Suff und Sühne von Gary Victor

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel Cures et châtiments, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei litradukt.
Folge 3 der Inspektor-Azémar-Serie.

  • Montreal: Mémoire d'encrier, 2013 unter dem Titel Cures et châtiments. 160 Seiten.
  • Trier: litradukt, 2017. Übersetzt von Peter Trier. ISBN: 978-3940435200. 160 Seiten.

'Suff und Sühne' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Inspektor Dieuswalwe Azémar hat keine Wahl: Will er nicht aus dem Polizeidienst entlassen werden, muss er sich der Entziehungskur unterziehen, die sein neuer Vorgesetzter ihm verordnet hat. Sie wird zu einem Gang durch die Hölle. Ausgerechnet in diesem geschwächten Zustand wird er in ein Komplott hineingezogen, das sein Leben und das seiner Tochter bedroht. Die Spuren führen zum UN-Militärkontingent in Haiti. Was steckt hinter dem angeblichen Selbstmord eines Generals? Warum wurde der Sohn einer einflussreichen Unternehmerfamilie entführt? Welche Rolle spielt der Bandenchef mit dem seltsamen Namen Raskolnikow bei alldem? Als der Inspektor begreift, wie alles zusammenhängt, ist er ein weiteres Mal auf seine Beretta und seine Reflexe angewiesen.

Das meint Krimi-Couch.de: Auch der dritte Fall für Inspektor Azémar ist großes Kino 80°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Eine riesige Tarantel hängt an der Decke und greift Inspektor Azémar an. Er durchschreitet die Abgründe seiner Entziehungskur, doch die Alternative wäre die Entlassung aus dem Polizeidienst gewesen. Plötzlich ist Azémar gefordert, seinem gesundheitlichen Zustand zum Trotz. Die junge, bildhübsche Amanda Racelba steht in seiner Wohnung und will Rache für ihren Vater, einen ranghohen brasilianischen General der Vereinten Nationen in Haiti, der vor sechs Jahren Selbstmord beging.

Der Fall ist längst abgeschlossen, doch die Fotos vom Tatort, mit denen Azémar jetzt konfrontiert wird, zeigen detailliert, wie er den General erschossen hat. Azémar gelingt es, die junge Frau zu überwältigen, muss jedoch umgehend die Flucht ergreifen als Soldaten vor seiner Wohnung auftauchen. Sekunden später fällt ein Schuss, die schöne Amanda ist tot und Azémar wird wegen Mordes gesucht.

»Sie werden mir den Mord anhängen. Eine Frau wurde bei mir getötet. In meinem Zustand kann nichts mich entschuldigen. Die gesamte Maschinerie ist gegen mich. Ein guter Anwalt könnte wenigstens plädieren, dass ich unzurechnungsfähig sei, dass ich durch die brutale Kur den Verstand verloren hätte.«

Ein befreundeter Informatiker untersucht die Fotos. Keine Frage, sie sind echt. Azémar kann sich an nichts erinnern. Was geht hier vor? Der Entzug muss fortgesetzt werden, dabei wäre ein Schluck des geliebten Soro genau das Richtige. Azémar gerät in ein grandioses Komplott, einmal mehr auch seine Tochter Mireya in Gefahr. Schnell wird dem Inspektor klar, dass er vor allem eines braucht; seine Beretta.

Schnörkellos legt Gary Victor die Zustände Haitis bloß

Der Sohn eines einflussreichen Industriellen wird entführt. Ein mysteriöser Bandenchef verbreitet Angst und Schrecken. Kriminelle Netzwerke terrorisieren ganze Stadtviertel; Polizei und Politik schauen größtenteils weg, halten lieber die Hand auf. Dazu ein redlicher Inspektor, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt in einem durch und durch korrupten Land. Trotz Entzug und Wahnvorstellungen überzeugt der Inspektor mit den zwei W in seinem Namen (Vorname: Dieuswalwe) auch in seinem dritten Fall, wenngleich er etwas länger braucht, um das unfassbare Komplott zu durchschauen, dem er einst zum Opfer fiel – und immer noch fällt.

»Dreck und Unordnung waren ihm zuwider. Dagegen fühlte er sich im moralischen Gestank wohl, in der Welt der ekelhaften Winkelzüge, der Mogeleien und feigen Kompromisse. Der Kriechgang barg nur eine Gefahr: Der Boden war oft mit Scheißhaufen übersät.«

Temporeich, humorvoll, sozialkritisch und immer aberwitzig. Frei nach dem Motto: Je unwahrscheinlicher, desto realistischer. Der sprachgewaltige Gary Victor benötigt für seinen durchaus komplexen und vielschichtigen Plot nur wenig Platz. Keine 150 Seiten dieses Mal, die beiden Vorgänger waren noch kürzer. Und dennoch sollte man sich von Buchumfang vs. Kaufpreis keineswegs abschrecken lassen.

»Sie sind nicht aus derselben Welt. Oder genauer gesagt sind sie aus derselben Welt. Einer Welt, die Schranken zwischen Menschen errichtet. Einer Welt, in der die Hautfarbe, ein Familienname und eine Ziffernfolge auf einem Bankkonto den ganzen Unterschied ausmachen.«

Als Bonus gibt es noch einige Anleihen aus und Parallelen zu Dostojewskis »Schuld und Sühne«. Der deutsche Buchtitel gibt diesbezüglich ja bereits einen feinen Fingerzeig. Suff und Sühne ist große Literatur und somit gebührt dem kleinen Litradukt-Verlag (dieser ist vor allem spezialisiert auf Haiti) ein großes Lob, dass er diese den deutschen Krimifreunden nicht vorenthält. Festzuhalten bleibt aber ohnehin: Gary Victor ist Kult.

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