Father Browns Einfalt von G.K. Chesterton

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1911 unter dem Titel The Innocence of Father Brown, deutsche Ausgabe erstmals 1927 bei J. Kösel & F. Pustet.

  • London: Cassell & Co., 1911 unter dem Titel The Innocence of Father Brown. 335 Seiten.
  • München: J. Kösel & F. Pustet, 1927 Die verdächtigen Schritte & Die Sünden des Prinzen Saradin. Übersetzt von Hedwig Maria von Lama. 2 Bände. 175 Seiten.
  • Bremen: Jacobi, 1977 Die Einfalt des Pater Brown. Übersetzt von Heinrich Fischer. Großdruck. 157 Seiten.
  • St. Augustin: Richarz, 1983 Die Einfalt des Pater Brown. Übersetzt von Heinrich Fischer. Großdruck. ISBN: 3883451207. 157 Seiten.
  • Zürich: Haffmans, 1991. Übersetzt von Hanswilhelm Haefs. ISBN: 3-251-20116-6. 295 Seiten.
  • Zürich: Diogenes, 2004 Die seltsamen Schritte. Übersetzt von Heinrich Fischer. ISBN: 3-257-23437-6. 259 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Leipzig: Insel, 2008. Übersetzt von Hanswilhelm Haefs. ISBN: 978-3458350286. 355 Seiten.
  • [Hörbuch] Schwäbisch Hall: Steinbach, 2010. Gesprochen von Michael Schwarzmaier. ISBN: 3869740299. 4 CDs.

'Father Browns Einfalt' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Die erste Sammlung der berühmten Father Brown-Geschichten – eine Mischung aus moralischer Erbaulichkeit und klassischer Kriminalliteratur, sehr merkwürdig im Duktus, aber durchaus lesbar, weil mit skurrilen Plots und ungewöhnlichen Wendungen nicht geizend; Chestertons angestaubtes Plädoyer für das letztlich Gute im Menschen bleibt in der Regel erträglich, zumal in den späteren Geschichten der kriminalistische Faktor wohltuend zunimmt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Skurriler Mix aus Krimi-Klassiker und Humanisten-Seminar« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Band I der Father Brown Reihe enthält die Kurzgeschichten:

Das Blaue Kreuz (The Blue Cross)

Hercule Flambeau, König der Diebe, mischt sich in London unter die Teilnehmer eines Eucharistischen Kongresses; Valentin, sein alter Gegner und Chef der Pariser Polizei, ist ihm hart auf den Fersen, um eine wertvolle Reliquie zu retten, deren Hüter, ein kleiner Geistlicher namens Brown, freilich sehr gut selbst auf sich und seinen Schatz aufpassen kann …

Der verborgene Garten (The Secret Garden)

Ausgerechnet im Garten des berühmten Polizeichefs Valentin verliert ein amerikanischer Nabob seinen Kopf; er wird nicht der einzige bleiben …

Die sonderbaren Schritte (The Queer Feet)

Meisterdieb Flambeau sucht sich für seinen neuen Fischzug einen sehr elitären englischen Club aus, in dessen Mauern sich auch Father Brown aufhält …

Die Flüchtigen Sterne (The Flying Stars)

Unter die allzu übermütigen Gäste einer prominenten Weihnachtsgesellschaft mischen sich ein Sozialist, ein katholischer Priester – und Meisterdieb Flambeau …

Der unsichtbare Mann (The Invisible Man)

Ein echter Niemand, von aller Welt übersehen, müsste prinzipiell der perfekte Mörder sein, doch Father Brown blickt wieder einmal tiefer …

Die Ehre des Israel Gow (The Honour of Israel Gow)

Im wilden schottischen Hochland verschwand der exzentrische Earl of Glendyle; in seinem verfallenen Schloss finden Father Brown und sein neuer Freund, der inzwischen zum Detektiv konvertierte Flambeau, höchst rätselhafte Spuren, die eine makabre Geschichte erzählen …

Die falsche Form (The Wrong Shape)

»Ich sterbe von eigener Hand, und dennoch sterbe ich ermordet«, lauten die letzten Worte des verschrobenen Schriftstellers, doch zwei kleine Striche lassen Father Brown glauben, dass die Wahrheit wesentlich profaner ist …

Die Sünden des Prinzen Saradine (The Sins of Prince Saradine)

Flambeau und sein Freund Father Brown unternehmen eine Flusspartie; sie landen in einem Märchenland und geraten in eine sizilianische Blutrache …

Der Hammer Gottes (The Hammer of God)

Den alten Wüstling ereilt das Schicksal, das ihm der fromme Bruder stets prophezeite – mit zertrümmertem Schädel liegt er vor dem Kirchturm, nachdem er offenbar eine fremde Ehefrau zu viel entehrt hatte …

Das Auge Apollos (The Eye of Apollo)

Brandneu ist das Haus, in dem Detektiv Flambeau sein neues Büro eröffnet, da stürzt schon jemand in den Fahrstuhlschacht, als Father Brown seinen Freund besuchen möchte …

Das Zeichen des zerbrochenen Säbels (The Sign of the Broken Sword)

Wo versteckt man ein Blatt? In einem Wald natürlich, doch Father Brown entdeckt, dass sich dieses Prinzip auch auf einen Mord anwenden lässt …

Die drei Werkzeuge des Todes (The Three Tools of Death)

Wurde Sir Aaron Armstrong erschossen, gehängt oder erdolcht?, fragt sich die Polizei; weder noch, meint Father Brown, und setzt aus den Indizien seine verblüffende Lösung des Falles zusammen …

Die nur scheinbar kleine Welt des Father Brown

Gilbert Keith Chesterton (1874-1936), Literat, Sozialreformer, kritischer Mahner seiner allzu korrupten Regierung, Menschenfreund – und geistiger Vater eines klein gewachsenen, aber großköpfigen Männleins, das strikt gegen jedes gängige Helden- Klischee gebürstet wurde und trotzdem – oder gerade deswegen – literarische Unsterblichkeit erlangte: Father Brown (den nur die allzu saumseligen Eindeutscher der Vergangenheit zum »Pater« machten, obwohl dieser Titel doch einem Ordensgeistlichen zukommt, während Brown eindeutig dem Weltklerus angehört – welcher Laie kennt freilich schon den Unterschied?).

Er wurde mit Bedacht bar jedes äußerliche Zuges geschaffen, der ihn als heldenhaften Verteidiger von Recht & Ordnung charakterisieren könnte, denn Chesterton hatte wesentlich Größeres mit ihm vor: Father Brown ist nichts weniger als ein Sendbote, der auf Erden dem Bösen in seinen mannigfaltigen Gestalten nachspürt, um es im Wissen um die göttliche Kraft des Guten in seine Schranken zu weisen. Das muss nicht zwangsläufig mit der Entlarvung eines Schurken enden; recht oft entkommen sie der irdischen Gerechtigkeit, was sie allerdings nicht – da gibt es weder für Brown noch für Chesterton den Hauch eines Zweifels – vor den Schranken des Jüngsten Gerichts retten wird.

Weil er offenen Auges durch diese Welt geht, hat Father Brown viel gelernt über das Wesen des Bösen. Er erkennt es deshalb eher als seine Zeitgenossen, die meist gefangen sind in gesellschaftlichen Konventionen und Denkmustern, die sie schwerfällig und angreifbar werden lassen. Wenn ein Verbrechen geschieht, stürzen sich daher auch jene, die redlich um Aufklärung und Begründung bestrebt sind, stets auf das allzu Offensichtliche. Genau damit rechnet das Böse, und im Windschatten solcher menschlichen Blindheit wächst und gedeiht es.

Father Brown aber blickt tiefer und hinter die Kulissen. Er bringt dafür die besten Voraussetzungen mit, denn er ist Katholik und Priester. In der zynischen Gegenwart des 21. Jahrhunderts verbindet man mit beidem längst nicht mehr Weisheit und Vorbildcharakter, aber Chesterton schuf seinen unheldischen Helden (um einen der Stabreime zu bemühen, die dieser Schriftsteller so liebte) schließlich schon vor fast einem Jahrhundert. Einer dieser hier besprochenen Sammlung dankenswerter Weise angefügten biografischen Skizze können wir entnehmen, dass Chesterton im Katholizismus die beste Möglichkeit sah, die engen geistigen Fesseln jener Epoche zu sprengen, die man die »viktorianische« nennt. Die englische Staatskirche sah er als integrales Element des Establishments, dessen politischen und sozialen Ungerechtigkeiten und Korruptionen er deutlich erkannte, verachtete und bekämpfte. Chesterton trat aktiv, unermüdlich und ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit ein für Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Nächstenliebe – nicht zwangsläufig kirchliche, aber christliche Werte, ohne dass ihn dies den scharfen Blick für die Realitäten des Lebens vernebelte. Selbst ist Chesterton übrigens erst 1922 zum Katholizismus übergetreten – da schrieb er schon seit 13 Jahren Father Brown-Geschichten.

Die wurden zwar schon früh und dann immer wieder auch in Deutschland gedruckt, aber das Vergnügen hält sich in der Rückschau in Grenzen. Seit jeher klafft zwischen dem Father Brown, wie Chesterton ihn sah, und dem Pater Brown, der dem deutschen Publikum präsentiert und von ihm aufgenommen wurde, ein breiter Riss. Brown ist eben nicht das pfiffig-fromme Pfäfflein, das zum Wohle des Herrn und zum eigenen kriminalistischen Vergnügen Verbrechen aufklärt, wobei immer genug Zeit bleibt, der überschlauen Polizei oder allzu selbstzufriedenen Kirchenvorderen eine Nase zu drehen – in allen bescheidenen Ehren natürlich, denn Autorität durfte niemals ernsthaft angezweifelt werden. In dieser Hinsicht wurde das Brown-Bild sehr zu seinem Nachteil von zwei seinerzeit ungemein erfolgreichen Kinofilmen geprägt (ein dritter floppte allerdings), in denen Heinz Rühmann die Hauptrolle gab; das öffentlich-rechtliche Fernsehen gestaltet noch heute an kirchlichen Feiertagen gern sein Nachmittagsprogramm damit.

Aber dies war eben nicht Father Brown sondern Pater Rühmann. Ähnlich verfälschend sollen auch die deutschen Übersetzungen ante Haffmans mit dem Father umgesprungen sein, so der strenge Hanswilhelm Haefs in seinen Anmerkungen zur hier vorgelegten Übersetzung, die nicht nur ob ihrer Originaltreue bis auf weiteres als Referenzwerk gelten muss. Wie wir nun erfahren, befleißigte sich Chesterton eines sehr eigenwilligen Stils, den die Thomas Mann-geschulten Teutonen in der Übersetzung »korrigierten« und »aufwerteten«. Haefs rang dagegen mit jedem Wort, ohne freilich dabei zu merken, dass er auf seine Art genauso verbissen wie seine gescholtenen Vorgänger zu Werke geht. Gleichgültig, denn ansonsten gibt hier keine Kompromisse mehr: Die fünf Haffmans- Bände um Father Brown sammeln erstmals und in chronologischer Reihenfolge alle Geschichten, die guten wie die weniger guten, die lehrreich-frommen wie die hauptsächlich unterhaltsamen. Das macht es möglich nachzuvollziehen, wie Chesterton erst allmählich begriff, welche Figur ihm da gelungen war und wie man sie am effektvollsten auftreten ließ. Bis einschließlich »Die Sünden des Prinzen Saradine« findet man die Stories altbacken, steif, übertrieben gleichnishaft und höchstens unter nostalgischen Gesichtspunkten fesselnd. Das ändert sich mit »Der Hammer Gottes«. Nun erzählt Chesterton tatsächlich Kriminalgeschichten, in die er seine Lehre behutsam einfließen lässt. Endlich vermag der Leser nachzuvollziehen, was Father Brown zum Klassiker werden ließ, kommt echte Vorfreude bei dem Gedanken auf, auch zu den nächsten vier Sammelbänden zu greifen.

Da heisst es sich freilich zu sputen. Den Haffmans Verlag deckt längst der kühle Rasen. Die letzten Titel werden jetzt verramscht, was es möglich macht, für den Preis eines Taschenbuches fünf gebundene Father Brown-Bände zu erstehen – eine Gelegenheit, die wohl so schnell nicht wiederkehren wird. Statt dessen gehört das Feld wieder dem Pater Brown, welchen wir mit Haefscher Unterstützung klug Gewordenen nun gar nicht mehr mögen.

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Maxima Mütze zu »G.K. Chesterton: Father Browns Einfalt« 03.01.2013
Die Geschichten um Pfarrer Brown sind nicht einmal annähernd das, was man ihnen bescheinigt, hervorragende Literatur. Ich kann der Sprache Chestertons nichts abgewinnen, er vergisst, das seine Leser nicht seine Gedanken haben. Die Storys sind langatmig, kommen nur schwer in Tritt, finden aber immer eine gute Auflösung. Als Kriminalliteratur würde ich sie nicht bezeichnen, denn es fehlt die Spannung. Von Pfarrer Braun ist nur nebenher die Rede, er ist die Girlande des Ganzen, jedoch nicht der Akteur.
Ohne Heinz Rühmann oder Otti Fischer, gegensätzlicher können die Personen nicht sein, hätten wir keine Vorstellung von dem skurilen Mann, der durchaus liebenswert ist.
Ich glaube, kein Verlag in der heutigen Zeit hätte diese schlechte Literatur in der heutigen Zeit gedruckt.
Wozu die Father Brown Geschichten in den Himmel heben, die Originale sind das nicht wert. Die Idee jedoch gut.
Stefan83 zu »G.K. Chesterton: Father Browns Einfalt« 07.05.2008
Nachdem der Insel-Verlag zuletzt schon Sir Arthur Conan Doyles komplette Sherlock Holmes Geschichten in einer schön ausgestatteten Neuauflage für den eifrigen Krimi-Leser neu zugänglich gemacht hat, folgte Anfang des Jahres 2008 auch die Pater-Brown-Reihe von G.K. Chesterton. Für jeden deutschen Leser wird Pater Brown wohl zumeinst nur aufgrund der Heinz Rühmann-Verfilmungen ein Begriff sein. Das ist schade, denn zwischen den Filmen und der literarischen Vorlage klaffen gewaltige Unterschiede. Gilbert Keith Chesterton, Literat, Sozialreformer und kritischer Staatsbürger des britischen Empire, schuf 1911 den kleinen, frommen Dorfpfarrer, der sich äußerlich so herrlich erfrischend vom gängigen Helden-Klischee abhebt und so gar nicht in das typische Detektivgenre passen will. Brown, dessen Bescheidenheit wohl einer seiner wesentlichsten Züge ist, bleibt bei Ermittlungen stets im Hintergrund, meidet das Licht der Aufmerksamkeit. Vielmehr ist er stiller Beobachter, der seine Vermutungen (wie die Genrekollegen Holmes und Poirot) bis zum Schluss für sich behält, um den Gauner, Schurken, Mörder mithilfe der erdrückenden Beweislast zur Aufgabe zu bringen. Dies geht nicht unbedingt immer mit der Entlarvung oder gar Verhaftung des Bösewichts einher. Wissend um die irdische und göttliche Gerechtigkeit, lässt er auch den oder anderen ziehen, allerdings nicht ohne ihn vorher auf die Konsequenzen des Jüngsten Gerichts hinzuweisen. Als Ansprechpartner und Beichtvater erfährt Brown viel über die Natur des Bösen und er hat gelernt, dass das Offensichtliche nicht gleich immer das Richtige sein muss. Eine These ist schnell aufgestellt, doch bedarf es genauer Beobachtungsgabe, um die einzig wahre Tatsache herauszufiltern. Die Geschichte „Die Ehre des Israel Gow“, in der er mehrere Vermutungen ausspricht und scheinbar völlig zusammenhanglose Dinge in Einklang bringt, um die Hüter des Gesetztes auf die Gefahr eines zu schnellen Schlusses hinzuweisen, ist hierfür ein passendes Beispiel. Ist Father Brown nun spannend? Nicht im eigentlichen Sinne eines Kriminalromans. Vielmehr überzeugen die 12 Geschichten des ersten Sammelbands „Father Browns Einfalt“ mit Witz, Raffinesse, atmosphärischer Dichte und überraschenden Auflösungen. Chesterton muss sich hier nicht hinter den Doyles, Christies und Carrs derselben Epoche verstecken. Insgesamt ein sehr lesenswerter Sammelband, der die originalgetreuste Übersetzung von Hanswilhelm Haefs enthält, und an dem wohl kein Fan des klassischen englischen Krimis vorbeikommt. Meine anfängliche Skepsis ob der eher drollig, tumben Verfilmungen verwandelte sich schon nach wenigen Seiten in schlichte Begeisterung. Besonders „Der verborgene Garten“, „Der Hammer Gottes“ und „Das Zeichen des zerbrochenen Säbels“ ragen hier heraus. Die nächsten Geschichten um den kleinen gewieften Geistlichen und den Meisterdieb Flambeau sind bereits gekauft.
milla zu »G.K. Chesterton: Father Browns Einfalt« 21.03.2005
Kurz und knapp, ein wenig altbacken und schulmeisterlich, das stimmt, so erscheinen die Geschichten um Father Brown, denn die eigentliche Handlung kommt meines Erachtens immer viel zu kurz. So beeindruckend die Personen- und Landschaftsbeschreibungen sind, ich hätte mir noch mehr Details zu dem eigentlichen "Fall" gewünscht und nicht nur die Abfolge Situation-Auflösung, so knifflig sie auch durchgeführt wurde. Meine Favoriten in diesem Buch: Die Sünden des Prinzen Saradine und Das Auge Apollos.
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Gabi zu »G.K. Chesterton: Father Browns Einfalt« 16.11.2004
Wenn man sich mal an den Erzählstil gewöhnt hat, sind die Bücher über Father Brown durchaus empfehlenswert! Father Brown wächst einem tatsächlich richtig ans Herz, man leidet auch mit seinen persönlichen Krisen mit.
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