Friedrich Glauser

Alljährlich vergibt das Syndikat, die Vereinigung der deutschsprachigen Krimiautoren, den Glauser-Preis. Wer aber war jener Friedrich Glauser, nachdem dieser Oscar der deutschen Kriminalliteratur benannt ist?

Zu Lebzeiten hätte wohl niemand auch nur einen Pfifferling darauf gewettet, dass das Werk dieses Mannes einmal die Bedeutung erlangen könnte, die es heute für die deutsche Krimiszene genießt. Friedrich Glauser war nämlich wohl der erste deutschsprachige Autor, der den Kriminalroman hof- und salonfähig gemacht hat. Dabei war er Zeit seines Lebens ein Außenseiter, der erst nach seinem Tode einen gewissen Ruhm erlangt hat. Seine Lebensgeschichte alleine liest sich bereits wie ein Krimi.

Geboren 1896 in Wien. Seine Mutter stirbt als er gerade mal 4 Jahre alt ist an einer Blinddarmentzündung. Die Erziehung übernehmen eine Groß- und zwei Stiefmütter. 1909 versucht er von zuhause auszureißen. In der Schule ist er ein absoluter Problemfall. Ein Jahr nachdem sein Vater an die Handelshochschule nach Mannheim berufen wurde, wird Glauser in das Schweizer Landerziehungsheim Glarisegg am Bodensee eingeschult, das er 1913 nach einem ersten Selbstmordversuch und der Auseinandersetzung mit einem Lehrer verlassen muss. 1916 macht er in Zürich sein Matura, gründet mit einem Freund die Zeitschrift Le Gong und schreibt sich als Chemiestudent ein. Er führt ein verschwenderisches Leben und der Vater weigert sich schließlich, für die Schulden seines Sohnes weiter aufzukommen. Er stellt sogar Strafanzeige gegen den eigenen Sohn und leitet ein Entmündigungsverfahren ein. Am 18.01.1918 wird von der Amtsvormundschaft das Urteil in Abwesenheit Glausers verkündet.

Dieser war zu jener Zeit an Lungentuberkulose erkrankt und wurde mit Morphium behandelt. Als er 1918 gegen Jahresmitte wegen diverser kleinerer Diebstähle als Morphiumsüchtiger in die Psychiatrische Klinik eingewiesen wird, lautet die Diagnose Dementia Praecox. Die folgenden Jahre beschreiben wohl die typischen Laufbahn eines Drogensüchtigen zu seiner Zeit. Immer wieder wird er rückfällig, fälscht Rezepte um Morphium zu erhalten, wird in Psychiatrien und Irrenanstalten eingewiesen, leidet an Entzugserscheinungen, versucht sich mehrfach umzubringen. 1921 wird er vom Vater an die Fremdenlegion verschachert. In Nordafrika erkrankt er an Malaria und muss die Legionen 1923 aufgrund eines Herzfehlers wieder verlassen.

In den nächsten Jahren das gleiche Lied: Morphiumsucht, Beschaffungskriminalität, Einweisungen in Psychiatrien und Heilanstalten, Selbstmordversuche. Aber er schafft es auch, sich eine umfassende literarische Bildung anzulesen, kennt sich aus in Kultur und Politik. Irgendwann lernt er Beatrix Gutekunst kennen, mit der 1928 in Basel eine Wohnung teilt. Seine Opiumsucht bleibt, aber zumindest die Selbstmordversuche hören auf. Er beginnt mit dem Legionsroman »Gourrama«, für den er vom Schweizer Schriftstellerverein einen Kredit von 1500 Franken zugesprochen bekommt. 1930 ist der Roman vollendet, aber Glauser findet keinen Verlag. Er nimmt eine Tätigkeit als Gärtner auf.

1931 beginnt seine Karriere als Kriminalautor mit dem Buch Der Tee der drei alten Damen. Kriminalromane haben nicht den Rang von Literatur im deutschen Sprachraum. Ein Buch, dass man auf einer Zugfahrt verschlingen kann, besitzt keinen Anspruch. Vielleicht spannend zu lesen, aber ohne tiefere Bedeutung. Welch ein Irrtum …Glauser schreibt an Beatrix Gutekunst: »Der Roman wird glaub ich ganz amüsant. So ein Schundroman mit Hintergründen.« Erst 1934 beendet er den Roman. Dazwischen versucht er 1932 in Paris als freier Journalist und Schriftsteller durchzukommen. Er scheitert und flüchtet sich zum Vater nach Mannheim. Nachdem Glauser zum wiederholten mal einer Rezeptfälschung überführt wird, beantragt der Vater die lebenslängliche Internierung seines Sohnes in der Schweiz. Glausers Beziehung zu Beatrix Gutekunst zerbricht.

1933 erhält er eine Stelle als Gutsverwalter bei Chartres angeboten. Er soll die Anstalt Münsingen unter der Prämisse verlassen dürfen, dass seine Pflegerin Berthe Bendel ihn begleitet. Die beiden verlieben sich. Berthe kündigt und Glauser bleibt unbefristet interniert. Die ganzen Jahre war er in erster Linie als Autor von Kurzgeschichten tätig. 1934 gewinnt er beim Kurzgeschichtenwettbewerb des Schweizer Spiegel den ersten Preis. Den »Tee der alten Damen« vollendet er, findet aber erneut keinen Verlag.

1935 vollendet er den Roman Schlumpf Erwin Mord, in dem erstmals die Figur des Kommissars Studer auftritt. Er schickt den Roman an den Morgarten-Verlag, Zürich ein, der ihn im Dezember 1936 unter dem Titel »Kommissar Studer« veröffentlicht. Er kann endlich das Gut bei Chartres übernehmen, wird in den Schweizer Schriftstellerverein aufgenommen, hält Lesungen und bekommt vom Schweizerischen Beobachter den Auftrag für einen Studer Kurzroman. 1936 erscheint sein zweiter Roman Matto regiert im Jean Christophe Verlag, Zürich, der Morgarten-Verlag nimmt den Roman Fieberkurve unter der Bedingung einer Nachbearbeitung an. Auch seine Arbeit an Krock & Co. (später bekannt als »Die Speiche«) vollendet er. Das Exposé zum Roman »Der Chinese« wird für den Wettbewerb des Schweizer Schriftstellervereins angenommen.

1938 ist es ihm mit seiner Beziehung zu Berthe Bendel ernst: Die beiden wollen heiraten. Glauser versucht zum wiederholten male eine Entziehungskur, diesmal in der Klinik Friedmatt in Basel. Bei einem mysteriösen Unfall im Baderaum (er rutscht auf der Seife aus) zieht er sich einen Schädelbasisbruch und eine schwere Gehirnerschütterung zu. Der Chinese gewinnt den ersten Preis des Schriftstellervereins und die Schillerstiftung spricht ihm eine Anerkennungsgabe von 500 Franken zu. Glücklich machen kann Glauser das nicht. Glauser wird mit Aufträgen überhäuft, man will Romane, Erzählungen, Journalistisches von ihm. All das scheint für den schmächtigen Mann zu viel zu werden. Zwar glaubte er stets an seine Berufung als Schriftsteller, war jedoch nie darauf aus im Rampenlicht zu stehen.

Noch immer entmündigt versucht er mehrfach vergeblich seine Berthe in Basel zu heiraten. Die beiden siedeln nach Genua über. Während er noch an 3 Romanprojekten arbeitet wird die Hochzeit für den 7. Dezember geplant. Glausers Leben endet tragisch. Am 6. Dezember 1938, dem Vorabend seiner Hochzeit, erleidet er beim Abendessen einen Zusammenbruch. Er liegt mehrere Stunden im Koma und stirbt 41-jährig am 8. Dezember 1938.

Seine Krimis hat Glauser sehr gerne als Schundromane bezeichnet. Sie sind alles andere als das. Mit wenigen Wort fing er Stimmung und Atmosphäre ein, hatte ein Auge für soziale Details und konnte gewandter schreiben und erzählen als seine Zeitgenossen. Allerdings wurde seine Werke verstümmelt, da Glauser zeit seines Erwachsenenlebens entmündigt war. Redakteure der diversen Verlage und Zeitschriften kürzten seine Werke nach eigenem Gutdünken, veränderten einzelne Formulierungen, Sätze oder gar ganze Kapiteleinteilungen. Erst die Neuauflagen in den 1990er Jahren durch den Limmat-Verlag und den Unionsverlag haben diese Änderungen rückgängig gemacht und sind mit zahlreichen Kommentaren und Anmerkungen versehen. (Thomas Kürten)

Krimis von Friedrich Glauser:

andere Werke:

  • (1941) Gourrama. Roman aus der Fremdenlegion
  • (1944) Ali und die Legionäre. Eine Erzählung aus Marokko

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