Süden von Friedrich Ani

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 bei Droemer Knaur.
Folge 16 der Tabor-Süden-Serie.

  • München: Droemer Knaur, 2011. ISBN: 978-3-426-19907-7. 368 Seiten.

'Süden' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Es ist der Anruf seines vor Jahrzehnten verschwundenen Vaters, der Tabor Süden von einem Tag auf den anderen nach München zurückkehren lässt. Ziellos läuft er durch die Stadt auf der Suche nach einem hinkenden alten Mann. Er heuert als Detektiv an und wird gleich mit dem schwierigsten Fall der so erfolgreichen Detektei betraut: Raimund Zacherl, ein Wirt aus Sendling, ist vor zwei Jahren spurlos verschwunden, nachdem er sich, scheinbar ohne Grund, vollkommen verändert hatte. Aus dem leutseligen Wirt war ein verschlossener Grübler geworden. Was hat Zacherl dazu bewogen, seinen »Containeralltag« zu verlassen? Mit seinen eigenwilligen Methoden findet Süden die Spur des Wirts und verfolgt sie bis nach Sylt, und schon längst hat er begriffen, dass niemand den Mann wirklich kannte.

Das meint Krimi-Couch.de: »Betreutes Schnarchen oder: Es gibt keine «Normalen» mehr« 97°Treffer

Krimi-Rezension von Georg Patzer

Eine seiner besten Methoden ist das Schweigen, sehr effektiv. Dann sitzt er einfach da und wartet. Meistens fangen die Leute dann doch an zu reden. Sind patzig und verblüfft, verstört und verärgert. Aber sie reden. Andere halten es besser aus, aber auch sie fangen irgendwann an. Weil Tabor Südens Schweigen quasi alle Poren durchdringt, dem anderen keine Luft mehr lässt, ihn dazu zwingt, seine Geheimnisse zu teilen, seine Masken fallen zu lassen. So geht es auch Ilona Zacherl. Denn sie tut zwar so, als wenn sie nichts wüsste, aber sie weiß doch etwas. Aber das passt eben nicht zu ihrer Rolle als verlassene, trauernde Ehefrau, als sorgenvolle Alleingelassene.

Vor zwei Jahren hat Raimund Zacherl sie verlassen, ist einfach gegangen und hat nicht einmal gesagt: »Ich bin dann mal weg.« Jetzt wendet sie sich noch einmal an eine Detektei, und Tabor Süden, der einmal Polizist in München war, in der Vermisstenstelle, dann Kellner in Köln, macht sich auf die Suche. Aber erst einmal sitzt er da. Und dann setzt er sich auf den niedrigen Stuhl an der Theke, legt die Arme auf die Lehnen, faltet die Hände vor der Brust. Genauso hat es Zacherl getan, plötzlich, vor vier Jahren. War nicht mehr leutselig zu den Gästen, hat keine Späße mehr mit ihnen gemacht, wollte nur noch kochen, nicht mehr bedienen. Hat das Geschäft seiner Frau überschrieben, weil er mit den Behörden nichts zu tun haben wollte. »Er hat sein Leben geändert«, sagte Süden. Aber das versteht sie nicht, oder will es nicht verstehen, oder will es nicht wahrhaben: »Und warum? Sein Leben geändert! Macht man das? Setzt sich auf Stuhlkissen und sagt sich: Jetzt ändere ich mein Leben. Was für eine Änderung soll das sein?«

Natürlich steckt eine Frau dahinter, eine sehr viel jüngere Frau, die den Mann über fünfzig noch einmal aufrüttelt. Verliebt hat er sich, in die Kellnerin Carla, und sie sich in ihn. Sie war jung und konnte auch einfach mal was abbrechen, wie ihr Studium, die auf Sylt geerbt hatte und eine Pension aufmachen wollte. Mit ihm, mit Mundl. Natürlich dauert es ein Weilchen, bis Süden aus den vagen Spuren etwas Handfestes entnehmen kann. Ein Weilchen und viele Biere dauert es, denn Süden ist in vielen Gaststuben Gast, nimmt lieber flüssige als feste Nahrung zu sich. Ein Weilchen und viele Bekanntschaften dauert es, denn Süden muss sich mit vielen unterhalten, mit zwei Bierfahrern, die schon lange mit Mundl befreundet waren, zwei großen Schweigern, die nur sparsam mit Informationen rausrücken. Muss sich mit Carlas Eltern unterhalten und mit den anderen Kellnerinnen und verliebt sich sofort in eine von ihnen, die ihn auch gleich in sein Bett zerrt (nicht, dass er sich sehr gewehrt hätte). Muss, nebenbei, auch seinen Vater suchen, der ihn plötzlich, nach 35 Jahren angerufen hat und er findet ihn auch, aber anders, als er dachte.

Diese Spurensuche, so schön konstruiert sie auch ist, ist nicht das Wichtigste an dem neuen Roman von Friedrich Ani. Es ist seine recht melancholische Beschreibung der vielen Menschen, die alle ein wenig aus der Welt gefallen sind: die sich anschweigenden Bierfahrer, das ältere Ehepaar, deren Tochter bei einem Flugzeugabsturz gestorben ist, die Wirtin, die immer noch schwarz trägt, die Frau, die über ihr Sexabenteuer tagelang ihren kleinen Sohn Bennie vergisst, die auf dem Bahnhof herumstehenden Männer, die kein Zuhause mehr haben, auch wenn sie vielleicht wissen, wo sie abends schlafen es gibt niemand »Normalen« mehr. Sie alle schweigen über irgendetwas und öffnen sich nur Tabor Süden. Ein bisschen wenigstens. Wahrscheinlich weil sie spüren, dass er genauso ist, dass er auch Wunden mit sich herumträgt, die nicht heilen wollen. Dass er auch ein wenig beschädigt ist und ein wenig aus der Normalität verrückt. Wo er doch sowieso mit seinem toten Kollegen Martin Heuer redet, der sich vor Jahren in einem Müllcontainer erschossen hat, so wie der kleine Bennie mit seinen Phantasiegestalten redet, um nicht zu einsam zu sein.

So ist Anis Beschreibung von der Normalität eine Beschreibung des leichten Grauens. Sind wir so? Tragen in uns etwas herum, ohne es aussprechen zu wollen oder zu können? Und können dann eigentlich nur noch seltsame, überraschende Schritte unternehmen wie Mundl, der Koch, der aus seinem alten Leben aussteigen will, dem dann seine heimliche Geliebte stirbt und der dann mit niemandem darüber reden kann und einfach verstummt, auf einem Stuhl in seiner Kneipe. Bis er einfach geht. Radikal.

Was also tut uns die Gesellschaft an, was tun wir uns selber an? Das sind die Fragen, die Süden aufwirft, das ist die Folie, auf der Anis Roman Süden ganz virtuos spielt, mit vielen Verknüpfungen und Verflechtungen, mit vielen Lebensgeschichten, Abstürzen und Aufrappeln, mit einem Neuverlieben und Abschiednehmen (vom Vater, von alten Beziehungen, die längst zu einem »betreuten Schnarchen« geworden sind). In einer genauen, poetischen und sehr melancholischen Sprache, mit sparsamem, aber treffendem Humor, und nur manchmal in pathetischen Kitsch abrutschend, widmet sich Ani in seinem neuen Tabor-Süden-Roman wieder den Randexistenzen, den sozialen wie auch den psychologischen. Und das sind wir.

Georg Patzer, April 2010

Ihre Meinung zu »Friedrich Ani: Süden«

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Anfangsverdacht zu »Friedrich Ani: Süden« 19.08.2015
Von einigen hier würde ich ja mal gerne Ihre Grundlagen zur Literaturtheorie haben.
Dialoge müssen Dialoge der gesprochenen Wirklichkeit abbilden und dann ist es Kunst bzw. automatisch gut?
Verzeihung BettyBlue, was für ein autoritärer Schwachsinn. Zudem, wo ist denn Ani in diesem Roman so wie von Ihnen beschrieben?
Was die meisten Kommentare hier über Ani nicht vestehen ist: dieser Mann braucht keinen Mord, um Geschichten zu erzählen.
Und damit übrigens ist er der Wirklichkeit näher als alle anderen Verfasser von Kriminalromanen in Deutschland, vielleicht gar Vorbild darüber hinaus.
Zweitens befasst er sich hauptsächlich mit menschen Befindlichkeiten, ich könnte auch schreiben Seelenzuständen.
Und gerade da ist er einmalig.
Wer das nicht vesteht, sollte über sich nachdenken und nicht Ani kritisieren.
BettyBlue zu »Friedrich Ani: Süden« 20.07.2013
Insgesamt ist dieser Roman dann doch eine riesige Enttäuschung. Zwar gibt es viele, zum Teil sogar brillante Stellen in diesem Text (Charakterzüge, Gesellschaftsstudien, Milieubeschreibungen und und und) Das große "Aber" besteht allerdings in der größtenteils unglaublich bemüht wirkenden Sprache und oft unrealistisch geführten Dialogen (Beinahe jeder Protagonist führt kleine literarische Dialoge = unglaubwürdig)
mrskona zu »Friedrich Ani: Süden« 01.06.2012
Kenne alle Süden Romane. Zum Schluß war mir das alles zuviel Klischee, zuviel Pathos. Als der neue Süden als TB rauskam, konnte ich mal wieder einen Versuch starten. Es bleibt dabei: zuviel Gefühlsduselei, hat direkt was Weinerliches. Mir ist bewußt, daß ich da gegen den Trend schwimme . hilft aber nichts.
M.Albrecht zu »Friedrich Ani: Süden« 09.04.2012
Also eins wurde klar-das man Rezensionen nicht mehr trauen kann oder das sie derart von Verlagen manipuliert sind.
Ein derartig langweiliges Buch ohne jegliche Spannung haben mich sehr enttäuscht.Ebenso die Prallelhandlung des Vaters sind völlig deplaziert.Die größte Frage bleint im Nachhinein-wie kann man nur ein derartiges Ranking bekommen?
Darix and friends zu »Friedrich Ani: Süden« 18.09.2011
Der ehemalige Kommissar aus der Abteilung Vermisste, kehrt nach einem Anruf seines seit über 30 Jahren zurück. Dort befragt er Passanten, Landstreicher ehemalige Kollegen nach dem Verbleib seines – ihm unbekannten – Vaters, er soll hatschen und alt sein. Dies geschieht aufgrund des Anrufs seines Vaters bei ihm Süd in Köln.
In München, etwas „melodramatisch“ mit seinem verstorbenen Freund und Kollegen redend, übernimmt er eine Suchaktion als Privatdetektiv nach dem Wirt Raimund Zacherl, genannt M, der vor einigen Jahren spurlos verschwunden ist. Tabor Süd ermittelt durch sein schweigsames Zuhören und das sich in die Person des Vermissten hinein fühlende Verhalten, mit seinen besonderen Methoden. Immer ein wenig träumend, mit den Gedanken bei seinem verstorbenen Freund, seiner unschönen Kindheit, bei seinem verschollen Vater. Fortwährend in Kneipen Alkohol konsumierend, bei einer ehemaligen Kellnerin geht er ein flüchtiges Abenteuer ein, ein Einzelgänger, mit einer Antenne für den vermissten Zacherl. Die Suche führt Süd nach Sylt, dort wo Zacherl mit seiner verunglückten Freundin, zu deren Pension ziehen wollte. Ein besonderer Schreibstil und Stimmungen begleiten den Leser, atmosphärisch dicht in einer ungewöhnlichen Spannung. Ein wenig Depressiv, ein guter Kriminalroman, völlig ohne ermordete Personen, trotz oder gar deshalb so spannend.
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