Der Mann, der zu viel wusste von G. K. Chesterton

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1922 unter dem Titel The man who knew too much, deutsche Ausgabe erstmals 1925 bei Musarion.
Ort & Zeit der Handlung: , 1910 - 1929.

  • London: Cassell & Co, 1922 unter dem Titel The man who knew too much. 307 Seiten.
  • München: Musarion, 1925. Übersetzt von Clarisse Meitner. 484 Seiten.
  • Freiburg; Basel; Wien: Herder, 1960. Übersetzt von Clarisse Meitner. 172 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 1973. Übersetzt von Clarisse Meitner. ISBN: 3-426-00323-6. 155 Seiten.
  • Zürich: Manesse, 2011. Übersetzt von Renate Orth-Guttmann. ISBN: 978-3717522287. 346 Seiten.

'Der Mann, der zu viel wusste' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Brillante Kriminalgeschichten vom Erfinder des beliebten Pater Brown Warum rast der Parlamentsabgeordnete Sir Humphrey Turnbull ungebremst über einen Abhang in den Tod? Was hat der Premierminister mit dem rätselhaften Ableben eines Zeitungsmagnaten zu tun? Horne Fisher ist scheinbar zufällig immer zur Stelle, wenn einflussreiche Persönlichkeiten in kompromittierende Situationen geraten. Gilbert Keith Chesterton erzählt mit feinstem britischem Humor von brisanten Mordfällen unter Aristokraten. Horne Fisher ist der Mann, der zu viel weiß über die dunklen Geheimnisse und illegalen Machenschaften der Upperclass. Im Unterschied zu seinem berühmten Kollegen, dem freundlichen und rechtschaffenen Pater Brown, ist er ein kühler Kopf, ein Zyniker mit besten Verbindungen in Regierungskreise. Von seinen ungeheuerlichen Entdeckungen lässt er sich niemals aus der Ruhe bringen – auch nicht, wenn sie zum Wohle des Landes vertuscht werden. Geriete doch das britische Empire in Gefahr, wenn ans Licht käme, wie sich seine Vertreter aufführen. Die acht Kriminalgeschichten spannen einen Bogen vom noblen Landsitz Torwood Park, wo ein ominöser «Unfall» Horne Fishers Kombinationsgabe erstmals auf die Probe stellt, bis zum einem spektakulären Finale an der Felsküste von Kent.

Das meint Krimi-Couch.de: »Es kann keine Lösungen mehr geben. Gilbert Keith Chesterton begeistert noch heute mit seinem Mann, der zu viel wusste« 92°Treffer

Krimi-Rezension von Georg Patzer

England ist ein geheimnisvolles Land, bodenlos, mystisch, schaurig. Voller Brunnen, die kein Ende haben, und Löcher in den Mauern. Mit Prinzen, die sich unsichtbar machen können, skurrilen Kostümfesten, bei denen Menschen umkommen, und Statuen, die sich rächen. Und einem Mann, der zu viel weiß.

Horne Fisher weiß wirklich zu viel. Verwandtschaftlich ist er mit den oberen Zehntausend verbandelt, mit den Spitzen der englischen Politik vor dem Weltkrieg. »Seine Vettern und sonstigen Verwandten verzweigten sich wie ein Labyrinth über die herrschende Klasse Großbritanniens«. Mit allen versteht er sich gut, mehr oder weniger.

So plauderte er mit dem Kriegsminister über Seidenwürmer, mit dem Bildungsminister über Kriminalromane, mit dem Arbeitsminister über Limoges-Email und mit dem Minister für Missionswesen und moralischen Fortschritt (falls so der korrekte Name lautet) über die ´pantomime boys’ in den Weihnachtsaufführungen der letzten vier Jahrzehnte. Und da es sich bei dem Erstgenannten um seinen Cousin ersten Grades, beim Zweiten um seinen Cousin zweiten Grades, dem Dritten um seinen Schwager und dem Vierten um seinen angeheirateten Onkel handelt,

kennt auch Fisher alle upper-class-Geheimnisse, alle Verwicklungen und Verstrickungen.

 

Andererseits ist er ein krasser Außenseiter, denn er kümmert sich nicht um seinen eigenen Aufstieg, um die Macht, um die Politik, dazu ist er viel zu resigniert:

Er nahm den Premierminister so hin, wie er die Eisenbahn hinnahm – als Teil eines Systems, das zu revolutionieren zumindest er nicht auf die Erde geschickt worden war.

Dabei wäre es dringend nötig gewesen, denn nicht mal ansatzweise ist in den Kurzgeschichten von Gilbert Keith Chesterton, der von diesem Mann, der zu viel wusste erzählt, etwas von Moral zu spüren: Sie alle sind korrupt, sie alle interessiert nur ihre eigenes Wohlergehen, sie alle sind zutiefst menschenfeindlich: Sie morden und stehlen, wie es ihnen in den Sinn kommt, und wissen genau, dass man ihnen nichts anhaben kann. Schließlich sind sie die Regierung.

Selbst Horne Fisher, ein Detektiv, wie er nur in den Büchern von Doyle, Christie oder eben Chesterton vorkommt, einer, der aus den Haarspitzen eines Zeugen seine ganze Lebensgeschichte herauslesen kann, selbst Horne Fisher ist hilflos. Denn er weiß: Wenn er diese Mörder entlarvt, wenn er seine Erkenntnisse öffentlich macht, bricht das ganze Empire zusammen. Oder jedenfalls sagt er es. Also schweigt er lieber und sieht dabei zu, wie das ganz Empire immer mehr versumpft und verludert.

Chesterton, einer der scharfsinnigsten Denker seiner Zeit, hat nicht nur »Father Brown« erfunden, eine milde, wenn auch stimmige Parodie auf den allwissenden Sherlock Holmes, sondern auch den zynischen Horne Fisher. Die acht jetzt neu und erstmals komplett übersetzten Stories beginnen dabei alle wie klassische Kriminalgeschichten: Harold March, ein sozialkritischer Journalist, will den englischen Finanzminister interviewen, trifft den etwas trägen, nachdenklichen Horne Fisher an einem Bach, und dann saust ein Auto einen Abhang hinunter. Sie finden einen toten Mann, der allerdings schon tot war, als das Auto verunglückte. Nur wenige Beobachtungen und Nachfragen genügen Fisher, den Mord aufzuklären.

Die Polizei hat bewiesen, dass es ein Unfall war», sagt er am Schluss spöttisch. Aber dann überzeugt er den Journalisten, zu schweigen: «Würde ich Hoggs oder Halkett eröffnen, der alte Jink sei ein Mörder, würden sie sich vor meinen Augen halb totlachen. […] Sie brauchen den alten Jink, er ist ihnen unentbehrlich.

Und so wird geschwiegen und vertuscht, wie man es in einem Kriminalroman nicht erwarten würde. Und tatsächlich ist diese Sammlung von acht Geschichten, die zusammen einen schönen runden Bogen ergeben mit dem (Helden)Tod des Helden am Schluss, nicht nur ein Abgesang auf eine politische Klasse, die das Empire aufgebaut hat und sich jetzt nur noch um sich selber kümmert. Es ist auch eine bittere Parodie auf den klassischen Kriminalroman à la Christie, der ja dadurch seine Berechtigung hat, dass er die gestörte Ordnung wieder herstellt. Sogar schön kompliziert durfte es sein, wie bei Chesterton auch: orientalische Gifte, nächtliche Schreie, tödliche Unfälle mit dem Schlittschuh – alles ist möglich in dieser künstlichen Welt.

 Aber hier bei Chesterton gibt es keine richtigen Lösungen für die Gesellschaft, keine wiederhergestellte Ordnung. Es ist alles bodenlos wie der Brunnen der einen Erzählung, neben dem der alte Lord Hastings, der eine »attraktive, manchmal gefährlich attraktive«, jüngere Frau hat, tot gefunden wird. Es kann auch keine Lösungen geben, denn das ganze Leben ist eine gestörte Ordnung. Schon 1922 hatte also der klassische Kriminalroman, der noch heute zusammengesponnen wird, verloren. Es wurde Zeit für neue. Und sie kamen dann auch. Detektive, die sich um die herrschende Moral des Schweigenmüssens, um der Staatsräson willen, nicht mehr scheren. Und die einzige Haltung, die die hardboiled-Detektive noch haben, ist die eines menschenfreundlichen Zynismus. Wie Horne Fisher. Nur dass sie nicht mehr schweigen.

Georg Patzer, September 2011

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