouletabilles Besuch bei Krupp haben. Mag das Buch auch Patina angesetzt haben: sie glänzt!

Jochen König, Dezember 2010

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