Nackter Mann, der brennt von Friedrich Ani

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 bei Suhrkamp.

  • Berlin: Suhrkamp, 2016. ISBN: 978-3518425428. 223 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: HörbuchHamburg, 2016. Gesprochen von Ulrich Noethen. ungekürzte Ausgabe. ISBN: 3957130603.

'Nackter Mann, der brennt' ist erschienen als Hardcover HörbuchE-Book

In Kürze:

Im Alter von vierzehn Jahren flieht ein Junge aus dem süddeutschen Dorf Heiligs heim. Vierzig Jahre später kehrt er als Ludwig »Luggi« Dragomir zurück: Alkohol, Drogen und alle gegen sich und die anderen ausgefochtenen Kriege in Berlin verhinderten nicht das ständige Wiedererleben des Missbrauchs seiner Spielkameraden und seiner selbst durch die Honoratioren von Heiligsheim. Die Schuldgefühle, diese Jungen nicht beschützt zu haben, treiben ihn an: »Je mehr Zeit ich im Dorf verbrachte, desto mehr Kinder kamen zurück und scharten sich in meinem Kopf ums schwarze Brot der Erinnerung.« Seit seiner Anwesenheit verschwinden gleich mehrere ältere Herren, einige werden tot aufgefunden ob durch Unfall oder Mord, das versucht Kommissarin Anna Darko herauszufinden. Dabei gerät auch Ludwig ins Visier, da er ein Verhältnis hat mit der Ehefrau eines der Vermissten, den er als Gefange nen im eigenen Haus malträtiert. Denn in Ludwig Dragomir hatte Wut die Oberhand erlangt, und nun »durfte sie brennen«: »Da stand ich, am Rand der Nacht, zum Morden geboren, zum Sterben bereit, und starb nicht und mordete noch lang nicht genug.«

Das meint Krimi-Couch.de: »Katholisch, kriminell und äußerst verschwiegen« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Ludwig Dragomir – später erfährt der geneigte Leser, dass der Mann in Wirklichkeit Coelestin Geiger heisst – ist unter diesem Decknamen in sein kleines und absolut konservativ geprägtes Heimatdorf in der tiefsten bayrischen Provinz zurückgekehrt. »Heiligsheim« ist dabei allerdings weder eine Heimstatt von irgendwelchen Heiligen, noch hat Coelestin dort eine unbeschwerte Kindheit verlebt. Schnell stellt sich vielmehr heraus, dass es hier vor langer Zeit einen verschwiegenen Kinderschänderring gegeben hat, und zahlreiche Menschen im Dorf haben offenbar durchaus davon gewusst – und dennoch nichts dagegen unternommen, sondern die Vorgänge stillschweigend geduldet.

Der Arzt, der Apotheker, der Pfarrer und andere Honoratioren des Dorfes haben damals kleine Jungs mit Süßigkeiten und falschen Versprechungen in ein Waldstück gelockt, und sie dort über einen längeren Zeitraum sexuell missbraucht. Die meisten der Jungen mussten dann als Mitwisser oder Zeugen sterben – die Todesfälle wurden niemals aufgeklärt. Ludwig/Coelestin ist als 14-Jähriger nach der Beerdigung eines seiner Freunde aus dem Dorf geflohen, hat Jahrzehnte in Berlin gelebt – und will nun endgültige Rache an den Peinigern von damals nehmen. Seine Persönlichkeit wurde in dieser Zeit bereits zerstört, jetzt ergeht er sich bei seinen gnadenlosen Morden in brutaler Selbstzerstörung.

Rache und die Abgründe der menschlichen Seele

Friedrich Ani hat mit Nackter Mann, der brennt schon seinen zweiten Roman in diesem Jahr vorgelegt, und dieser ist sogar noch um wenige Nuancen besser als Der einsame Engel aus der populären Tabor-Süden-Reihe, der im Frühjahr in die Buchläden kam. Ungezügelte, glühende Rache ist das zentrale Thema in diesem Buch, aber es geht auch um unglaubliche Abgründe der menschlichen Seele, um erschreckende Ignoranz und um die gesellschaftlichen Verhältnisse in einem zutiefst katholischen Dorf im tiefen Süden der Bundesrepublik. Seinen Ich-Erzähler Ludwig Dragomir lässt Friedrich Ani freimütig alles berichten, was ihn bewegt, und was er im Zuge seiner selbst gewählten Mission unternimmt und erlebt.

Der Leser ist stets dabei, wenn Ludwig/Coelestin seine und die Peiniger seiner Freunde tötet, in der Regel überaus geschickt getarnt als Unfall. Dennoch entsteht irgendwie der Eindruck, dass auch jetzt wieder viele Menschen im Dorf wissen, was gerade in ihrer Mitte passiert – und es müssen auch Mitwisser der damaligen ungeheuerlichen Vorgänge sterben.

Die Polizei beginnt sich zu interessieren, aber das lässt Dragomir/Coelestin zunächst völlig unbeeindruckt. Er wird vielmehr ständig von ebenso heftigen wie dunklen Träumen geplagt, deren wirkmächtige Inhalte er dem Leser ebenfalls in allen Einzelheiten mitteilt – oder sie mit seinem Gefangenen diskutiert.

Ani verbreitet in seinen Bücher eine Art sprachliche Urgewalt

Der Protagonist führt zudem immer wieder recht seltsame Dialoge mit Gott, ohne daraus tiefergehende Erkenntnisse zu ziehen. Aber die Kirche in Heiligsheim ist – nicht zuletzt angesichts der unrühmliche Rolle des Pfarrers bei den ganzen Vorgängen – eher ein Hort der Lügen, statt der Liebe zu Gott. Was mit den Kindern damals konkret passierte, wird nicht eindeutig erläutert – aber die Andeutungen und Indizien sind mehr als ausreichend, um eigene Schlussfolgerungen zu ziehen. Das brennende Bedürfnis nach Rache ist für Ludwig/Coelestin derart mächtig, dass er seine Bestimmung darin sieht, für in seinen Augen angemessene Vergeltung zu sorgen.

Friedrich Ani verbreitet in seinen Bücher eine Art sprachliche Urgewalt. Die meisten seiner Bücher, und Nackter Mann, der brennt gehört in jedem Fall dazu, kann man nicht einfach nur lesen – man muss ihre inhaltliche Aussage tatsächlich zur Kenntnis nehmen.

Eine Art Mitgefühl für die gepeinigte Seele

Der Autor hat in seinem neuen Roman eine Figur erschaffen, von der eine seltsame Faszination ausgeht. Angesichts seiner brutalen Selbstjustiz kann man im Grunde kein Verständnis für Ludwig Dragomir alias Coelestin Geiger aufbringen. Und dennoch entwickelt man in Kenntnis der ungeheuerlichen Vorgänge in diesem seltsamen Dorf doch so etwas wie Mitgefühl für diese gepeinigte Seele – auch wenn man das Vorgehen des Mannes keineswegs billigt. Diesen unvermeidbaren Zwiespalt muss jeder Leser ganz persönlich auflösen und entscheiden – die faszinierende Lektüre wird dazu führen, dass jeder für sich selbst abwägt, wie er über den Protagonisten am Ende urteilt.

Andreas Kurth, Oktober 2016

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kritikaster zu »Friedrich Ani: Nackter Mann, der brennt« 06.06.2017
ein furchtbares buch! furchtbar in jeder hinsicht, furchtbar, was den kindern geschehen ist, furchtbar, wie der protagonist rache nimmt und sie genussvoll auslebt und furchtbar, dass ich den eindruck bekommen habe, der autor rechtfertige das, ja genieße es regelrecht, die quälereien dieses selbst ernannten rächers bis ins letzte widerlichedetail zu schildern. das kommt mir krank vor, ani kommt mir krank vor und vermutlich werden viele kranke hirne dieses buch lesen und sich daran ergötzen. am furchtbarsten jedoch, dass der autor mit diesem "kunstwerk" gewiss ordentlich geld verdienen wird und sich auch noch als vermeintlicher kinderschützer gerieren kann. nein - man sollte es nicht lesen.
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