Die Erfindung des Abschieds von Friedrich Ani

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1998 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 1 der Tabor-Süden-Serie.

  • München: Heyne, 1998. ISBN: 3-453-14296-9. 431 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2001. ISBN: 3-426-61902-4. 462 Seiten.
  • München: Knaur, 2011. ISBN: 978-3-426-51174-9. 462 Seiten.

'Die Erfindung des Abschieds' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Ein neunjähriger Junge ist verschwunden. Nachdem sein Vater die Familie verlassen hatte, wurde der Großvater immer mehr zur Vertrauensperson. Jetzt ist der Großvater gestorben und der Junge weggelaufen. Die Mutter wendet sich voller Verzweiflung an die Polizei. Öffentlichkeit und Medien sind in höchstem Alarmzustand. Doch das zuständige Dezernat 11 unter Leitung von Karl Funkel hat selbst Probleme : Die Komissarin Sonja Feyerabend und ihr Kollege Martin Heuer bangen um einen ihrer wertvollsten Mitarbeiter. Er, der »Seher« genannt, hat sich nach einem Einsatz mit tödlichem Ausgang in eine Hütte im Wald zurückgezogen und plagt sich mit Selbstvorwürfen. Seit neun Monaten ist er schon beurlaubt, und gerade jetzt, im Fall des verschwundenen Jungen, würde er so dringend gebraucht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Anis Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig« 74°

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

»Die Erfindung des Abschieds« – um Abschied geht es in dem Roman, eher noch um Einsamkeit. Mit der nicht nur der kleine Raphael seine Probleme hat, sondern auch die Männer, bei denen er Unterschlupf findet. Und ganz besonders die Mitarbeiter der Vermisstenstelle des Dezernat 11 der Münchner Polizei. Aber »erfinden« muß man weder Abschied noch Einsamkeit. Wie der Autor auf diesen Titel kommt, ist mir auch bis zum Ende des Buches nicht klar geworden. »Erkenntnis« oder »Entdeckung« wäre da wesentlich passender gewesen.

Doch erst mal der Reihe nach: Das Kommissariat K 114, zuständig für »Vermisste und unbekannte Tote« ist bereits bekannt aus anderen Romanen von Friedrich Ani. Sein Protagonist Tabor Süden aber spielt hier zunächst mal keine Rolle. Erst in der Mitte des Buches wird man mehr darüber erfahren, wo dieser steckt, und danach steht er doch wieder im Mittelpunkt.

Verschwunden ist der 9-jährige Raphael Vogel, aus zerrütteten Verhältnissen stammend. Raphael lebt bei seiner Mutter, die sich nicht um ihn kümmert und ihm auch nicht helfen kann, wenn er von seinem Vater verprügelt wird, denn auch sie selbst wird von ihrem Mann geschlagen. Hauptbezugsperson für Raphael war sein geliebter Großvater, mit dem er das Hobby Modelleisenbahn teilte. Doch sein Opa ist gestorben und am Tag der Beerdigung hat Raphael in aller Frühe das Haus verlassen.

Die Suche nach dem Kind gestaltet sich schwierig, da nicht nur Raphaels Vater mit seiner cholerischen Art, sondern auch die Presse die Ermittlungen behindert. Und das Hauptproblem scheinen wieder einmal die Ermittler der Vermisstenstelle mit sich selber zu haben. Man hat den Eindruck, es hier mit lauter durchgeknallten Typen zu tun zu haben: Einer hat den Todesfall einer Vermissten nicht verkraftet und lebt seitdem in einer Hütte im Wald, vor der er nachts nackt wilde Tänze aufführt. Auf einen anderen wird geschossen und er kommt seitdem nicht mehr mit seinem Leben zurecht und flüchtet sich zu Prostituierten. Der Rest hat Beziehungsprobleme oder Kompetenzstreitigkeiten.

Die Romane von Friedrich Ani polarisieren Kritiker und Leser. Mit seinem Schreibstil habe auch ich so meine Schwierigkeiten. Ich habe lange gebraucht, bis ich seine Texte flüssig lesen konnte. Zu Anfang des Buches ging das nur sehr holprig voran, was auch an grammatikalischen Verfehlungen wie z.B. »wegen« mit Dativ liegt.

Ani bewegt sich nicht im Mainstream der Kriminalliteratur. Manch einer mag seine Werke nicht mal als Krimi bezeichnen, denn er beschäftigt sich vornehmlich mit der Psyche seiner Opfer und seiner Ermittler, um Schuld und Lösungen geht es – wenn überhaupt – erst in zweiter Linie. Der Autor erzählt hier gleich mehrere Geschichten um Freundschaft und Trauer, die unabhängig voneinander sind und doch alle irgendwie Gemeinsamkeiten haben und ineinander verzahnt sind. Obwohl seine Protagonisten unbeherrscht und laut sind, erzählt Ani doch leise und gefühlvoll. Er zeigt Mißstände in unserer Gesellschaft auf, ohne Lösungsansätze zu bringen.

So langsam wie Tabor Süden seine Verhöre führt, erzählt auch sein Schreiber. Nach und nach lernt man die Personen kennen mit all ihren Schwächen und nur langsam wird Spannung aufgebaut. Aus ständig wechselnden Betrachtungsweisen erlebt der Leser die Gefühle der verschiedenen Charaktere mit und ist so von Anfang an den Ermittlern immer einen Schritt voraus. Spannung kommt oft so schnell auf wie sie auch wieder verschwindet, denn Ani wechselt ständig die Brennpunkte des Geschehens. Er vermeidet Klischees. Seine Bücher sind ungewohnt.

Ani ist ein Außenseiter der Kriminalliteratur, so wie auch seine Protagonisten ohne Ausnahme Außenseiter sind. Als Leser muß man erst einen Draht zu seinen Büchern finden. »Die Erfindung des Abschieds« ist mein zweiter Ani-Roman, und mit diesem bin ich wesentlich besser zurecht gekommen als mit dem ersten, weil ich in etwa wusste, was mich erwartet.

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lesenchris zu »Friedrich Ani: Die Erfindung des Abschieds« 22.12.2013
Dieser Krimi ist für mich der Krimi des Jahres 2013, den ich gelesen habe. Die Geschichte ist eher alltäglich, ein Junge verschwindet und der Polizeiapparat fängt erst langsam an, auf Hochtouren aufzulaufen. Die Verstrickungen und Verquickungen, die im Laufe des Plots sich ergeben, bzw. sich ereignen, sind insgesamt ein sich aufeinander aufbauendes Katastrophenszenario und kommt auch durch die Protagonisten, ins besonders durch einen außergewöhnlichen Polizisten, Tabor Süden, richtig in Fahrt. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, weil sich immer wieder kleine Geschehnisse am Rande zu einem außerordentlich wichtigen Puzzleteil entpuppte, was dazu führte, das die Spannung immer auf einem hohen Level gehalten wurde. Habe bisher kein weiteres Buch von Ani gelesen, kann dieses jedoch uneingeschränkt weiterempfehlen, an Leute, die Interesse an kauzigen Kommissaren mit psychologischen Hintergrund haben.
Christine Papin zu »Friedrich Ani: Die Erfindung des Abschieds« 22.12.2013
Dieser Krimi ist für mich der Krimi des Jahres 2013, den ich gelesen habe. Die Geschichte ist eher alltäglich, ein Junge verschwindet und der Polizeiapparat fängt erst langsam an, auf Hochtouren aufzulaufen. Die Verstrickungen und Verquickungen, die im Laufe des Plots sich ergeben, bzw. sich ereignen, sind insgesamt ein sich aufeinander aufbauendes Katastrophenszenario und kommt auch durch die Protagonisten, ins besonders durch einen außergewöhnlichen Polizisten, Tabor Süden, richtig in Fahrt. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, weil sich immer wieder kleine Geschehnisse am Rande zu einem außerordentlich wichtigen Puzzleteil entpuppte, was dazu führte, das die Spannung immer auf einem hohen Level gehalten wurde. Habe bisher kein weiteres Buch von Ani gelesen, kann dieses jedoch uneingeschränkt weiterempfehlen, an Leute, die Interesse an kauzigen Kommissaren mit psychologischen Hintergrund haben.
Kolk zu »Friedrich Ani: Die Erfindung des Abschieds« 12.09.2012
Ein außergewöhnliches Buch, ein außergewöhnlicher Schreibstil. Hervorragend! Am Schluss des Buches ist man froh, dass da noch eine ganze Menge weiterer Romane mit diesem Ermittler auf den Leser warten.
Obwohl als erster (1998) der Tabor Süden-Romane geschrieben, werden Begebungen und Umstände beschrieben, die der bald darauffolgenden "Süden-Reihe" (ab 2001) lange vorgreifen.
P.S.: Die genaue Liste der Tabor Süden-Romane übrigens bei "Wikipedia"!
Grüße von Kolk aus dem Norden
RobertInMunich zu »Friedrich Ani: Die Erfindung des Abschieds« 13.09.2011
"Ani ist ein Außenseiter der Kriminalliteratur, so wie auch seine Protagonisten ohne Ausnahme Außenseiter sind. Als Leser muß man erst einen Draht zu seinen Büchern finden. "


Das sehe ich auch so!
Sowohl beim Autor als auch bei den Protagonisten:
Lieber ein Aussenseiter mit Ecken und Kanten als ein aalglatter Mainstreamer,
der sich nur mit special effects profiliert.

Die Wirklichkeit ist zu Zeiten profan oder trostlos. Warum soll eine Geschichte das nicht zu Zeiten sein dürfen?

Hier hat ein authentischer Autor
authentische Charaktere geschaffen.

Bisher Alles Andere als ein Krimifan,
fand ich mit "Süden(2010)" den Einstieg
zu den kurzweiligen, zu Zeiten spannenden aber sehr authentischen
Geschichten um Tabor Süden.

Auch wenn die Geschichten profan erscheinen und ihre Längen haben.
sie geben sehr wirklichkeitsnah die Vielfalt möglicher Charaktere wider.

Durch den "Schnitt" der Handlungsstränge,
(fast wie Videos) von vergleichsweise
weniger effektheischenden Stories
bleiben die Geschichten unterhaltsam
und lesbar.

Auch ohne den Bezug auf
bekannte Münchner Straßen, Kneipen und Orte und auch wenn nicht Alles gleich gut gelungen ist,
fühle ich mich beim Lesen gut unterhalten
und als Leser ernst genommen.

"Die Erfindung des Abschieds" ist einer der besseren Süden-Romane.

Robert in München
Liz60 zu »Friedrich Ani: Die Erfindung des Abschieds« 12.08.2009
Schon nach meinem ersten "Ani" war ich süchtig. Sein besonderer Schreibstil und seine mehr als menschlichen Protagonisten haben es mir angetan.
Das "Verbrechen" rückt bei Ani in den Hintergrund. Im Vordergrund stehen die Menschen und deren Schicksale.
Wer einen Krimi im herkömmlichen Sinn erwartet, wird enttäuscht sein.
Wer sich aber in die Welt der Außenseiter begeben möchte, ist bei Ani richtig.
morus64 zu »Friedrich Ani: Die Erfindung des Abschieds« 12.07.2005
Schon der Titel ist hervorragend! Lt. "FACTS" unter den 10 besten Kriminalromanen der 90-er Jahre - und davon einziges deutschsprachiges Buch!
Dieser Einstiegsroman um das Vermißtendezernat von Tabor Süden, Sonja Feyerabend und all' den anderen charakteristischen Protagonisten ist m.E. einer seiner ganz Großen (neben "Süden & die Frau mit dem harten Kleid"). Wieder einmal unverständlich, warum dieses Werk - im Gegensatz zu einigen seiner späteren kein deutscher Krimipreisträger wurde!
FAZIT: Sehr, sehr düster und depressiv durch hervorragende Milieuschilderungen, auf den letzten 20 Seiten leicht romantisch mit Hang zum Trivialen - DENNOCH: >>>> 87 Grad!
P.S.: als nächstes ein TIPP aus dem Krimi-Forum: Joseph R. Garber: "Der Schacht". Lesen wir mal!
Nina zu »Friedrich Ani: Die Erfindung des Abschieds« 17.02.2004
Das ist ein sehr außergewöhnlicher Krimi, der andere Schwerpunkte setzt. Im Mittelpunkt steht nicht die Aufklärung des Falls, sondern die Menschen und deren Probleme. Aber gerade deshalb ist dies ein Buch, was sehr spannend ist und zum Nachdenken anregt.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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