Wer tötet, handelt von Friedrich Ani

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 2 der Der-Seher-Serie.

  • München: dtv, 2008. ISBN: 978-3423210614. 171 Seiten.

'Wer tötet, handelt' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Der blinde Jonas Vogel ist gerade auf dem Nachtspaziergang mit seinem Hund, als ihn die Hilferufe eines am Straßenrand liegenden Verletzten hochschrecken lassen. Ein Einbrecher hat dessen Freundin in ihrer Parterrewohnung als Geisel genommen.Schon als er zum ersten Mal den Namen der jungen Frau hört, ahnt der ehemalige Kommissar, dass er seinem Sohn Max, der als sein Nachfolger den Großeinsatz der Polizei leitet, trotz seiner Behinderung von Nutzen sein kann. Jonas kennt Silvia Klages gut: Ihre Eltern wurden bei einem Überfall vor ihren Augen getötet, und sie gibt sich seither die Schuld an ihrem Tod. Da Vogel weiß, dass schwer depressive Menschen zu jeder Reaktion fähig sind, beschließt er, sich selbst im Tausch als Geisel anzubieten. Wie die Neugierigen hinter den Absperrgittern erstarrt Max entsetzt, als sein Vater nach dem Kopf des Hundes tastet und auf die Haustür aus gelbem Milchglas zugeht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Der Seher sieht nicht nur zu« 72°

Krimi-Rezension von Sabine Reiss

Mit Wer tötet, handelt halten wir den zweiten Teil der (geplanten) Hexalogie um den blinden Kriminalkommissar Jonas Vogel in den Händen. Im ersten Band wurden wir mit dieser Figur bereits intensiv vertraut gemacht. Der Kriminalfall spielte dabei fast eine Nebenrolle, der Familie Vogel und ihren Problemen wurde sehr viel Platz eingeräumt. Jonas Vogel, der den Spitznamen »Seher« trägt, weil er aus Stimmen mehr heraushören kann bzw. konnte als seine Kollegen, ist nun aufgrund seiner Blindheit nicht mehr im Dienst. Bei einem Unfall in einer Baugrube während einer laufenden Ermittlung wurde sein Sehnerv durchtrennt. Dieses Ereignis liegt inzwischen fünfzehn Monate zurück. Sein Sohn Max, zuvor noch in der Abteilung Todesermittlung beschäftigt, wurde nun, wie von ihm lang ersehnt, zur Mordkommission versetzt, in der sein Vater so viele Jahre als Leiter tätig war.

Es scheint, als kämen alle Familienmitglieder schlechter mit der Tatsache zurecht, dass Jonas nun blind ist, als er selbst. Insbesondere seine Frau Esther, die jedoch bereits zuvor ein Alkoholproblem hatte, kann es nicht akzeptieren, wie emotionslos ihr Mann mit seiner Behinderung umgeht. Dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch das vorliegende Buch:

»Ich bin genauso wie vorher, nur eben blind.« (S. 13)

»Ich bin immer noch Polizist.« (S. 17)

Mit solchen Aussagen treibt er seine Familie in den Wahnsinn, aber auch seine Kollegen haben damit ein Problem, insbesondere, wenn er sich wie hier in eine Geiselnahme einmischt.

Er ist und bleibt Polizist

Bei einem nächtlichen Spaziergang mit seinem Bobtail Roderich findet Vogel auf dem Gehweg vor einem Haus einen jammernden jungen Mann. Er berichtet, in die Wohnung seiner Freundin sei ein Mann eingedrungen, der ihn verprügelte und vor die Tür setzte und nun die junge Frau als Geisel festhielte. Jonas Vogel lässt die Polizei verständigen. Er wird sofort hellhörig, als der Verletzte ihm den Namen der festgehaltenen Frau nennt. Silvia Klages war bereits vor zwei Jahren das Opfer eines Verbrechens. Sie musste hilflos mit ansehen, wie ihre Eltern von zwei Jugendlichen im ihrem Schlafzimmer erschossen wurden. Er, Jonas, war damals der Beamte, der die Straftäter stellte.

Als das Polizeiaufgebot nebst dem neuen Leiter der Mordkommission und seinem Sohn Max vor der Tür des Hauses Stellung bezogen hat, eröffnet Jonas ihnen, dass er sich gegen Silvia Klages austauschen lassen will. Keiner kann ihn daran hindern, als er zur Wohnungstür geht.

Mit nur 172 Seiten ist der Krimi erfreulich kurz. Erfreulich deshalb, weil die Story auch nur für diese Länge ausgelegt ist. Ein paar Seiten mehr und Langeweile wäre unvermeidlich gewesen. So aber vermag es Friedrich Ani, die Spannung auf dem erreichten Niveau zu halten. Eine Ermittlung findet allerdings nicht statt. Vielmehr erfährt man die Lebensgeschichte des Täters und die Hintergründe für seine Tat.

Hier besteht weiterhin Potenzial

Man muss erst warmwerden mit Friedrich Anis Erzählstil. Seine Charaktere schildert der Autor dabei mit großem Einfühlungsvermögen, auch wenn man speziell für den Geiselnehmer keine Sympathie empfinden kann. Zudem bedauert man es insbesondere, dass der Protagonist (ebenso wie der Täter) über kein intaktes Familienleben verfügt. Doch das macht Jonas Vogel aus, er wäre ansonsten eine gänzlich andere Person, die auch anders handeln würde. Er ist die interessanteste Figur in diesem Krimi, nicht der Täter und auch nicht das Opfer. Der blinde Ex-Polizist dominiert das Geschehen ungemein, die Krimihandlung selbst verblasst daneben.

Der Autor hat noch vier Bücher Zeit, um einen sympathischen Ermittler – eine bereits gereifte Persönlichkeit – mit einem spannenden Fall zu verbinden. Eines davon ist schon akzeptabel, beides zusammen wäre noch besser. Wer tötet, handelt ist ein Krimi der anderen Art: kurz, knapp, mit viel Betonung auf dem Ermittler statt auf der Ermittlung. Man kann gespannt sein, was der dritte Teil der Serie bringt.

Sabine Reiss, Juni 2008

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