Dirty Old Town von Garry Disher

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel Wyatt, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei Pulp Master.
Folge 7 der Wyatt-Serie.

  • Melbourne: Text Publishing, 2010 unter dem Titel Wyatt. 274 Seiten.
  • Berlin: Pulp Master, 2013. Übersetzt von Ango Laina & Angelika Müller. ISBN: 978-3927734463.

'Dirty Old Town' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Wyatt muss die Ansprüche zurückschrauben und sich mit Klein-Klein begnügen. Ein Juwelenjob erscheint da ganz nach seinem Geschmack nichts Extravagantes, nichts Undurchschaubares, bis auf die Tatsache, dass es Eddie Oberins Job ist und nicht nur Oberin darauf besteht, bei dem Überfall mitzumischen, sondern auch seine Exfrau Lydia Stark, von der das Insiderwissen stammt. Wyatt arbeitet lieber allein, gibt aber grünes Licht, denn sein Plan ist wie immer akribisch vorbereitet. Doch keiner ahnt, dass die ins Visier genommenen Juweliere von ihrem französischen Cousin Alain Le Page mit in Europa gestohlenen Uhren und Schmuck versorgt werden, die sie in Australien mit ihrer legalen Ware tarnen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Preußischer Australier sucht Diebin« 65°

Krimi-Rezension von Tim König

Wyatt ist Berufsverbrecher – und er soll der härteste sein, der kühlste. Eine Legende Australiens und der Kriminalliteratur. In Dirty Old Town, dem neusten in Deutschland veröffentlichten Krimi des creative-writing-Dozenten, Krimi- und Geschichtsbuchautoren Gary Disher, hat er nicht seinen ersten Auftritt. Aber was sich in diesem Krimi bietet, ist eher kleinbürgerliche Rebellion. Pflichterfüllung und Grenzüberschreitung zugleich. Wyatt bringt Preußen nach Melbourne. Wirklich hart ist er dabei aber nicht.

Schmerzfrei

Sprachlich ist das angenehm straight. Das Personeninventar ist durchdacht, die Charakterzeichnungen selten blass. Bis auf kleinere Übersetzungs- und Rechtschreibstolperer flutscht das Buch geradezu durch die Hirnwindungen. Darin liegt sowohl größter Pluspunkt und Makel des Buchs: Es tut nicht weh.

Die Leute, die umgelegt werden, haben eine Geschichte, einen Charakter – trotzdem werden keine Tränen vergossen, wenn es sie erwischt. Der Auftakt etwa ist noch ein schnittig erzählter gescheiterter Diebstahl Wyatts, bei dessen Nachgeschichte allerdings erste Zweifel aufkommen, wie cool das Buch wirklich ist.

Ma, bei der Wyatt nach der Flucht eine neue Waffe besorgen will, ist zwar misstrauisch gegenüber allem und jedem und soll ein harter Hund sein. Deshalb wirkt aber der Versuch, sie sympathisch zu machen ein wenig verzweifelt. Fast, als würde Disher es seinen Lesern nicht zumuten, eine weitere miese Figur vor sich zu haben: Sie wird als frenetischer und bärbeißiger Fußballfan vom Collingwood Football Club dargestellt. Es ist ein billiger Trick, Nebenfiguren Wärme zu verleihen, indem man ihnen Leidenschaften anheftet. Zumindest, wenn es sich um Leidenschaften handelt, die fast so abgedroschen wie in einer unterdurchschnittlichen Tatort-Folge rüberkommen. Das kann geschluckt werden, aber es ist nur der erste einer Reihe altbackener Kniffen, die Disher zuweilen vorführt, um den Leser bei der Stange zu halten. Denn die Handlung selbst reicht dafür einfach nicht aus.

In die Länge gezogen

Der grundlegende Plot dreht sich ebenfalls um einen gescheiterten Überfall, nur, dass mehr Akteure als beim Auftakt mitmischen, aus ca. fünf Perspektiven erzählt wird und Wyatt seine sensible Seite erfährt. Konkret: Einer seiner Informanten und dessen Ex-Frau Lydia Stark wollen mit Wyatt zwei Juweliere und ihren französischen Lieferanten abziehen. Der Informant und sein neues Herzchen Khandi Cane hintergehen Wyatt und schießen Lydia an. Wyatt rettet Lydia das Leben und päppelt sie liebevoll auf, entwickelt ungeahnte Gefühle, die in einem fiesen Cliffhanger münden, der schlecht konzipiert ist. Er macht keine Lust auf das nächste Buch, sondern nötigt, das nächste Buch zu kaufen, um zu erfahren, was sowieso klar ist. Die ganze Lovestory passt nicht zum harten Wyatt und ist behelfsmäßig konstruiert.

Wenn man diesen Ablauf parallel und mit Hintergrundgeschichtchen aus den Blickwinkeln der Juweliere, des Lieferanten, des Informanten, Wyatts und der heruntergekommenen Polizistin Rigby erzählt (den dummen Neffen von Ma, der mitzumischen versucht, mal außen vor gelassen), dann ergibt das die 330 Seiten. Es hätten auch 200 Seiten weniger sein können.

Nerven

Interessanterweise nervt der Text aber immer erst dann, wenn Disher versucht, Aufmerksamkeit zu erzielen; etwa mit Sätzen wie:

»Wenn er nur wüsste, wie viel Zeit ihm noch bliebe.«

Solange der Leser nicht spürt, dass Wyatt unter Druck ist, wird er es auch durch einen dieser Sätze nicht erleben.

Ansonsten geht das Buch aber flüssig runter, wenn es auch Besseres gibt. Das seitenmäßige Übergewicht des Romans weiß durchaus zu unterhalten, wenn man auch den großen Sinn oder nur den Bezug zur Grundhandlung nicht immer direkt findet. Vielleicht sollte man auch einfach nicht zu viel nachdenken, sondern nur den gut lesbaren Stil genießen.

Um einen verregneten Sonntag entspannt und ganz gut unterhalten über die Runden zu bringen, reicht Dirty Old Town aber allemal aus.

Tim König, November 2013

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Anfangsverdacht zu »Garry Disher: Dirty Old Town« 12.12.2014
Es waren dreizehn Jahre Pause zwischen diesem Wyatt-Roman und dem zuvor.
Ich entdecke nur einen Makel und der besteht darin mit keinem Wort die Liebesgeschichte mit der Polizistin zu berühren.
Es ist geradezu unlogisch ihn eine Art Liebe leben zu lassen ohne jegliche Erinnerung.
Ansonsten ist die Geschichte gut und auch viele Figuren des Romans sind herrlich.
Man nehme beispielsweise die Striptease-Tänzerin.
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