Flugrausch von Garry Disher

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Kittyhawk Down, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Unionsverlag.
Folge 2 der Hal-Challis-Serie.

  • Crows Nest: Allen & Unwin, 2003 unter dem Titel Kittyhawk Down. 275 Seiten.
  • New York: Soho Press, 2005. 288 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2005. Übersetzt von Peter Torberg. ISBN: 3293003524. 288 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2007. Übersetzt von Peter Torberg. ISBN: 978-3293203884. 315 Seiten.
  • [Hörbuch] Frechen: Delta Music, 2006. Gesprochen von Volker Niederfahrenhorst. ISBN: 3865382088. 5 CDs.

'Flugrausch' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Als eine männliche Leiche, versenkt mit einem Anker, aus dem Meer gefischt wird, würde Detective Inspector Hal Challis am liebsten den Fall jemand anderem überlassen. Er ist frustriert wegen seiner Liebesbeziehung und zudem genervt von seinen Kollegen bei der Polizei, die er unsauberer Geschäfte verdächtigt. Immer öfter zieht er sich in einen Hangar zurück, wo er an seinem alten Flugzeug herumbastelt und wo auch seine Flugplatzbekanntschaft Kitty arbeitet. Doch dann entdeckt Challis seltsame Luftaufnahmen, die Kitty mit Drogengeschäften und Mord in Verbindung bringen. Der melancholische Hal Challis zögert, ist hin- und hergerissen, bis ihm keine Wahl mehr bleibt: Um weiteres Unglück zu verhindern, muss er eingreifen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Kalkül siegt über Inspiration« 64°

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Der australische Autor Garry Disher ist ein kleines Phänomen: Nicht nur, dass er zu den wenigen wirklich ursprünglichen australischen Krimi-Autoren gehört, die den Weg auf den deutschsprachigen Buchmarkt geschafft haben (im Gegensatz um Österreicher Marcus Starck, zum Schweizer Alex Winter oder zur Deutschen Manuela Martini), er spielt auch gekonnt die Klaviatur der Belletristik in verschiedensten Tonlagen: Kinderbücher, Gangster-Krimis (seine Wyatt-Reihe ist durchaus maßgebend) und eben Polizeiromane. Drachenmann, Vorgänger von Flugrausch, ist der erste Teil einer Reihe um Kommissar Hal Challis und wurde von Presse und Lesern begeistert aufgenommen. Kann Flugrausch nun diese Erwartungshaltung erfüllen?

Inhaltlich passiert auf knapp 300 Seiten gedrängt viel und andererseits doch wenig, um einen roten Faden erahnen zu können: Challis muss sich mit einer Wasserleiche auseinandersetzen, die mit einem Anker in der australischen See versenkt worden ist. Ein Durchgeknallter vergewaltigt Paare(!) auf der Halbinsel, die Hal Challis sein Zuhause nennt. Die Kids nehmen Drogen bis zur Besinnungslosigkeit, seine Frau terrorisiert ihn, er schaltet in seinem Hangar ab und bastelt an seinem Flugzeug und muss herausfinden, dass seine Flugplatz-Nachbarin bei ihren Rundflügen gewaltige Marihuana-Felder abgelichtet hat. Viele kleine, manch größere Verbrechen, viele kleine Schicksale, manch größere persönliche Katastrophen, die Disher zu einem Gesamtbild eines australischen Mikrokosmos zusammenwebt. Doch wieviel haben die Nebenschauplätze mit dem eigentlichen Fall zu tun? Und was ist eigentlich der »eigentliche Fall«?

Dishers Kunst besteht darin, dies alles, die Tragödien auf engstem Raum, versteckt unter dem friedlichen Bild australischer urbürglicher Provenienz, zu einer Gesamtanklage zusammenzuschweißen, was den Leser mindestens so bedrückt wie Protagonist Hal Challis in den Roman startet. Doch macht das einen Roman, der den Vorschusslorbeeren gerecht wird?

Im bemerkenswert informativen Anhang über Autor und Buch – den man mittlerweile von der metro-Reihe gewöhnt ist, dem dennoch aber noch genau so viel Anerkennung wie beim ersten Entdecken gebührt – erfährt der Leser viel darüber, was sich Garry Disher bei Flugrausch gedacht hat und welche Ansprüche er selbst an seine Werke stellt. So ist beispielsweise zu lesen:

»Ein noch so schön-schauriger Plot ist wertlos, wenn der Plot nicht in sich schlüssig und logisch ist. Ein Roman kann sprachlich noch so so gut geschrieben sein oder die Protagonisten noch so viel Identifikationspotential für den Leser liefern, wenn aber die Handlung – ganz gravierend vor allem bei einem Kriminalroman – zu konfus, abstrus und unrealistisch ist, dann krankt der gesamte Roman.«

Letzteres kann man Disher wirklich nicht vorwerfen. Der Plot ist verzwickt und Disher legt genug falsche Fährten – die auch nicht im Nirvana versanden. Eben so, wie man es von einem intelligenten Kriminalroman erwarten darf. Gekonnt fügt er die losen Enden am Ende zusammen und so ist Flugrausch tatsächlich schlüssig und logisch.

Allerdings macht Dishers Statement auch klar, wo seine Prioritäten beim Schreiben lagen und offenbart dadurch, woran der Roman tatsächlich krankt. Seine Figuren bleiben erstaunlich farblos, erwecken auch nicht ansatzweise ein Potential zur Identifikation, in der Konstellation denkt man leider sogar an mental-gestörte Stereotypen: Ein zurückgezogener, introvertierter Kommissar mit Problemen mit seiner (Ex-)Frau, eine karrieristisch-feministische Journalistin, der etwas minderbemittelte, aber ungemein von sich selbst überzeugte Vorstadt-Rambo-Pöbel-Streifenpolizist, das Gewissen in Form einer Gutmensch-Polizistin, die sich gleichwohl um ihre pubertierende Tochter kümmern sollte es aber nicht hinbekommt.

Figuren wie Plot sind absolut nicht typisch-australisch, sondern könnten eins zu eins auch irgendwo an die US-amerikanische Grenze zu Mexiko, nach Sizilien oder die südspanische Küste umgezogen werden. Denn auch da würde Dishers politische Kritik ziehen, aber der Leser lernt: Auch der siebte Kontinent hat ein Problem mit Immigranten und die Jugend fröhnt den gleichen Drogen wie überall auf der Welt, soweit sie es sich leisten kann.

Dazu kommt: Dishers Sprache ist so dermaßen nüchtern, dass dieser Stil nicht bemerkenswert originell oder zum Plot passend beim Leser ankommt, sondern teilweise schlicht paralysiert. Disher selbst sagt dazu:

»Das Schreiben ist gelungen, wenn die Wörter auf den Seiten singen. Dann ist meine schriftstellerische Arbeit von Erfolg gekrönt. Wenn aber die Wörter wie Steine auf den Seiten lasten, dann habe ich mein Ziel verfehlt.«

Ganz so weit will der Rezensent in seinem Urteil dann doch nicht gehen. Aber von »singenden Wörtern« kann nun wirklich keine Rede sein. Höchtens von einem monotonen Singsang. Allein ein Bild wie dem der »singenden Wörter« ist Disher im gesamten Roman nicht gelungen. Dishers Sprache zeichnet sich durch absolute Klarheit, Nüchternheit, Schnörkellosigkeit und durch einen deutlichen Abstand zu Figuren und Plot aus.

Dies unterstreicht zwar Dishers Vorhaben, die Handlung selbst (und damit seine Gesellschafts-Kritik) in den Vordergrund zu stellen, wirkt dann aber doch zu kühl, zu wenig sprachlich kreativ, zu abgeklärt, vielleicht sogar akademisch. Kalkül siegt über Inspiration und man möchte dem Autor zurufen: Garry, schalte für einen Absatz deinen Kopf aus und schreibe einfach mal drauf los.

Wenn so der Lesegenuss an sich dadurch auf der Strecke bleibt, kann der Plot noch so gut gestrickt sein – unterm Strich bleibt ein Roman, der zwar deutlich macht, dass auch die australischen Ödnis nicht von Drogen, Korruption und Gewalt verschont bleibt – und so sich in fast nichts von anderen Weilen großer Industrienationen unterscheidet – der aber auch nicht dazu mitreißen kann, unbedingt mehr von Hal Challis und Co. lesen zu wollen. Da greift man lieber zu Dishers weitaus flotteren Wyatt-Reihe. Flugrausch ist trocken wie der australische Wüstensand. Schade.

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Bartensen zu »Garry Disher: Flugrausch« 02.03.2009
Ein Mann wurde tot mit einem Anker beschwert gefunden. Fotographien von Mariuhana-Plantagen tauchen bei Inspektor Challis Flugkollegin auf. Ein Spanner zwingt Paare zum Beischlaf. Auf einer Party einer Polizistentochter tauchen harte Drogen auf. Ein Baby ist verschwunden, der mutmaßliche Mörder läuft frei herum.

Dies ist nur ein Teil der unzähligen Plotfäden, die sich durch die knappen 300 Seiten von Garry Dishers Flugrausch ziehen. Das ganze passiert im beschaulich-provinziellen Waterloo im Süden Australien. Neben dem melancholischen Inspektor Challis haben noch ein Haufen anderer Polizisten ihren Auftritt, nebenbei ihre Probleme oder werde auf irgendeine Art und Weise in die Geschehen verstrickt. Disher nimmt sich reichlich Zeit diese Personen gründlich und tief gehend zu charakterisieren und lässt sich auch bei den unzähligen Plots Zeit, bis sie ineinander greifen.

Wer Probleme mit Dishers äußerst nüchterner und knapper Erzählweise hat, sollte die Finger von diesem Roman lassen. Die einzelnen Plots wirken unaufgeregt , eine richtige Spannung mag nicht wirklich aufkommen und auch die Auflösung der ganzen Geschehen wirkt kurz, knapp, ein wenig plötzlich und nicht gerade spektakulär. Aber dennoch überraschend.

Flugrausch mag auf den ersten Blick eine graue Maus sein, mir hat der Roman jedoch sehr gut gefallen. Die vielen Plots, die spannenden Charaktere in einem kleinen scheinbar abgeschotteten Universum und das sehr gemächliche Tempo geben Flugrausch eine absolut eigene Atmosphäre.
Heinz Scheffelmeier zu »Garry Disher: Flugrausch« 21.07.2005
Lange habe wahrscheinlich nicht nur ich auf diesen neuen „Disher“ gewartet, - und deswegen womöglich zu viel erwartet. Denn mit dem „Drachenmann“ kann sich Garry Dishers zweiter Kriminalroman um Detective Inspector Hal Challis leider nicht messen. Gleichwohl lohnt sich ein Blick auf „Flugrausch“, die Fortsetzung der Geschichte um den melancholischen Polizisten Challis, der neben der Jagd nach Kriminellen auf der Suche nach Glück und Liebe ist und dabei regelrecht vom Schicksal gebeutelt wird.

Dishers Bild, das er von der australischen Provinz zeichnet, ist desillusionierend: Dieses Provinzleben ist übervölkert von frustrierten, gescheiterten und zerstörten Existenzen. Und einige seiner Durchschnittsaustralier am Rande des Outbacks bewegen sich hier gleichzeitig buchstäblich am Rande der Grenzdebilität, zumindest ist ihre Existenz zersetzt von Langeweile, Alkohol- und Drogenkonsum und der greifbaren Angst vor sozialem Abstieg.

In Dishers kleiner Welt um seine Polizisten im Peninsula District bei Melbourne knistert es vor sozialen Spannungen wie im Brennpunkt eines beginnenden Buschfeuers. Von Beginn an geht es in „Flugrausch“ nicht nur um Mord und Totschlag oder den verschlungenen Wegen eines Drogenhandels. Sicher, es gibt in diesem Kriminalroman eine Menge Tote, doch es sind vielmehr die Nebenhandlungen, die von Bedeutung sind, in denen Neid und Gier (Neid auf den Besitz der anderen, Gier nach schnellem Geld und Sex), in denen der Haß (auf die Einwanderer im Asylantencamp, auf den querulantischen Nachbarn, der sich überall und alles einmischt, auf die Ehefrau, die man am liebsten loswäre) und in denen letztlich zwangsläufig brutalste Gewalt zum Ausbruch kommen ...

Gier, Haß, Gewalt und die Willkürlichkeit des Lebens sind die Existenzgründe der Figuren in Dishers Polizeiroman. Seine Polizisten Hal Challis, Pam Murphy und Ellen Destry wirken wie eine letzte, bröckelnde moralische Bastion vor der völligen Verwüstung dieser kleinen Provinzgesellschaft. Sie sind zwar schwach und nicht gerade unbestechlich, dennoch widerstehen sie. Und nicht zuletzt durchleben Dishers Protagonisten im Staub und Dreck der australischen Einöde jene Lebenslagen, die auch der durchschnittliche westliche Wohlstandsbürger im noch reinlich geleckten Europa durchlebt: Ihr Dasein ist voller Bruchstellen, doch in den existenziellen Brüchen ihrer Biographien sammelt sich der Wüstenstaub und Dreck ihrer Verfehlungen. Pathetisch, ja: Aber in der Schilderung dieser Existenzen liegen eindeutig die Stärken von Dishers Roman.

Dennoch wäre hier noch einiges an diesem Buch einzuwenden. So hätte z. B. die schnoddrige und ungenaue Übersetzung eine kritische Würdigung verdient. Irritierend wirkte auch die Handlung, der es mit ihren zahlreichen Handlungs- und Gedankensträngen lange Zeit an Klarheit mangelt. Doch beinahe störend erschien mir aber im besonderen Dishers seltsame Tendenz, seine wohl erzielten Spannungsmomente ohne Grund (?) schnell und lakonisch abzuflachen. - Wollte er etwa die offensichtlichen Hauptmotive seines Romans nicht vordergründiger Spannung zu opfern?
Trotz dieser Ambivalenzen ist der Rezensent nach diesem mörderischen zweiten Teil der Hal Challis-Serie gespannt auf die Fortsetzung: Wie schon auf dem Titelbild von „Drachenmann“ ist auf „Flugrausch“ eine Wüstenstraße zu erkennen, die sich schnurgerade gen Horizont zieht. – Fraglich nur, wohin uns diese Straße wohl weiterführt?
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